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03.01.2017
Eindrücke in den Neuen Bundesländern (77)

Sowohl im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, als auch im Baedeker Sachsen fand ich einen Eintrag für das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig. Der Eintrag im Baedeker Sachsen ist besonders kurz gehalten. Er lautet:”Die Bronzeplastik <Der Jahrhundertschritt> von Wolfgang Mattheuer weist an der Grimmaischen Str. 6 auf das Zeitgeschichtliche Forum hin. Hinter der modernen Glasfassade informiert die Dependance des Bonner Hauses der Geschichte über die Zeit der deutschen Teilung von der Sowjetischen Besatzungszone bis zum Fall der Mauer”. Der Reiseführer Leipzig enthält über das Zeitgeschichtliche Forum folgenden Text:”Das 1999 eröffnete besucherfreundliche Museum erinnert an Opposition, Widerstand und Zivilcourage in der DDR vor dem Hintergrund der deutschen Teilung. Die Dauerausstellung führt den Besucher vom Ende des Zweiten Weltkriegs über den Mauerfall bis in die Gegenwart. Das Forum bietet attraktive Sonderausstellungen (beispielsweise zur Rolle der Geheimdienste, der Medien und der Werbung), interessante Lesungen und Streitgespräche”.
Diese Grundinformationen weckten meine Neugier. Ich führte weitere Recherchen im Internet durch. Die von mir aufgespürten Quellen entsprachen jedoch nicht meinen Erwartungen. Diese Quellen empfand ich als relativ dürftig. Ich hatte nämlich in Anbetracht des aus meiner Sicht historisch wichtigen Themas mit zahlreichen ausführlichen Beiträgen von Wissenschaftlern und Publizisten über das Zeitgeschichtliche Forum gerechnet.
Interessant fand ich immerhin die Darstellung der Konzeption des Museums. Auf der entsprechenden Website des Forums heißt es: “Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig widmet sich besonders der Geschichte des widerständigen Verhaltens, des Repressionsapparates der SED und der friedlichen Revolution von 1989/90 sowie der Wiedervereinigung der deutschen Teilstaaten. Zentraler Aspekt ist die Würdigung der Zivilcourage unter den Bedingungen der Diktatur. Die Leipziger Dauerausstellung richtet sich gegen alle Tendenzen zur Verharmlosung und Rechtfertigung der SED-Diktatur, gegen Legenden und Mythenbildung. Das kommunistische System wird zwischen Verführung und Gewalt, zwischen Zustimmung und Unterdrückung, zwischen partieller Identifikation und totaler Herrschaft gezeigt. Verdeutlicht wird, dass die SED ihre Macht nicht nur durch offene und verdeckte Verfolgung ihrer Kritiker und Gegner, sondern auch mit Mitteln ideologischer Indoktrination und politischer Neutralisierung großer Bevölkerungsteile sicherte. Die Zahl der Oppositionellen und Kämpfer gegen die Diktatur war gering. Weitaus umfangreicher war der Kreis jener, die durch Flucht und Übersiedlung in den Westen verdeutlichten, dass sie das Leben in der DDR nicht ertrugen. Die Ausstellung zeigt Opposition und Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft in einer Beziehung zum Alltag der Mehrheit, zu den deutschen-deutschen Beziehungen und im internationalen Kontext. Sie orientiert sich an thematischen Schwerpunkten, die zu einem chronologischen Rundgang durch die Geschichte strukturiert werden. Dazu gehören die deutsche Teilung, die Gründung von zwei Teilstaaten, der Volksaufstand in der DDR 1953, der Bau der Berliner Mauer 1961, die Niederschlagung des <Prager Frühlings> 1968 und die Ausbürgerung des oppositionellen Liedermachers Wolf Biermann 1976. Andere Schwerpunkte zeigen die Auswirkungen des Kalten Krieges, Alltag und Militarisierung in der SED-Diktatur und schließlich 1989/90 die Revolution mit Mauerfall und deutscher Einheit. Die Ausstellung schließt mit der Darstellung von Erfolgen und Schwierigkeiten des Vereinigungsprozesses zwischen beiden deutschen Teilstaaten in den letzten zwanzig Jahren”.
Ich wurde darüber informiert, dass auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern in zwölf Ausstellungsabschnitten rund 3.200 Exponate gezeigt werden. Hierbei handele es sich um Fotos, Dokumente, Gegenstände und Medien. Zu den technischen Exponaten gehörten neben Fahrzeugen auch die Unterhaltungselektronik sowie ein vom einstigen Aktivisten und Amateurfunker Gerhard Schmale stammender “Störsender gegen Stalin”, der in Erinnerung an den Altenburger Widerstand gegen das DDR-Regime im Jahr 1949 nachgebaut worden sei.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            


29.11.2016
Eindrücke in den Neuen Bundesländern (77)

Sowohl im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, als auch im Baedeker Sachsen fand ich einen Eintrag für das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig. Der Eintrag im Baedeker Sachsen ist besonders kurz gehalten. Er lautet:”Die Bronzeplastik <Der Jahrhundertschritt> von Wolfgang Mattheuer weist an der Grimmaischen Str. 6 auf das Zeitgeschichtliche Forum hin. Hinter der modernen Glasfassade informiert die Dependance des Bonner Hauses der Geschichte über die Zeit der deutschen Teilung von der Sowjetischen Besatzungszone bis zum Fall der Mauer”. Der Reiseführer Leipzig enthält über das Zeitgeschichtliche Forum folgenden Text:”Das 1999 eröffnete besucherfreundliche Museum erinnert an Opposition, Widerstand und Zivilcourage in der DDR vor dem Hintergrund der deutschen Teilung. Die Dauerausstellung führt den Besucher vom Ende des Zweiten Weltkriegs über den Mauerfall bis in die Gegenwart. Das Forum bietet attraktive Sonderausstellungen (beispielsweise zur Rolle der Geheimdienste, der Medien und der Werbung), interessante Lesungen und Streitgespräche”.
Diese Grundinformationen weckten meine Neugier. Ich führte weitere Recherchen im Internet durch. Die von mir aufgespürten Quellen entsprachen jedoch nicht meinen Erwartungen. Diese Quellen empfand ich als relativ dürftig. Ich hatte nämlich in Anbetracht des aus meiner Sicht historisch wichtigen Themas mit zahlreichen ausführlichen Beiträgen von Wissenschaftlern und Publizisten über das Zeitgeschichtliche Forum gerechnet.
Interessant fand ich immerhin die Darstellung der Konzeption des Museums. Auf der entsprechenden Website des Forums heißt es: “Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig widmet sich besonders der Geschichte des widerständigen Verhaltens, des Repressionsapparates der SED und der friedlichen Revolution von 1989/90 sowie der Wiedervereinigung der deutschen Teilstaaten. Zentraler Aspekt ist die Würdigung der Zivilcourage unter den Bedingungen der Diktatur. Die Leipziger Dauerausstellung richtet sich gegen alle Tendenzen zur Verharmlosung und Rechtfertigung der SED-Diktatur, gegen Legenden und Mythenbildung. Das kommunistische System wird zwischen Verführung und Gewalt, zwischen Zustimmung und Unterdrückung, zwischen partieller Identifikation und totaler Herrschaft gezeigt. Verdeutlicht wird, dass die SED ihre Macht nicht nur durch offene und verdeckte Verfolgung ihrer Kritiker und Gegner, sondern auch mit Mitteln ideologischer Indoktrination und politischer Neutralisierung großer Bevölkerungsteile sicherte. Die Zahl der Oppositionellen und Kämpfer gegen die Diktatur war gering. Weitaus umfangreicher war der Kreis jener, die durch Flucht und Übersiedlung in den Westen verdeutlichten, dass sie das Leben in der DDR nicht ertrugen. Die Ausstellung zeigt Opposition und Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft in einer Beziehung zum Alltag der Mehrheit, zu den deutschen-deutschen Beziehungen und im internationalen Kontext. Sie orientiert sich an thematischen Schwerpunkten, die zu einem chronologischen Rundgang durch die Geschichte strukturiert werden. Dazu gehören die deutsche Teilung, die Gründung von zwei Teilstaaten, der Volksaufstand in der DDR 1953, der Bau der Berliner Mauer 1961, die Niederschlagung des <Prager Frühlings> 1968 und die Ausbürgerung des oppositionellen Liedermachers Wolf Biermann 1976. Andere Schwerpunkte zeigen die Auswirkungen des Kalten Krieges, Alltag und Militarisierung in der SED-Diktatur und schließlich 1989/90 die Revolution mit Mauerfall und deutscher Einheit. Die Ausstellung schließt mit der Darstellung von Erfolgen und Schwierigkeiten des Vereinigungsprozesses zwischen beiden deutschen Teilstaaten in den letzten zwanzig Jahren”.
Ich wurde darüber informiert, dass auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern in zwölf Ausstellungsabschnitten rund 3.200 Exponate gezeigt werden. Hierbei handele es sich um Fotos, Dokumente, Gegenstände und Medien. Zu den technischen Exponaten gehörten neben Fahrzeugen auch die Unterhaltungselektronik sowie ein vom einstigen Aktivisten und Amateurfunker Gerhard Schmale stammender “Störsender gegen Stalin”, der in Erinnerung an den Altenburger Widerstand gegen das DDR-Regime im Jahr 1949 nachgebaut worden sei.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            


01.11.2011
Eindrücke in den Neuen Bundesländern (76)

Bei meinen Nachforschungen zur Architektur des Bibliotheka Albertina genannten Gebäudes der Universitätsbibliothek Leipzig erfuhr ich, dass die über 110 m (25 Fensterachsen) breite Hauptfassade auf der Südseite streng gegliedert sei. Auf einem Text, der vom “Journal Universität Leipzig” übernommen sein soll, ist hingegen von einer 107 m langen Hauptfassade die Rede. Auf der Website, die von einer 110 m breiten Hauptfassade spricht, wird ausgeführt, dass sich im Zentrum dieser Fassade ein fünf Achsen breiter Mittelrisalit befindet. Es sei der Hinweis erlaubt, dass es sich nach dem “Modernen Lexikon” des Verlags Bertelsmann aus den 1970erJahren bei einem Risalit um einen vorspringenden, die Fassade gliedernden Teil eines Gebäudes handelt. Die erste und fünfte Achse des Mittelrisalits seien noch einmal risalitartig etwas nach vorn gesetzt. In den mittleren drei Achsen im Erdgeschoss erblicke man das aus drei Rundbögen bestehende Portal. Darüber sei eine Loggia gesetzt, die das Ober-und Mezzaningeschoss überspanne und von zwei Säulen gegliedert sei. Im erwähnten Lexikon wird der Begriff Mezzanin als Halb-oder Zwischengeschoss von Renaissance-und Barockbauten bezeichnet. Oberhalb des Balkons sei über die gesamte Loggienbreite die Gebäudebezeichnung “Bibliotheca Albertina” angebracht. Die Gebäudebezeichnung sei auf Albert von Wettin (1828 bis 1902) zurückzuführen, der 1873 zum König von Sachsen gekrönt worden sei. Über der Gebäudebezeichnung sei ebenfalls über die Breite der drei Mittelachsen, auf der rechteckigen Attika in goldenen Lettern folgende Widmung installiert: “SCIENTIARIUM ET ATRIUM LIBERALIUM STUDIO LIPSENSI SACRUM AUSPICIIS ALBERTI REGIS ANNO DOMINI MDCCCXC”. Im Bertelsmann Lexikon fand ich unter dem Stichwort “Attika” folgenden Eintrag:”Brüstungsmauer über einem Hauptgesims oder einer Säulenstellung”.
An den Mittelrisalit schlössen sich links und rechts die beiden je sieben Achsen breiten und drei Achsen tiefen Südflügel an, die je in einem dreiachsigen Eckrisalit mit quadratischem Grundriss endeten. Die Eckrisaliten hätten oberhalb des Erdgeschosses nur in der Mittelachse Fenster, die beiden äußeren Achsen enthielten im Obergeschoss Statuen-Nischen und im Mezzanin Medaillon-Felder. Von den Eckrisaliten führe ein acht Achsen breiter und drei Achsen tiefer Flügel nach Norden. An diese Flügel schlössen sich die beiden wieder in die Gebäude-Hauptachse führenden, drei Achsen tiefen, aber nur fünf Achsen breiten Nordflügel an. Über die mittleren neun Achsen der Nordfassade erstrecke sich ein halbrunder, nach Norden weisender Anbau, der siebzehn radiale Fensterachsen aufweise und das architektonische Gegenstück zum Mittelrisalit der Südfassade bilde. Der zwei Achsen tiefe Rundgang umspanne den Hauptlesesaal und ende an den Nord-Enden der beiden inneren Ost-beziehungsweise West-Flügel (zwei Achsen tief). Auf diese Weise entstünden außerhalb zwei je fünf Achsen breite Lichthöfe mit quadratischem Grundriss. Im Inneren werde jedoch hinter den nur zwei Achsen tiefen Mittelrisaliten der Südfassade die ebenfalls quadratische und fünf Achsen breite Haupt-Treppenhalle umspannt, die das architektonische Zentrum des Gebäudes bilde. Die äußeren Ost-und West-Flügel, die beiden Nordflügel sowie der halbrunde Umgang seien ursprünglich als Magazinräume genutzt worden. Aus diesem Grunde seien sie sowohl im Erd-als auch im Obergeschoss noch einmal in zwei Etagen unterteilt. In diesem Bereich sei das Gebäude daher (zuzüglich des Mezzanin) fünfgeschossig gewesen. Die Zwischengeschosse seien durch separate Treppenhäuser erschlossen worden.
In dem aus der Redaktion des Journal Universität Leipzig stammenden Artikel wird betont, dass durch ein reiches Bildprogramm ein unmittelbarer Bezug zur Geschichte der Universität und ihrer Bibliothek hergestellt wird. In einer weiteren Quelle wird dem als repräsentativ bezeichneten Marmortreppenhaus besondere Aufmerksamkeit zuteil.
Im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, fand ich den folgenden aus meiner Sicht interessanten Passus: “Neben der Hauptbibliothek “Bibliotheka Albertina” besteht die Universitätsbibliothek Leipzig heute aus 40 Zweigstellen in den wissenschaftlichen Einrichtungen der Universität. Der Gesamtbestand zählt über 5 Millionen Bände und 7.700 laufende Zeitschriften. Zu den bedeutendsten Sammlungen gehören mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften, Inkunabeln, die Papyrus- und Autographensammlung sowie die Ostraka-und Münzsammlung.
Der Standort der Bibliothek vermittelt den Eindruck eines harmonisch gestalteten Stadtensembles aus dem späten 19. Jahrhundert mit Bundesverwaltungsgericht, Universitätsbibliothek, Hochschule für Musik-und Theater sowie Hochschule für Grafik und Buchkunst”.



25.10.2016
Eindrücke in den Neuen Bundesländern (75)

Mein Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, enthält zum Thema Universitätsbibliothek - Bibliotheka zu Leipzig für ein so schmales Bändchen im Verhältnis zu Anmerkungen, die andere Sehenswürdigkeiten betreffen, einen aus meiner Sicht beachtlichen Eintrag. Ich wurde darüber unterrichtet, dass die Geschichte der Leipziger Universitätsbibliothek 1543 im Paulinerkloster durch die Zusammenlegung der Büchersammlungen der Stadt und weiterer Klöster aus Sachsen und Thüringen begann. Sie sei damit eine der ältesten deutschen Universitätsbibliotheken. Die damalige Sammlung habe etwa 5.000 Bände Druckschriften und 750 Handschriftbände umfasst. Seit 1833 habe die Bibliothek dem Minsterium für Kultus und öffentlichen Unterricht unterstanden und sei nach wissenschaftlichen Grundsätzen organisiert worden. Aus einer anderen Quelle, die sich auf einen Artikel des “Journals Universität Leipzig” bezog, erfuhr ich,dass das sächsische Kultusministerium 1885 einen Bibliotheksneubau öffentlich ausgeschrieben habe. Der Entwurf des Leipziger Architekten Arwed Roßbach habe den ersten Preis erhalten. Der Baubeginn falle auf den Sommer des Jahres 1887. Die Eröffnung des Neubaus habe am 24.10.1891 stattgefunden. Die Kosten hätten sich einschließlich der Ausstattung auf 2.330.000 Mark belaufen. Der Bibliotheksbau sei für 800.000 Bände ausgelegt und mit 170 Leseplätzen ausgestattet gewesen. Das Gebäude habe ganz dem Repräsentationsbedürfnis der damaligen Zeit entsprochen. Es sei im Stil der italienischen Spätrenaissance errichtet worden. Außerdem seien Gliederungselemente der barocken Schlossbaukunst Frankreichs zu verzeichnen. In dem besagten Artikel wird die Bibliotheks-Anlage als symmetrisch angelegter Vierflügelbau bezeichnet. Unter anderem wird auch darauf hingewiesen, dass die Hauptfassade mit Cottaer Sandstein verblendet ist.
Beim Luftangriff vom 06.04.1945 sei das Gebäude der Universitätsbibliothek im mittleren und südöstlichen Teil getroffen worden. Die zerstörten Gebäudeteile seien nur notdürftig gesichert worden. Infolge der bereits zu einem früheren Zeitpunkt erfolgten Auslagerung habe man keine größeren Verluste des Bestandes beklagen müssen. Die Bibliothek habe mit der Wiedereröffnung der Universität am 05.02.1946 ihre Arbeit wieder aufgenommen. Auch wird berichtet, dass der Verfall des Gebäudes voranschritt. Zu DDR-Zeiten habe es Pläne zum Wiederaufbau gegeben. Diese seien jedoch gescheitert. Fast ein halbes Jahrhundert sei der Bibliotheksbetrieb in einem Gebäude durchgeführt worden, das sich zum Teil in einem Zustand befunden habe, der ruinenhafte Züge gehabt habe. Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland sei dann 1992 mit dem Wiederaufbau und zugleich mit einer Erweiterung der Universitätsbibliothek Leipzig begonnen worden. Bestandteil dieser Baumaßnahmen sei eine durchgängige Modernisierung gewesen. Bemerkenswert finde ich, dass während der gesamten Zeit der Bauarbeiten der Bibliotheksbetrieb aufrecht erhalten worden sei. Der Autor eines im Internet veröffentlichten Beitrags hat vorgetragen, dass das Projekt Baumaßnahmen zugunsten der Universitätsbibliothek weit über die eigentliche Wiederherstellung hinausging. Zusätzlich sei eine Teil-Unterkellerung im östlichen Bereich durchgeführt worden. Ferner sei die Überdachung und der Einzug von neuen Geschossen in beiden Innenhöfen erfolgt.
In einer Abrundung dieser Ausführungen wird unter anderem auch zur Architektur des Gebäudes Stellung genommen.


04.10.2016
Eindrücke in den Neuen Bundesländern (74)

Aufgrund flüchtiger Informationen hatte ich mir das im Kaiserreich für das Reichsgericht in Leipzig errichtete Gebäude als einen kolossalen Klotz vorgestellt. Wegen seiner Erwähnung als wichtiges Bauwerk aus wilhelminischer Zeit hoffte ich, dass meine Reiseführer dieses Gebäude nicht gar zu knapp behandeln würden. Besonders war ich an sachkundigen Ausführungen zur Architektur interessiert. Hier wurde ich jedoch enttäuscht. Der Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, weist folgenden Eintrag auf:”Das monumentale Reichsgericht wurde von 1888-95 im Stil der Neorenaissance gebaut. Seine Innenarchitektur besticht durch reichhaltige Gold-und Marmorausstattung. Der prächtige barocke Festsaal ist großzügig mit Bilder-, Skulpturen-und Reliefschmuck ausgestattet. Im historischen Verhandlungssaal hingegen prägen eine Eichendecke und reich verzierte Holztüren das Bild. Im Jahr 2002 nahm das Bundesverwaltungsgericht in diesem Gebäude seine Arbeit auf”. Im Baedeker Sachsen wird lediglich angemerkt: “ Nicht weit entfernt vom Burgplatz erreicht man das äußerlich an den Berliner Reichstag erinnernde Reichsgericht, 1888-1895 nach Plänen von Peter Dwybad erbaut. Einer der spektakulärsten Prozesse war der “Reichstagsbrandprozess” 1933 gegen Georgij Dimitroff, der mit einem Freispruch endete. Heute ist das Gebäude Sitz des Bundesverwaltungsgerichts”. Ergänzende Informationen fand ich in dem im Internet veröffentlichten Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Dort wird zunächst einmal darauf hingewiesen, dass die Architekten Ludwig Hofmann und Peter Dwybad den 1884 ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen haben. Hofmann habe den Entwurf jedoch ändern müssen, weil von Seiten der Auftraggeber mehr Monumentalität gefordert worden sei. Vor allem habe er den oberen Abschluss zugunsten der zentralen Kuppel geändert. Das Gerichtsgebäude habe neben den Sitzungssälen auch eine große Wartehalle, eine Dienstwohnung für den Gerichtspräsidenten samt Festsaal sowie eine Bibliothek bekommen. Kurios finde ich, dass ein Viertel des gesamten Gebäudes dem Reichsgerichtspräsidenten vorbehalten gewesen sein soll. Dieser sei nach dem Kaiser und dem Reichskanzler der wichtigste Mann im Saat gewesen. Der dem Reichsgerichtspräsidenten überlassene Bereich habe nahezu die Dimension eines Stadtschlosses gehabt. Zu ihm hätten Dienstbotenzimmer, eine Räucherkammer und ein Weinkeller gehört. Im besagten Magazin wird ausgeführt, dass der Mittelresalit mit seinem Säulenportikus ein repräsentatives Entree bietet. Im Giebelfeld throne die allegorische Darstellung der Justitia. Der Haupteingang werde von den sogenannten Kaisertürmen flankiert. In deren Nischen hätte man ursprünglich die Statuen von Wilhelm I und Wilhelm II aufgestellt. Als ein weithin sichtbares Mahnmal bekröne die fünfeinhalb Meter hohe Figur der Wahrheit die große Kuppel. Das sogenannte Marmortreppenhaus, das in Wirklichkeit aus Stuck bestanden hätte, habe diesen Trakt im Südosten erschlossen, zu dem auch der Festsaal gehört habe. Die mit der Abfassung des erwähnten Beitrags betraute Person vertritt die Auffassung, dass einer der beiden Architekten sich vom Louvre habe beeinflussen lassen.
Die Institution Reichsgericht habe bis 1945 bestanden. Bei den von den Alliierten im Zweiten Weltkrieg durchgeführten Luftangriffen auf Leipzig sei das Gebäude nicht schwerwiegend beschädigt worden. Es sei jedoch zu DDR-Zeiten einer anderweitigen Nutzung unterzogen worden. Von 1952 an sei das Museum der bildenden Künste im Erdgeschoss untergebracht gewesen. Im ersten Obergeschoss habe man in Erinnerung an den Reichstagsbrandprozess das Georgi-Dimitroff-Museum eingerichtet. Wichtigstes Zeugnis des Museums sei der Plenarsaal gewesen, in dem Dimitroff anlässlich jenes Prozesses agiert habe. In weiteren Räumen seien Teile des Staataarchivs verbracht worden. Der Festsaal sei durch den Umbau zum Synchronisationsstudio der DEFA zerstört worden.
Nach der Wende sei beschlossen worden das Bauwerk wiederum seiner ursprünglichen Bestimmung als Gerichtsgebäude zuzuführen. Es sollte Sitz des bisher in Berlin ansässigen Bundesverwaltungsgerichts werden. Hierbei sei beabsichtigt gewesen, die Struktur des alten Gerichtsgebäudes im Wesentlichen wiederherzustellen. Die erforderlichen Einbauten, bei denen es sich unter anderem um Aufzüge, Brandschutztüren, eine Sicherheitssperre und die Beleuchtung gehandelt habe, seien sensibel und dezent integriert worden. Ein zusätzlicher Bürotrakt sei als Dachgeschoss aufgesetzt worden. Das Dachgeschoss sei von der Frontseite nicht sichtbar.
Für erwähnenswert halte ich, dass das Bauwerk eine Länge von 126 Metern aufweist und die Kuppel 68,5 Meter hoch ist.  


20.09.2016
Eindrücke in den Neuen Bundesländern (72)

Auf den Gebäudekomplex der Deutschen Nationalbibliothek zu Leipzig wurde ich durch etliche Berichte in den Medien aufmerksam. Hatte schon das alte während des Ersten Weltkriegs fertig gestellte Bauwerk mein Interesse erregt, so wurde dieses durch den 2011 seiner Bestimmung zugeführten vierten Erweiterungsbau noch verstärkt. Zum alten Gebäude fand ich im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, folgende Anmerkung:”Das Büchereigebäude mit seiner 120 m langen, bogenförmigen Fassade wurde in Anlehnung an die frühitalienische Renaissance mit Schmuckelementen des ausklingenden Jugendstils erbaut und 1916 als Gesamtarchiv deutschsprachigen Schrifttums eröffnet”. Die Funktion der besagten Einrichtung wurde wie folgt geschildert: “Seither hat die Deutsche Bücherei die Aufgabe, alle deutschen und deutschsprachigen gedruckten Publikationen nach 1913 zu sammeln, zu archivieren und öffentlich zugänglich zu machen. Grundlage des Sammelauftrags ist die Pflicht jedes Verlegers, zwei Exemplare einer Neuerscheinung an den zuständigen Standort (Leipzig oder Frankfurt am Main) zu liefern. Nach der formalen Erfassung wird das Zweitexemplar an den jeweils anderen Standort zur Archivierung weitergegeben”. Der von mir erworbene Baedeker Sachsen, welcher vor ungefähr dreizehn Jahren herausgegeben sein dürfte, nimmt zur Deutschen Nationalbibliothek, die seinerzeit noch die Bezeichnung Deutsche Bücherei führte, nur kurz Stellung. Der Eintrag lautet: “Nahebei am Deutschen Platz steht die Deutsche Bücherei, die Nachfolgerin der 1849 gegründeten Reichsbibliothek. Sie ist seit 1913 Sammelplatz jeglicher Veröffentlichung in deutscher Sprache, dem jeder Verlag ein Pflichtexemplar abliefern muss. Das 1916 eröffnete, von Oskar Pusch entworfene, konkav geschwungene Gebäude verfügt über sieben Lesesäle”.
Nach meinen Recherchen war in den ersten Jahrzehnten der Deutschen Bücherei die Nutzung dieser Einrichtung durch das Publikum sehr eingeschränkt. Der Bestände dieser Institution habe sich nur bedienen dürfen, wer mit einer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt war. Noch heute gilt jedoch, dass die Schriften nur in den jeweiligen Lesesälen eingesehen werden dürfen. Auch in DDR-Zeiten hätten die in der BRD ansässigen Verlage Neuerscheinungen nach Leipzig geschickt. Die Bürger der DDR hätten die Deutsche Bücherei in großer Zahl aufgesucht. Dort hätten sie in Westdeutschland erschienene Publikationen lesen können. Von der Bereitstellung für das Publikum seien Schriften ausgenommen gewesen, die negative Darstellungen über die DDR enthalten hätten. Heute sollen die Besucherzahlen weitaus niedriger sein. Dieser Umstand wird auch darauf zurückgeführt, dass für den Besuch der Deutschen Nationalbibliothek eine Gebühr erhoben wird.
Beim britischen Luftangriff vom 04.12.1943 sei auch das Gebäude der Deutschen Bücherei getroffen worden. Im Dachstuhl, im Keller und im großen Lesesaal seien Brände ausgebrochen. Dabei seien unter anderem 50.000 Zeitschriften sowie ein Teil des Verlagskatalogs vernichtet worden. Vierzehn Arbeitsräume seien zerstört worden. Aus im Internet veröffentlichten historischen Aufnahmen ist ersichtlich, dass der Baukörper weitgehend unzerstört blieb. Ein erster Erweiterungsbau sei 1936 errichtet worden. Beim zweiten Erweiterungsbau, der von 1959 bis 1963 durchgeführt worden sei, sei der 1936 unvollendet gebliebene Südostflügel aufgestockt worden. Es seien Magazinräume und ein weiterer Lesesaal entstanden. Dieser Lesesaal werde heute als Lesesaal für Technik mit 84 Arbeitsplätzen genutzt. Bei jenen Baumaßnahmen seien außerdem Räume für das 1950 übernommene Deutsche Buch-und Schriftmuseum geschaffen worden.
Weitere Ausführungen folgen.


31.05.2016

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (71)

In den letzten Jahren habe ich eine Vorliebe für die sächsische Stadt Leipzig entwickelt. Hierbei gilt mein Augenmerk auch der lebhaften Bautätigkeit in dieser Stadt. Seit der Wende ist hier nach meiner Wahrnehmung besonders im Bereich der Innenstadt sehr viel geschehen. Auch die nicht unweit vom Leipziger Hauptbahnhof gelegene Straße Brühl erhielt ein völlig neues Gesicht. Ich las, dass diese Straße vor dem Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Standort des Pelzhandels war. In diesem Zusammenhang ist sogar davon die Rede, die Straße Brühl hätte den Ruf als Weltstraße der Pelze gehabt. Jene Straße sei die bedeutendste Straße der Stadt gewesen und habe wesentlich zu Leipzigs Ansehen als blühende Handelsmetropole beigetragen. Die Straße Brühl sei im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört worden. Sie sei in der DDR von Wohnhochhäusern in “modernistischer Art” und von teilsanierten Altbauten geprägt gewesen. Nach der Wende seien die Wohnhochhäuser am Brühl abgerissen worden. Hier habe auch einst das im Jahr 1914 errichtete “Kaufhaus Brühl” mit einer Jugendstilfassade gestanden. Das besagte Gebäude sei im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört worden. Während der DDR-Zeit sei anstelle des historischen Gebäudes ein neues Bauwerk errichtet worden, das wiederum als Kaufhaus genutzt worden sei. Das mit einer Aluminiumfassade ausgestattete Geschäftshaus habe die Bezeichnung “Konsument-Warenhaus” erhalten. Viele Einwohner Leipzigs hätten es “Blechbüchse” genannt. Ein Teil der Jugendstil -fassade des Anwesens von 1914 sei nicht dem Abriss zum Opfer gefallen. Vielmehr seien diese Bestandteile bei den Bauarbeiten von Aluminium ummantelt worden.

Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung habe sich dafür eingesetzt, dass der Baukörper des ehemaligen “Konsument-Warenhauses” auch nach der Wende als Baudenkmal erhalten bliebe. Einem Beitrag der Zeitschrift “Die Zeit” entnahm ich, dass auch der nicht gerade als DDR-Nostalgiker in Erscheinung getretene Schriftsteller Erich Loest das Gebäude mit der Aluminiumfassade als architektonisch bedeutendes Bauwerk eingeschätzt hat. Die so genannte Blechbüchse sei dennoch abgerissen worden. Bei der Neubebauung der Straße Brühl sei jedoch die Aluminiumfassade in den neu geschaffenen Gebäudekomplex eingefügt worden. Für die Reste der Jugendstilfassade sei ebenfalls im Rahmen der Bauarbeiten für den neuen Gebäudekomplex eine Verwendung gefunden worden.

Der neue Gebäudekomplex sei im September 2012 seiner Bestimmung als Einkaufszentrum am Brühl zugeführt worden. Bei meinen Recherchen im Internet fand ich einen aus meiner Sicht bemerkenswerten Beitrag zum Einkaufszentrum am Brühl. Der Autor des betreffenden Beitrags dürfte Architekt sein. Er beginnt seine Ausführungen wie folgt: “Die am traditionsreichen Ort errichtete Passage ist in vier verschiedene Themenhöfe unterteilt, die sich auch in ihrer Fassadengestaltung unterscheiden. In dem dynamischen Gebäudeensemble beeindrucken die digital-und siebbedruckten Fassadenelemente aus Glas”. In einem weiteren Abschnitt seines Textes äußert er sich in dieser Weise: “Der Entwurf von Grüntuch-Ernst-Architekten greift mit seiner vielschichtigen und vielseitigen Fassadensprache die kleinteilige Struktur der historischen Gebäude auf, indem er den Komplex in mehrere Themenhöfe unterteilt. Verglasungen mit gold-metallic Siebdruck sowie Abbildungen der Vorgängerbauten in Digitaldruck geben der gegliederten Fassade innen wie außen eine edle Anmutung”. Unter der Überschrift “Vergangenheit in die Zukunft gespiegelt” merkt er folgendes an: “Drey-Schwanen-Hof, Goethe-Hof, Plauenscher Hof und Lettermanns Hof: Die Lichthöfe im Einkaufszentrum sind als thematische Räume konzipiert, die jeweils andere Zielgruppen ansprechen sollen und dieses in ihrer Gestaltung sichtbar machen. Die Außenfassaden spiegeln diese Unterschiedlichkeit wider und unterstreichen ihre Wirkung. Im Wortsinn spiegeln die Fassaden zudem die umgebende Bebauung. Die Glasfassade mit goldener Bedruckung betont den edlen Charakter der Höfe und die in zwei Varianten eingesetzten schwarzen Fassaden sind zum einem als Glaselementfassade mit Natursteinpaneelen und zum anderen mit grauer Motivbedruckung ausgeführt”. Unter dem Titel “Dynamisches Ensemble” lässt sich der Autor unter anderem folgendermaßen ein: “Der Entwurf der Architekten für die Höfe am Brühl orientiert sich an der historischen Funktion des Ortes und entsprechend verfügt das Gebäudeensemble über eine Grundstruktur für den Handel mit Gassen und Höfen, Treppen und Brücken, aber auch privaten Grünräumen für das Wohnen auf dem Dach. Eine große Herausforderung bei der Entwurfsaufgabe lag für die Architekten im Umgang mit dem Maßstab. Ein monofunktionaler Gebäudeblock dieser Größe hätte die Proportionen der Leipziger Innenstadt gesprengt. Im jetzt entstandenen dynamischen Ensemble unterschiedlicher Gebäudeteile vermitteln bewegte Silhouetten und Traufkanten zwischen Alt und Neu. Die Bereiche Einkaufen, Parken und Wohnen haben die Architekten übereinander angeordnet. Das Parkhaus befindet sich über der Shopping-Mall und darüber der an eine klassische Vorstadttypologie erinnernde Wohnbereich”. In seinem abschließenden Satz vertritt der Autor die Auffassung, dass die Höfe am Brühl mit ihrer gegliederten Struktur und ihren unterschiedlich gestalteten Fassaden eine Brücke von der glanzvollen Vergangenheit in die komplexen Lebenswelten von heute schlagen.

Ergänzende Angaben lieferte ein bei Wikipedia veröffentlichter Artikel. Der Verfasser berichtet, dass das als Basement bezeichnete Untergeschoss eine Fläche von 22.300 Quadratmetern aufweist. Erdgeschoss und 1. Obergeschoss verzeichneten eine Handelsfläche von etwa 45.000 Quadratmetern mit 130 Geschäften. Im 2. Und 3. Obergeschoss befänden sich 820 Parkplätze. Im 4. Obergeschoss seien etwa 70 Wohnungen errichtet worden. Der Verfasser betont, das kunsthistorische Konzept greife die Geschichte der bekanntesten Gebäude am alten Brühl auf und integriere sie in Form von Schaukästen in zehn Treppenhäusern und Aufdrucken auf den Glasfassaden in den Neubau.

Das Grundstück eines vor geraumer Zeit untergegangenen Hauses mit dem Namen “Roter und Weißer Löwe”, in dem Richard Wagner geboren sei, sei in den neu errichteten Gebäudekomplex eingegliedert worden. Zu dem als Goethehof vorgestellten Bestandteil des Bauwerks wird erwähnt, dass hier einst die Gastwirtschaft des Christian Gottlieb Schönkopf, des Vaters von Anna Kathrin Schönkopf, gestanden habe. In dieser Gastwirtschaft habe Goethe während seiner Leipziger Studentenzeit seine Mahlzeiten eingenommen. Ich erinnere mich, dass Anna Katharina Schönkopf Goethes Wohlgefallen erregt haben soll.

10.05.2016

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (70)

Der Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, weist in einer kurzen Notiz auf den Messehof in Leipzig hin. Dort wird angemerkt, dass der Messehof komplett renoviert wurde. Gleichzeitig werden seine Passagen erwähnt. Ich wollte mehr über diesen Gebäudekomplex erfahren und habe daher entsprechende Recherchen im Internet durchgeführt. Ich wurde darüber unterrichtet, dass sich das ehemalige Messehaus auf den Grundstücken Petersstraße 15 und Neumarkt 16/18 befindet. Der Messehof sei in den Jahren 1949/1950 als erster Leipziger Messehausneubau nach dem Zweiten Weltkrieg nach Entwürfen des Architekten Eberhard Werner errichtet worden. Auf dem Grundstück hätten früher die Bauwerke Hohmanns Hof (Petersstraße 15 und Neumarkt 16) und Zeißighaus (Neumarkt 18) gestanden. Bauherr des Bauwerks mit der Bezeichnung Hohmanns Hof sei der Kaufmann P. Hohmann, Edler von Hohenthal, gewesen. Die Funktion des Baumeisters sei G. Werner übertragen worden. Hinsichtlich des von 1729 bis 1731 erstellten Bauwerks ist von einem prächtigen Barockgebäude die Rede. Die reichsgräfliche Familie hätte den Hof noch 1931 besessen. Im Zweiten Weltkrieg sei Hohmanns Hof zerstört worden. Auf dem Grundstück Neumarkt 18 habe der Eigentümer J. Zeißig, der Architekt gewesen sei, ein Gebäude errichtet, das er “Meßpalast Zeißighaus” genannt habe. Seit 1909 habe es “Messehaus Zeißighaus” geheißen. Im Zweiten Weltkrieg sei dieses Gebäude teilweise zerstört worden. Bei den in den Jahren 1949 und 1950 im Interesse des Messehofs durchgeführten Bauarbeiten sei die Fassade in der Peterssraße zurückgesetzt worden. Durch diese Maßnahme sei die Petersstraße zwischen den Straßen Markt und Preußergäßchen verbreitert worden. Das Zeißighaus sei um ein Stockwerk erhöht worden. Die Fassade sei übrigens mit Langensalzaer Kalksteinplatten verblendet worden. Die 110 Meter lange Messehofpassage führe von der Petersstraße zum Neumarkt. Im östlichen Bereich dieser Passage in Höhe der Petersstraße befinde sich eine Halle mit quadratischem Grundriss. Von dieser Halle aus könne man zum Haupttreppenhaus und den Aufzügen gelangen. In ihrer Mitte stehe eine Säule aus hellem Juramarmor. Die Säule zierten Reliefs, die vier Personen etwa in Lebensgröße darstellten. Abgebildet seien vier Menschen, die in der DDR unter den Begriff “Werktätige” fielen. Hierbei handele es sich einen Bergmann, einen Bauer, eine Spinnerin und einen Geisteswissenschaftler. Die Säule gehe pilzförmig in die Hallendecke über. Sie soll daher auch Pilzsäule genannt werden.

Zur Herbstmesse 1950 sei das sechsstöckige Mustermessehaus seiner Bestimmung zugeführt worden. Auf einer Fläche von nahezu 10.000 Quadratmetern seien Produkte der Nahrungs-und Genussmittelindustrie präsentiert worden. Ich las, dass mit den Investtitionen für den Messehof Standortvorteile für die Handelsmetropole Leipzig beabsichtigt gewesen seien. In den Jahren 1961 bis 1963 sei der Messehof an das Mädlermessehaus und die Königshauspassage angebunden worden. Nach der Wende seien am Gebäudekomplex Messehof umfangreiche Umbauarbeiten durchgeführt worden. Von einer Nutzung für die Belange der Leipziger Messe sei Abstand genommen worden. In einer Quelle wird von einem denkmalgeschützten Umbau eines ehemaligen Messehauses zu einer Einkaufspassage mit Büro-und Fitnessbereichen in den oberen Etagen gesprochen.

19.04.2016

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (69)

Das in Leipzig im Schumachergässchen an der Ecke zur Reichsstraße gelegene Riquet-Haus wird den Touristen in vielen Publikationen als lohnendes Ziel angepriesen. Neben den speziellen architektonischen Merkmalen des Gebäudes wird vor allem auf das im Erdgeschoss befindliche Café Riquet hingewiesen. Ein Besuch dieses im Stil eines Wiener Cafés hergerichteten Restaurationsbetriebs wird als ein besonderes Erlebnis dargestellt. Einst habe es auch in Leipzig eine regelrechte Kaffeehauskultur mit über dreissig Betrieben gegeben. Von dieser Gattung sei allein das Café Riquet übrig geblieben. Das Angebot dieses Unternehmens wird als exzellent beschrieben. Die Preisgestaltung des Angebots bewege sich im gehobenen Segment. Im Café Riquet könne der Gast auch die Leipziger Lerche zu sich nehmen.

Das Riquet-Haus sei in den Jahren 1908 und 1909 im Auftrage der Fa. Riquet und Co als Geschäftshaus errichtet worden. Als Architekt habe Paul Lange fungiert. Als architektonisches Merkmal wird ein doppelstockig geschweiftes Dachtürmchen hervorgehoben. Dieses sei der klassischen chinesischen Baukunst entlehnt worden. Außerdem wird betont, dass Brüstungen, Pfeiler, Hauptgesims und Rundgiebel mit farbigen Mosaiken in Jugendstilmanier geschmückt seien. Bei den Mosaiken fiel mir die Darstellung einer Japanerin im Kimono sowie eines mir exotisch erscheinenden Vogels auf. In den meisten von mir gesichteten Publikationen werden als Attraktion zwei kupfergetriebene Elefantenköpfe herausgestellt, die die Eingangstür zum Caféhaus flankieren. Das Riquet-Haus stehe unter Denkmalschutz. Dieses ziere auch ein Hugenottenkreuz. 1994 und 1995 sei es unter der Leitung des Kölner Architekten Knut Bierhaus originalgetreu restauriert worden. Dabei sei auch der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Turmaufsatz rekonstruiert worden. In die Restaurierungsarbeiten einbezogen seien auch die Eingangstür und der Innenraum des Cafés. Dieses sei übrigens 1996 eröffnet worden. Die Ladeneinrichtung des Erdgeschosses sei ergänzt worden.

Über die Geschichte der Familie Riquet, die Namensgeberin des besagten Hauses sei, las ich, dass diese hugenottische Sippe als Folge der in Frankreich 1685 erlassenen Ediktion Fontainebleau, die den Hugenotten die Religionsausübung verboten habe, nach Deutschland emigriert ist. Vermutlich 1713 sei Jean George Riquet in Magdeburg geboren. Dieser habe am 15.11.1745 in Leipzig die Firma Riquet gegründet. Gegenstand des Unternehmens sei der Import von Tee, Kaffee und Gewürzen gewesen. Das Unternehmen habe zunächst seinen Sitz in der Katharinenstraße gehabt. 1763 sei dieser in die Klostergasse verlegt worden. Zu den Kunden soll auch Goethe gehört haben, der die von der Fa. Riquet vertriebene Schokolade geschätzt haben soll. Nach Jean Georges Riquete Tod im Jahr 1791 habe dessen gleichnamiger Neffe den Betrieb weitergeführt. 1818 habe Christian Friedrich Meyer das Unternehmen übernommen. Meyer habe das Unternehmen zu einem Tee-Spezialgeschäft ausgebaut. In das Jahr 1850 falle die Gründung einer Abteilung für Kleinhandel mit Kakao, englischen Biscuits, Konfitüren, Alkoholika, Tabak, Japan-und Chinawaren. 1890 sei die Kakaoproduktion aufgenommen worden. Die höchste Beschäftigungszahl sei für 1921 mit 700 Mitarbeitern zu verzeichnen. Nach dem Zweiten Weltkriegs sei von den politisch Verantwortlichen die entschädigungslose Enteignung der Firmeninhaber verfügt worden. 1947 sei der Betrieb in die Sächsische Konsumgenossenschaft eingegliedert worden. Anfang der 1990iger Jahre sei die Produktion von Genusswaren eingestellt worden. Das Unternehmen sei als Grundstücksgesellschaft tätig gewesen. 1995 sei die Gesellschaft aufgelöst worden.

12.04.2016

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (68)

Nach meiner Wahrnehmung stufen viele Publikationen Barthels Hof als wichtige Sehenswürdigkeit Leipzigs ein. Auch in meinen beiden Reiseführern, die mir die Stadt Leipzig nahebringen, fand ich kurze Anmerkungen zu Barthels Hof. Diese Anmerkungen ersparten es mir jedoch nicht, weitere Recherchen im Internet durchzuführen. Im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, ist hinsichtlich der Sehenswürdigkeit Barthels Hof vom letzten erhaltenen Kaufmannshof aus der Barockzeit die Rede, der 1748 errichtet worden sei. Im Baedecker Sachsen heißt es, dass Leipzigs ältestes erhaltenes Messehaus, Barthels Hof, 1523 an der Ecke Markt/Hainstraße entstand und 1749/1750 für den Kaufmann J. G. Barthel umgebaut worden ist. Er sei ein typisches Beispiel für einen Leipziger Durchhof, in dem die großen Planwagen zum Be-und Entladen von einer Seite hätten einfahren und auf der anderen Seite wieder hinausfahren können. Ich war darüber erfreut, dass Wikipedia Barthels Hof einen aus meiner Sicht bezüglich des Umfangs beachtlichen Artikel widmet. Einen weiteren für meine Belange wichtigen Beitrag fand ich durch einen ins Internet gestellten Text der Leipziger Volkszeitung. Ich wurde darüber unterrichtet, dass auf dem Grundstück, auf dem der Gebäudekomplex Barthels Hof in seiner heutigen Ausgestaltung zu bewundern ist, schon früher repräsentative Bauwerke gestanden hätten. 1523 sei hier bereits für den Kaufmann Hieronymus Walther ein als Handelshaus genutztes Gebäude errichtet worden. Bis 1520 habe es sich bei Bürgerhäusern in Leipzig um Fachwerkbauten gehandelt. Dieses Bauwerk sei jedoch im Renaissancestil geschaffen. Hieronymus Walther sei Faktor und Teilhaber der Augsburger Kaufherren-und Bankiersfamilie Welser gewesen. Das Leipziger Handelshaus habe die Funktion einer Niederlassung gehabt. Diese Niederlassung hätten dem Warenhandel der Bank des Unternehmens Welser dienen sollen. Von Leipzig aus hätte auch der Einfluss des Unternehmens auf den Silberbergbau im böhmischen Kuttenberg und auf die Chemnitzer Hüttenanlagen aufrecht erhalten erhalten werden sollen. Ich las, dass der Architekt des besagten Gebäudes als unbekannt gilt. Es stünden jedoch Mutmaßungen im Raum, Walthers Schwiegersohn, der hallesche Kaufmann und Baumeister Hans von Schonitz, könne als Architekt fungiert haben. Bei dem Wappen der Familie Walther habe es sich um eine um ein Kreuz gewundene goldene Schlange gehandelt. Jenes Wappen sei noch immer im Rahmen der in den Gebäudekomplex eingearbeiteten aus dem 16. Jahrhundert stammenden Fassade zu sehen. Man spricht von einer Renaissancefassade, obwohl dort sich kreuzenden Rippen zu verzeichnen sind, die von gotischer Bauweise zeugen sollen. Laut Wikipedia sei das Wappen im Brüstungsfeld über dem Konsolstein angebracht. Die Fassade habe einen zweistöckigen Erker, Volutengiebel und ein aufgesetztes Türmchen aufzuweisen. Das für Hieronymus Walther gebaute Haus sei über 200 Jahre unter dem Namen “Zur goldenen Schlange” bekannt gewesen. Es sei als Mehrzweckbau konzipiert worden. In der Zeit von 1747 bis 1750 sei der Gebäudekomplex auf Veranlassung des Stadthauptmanns und Kaufmanns Gottlieb Barthel umgebaut worden. Der Bauherr habe mit Farben und Kolonialwaren gehandelt. Der Autor des von Wikipedia veröffentlichten Artikels merkt im Zusammenhang mit dem neu gestalteten Gebäudekomplex, den er als Messehof bezeichnet, an, dass die barocke Fassade zur Fleischergasse sehr schmal sei. Um den unregelmäßig gestalteten Hof ordneten sich vierstöckige Häuser an, die alle ein sehr hohes Dach aufwiesen. Auf Horizontale und Gesimse sei bei diesem Bauwerk verzichtet worden. Der Hof wirke daher sehr nach oben strebend. Der Verfasser des erwähnten Beitrags der Leipziger Volkszeitung schildert, dass der Hof während der Messe den Kaufleuten aus aller Welt nicht nur als Verkaufsniederlage, sondern auch als Empfangs-und Wohnquartier gedient habe. Im Erdgeschoss seien Kaufkammern, Messegewölbe, Ställe und Wirtschaftsgebäude eingerichtet worden. In Obergeschossen hätte es Wohnungen, Kontore und Festsäle gegeben. Im noch höheren Bereich hätten weitläufige Magazine und Bodenräume als Speicher zur Verfügung gestanden. Auch seien Kranbalken an Aufbauten der hohen Mansardendächer installiert worden. Architekt der für Gottlieb Barthel bestimmten baulichen Maßnahmen sei übrigens Georg Werner gewesen. In den Jahren 1870 und 1871 seien wiederum Umbauarbeiten durchgeführt worden. Die Fassade sei von Bruno Leopold Grimm im neobarocken Stil gestaltet worden. Der aus dem Jahr 1523 stammende Erker sei auf die Hofseite verlegt worden.

Durch den Wandel der Leipziger Messe von einer Warenmesse in eine Mustermesse hätten sich für den Gebäudekomplex Barthels Hof neue Nutzungsmöglichkeiten ergeben. Im August 1928 hätte die Mitteldeutsche Rundfunk AG (MIRAG) zwei zur Anlage Barthels Hof gehörende Etagen bezogen. Diese Nutzung habe dazu geführt, dass Barthels Hof seinerzeit auch MIRAG-Haus genannt worden sei. Von 1946 bis 1984 sei Barthels Hof Sitz der Stadtbibliothek Leipzig gewesen. Vorübergehend habe man dort auch das Leipziger Messeamt untergebracht. Mitte der 1980iger Jahre sei eine Renovierung der Anlage Barthels Hof geplant gewesen. Es seien jedoch keine alten Dokumente zu Barthels Hof vorhanden gewesen. Man habe einen starken Verschleiss der Bausubstanz festgestellt. Es seien die Geschosse in Richtung Kaffeebaum restauriert worden. Nach der Wende habe sich der Immobilienunternehmer Schneider des Objekts Barthels Hof angenommen. Seine weitreichenden Renovierungsvorhaben an einer Reihe von Objekten konnte Schneider jedoch bekanntlich nicht zum Abschluss bringen, weil ihn die Insolvenz ereilte. Gläubigerbanken hätten zur Fortführung der Bauarbeiten die Barthels Hof GmbH gegründet. Diese Gesellschaft habe für Rekonstruktionsarbeiten einen Betrag von rund 100 Millionen Euro aufgewendet. Bei den betreffenden Arbeiten seien Bauteile rekonstruiert und nach historischem Vorbild wieder gefertigt worden. Das Sanierungsprojekt Barthels Hof sei unter der Regie des Architekturbüros Rhode, Kellermann, Wawrowsky durchgeführt worden. Rekonstruiert worden seien vor allem die Treppenhäuser und Stuckdecken aus dem 19. Jahrhundert, aber auch der Renaissance-Erker mit der goldenen Schlange. In den Dachgeschossen seien moderne Wohnungen entstanden, in den unteren Geschossen Praxen, Kanzleien sowie Agenturen auf Flächen von 80 bis 540 Quadratmetern. Zu den im Gebäudekomplex Barthels Hof anzutreffenden Unternehmen zählen der Lehmstedt Verlag, das Theater Fact und das Restaurant Barthels Hof.

16.02.2016

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (67)

Beim Durchblättern von Reiseführern und Sichten von Websites mit touristischer Thematik fiel mir auf, dass dem Gebäudekomplex “Specks Hof” in Leipzig besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Im Reiseführer “Leipzig” des “Vista Point Verlags, Köln” wird berichtet, dass der fünfgeschossige “Specks Hof” ehemals Messehaus für Schmuck-, Leder- und Galanteriewaren war. Nach Einschätzung des Autors des entsprechenden Textes erstrahlt dieses Bauwerk wieder in sachlicher Schönheit, nachdem es 1998 vollständig rekonstruiert wurde. Das Haus sei von edlen Einkaufspassagen durchzogen, die von Künstlern gestalteten Innenhöfe seien eine besondere Attraktion. Im “Baedeker Sachsen” wird unter der Rubrik Messehäuser auf “Specks Hof” hingewiesen. Hier wird angemerkt, dass dieses Bauwerk das älteste private Messehaus Leipzigs ist. Der Verfasser des besagten Beitrags betont, dass die durch Ladenstraßen verbundenen Lichthöfe neu waren. In den Passagen gäben Wandmalereien und Terrakottareliefs Ereignisse aus der Messegeschichte wieder. Im Internet stieß ich auch auf Ausführungen zur Geschichte von “Specks Hof”. Ich wurde darüber unterrichtet, dass diese bis ins 15. Jahrhundert zurückgeht. Um 1430 habe an der Stelle, wo sich heute “Specks Hof” erhebt, ein großes Gebäude gestanden, das als Wohn-und Brauhaus sowie als Weinkeller gedient habe. Im Jahre 1815 habe der Leipziger Großkaufmann und Kunstliebhaber Maximilian Speck von Sternburg das Eckhaus erworben und ihm den Namen “Specks Hof” gegeben. Insgesamt 93 Jahre sei das Haus im Besitz der Familie Speck von Sternburg geblieben. 1908 hätten der Kaufmann Paul Schmutzler und der Architekt Emil Franz Hänsel das Gebäude erworben. Unter der Regie von Hänsel sei aus jenem Gebäude ein Handels- und Messehaus geworden, das mittels einer Passage mit dem Hansa Haus verbunden worden sei. Nach Erweiterungsbauten in den Jahren 1928 und 1929 sei mit 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche der größte Messeplatz der damaligen Zeit entstanden. Im Zweiten Weltkrieg seien die Dachaufbauten des Gebäudekomplexes stark beschädigt worden. Erst in den Jahren 1981 und 1982 sei die historische Passage saniert wurden. Nach der Wende seien zwischen 1993 und 1995 umfangreiche Restaurierungsarbeiten durchgeführt worden.

Auf einer Website des Deutschen Architektutforums wurde zu den baulichen Elementen von “Specks” Hof wie folgt Stellung genommen: “Die wenig historisierende, aber dennoch detailreiche Fassade sowie die Unterteilung in drei Lichthöfe, die mit Passagen verbunden sind, sind die besonderen Merkmale von “Specks Hof”. Nach der politischen Wende wurde der Komplex nach den Plänen von Wojtek Grabianowski (RKW Düsseldorf/Leipzig) umfangreich restauriert”. Der Autor eines Textes, der meines Erachtens Werbezwecken dient, äußert sich dahingehend, dass der Messepalast, was seine grundlegende Konzeption wie auch seine baulichen Details angeht, ohne Frage zu den schönsten Geschäftshäusern Leipzigs zählt. Zur Stützung dieser Ansicht lässt er sich wie folgt ein: “Mit ihren Kolossalpilastern, Erkern und der Balustrade zeigt die Fassade ein prachtvolles Gesicht, prestigeprächtig gestaltet bis ins kleinste Detail präsentiert sich der gesamte Gebäudekomplex. In den drei Lichthöfen, den Tonnengewölben über den Passagen und im Durchgang zum Hansa Haus über das imposant gestaltete Atrium finden sich zahlreiche kunsthandwerkliche Kostbarkeiten. Eine Vielzahl künstlerischer Elemente veredeln die Lichthöfe des traditionsreichen Gebäudes. Im ersten Lichthof zieht ein Freskenfries des Malers Bruno Griesel die Blicke auf sich. Der Vertreter der Neuen Leipziger Schule stilisiert eindrucksvoll das Thema “Werden und Vergehen”. Ein Werk des Hallenser Künstlers Moritz Götze stellt im zweiten Lichthof eine Geschichte der Leipziger Messe dar - in moderner Tradition der Art Brut und des Comics, und in Anlehnung an mittelalterliche Bilderbögen. Der Berliner Künstler Johannes Grützke setzt im dritten Lichthof die Themen Konsum und Wegwerfgesellschaft mit hintergründiger Ironie in Szene”.

Für erwähnenswert halte ich noch die Anmerkung, dass im mittleren Lichthof die um 1900 abgerissenen Vorgängerbauten dargestellt sind.

26.02.2016

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (66)

In dem Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, wird der Mendebrunnen nur in einem einzigen Satz kurz erwähnt. In Veröffentlichungen des Internets hingegen fand ich etliche ausführliche Beiträge über diese Sehenswürdigkeit. Er wird nach meiner Wahrnehmung von vielen Autoren in den Rang eines der wenigen bemerkenswerten noch erhaltenen Zeugnisse des einst an besonderen Schöpfungen so reichen Augustusplatzes erhoben. Dieser Brunnen verdanke seine Existenz einer Stiftung der Kaufmannswitwe Marianne Pauline Mende von 1881. Frau Mende soll Dame des Königlich Sächsischen Sidonierordens gewesen sein. Über diesen Orden wurde mir übrigens von der Suchmaschine Google keine Fundstelle genannt. Das Stiftungskapital habe ursprünglich 150.000 Goldmark betragen. Durch dessen Mehrung habe für die Errichtung des Brunnens ein Betrag von 171.000 Goldmark zur Verfügung gestanden. Die Baukosten hätten sich jedoch auf 188.726 Goldmark belaufen. Der Fehlbetrag habe aus dem Nachlass eines gewissen F.D. Grassi beigesteuert werden können. Den Entwurf für den Mendebrunnen habe der bayerische Künstler Adolf Gnauth geliefert. Der Figurenschmuck stamme von Jakob Ungerer. Der für den Brunnen maßgebliche Stil wurde mit Neobarock angegeben. Am 01.09.1886 sei der Mendebrunnen enthüllt worden.

Für die Renovierung des Brunnens seien übrigens vor nicht allzu ferner Zeit 243.000 Euro aufgewendet worden.

Den äußeren Umfang des Brunnens bilde ein niedriges längliches Sandsteinbecken mit gegliederten Seiten. Innerhalb dieses Beckens erhebe sich eine ähnlich konstruierte, kleinere, aber wesentlich höhere Brunnenschale aus einem rot gestocktem, matt behandeltem Granit. Diese trage auf vier vorspringenden Eckpunkten wappenartige, von je zwei wasserspeienden Delphinen eingeschlossene Eckbekrönungen. In der Schale befänden sich ein Obelisk mit einem goldenen Stern an der Spitze. Rechts und links von ihm erhöben sich aufbäumend fischschwänzige, flossenfüßige und zugleich geflügelte, pferdeköpfige Ungetüme - so genannte Hippokampen. Gezügelt würden sie von je einem jugendlichen Triton. Diese Wesen bläsen aus einer Muschel einen Wasserstrahl. Ich las im Lexikon des Verlags Bertelsmann aus dem Jahr 1975, dass in der griechischen Mythologie zunächst nur von einem Wesen mit der Bezeichnung Triton die Rede gewesen ist. Dieses habe die Funktion eines Meeresgottes gehabt. In hellenistischer Zeit sei dann von mehreren Tritonen gesprochen worden, die einen menschlichen Oberkörper und einen fischschwänzigen Unterkörper gehabt hätten. An den gegenüberliegenden Seiten seien sowohl Delphinmasken als auch Löwenmasken auszumachen. Diese Masken spien Wasser in die darunter liegenden Muscheln. Auf den abgeschrägten Ecken des Sockelabsatzes säßen vier fischschwänzige Nereiden. Über ihren Köpfen befänden sich Muscheln, in die Wasserstrahlen herabfielen. Auf den oberen Ecken des Sockelabsatzes seien geflügelte Putten zu erblicken, die aus Muschelhörnern bläsen. Jene Putten stünden teils auf Fröschen, teils auf Krebsen.

Bei meinen Recherchen stieß ich auf folgende Interpretation des Mendebrunnens: “Das äußere Bassin versinnbildlicht in seiner Sichtweise das Meer. Die Delphine am Ufer stellen die Flussmündungen dar, die das Wasser unmittelbar verteilen. Die Hippokampen sind die Personifikation der verderblichen und gewaltsamen Seiten des Wassers, die durch die friedlichen Tritonen gebändigt werden. Die Nereiden sind Symbole eines gedeihlichen Verkehrs zwischen Wasser und Menschen - ein Zeichen der friedlichen Beherrschung des Elements. Die Putten weisen auf einen regenspendenden Himmel hin, genau wie der Obelisk, der das Licht und das Obdach für alle Figuren darstellt. Das nach allen Seiten sprühende Wasser vermittelt den Eindruck der Lebendigkeit und Vielseitigkeit des Sujets. Das außergewöhnliche Kolorit des Mendebrunnens hebt Lebendiges von Totem ab”.

Ich wurde darauf aufmerksam, dass der Mendebrunnen auch eine Inschrift mit wenigen Versen des Nobelpreisträgers für Literatur, Paul Heyse, aufweist. Das Gelegenheitsgedicht dieses Autors lautet:

“Zum Himmel streben mit frischer Kraft,
Der Erde geben was Segen schafft,
Mit lautrer Helle
Lehrt es die Welle”.

Aus meiner Sicht ist der Mendebrunnen mit Figurenschmuck überfrachtet. Weniger hiervon hätte mir mehr zugesagt.

15.12.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern

In meinem Artikel vom 01.12.2012 aus der Reihe “Eindrücke in den Neuen Bundesländern” habe ich bereits das Gewandhaus zu Leipzig zum Thema gewählt. In diesem Artikel hatte ich die Absicht geäußert, meine Ausführungen über das besagte Konzerthaus fortzusetzen. Eine große Hilfe bei der Beschäftigung mit dem Komplex Neues Gewandhaus Leipzig ist für mich der Beitrag der Frau Annette Menting in der Deutschen Bauzeitung vom 30.08.2011mit dem Titel “Neues Gewandhaus Leipzig”. Frau Menting weist darauf hin, dass eine große, leicht nach außen geneigte Glasfassade den Foyers großzügig Ein-und Ausblicke gewährt. Zugleich hätten Volumen und Materialkontrast vom Saalkörper zur Frontfassade eine dramatische Erscheinung des Baus zur Folge. Nach Einschätzung von Frau Menting ist die spezifische Gestaltung als Konzerthaus für das renommierte Gewandhausorchester Ursache für die nachhaltige Nutzung und das weitgehend schadlose Überstehen des politischen Systemwechsels.

Der Autor eines Textes auf einer Website mit der Bezeichnung “Leipziger Kunstorte” lässt sich dahingehend ein, dass die Glasfassade der Foyerebene eine Membrane zwischen zwei öffentlichen Räumen bildet, nämlich zwischen Innenraum und Aussenraum. Ein scheinbares Überkippen und die aus seiner Sicht interessanten Spiegelungen am Tag und in der Nacht ließen ein unmittelbares Wirken in den Stadtraum erfahrbar werden.

Die Innengestaltung des Konzerthauses kenne ich nur aus Abbildungen. Mir hat sie gefallen. Zur Innengestaltung nimmt Frau Menting in einer Passage mit der Überschrift “Vom Schuhkarton zum Weinberg” Stellung. Sie erwähnt, dass der historische Gewandhaussaal im Musikviertel noch dem tradierten Schuhkartonprinzip entsprach. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hätten die Architekten jedoch nach zeitgemäßen Formen für das Gewandhausorchester gesucht. Als eine solche Form hätte das Weinbergprinzip gegolten. Die Saalgestaltung nach dem Weinbergprinzip bezeichnet Frau Menting als eine der eindrucksvollsten Entwicklungen der damaligen Zeit. Hierbei werde das Podium von einem amphitheaterförmigen Gestühl umschlossen. Frau Menting hat unter anderem anschließend folgendes angemerkt: “Es sollte ein moderner Klangkörper entwickelt werden, der unter den bautechnischen Bedingungen der DDR bei eingeschränkten Baukapazitäten und Materialkontingentierungen realisiert werden konnte. Die fest installierten Decken-und Wandelemente sind seit den ersten Akustikproben in ihrer Form erhalten. Die Lichttechnik wurde demontabel ergänzt. Die Foyers umgeben den gesamten Saal in der oberen Ebene und bieten in ihrer Offenheit und Weitläufigkeit gleichermaßen gute Orientierung sowie eine angenehme Raumsituation. Einzelne nachträgliche Installationen beeinträchtigen die großzügige Raumwirkung der Empfangsfoyers. Neben dem Eingang ist ein Gewandhaus-Shop entstanden, etwas weiter eine <Hör Bar> als Informationsinsel sowie ein Gastronomietresen und an einigen Stellen stehen die unerlässlichen Info Screens unvermittelt im Raum. Das Neue Gewandhaus wurde seit seiner Fertigstellung mit besonderem Aufwand instand gehalten. In der Gestaltung des Gewandhauses überraschen Kontraste. Während der auskragende Saalbau über der hohen Glasfront gezielt eine moderne Konstruktionslösung darstellt, greift die Bekleidung des Baus mit Cottaer Sandstein die Tradition des historischen Vorgängerbaus von 1884 auf. Demgegenüber schafft die zeitgenössische Kunst im Bau mit ihrem expressiv-exaltierten Duktus eine Distanz zu den Traditionen tradierter Konzerthäuser”. Der von Frau Menting angesprochenen zeitgenössischen Kunst wird auf der Homepage des Gewandhauses eine besondere Beachtung geschenkt. Dort heißt es: “Aushängeschild des dritten Gewandhauses ist das Deckenbild <Gesang vom Leben> des Leipziger Künstlers Sighard Gille. Es erstreckt sich über vier Deckenschrägen und ist die größte zeitgenössische Deckenmalerei Europas. Nachts von Scheinwerfern beleuchtet, strahlt es durch die Glasfront des Hauses auf den Platz hinaus”. Auf dieser Homepage wird berichtet, dass der Große Saal mit amphitheatrischer Sitzanordnung über 1900 Besuchern Platz bietet. Beim Mendelssohn-Saal seien es 500 Besucher. Die Orgel des Hauses wird dort mit folgenden Worten bedacht: “Den Großen Saal krönt die majestätische Orgel der Potsdamer Firma Schuke mit vier Manualen, 92 Registern und 6638 Pfeifen”. Dem Leitspruch des Gewandhauses werden diese Zeilen gewidmet: “Am Orgelprojekt ist der Leitspruch des Gewandhauses angebracht <Res severa verum gaudium> (wahre Freude ist eine ernste Sache). Dieser Spruch des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca begleitet das Gewandhaus seit 1781. Im ersten Gewandhaus stand er an der Stirnseite des Konzertsaals, im zweiten Gewandhaus prangte er an der Fassade über dem Haupteingang”.

24.11.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (63)

Ein aus meiner Sicht schlichtes Gebäude steht an der Nordseite des Augustusplatzes in Leipzig. In diesem Gebäude ist die Oper der Stadt Leipzig untergebracht. Das Bauwerk sei zu DDR-Zeiten errichtet worden. Es sei der einzige Opernneubau der DDR. Ich las, dass die Oper in Leipzig Tradition hat. Das erste Opernhaus sei dort bereits im Jahr 1693 eröffnet worden. Es soll nach entsprechenden Einrichtungen in Venedig und Hamburg die drittälteste Oper in Europa sein. Das Opernhaus sei von dem Architekten Kunz Nierade entworfen worden. Es ist aber auch von einer Mitwirkung des Architekten Kurt Hemmerling die Rede. Als Bauzeit wird 1956 bis 1960 genannt. Die Eröffnung habe am 08.10.1960 stattgefunden. An diesem Tag sei das von Richard Wagner geschaffene Werk “Die Meistersinger von Nürnberg” aufgeführt worden.

Ich vernahm, dass das Gebäude als eine Synthese zwischen klassizistischem Erbe und moderner Architektur bezeichnet wird. Es wird ebenfalls die Vermutung geäußert, dass es an den Vorgängerbau erinnern soll, der im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Hierbei handele es sich um das Neue Theater, das nach Plänen von Carl Ferdinand Langhans von 1864 bis 1868 erbaut worden sei. Nach Auffassung eines anderen Autors besticht das Opernhaus als geschlossenes Gesamtkunstwerk der Architektur und Innenraumgestaltung der 1950er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Es zähle heute zu den schönsten Bauwerken des Baustils dieser Epoche in Deutschland. Bei meinen Recherchen stieß ich sogar auf die Ansicht, das Opernhaus sei eine Perle der sozialistischen Baukultur. Es sei ein repräsentatives Aushängeschild der DDR gewesen. Die Baukosten hätten sich auf 44.6 Millionen Mark belaufen. 2007 sei das Opernhaus mit einem Aufwand von 9,5 Millionen EUR umgebaut und in den Originalzustand von 1960 zurückversetzt worden. Auf der Website der Oper Leipzig wird die ausgezeichnete Akustik des Hauses gepriesen. Gleichzeitig wird angemerkt, dass sich von jedem Platz aus hervorragende Sichtmöglichkeiten ergeben.

Die Fassade bestehe aus hellem Pirnaer Sandstein. Sie verfüge über ein 350 Meter langes Attikageländer. Über den Erdgeschossfenstern befinde sich ein Flachrelief, das Theatersymbole und Staatsembleme der DDR zeige. Der Eingangsbereich bestehe aus einer zweigeschossigen einfachen Loggia. Das Haus habe die Form einer Stufenpyramide in den Maßen 115x85 Meter. Die Höhe betrage vom Fundament bis zur Spitze 52 Meter. Es seien sieben Geschosse zu verzeichnen. Die 737 Fenster seien in goldverziertem Aluminium industriell vorgefertigt. Das Haus verfüge über fünf Eingänge.

Hinsichtlich der Innenausstattung wurde ich darüber unterrichtet, dass die Säulen und Wände des Sockelgeschosses mit Porzellanplatten verkleidet sind. Der Fußboden bestehe aus schwarzem Diabas. An der Haupttreppe seien Kunstschmiedearbeiten angebracht. Diese stammten von einem gewissen Fritz Kühn. Auf einer Website mit Informationen über das Opernhaus Leipzig stieß ich auf folgenden Satz: “Der quadratische Bühnenturm trägt ein Leichtmetallzeltdach mit herausfahrbarer Rauchabzugshaube”. Über Bühnentechnik habe ich nur sehr geringe Kenntnisse. Zum Begriff “Bühnenturm” fand ich diese Erläuterung: “Bühnenturm ist der Teil des Bühnenhauses, in dem die Bühnenmaschinerie, die Bühnenbeleuchtung sowie sicherheitstechnische Einrichtungen untergebracht sind, und dessen obere Begrenzung der Schnürboden ist”. Hervorgehoben wurde auf der besagten Website die reiche Ausgestaltung des Hauptfoyers. Die dort befindliche Decke erhielt das Prädikat “kostbar”. Der Zuschauerraum gliedere sich in das Parkettgeschoss und den Rang. Dieser wurde von einem anderen Autor als trapezförmig geschildert in Form eines Einrangtheaters. Hinsichtlich der Anzahl der Plätze im Zuschauerraum werden in den von mir herangezogenen Quellen unterschiedliche Angaben gemacht. Ich gehe davon aus, dass die von der Oper Leipzig genannte Zahl von 1273 Sitzplätzen zutreffend ist. Als ein besonderes Merkmal des Zuschauerraums werte ich die Feststellung, dass zwischen der letzten Sitzreihe und der Bühne nur 32 Meter liegen. Über die Beleuchtungssituation im Zuschauerraum erhielt ich folgende Mitteilung:”Zwanzig Doldenleuchten lassen den Raum im festlichem Glanz erscheinen”. Was die Bühne anbetrifft, so nahm ich jene Aussage zur Kenntnis:”Die von Kurt Hemmerling geschaffene Bühne mit Drehbühne und versenkbaren Podien zählt noch immer zu den modernsten Deutschlands”.

Das Gebäude der Oper Leipzig stehe übrigens unter Denkmalschutz.


17.11.2017

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (62)

Zwei weitere markante Gebäude im Bereich des Augustusplatzes zu Leipzig, die beide als Hochhäuser gelten, halte ich einer ausführlicheren Stellungnahme für wert. Es sind dieses das Europa-Hochhaus und das City-Hochhaus.

Im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln wird angemerkt, dass das Europa-Hochhaus aus dem Jahr 1929 heute noch modern wirkt. Gleichzeitig wird es in diesem Reiseführer in den Rang eines Zeugen eines glänzenden Stadtbilds erhoben. Hierbei wird wohl auf das Aussehen des Augustusplatzes vor den Leipzig im Zweiten Weltkrieg zugefügten Zerstörungen angespielt. Im Gegensatz zu anderen Gebäuden Leipzigs fand ich auch im Internet keine Beiträge, die sich eingehend mit dem Europa-Hochhaus beschäftigen. Ich erfuhr, dass Otto Paul Burghardt es von 1928 bis 1929 erbaut hat. Direkt gegenüber dem Neuen Gewandhaus markiere es die Einmündung des Promenadenringes. Das Haus habe dreizehn Geschosse. Es sei in Stahlbauweise errichtet worden. Die Außenwände seien mit Bimsbeton ausbetoniert und mit Muschelkalkplatten verkleidet worden. 1965 sei die Fassade überarbeitet worden. Gleichzeitig sei ein Arkadengang geschaffen worden. Im Rahmen einer Generalsanierung nach der Wende sei das Gebäude zwischen 1995 und 2002 in zwei eigenständige Büromietflächen pro Geschoss aufgeteilt worden. Das unter Denkmalschutz stehende Treppenhaus sei ebenfalls renoviert worden. Es soll übrigens das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz stehen. Bei Wikipedia wird eine zwischen den Fenstern verlaufende Vertikalgliederung erwähnt. Ferner wird dort hervorgehoben, dass Burghardt auf jegliche Ornamente verzichtete. Der für Wikipedia tätige Autor vertritt die Auffassung, dass das Europa-Hochhaus lediglich durch die expressionistisch anklingende Betonung des Vertikalen in Erscheinung tritt. Die Höhe des Gebäudes betrage 56 Meter. Es habe zwei siebengeschossige Seitenflügel aufzuweisen.

Auf das City-Hochhaus bin ich bereits in meinem Artikel vom 29.09.2015 aus der Reihe “Eindrücke in den Neuen Bundesländern” kurz eingegangen. Dort habe ich unter anderem auf das Wirken des Architekten Hermann Hanselmanns im Interesse dieses Bauwerks hingewiesen. Bei meinen Recherchen habe ich mich vor allem an einen Beitrag des Mitteldeutschen Rundfunks orientiert. Dort heißt es, dass der “Uni-Riese” wie kein anderes Gebäude Leipzigs die Silhouette Leipzigs bestimmt. Mit seinen 142 Metern und 44 Stockwerken erinnere das Hochhaus an ein aufgeschlagenes Buch. Wie kein anderes Haus in Leipzig sei der “Uni-Riese” zum Spiegel der jeweiligen Zeit geworden. Er erzähle Geschichten von großen Visionen, politischen Veränderungen, schmerzhaften Enttäuschungen und neuen Herausforderungen. Der MDR habe Cornelius Weiss, der von 1991 bis 1997 Rektor der Universität Leipzig gewesen sei, über das City-Hochhaus befragt. Weiss sei seinerzeit in die Stabsgruppe Neubau berufen worden. Er habe sich wie folgt geäußert: “Es war kein architektonisches Kleinod, was dort entstand, mit einer Ausnahme. Den Turm fand ich von Anfang an interessant in seiner Bauweise. Moderne industrielle Bauweise und trotzdem in gewisser Weise ästhetisch”. Im Beitrag des MDR wird berichtet, das Hermann Henselmann als Visionär gilt. Er hätte bereits zentrale Gebäude der Berliner Stalinallee geschaffen und mit dem Entwurf für den Fernsehturm Berühmtheit erlangt. Er soll gegen den Abriss der Paulinerkirche gewesen sein. Zu der Fassade habe sich ein damals an ihrem Entwurf beteiligter Architekt folgendermaßen eingelassen: “Es kam dann eine sehr filigran gegliederte vertikale Fassade heraus”. Die Grundsteinlegung sei im Oktober 1968 erfolgt. Der Beginn des Hochbaus falle auf Ende Mai 1969. Es sei die so genannte Gleitbauweise angewendet worden. Am 29 Juli 1969 sei der Gleitbau mit seinerzeit 29 Geschossen fertig gewesen. Der Bau sei 115 Meter hoch gewesen. 11.000 Kubikmeter Beton seien dafür verbraucht worden. Sechs weitere Geschosse und die Stahlspitze seien noch draufgesetzt worden. Dann sei die Fassade mit Metall verkleidet worden. Als Jahr der Fertigstellung des Gebäudes wurde 1972 angegeben. Damals sei es das höchste Haus beider deutscher Staaten gewesen. Das Projekt sei als Meisterwerk des Sozialismus gefeiert worden. Nach der Wende sei das City-Hochhaus vom Freistaat Sachsen an eine Bank verkauft worden. Von 1999 bis 2002 sei das Hochhaus vollständig saniert worden. Die alte Aluminiumfassade habe einer Naturstein-Glas-Fassade weichen müssen. Die Universität Leipzig sei nicht mehr im Hochhaus beherbergt worden. Neben anderen Mietern sei dort der MDR eingezogen.

03.11.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (61)

Von den Gebäuden, die den Augustusplatz in Leipzig säumen, halte ich auch das an der Westseite stehende Krochhochhaus für besonders bemerkenswert. Nach heutigen Maßstäben mutet die Bezeichnung Hochhaus für ein nur 43 Meter hohes Gebäude euphemistisch an. Die Planungen für dieses Bauwerk sollen auf das Jahr 1926 zurückgehen. In jenem Jahr hätten die Bebauungspläne für die Innenstadt Leipzigs noch keine Gebäude von außerordentlicher Höhe vorgesehen. Für die Randbezirke der Stadt hätten hingegen Vorbehalte dieser Art nicht bestanden. Bauherr dieses Hauses sei der jüdische Bürger Leipzigs mit Namen Hans Kroch jr. gewesen. Der 1887 geborene Herr Kroch sei dem Beruf des Bankiers nachgegangen und Unternehmer einer Privatbank gewesen. Das besagte Gebäude hätte auf dem Grundstück Goethestraße 2 errichtet werden sollen, das der Universität Leipzig gehört hätte. Mit dieser Institution habe Hans Kroch jr. einen Erbbauvertrag abgeschlossen. Auf dem Grundstück Goethestraße 2 habe ein spätklassizistisches vierstöckiges Haus gestanden. Dieses Haus sei im Sommer des Jahres 1926 abgebrochen worden. Für den Neubau habe es nicht zuletzt im Hinblick auf seinen Standort bestimmte einschränkende Vorstellungen gegeben. Der Neubau sei möglichst bis zur Firsthöhe der benachbarten Gebäude zu führen, dürfe deren Höhe jedenfalls nicht wesentlich übersteigen. Zu beachten sei die für den Augustusplatz vorgesehene Höhenführung. An dem für den Neubau ins Leben gerufenen Architektenwettbewerb hätten nicht nur Architekten aus Leipzig und der Region teilgenommen. Ein erster Preis sei bei diesem Wettbewerb nicht vergeben worden. Beachtung habe jedoch der Entwurf eines gewissen Herrn Distelmeyer aus München gefunden. Der Entwurf dieses Architekten habe ein Turmhaus vorgesehen, dessen drei oberen Stockwerke bekrönt von einem Zinnenkranz über die benachbarten Gebäude hinausragten. Etwa im Goldenen Schnitt habe Distelmeyer eine große Turmuhr vorgesehen. Der First habe sich an der Höhe der Ostfassade der Paulinenkirche orientieren sollen. Das Preisgericht habe in seiner Bewertung des Entwurf des Herrn Distelmeyer folgendes festgestellt: “Die Baumasse des Kroch´schen Hauses kann um weniges die Firstlinie der anschließenden Baukörper übersteigen, ohne allzu aufdringlich zu wirken, doch scheint die vorgeschlagene Überschreitung als zu weitgehend”. Distelmeyer sei anschließend mit der Ausarbeitung des endgültigen Bauplans beauftragt worden. Er sei zu der Überzeugung gelangt, dass eine Höhe von etwa 43 Metern das Maß sei, um annähernd ein Gleichgewicht beider Teile an der Westseite des Augustusplatzes zu erreichen. Über den Ausführungsentwurf Distelmeyers sei innerhalb der verantwortlichen Gremien ein heftiger Streit entbrannt. Auf der kommunalen Seite sei sogar die Auffassung vertreten worden, dass einem Privatbau nicht eine derartige städtebauliche Akzentuierung am Platz zu gestatten sei. Bauherr und Architekt hätten es jedoch vermocht, sich schließlich gegenüber den baugenehmiegenden Stellen durchzusetzen. Die Baugenehmiegung sei aber mit der Auflage erteilt worden, dass das Gebäude zunächst nur bis zur Firsthöhe der Nachbarhäuser geführt werden dürfe. Für die beabsichtigte Höhenstreckung sei die Errichtung einer so genannten Baumaske gefordert worden. Hierzu sei ein Gerüst aufgestellt worden, das die endgültige Bauhöhe von 43 Metern markiert hätte. Der Widerstand der kommunalen Institutionen gegen den vom Bauherrn favorisierten Ausführungsplan wurde offensichtlich aufgegeben. Das Bauvorhaben des Hans Kroch habe nämlich realisiert werden können. Der Bau sei noch vor Eintritt des Sommers im Jahr 1928 vollendet worden.

Das tragende Stahlgerüst habe eine Verkleidung aus Muschelkalkplatten erhalten. Auch für die Baudekoration sei dieses Gestein verwendet worden. Eine ganze Anzahl von Veröffentlichungen über das Krochhochhaus enthalten den Hinweis, dass sich der Architekt bei seiner Planung an dem am Markusplatz in Venedig stehenden Uhrturm orientiert habe. Als Schöpfer des plastischen Bauschmucks habe der Bildhauer Josef Wackerle zur Verfügung gestanden. Dieser Künstler habe den gesamten bildnerischen Schmuck im Innen-und Außenbereich des Hauses entworfen. Hierzu zählten diese Werke: Der Fries über dem ersten Obergeschoss, die Löwen zu Seiten der Kunstuhr, die Ornamente an den Seitenfassaden, die Stuckreliefs im Oberlichtsaal, die Terrakotten der Türwände und Pfeiler, der bronzene Brunnen im Foyer der ersten Etage. Nach meiner Wahrnehmung kommt im Zusammenhang von Wackerles Wirken für das Krochhochhaus den Skulpturen Glockenschläger der Rang des beliebtesten Werk des Künstlers zu. Diese Skulpturen hätten eine Größe von 3,30 Metern. Sie seien in einem Betrieb in München in Kupfer getrieben worden. Die linke Figur stellt einen Jüngling dar, die rechte einen reifen bärtigen Mann. Ich stellte fest, dass drei Glocken über einander installiert worden sind. Die größte Glocke mit einem Gewicht von 5,5 Tonnen habe die Funktion der Stundenglocke. Sie werde von dem reifen Mann geschlagen. Die mittlere Glocke mit einem Gewicht von 2 Tonnen finde Verwendung zum Viertelstundenschlag. Sie werde vom Jüngling betätigt. Die eine Tonne wiegende kleinste Glocke kündige den Viertelstundenschlag an und werde von innen her angeschlagen. Unterhalb der Glockenmänner trüge das Krochhochhaus eine Bauinschrift in lateinischer Sprache. Sie lautet: “Omnia vincit labor”. Auch die außen in Höhe des obersten Geschosses angebrachte Kunstuhr ist für mich ein markantes Objekt. Sie sei in der Leipziger Turmuhrenfabrik B. Zachariä entwickelt und gefertigt worden. Bemerkenswert finde ich, dass das turmartige Gebäude in neun Geschossen an seiner Frontseite nur jeweils drei neben einander liegende Fenster hat. Im obersten Geschoss sind es durch die großformatige Uhr sogar nur zwei. Ich schließe aus dem Erscheinungsbild des Hauses auf eine relativ geringe Nutzfläche pro Geschoss. Für einen Bürobetrieb ist dieses aus meiner Sicht nicht optimal. In der ersten Dekade dieses Jahrhunderts sei eine umfangreiche Sanierung des Gebäudes durchgeführt worden. Seit September 2009 sei eine Nutzung durch öffentliche Einrichtungen zu verzeichnen. Zunächst sei das Ägyptologische Institut der Universität Leipzig eingezogen, sodann das Altorientalische Institut mit einer Bibliothek sowie das Spracheninstitut. Im Sommer 2010 sei schließlich das Ägyptische Museum gefolgt. Dieses befinde sich im unteren Bereich dieses Hauses.

20.10.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (60)

Auf einer Website mit der Bezeichnung “urlaube.info” las ich, dass der Augustusplatz bereits 1928 unter einer SPD-Regierung in Karl-Marx-Platz umbenannt wurde. Zur Zeit des Nationalsozialismus habe er dann wieder seinen ursprünglichen Namen erhalten. Unter dem Regime der SED sei ihm wiederum der Name Karl-Marx-Platz gegeben worden. Nach der Wende sei dann erneut die Umbenennung in Augustusplatz erfolgt. Durch die Luftangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg seien im Bereich des Augustusplatzes verheerende Zerstörungen eingetreten. Durch städtebauliche Maßnahmen staatlicher Stellen der DDR sei weitere historische Bausubstanz zerstört worden, so dass der Platz ein völlig neues Aussehen erhalten habe, das sich nach mehrheitlicher Auffassung negativ von seinem Erscheinungsbild vor dem Zweiten Weltkrieg unterscheidet. Auf einer Leipziger Kunstorten gewidmeten Website wurde folgende Stellungnahme veröffentlicht:”In den Jahren nach der Wende erhielt der Platz, nun wieder Augustusplatz genannt, seine heutige - umstrittene und viel diskutierte - Gestalt. Hauptkritikpunkte sind die Zergliederung der Fläche, die Zerstörung der Blickachsen, der versperrte Blick auf die Randbebauung, das bunkerähnliche Aussehen der Tiefgarageneinfahrt sowie die von den Leipzigern spöttisch als Milchtöpfe bezeichneten Zugänge zu den Parkdecks”.

Der Autor der oben zitierten Website “urlaube.info” kommt zum Schluss, dass der Augustusplatz heute aller Widrigkeiten zum Trotz noch immer Leipzigs wichtigster Platz ist. Seine alte Pracht sei zwar unwiederbringlich verloren, doch nach Abschluss der Umgestaltung in absehbarer Zeit werde er nach Ansicht dieses Autors doch sehr ansehnlich sein. Die besagte Website enthält auch diese Anmerkung: “Die Westseite ist diejenige, an der wohl das meiste wertvolle Architekturgut verloren ging. Hier standen das ehemalige Hauptgebäude der Universität, das Augusteum, und die Paulinerkirche. Das Augusteum mit seiner von Schinkel entworfenen klassizistischen Fassade wurde von 1831 bis 1836 erbaut und schon bald erweitert, da die Kapazitäten schnell erschöpft waren”. Nach meinen Recherchen konnte die Neugestaltung des Komplexes Universität inzwischen weitgehend abgeschlossen werden. Ein für die Staatsbetriebe Sächsisches Immobilien-und Baumanagement tätiger Autor hat sich zur Neugestaltung wie folgt eingelassen:”Der 4. Bauabschnitt ist Teil des Neu-und Umbaus der Universität am Augustusplatz und bildet den östlichen Abschluss des Campus. Unterteilt ist er in die zwei Abschnitte Hauptgebäude (neue Namensgebung Universität: Neues Augusteum) einschließlich Neubau des großen Hörsaales sowie das Anlagegebäude (neue Namensgebung: Universität Paulinum). Der Entwurf des niederländischen Architekten Erick van Egeraat nimmt die historischen Fluchten am Augustusplatz auf. Dabei verleiht die Gebäudesilhouette der Universität ein repräsentatives Gesicht zum Augustusplatz hin. Schwerpukt der Komposition bildet das Dach, welches in moderner Form an die zerstörte Universitätskirche erinnert und die Campusbebauung sowie das in privater Trägerschaft errichtete Café Felsche zum Augustusplatz hin formal verbindet. Insgesamt stellt der Entwurf eine Interpretation der Vorgängerbebauung - insbesondere der Paulinerkirche - in einer expressiven Formensprache und mit modernen Mitteln dar. Mit einem großzügigen Foyerkomplex wurde im Augustinum ein halböffentlicher Raum geschaffen, der als Ort der Erinnerung und als Schnittstelle zum universitären Leben zur Verfügung steht. Zu der Gestaltung der Fassaden des Ensembles finden sich verschiedene historische Baustile wieder”.

29.09.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (58)

Der Augustusplatz in Leipzig sei nach Friedrich August, dem ersten König von Sachsen benannt worden. Friedrich August sei Verbündeter Napoleons gewesen. Nach dem Sturz Napoleons und der Neuordnung europäischer Regionen habe sich die Politik Friedrich Augusts zum Nachteil Sachsens ausgewirkt. Sachsen habe beträchtliche Gebietsverluste hinnehmen müssen. Hiervon betroffen gewesen seien 57 Prozent des Staatsgebiets. Friedrich August I. sei von der Siegermacht Preußen auch persönlich zur Verantwortung gezogen worden. Er sei in die Gefangenschaft Preußens geführt worden, aus der er im Februar 1815 entlassen worden sei.

Nach meinen Recherchen war der Augustusplatz häufig eine Aufmarschfläche für Maßnahmen unterschiedlicher politischer Systeme. Während der Zeit des Nationalsozialismus sollen hier zahlreiche Aufmärsche stattgefunden haben. In jener Zeit sei auf dem Augustusplatz die Leipziger Bücherverbrennung durchgeführt worden. In der Reichsprogromnacht des Jahres 1938 sei hier das jüdischen Bürgern gehörende Kaufhaus Bamberger & Hertz in Brand gesteckt worden.

Der Augustusplatz sei bei den ersten schweren Bombenangriffen auf Leipzig in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 fast völlig zerstört worden. Das alte Universitätsgebäude sei ausgebrannt. Das Bildermuseum und das Theater seien zu Ruinen geworden. Die Universitätskirche hingegen hätte nur leichte Schäden erlitten. Am 01. August 1945 sei der Augustusplatz in Karl-Marx-Platz umbenannt worden. Zunächst seien auf ihm Trümmer aufgeschüttet worden. Ich las, dass auf ihm auch eine Suppenküche eingerichtet worden sei. Die ersten Planungen der Nachkriegszeit hätten einen Wiederaufbau der historischen Gebäude vorgesehen. Diese Planungen seien jedoch bald verworfen worden. Im Jahr 1950 seien nämlich so genannte Sechzehn Grundsätze des Städtebaus verabschiedet worden. Nach diesen Grundsätzen hätten die Stadtzentren als politische Zentren der Städte fungieren sollen. Wichtiger Bestandteil besagter Grundsätze sei die Idee eines zentralen Platzes als Aufmarschfläche für Demonstrationen gewesen. Der zentrale Platz hätte durch eine Hochhausdominante bestimmt und mit Magistralen verbunden sein sollen. Immerhin hätten jedoch auch Pläne für die Errichtung von Kulturbauten bestanden. 1956 habe man dann Bau eines Opernhauses nach den Entwürfen von Kunz Nierade und Kurt Hemmerling begonnen. Vier Jahre später habe dieses Opernhaus seinen Betrieb aufnehmen können. Das Konzept für die weitere Gestaltung des nunmehr Karl-Marx-Platz genannten Augustusplatzes habe sich nach einem Beschluss des Politbüros des Zentralkommitees der SED zur Neugestaltung dieses Platzes aus dem Jahr 1959 gerichtet. Der neue Bebauungsplan habe an der Ostseite eine moderne Hauptpost und ein “Haus der Kunst und Wissenschaft” vorgesehen. Für das Bildermuseum und das Augusteum habe man einen Wiederaufbau geplant. Die Universitätskirche hätte durch Verrollung versetzt werden sollen, weil ein Gotteshaus nicht zu einem sozialistischen Platzensemble gepasst hätte. Die Pläne für die Hauptpost seien in den Jahren 1961 bis 1964 als siebengeschossiger Stahlbetonskelettbau mit Aluminium-Vorhangfassade nach einem Entwurf von Kurt Nowotny umgesetzt worden. Auf der anderen Straßenseite sei als dritter Neubau das Hotel Deutschland in der Zeit von 1963 bis 1965 entstanden. Dieses Hotel sei mit Werken erfolgreicher Künstler der DDR ausgestattet gewesen. In diesem Zusammenhang vernahm ich die Namen Wolfgang Matthöfer und Bernhard Heisig. Im Jahr 1962 sei die Ruine des Bildermuseums abgetragen worden. Die Pläne für einen Neubau zerschlugen sich jedoch. Bereits 1960 habe es die ersten stadtplanerischen Konzepte für einen Neubau der Universität und die Beseitigung der historischen Gebäude gegeben. Entsprechende Maßnahmen seien jedoch zunächst nicht ergriffen worden. Später habe sich sogar Walter Ulbricht eingeschaltet und sich dafür eingesetzt, dass wesentliche Bestandteile des Entwurfs von Hermann Henselmann übernommen wurden. Diese Pläne hätten vorgesehen, sowohl das Universitätshochhaus als auch ein Auditorium Maximum dort zu bauen, wo früher das Bildermuseum gestanden hätte. Ferner hätten die Pläne die Sprengung der Universitätskirche vorgesehen. Dieser Sakralbau sei trotz erheblicher Proteste von Leipziger Bürgern am 30. Mai 1968 gesprengt worden. Danach sei unverzüglich mit den Bauarbeiten für den Universitätskomplex begonnen worden. Der Betonkern des eigentlich als Hörsaalgebäude geplanten Sektionshochhauses sei nach nur anderthalb Monaten in Gleitbauweise hochgezogen worden. Die Turmspitze sei als Stahlfachwerkkonstruktion aufgesetzt worden. 1975 hätten die letzten Teile des Universitätskomplexes fertig gestellt werden können. Das Neue Gewandhaus sei auf jenem Platz als letzter großer Neubau zu DDR-Zeiten zwischen 1977 und 1981 entstanden.

22.09.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (57)

Sowohl im Baedecker Sachsen als auch im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, wird der Augustusplatz zu Leipzig nach meiner Einschätzung relativ ausführlich behandelt. Aus diesem Umstand schloss ich, dass dieser Platz für die Stadt Leipzig eine besondere Bedeutung hat. Bei Recherchen im Internet stellte ich fest, dass im Zusammenhang mit dem Augustusplatz auf etlichen Websites mich interessierende Beiträge veröffentlicht worden sind. Im sonst so akribischen Baedeker Sachsen ist die Lage des besagten Platzes für mich nicht hinreichend genau dargestellt. Dort heißt es, dass sich östlich der Nicolaikirche der Blick auf den Augustusplatz öffnet. Nach meiner Wahrnehmung wird er durch die Goethestraße und den Georgsring begrenzt und befindet sich im inneren Zentrum Leipzigs, an das sich in seiner unmittelbaren Nähe das Zentrum Ost anschließt. Über seine Entstehung fand ich im Reiseführer Leipzig folgende Passage: “Bevor die Mustermesse in die Messehäuser und - hallen einzog, wurden die Waren auf den Plätzen der Stadt ausgestellt und gehandelt. Das Platzangebot der inneren Stadt war bald erschöpft. So führte die schnelle Entwicklung der Messe 1831 zum Abriss des Grimmaischen Tors, und der 40.000 m² große Augustusplatz entstand”. Auf einer Website wurde die Auffassung vertreten, dass der zu großen Teilen im 19. Jahrhundert entstandene Augustusplatz bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als einer der bedeutendsten Großstadtplätze Europas galt. Dessen ältestes Gebäude, die Universitätskirche, habe sich an der Westseite des Platzes befunden. Die spätgotische Kirche sei als Klosterkirche St. Pauli für das Dominikanerkloster 1230 geweiht worden. Seit 1544 habe sie als Universitätskirche und Auditorium Maximum für die 1409 gegründete Universität gedient. Die Leipziger Universität sei von Markgraf Friedrich dem Streitbaren gegründet worden. Sie sei nach Heidelberg die zweitälteste Universität Deutschlands. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei aus Platzmangel eine Erweiterung der Universität notwendig geworden. Das nach Entwürfen von Albert Geutebrück und Friedrich Schinkel errichtete neue Hauptgebäude - das Augusteum - habe 1836 fertig gestellt werden können. Geutebrück ,seit 1827 Stadtbaudirektor, habe seine Pläne für das Augusteum Schinkel vorgelegt und dessen Gegenentwurf für die Fassadengestaltung übernommen. Sechzig Jahre später habe Arwed Roßbach, der in Leipzig auch die Taborkirche entworfen habe, das Augusteum erneuert und die Giebelfront der Universitätskirche im neugotischen Stil umgestaltet. Geutebrück habe ebenfalls die 1838 vollendete Hauptpost entworfen. Dieses Gebäude sei in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts im Stile der Neorenaissance umgebaut worden. Die Südseite des Platzes habe man mit dem Bau des Städtischen Museums abgeschlossen. Dieses Museum sei als Gemäldegalerie aus Mitteln der Leipziger Bürger errichtet worden. Damals habe es bereits einen Kunstverein gegeben, der sich auch dem Erwerb von Gemälden gewidmet habe. Das Kunstmuseum sei jedoch vor allem mit Bildern aus dem Nachlass des Kunstsammlers Adolph Heinrich Schletters bestückt worden.

Mit Mitteln eines Leipziger Bürgers sei auf der gegenüberliegenden Seite des Kunstmuseums zwischen 1864 und 1868 der spätklassizistische Bau des Neuen Theaters entstanden. Als weiteres bemerkenswertes Gebäude auf dem damaligen Augustusplatz wird das Kaffeehaus Felsche aus dem Jahr 1834 genannt.

08.09.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (56)

Die in der Grimmaischen Straße in Leipzig gelegene Mädlerpassage war im Rahmen meiner Serie “Eindrücke in den Neuen Bundesländern” Thema des Artikels vom 25.08.2015. Es ist mir ein Anliegen, meine Ausführungen noch zu ergänzen. Hierbei sollen vor allem architektonische Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Auf einer von mir besuchten Website wurde die Mädlerpassage als fünfgeschossiges Durchgangshaus mit einer 142 Meter langen, viergeschossigen Passage bezeichnet. In dieser kurz gehaltenen Beschreibung wurde besonders auf das Rundbogenportal im Passageneingang hingewiesen. Dieses sei von zwei lebensgroßen weiblichen Gewandfiguren flankiert. Die Figuren trügen Weintrauben und eine Vase. Hiermit habe man die ursprüngliche Zweckbestimmung des Gebäudes als Weinkeller und Messehaus der Branchen Porzellan, Keramik und Steingut ins Bewusstsein rufen wollen. Die Ausstellungsfläche des früher als Messehaus genutzten Teil des Gebäudes habe 8000 Quadratmeter betragen.

Auf einer anderen Website wird berichtet, dass sich die Ausstellungsfläche über vier weitläufige Obergeschosse ersteckt hätte. Die Einkaufspassage hätte den Vorraum zu den sechs Treppenaufgängen des Messepalastes gebildet. Das Glasdach hätte eine kasettenförmige Stahlbetonrippenkonstruktion mit Glasbausteinen aufgewiesen. Es hätte sich in einer Höhe von dreizehn Metern befunden. Unter dem Glasdach seien neben dem Erdgeschoss noch zwei weitere Geschosse zu verzeichnen gewesen. Darüber hätte man nochmals zwei Geschosse errichtet. Die Passage sei zwischen fünf und sieben Metern breit. Sie führe von der Grimmaischen Straße gegenüber der Südseite des Alten Ratshauses über eine oktogene Rotunde zum Neumarkt. An der Grimmaischen Straße befinde sich die prunkvollere der beiden Aussenfassaden. Es handele sich um eine reine Natursandsteinfassade, bei der heller Sandstein verarbeitet worden sei. Den Eingang bilde ein bis ins erste Obergeschoss reichendes Rundbogenportal, mit jenen bereits beschriebenen Sandsteinfiguren. Hinter dem Eingang Grimmaische Straße weite sich die Passage hallenartig aus. Hier seien zwei Treppen zu Auerbachs Keller geschaffen. Bemerkenswert seien die in diesem Bereich aufgestellten Bronzefiguren von Matthieu Molitor. Der Weg durch die Mädlerpassage führe vorbei an markanten Ladenpassagen und den sechs Aufgängen zu den Obergeschossen. Die Treppenaufgänge zu den ehemaligen Ausstellungsflächen fielen ebenfalls durch ihre architektonische Gestaltung auf. Die Portale A, B und D seien nach klassizistischem Vorbild gerahmt. Sie werden jeweils durch zwei Putten als Wappenhalter beidseitig durch Vasen flankiert. Die Rotunde der Mädlerpassage messe 12 Meter im Durchmesser und sei in einer Höhe von 15 Metern mit einer Glaskuppel überdacht. Das Glockenspiel aus Meißener Porzellan habe 1997 eine Neuinstallation erfahren. Es spiele jede volle Stunde ein Musikstück aus dem Genre Klassik oder ein Volkslied. Im südlichen Eckladen am Ausgang zum Neumarkt sei ein barockes Deckenfresko zu bewundern. Dieses stelle Helios im Sonnenwagen dar.

Auf einer Website war hinsichtlich der Mädlerpassage von zwanzig Läden und Gaststätten die Rede. In einem Beitrag der Bildzeitung vom 13.02.2014 wird über einen Leerstand von Läden im Bereich der Mädlerpassage berichtet. Gleichzeitig wird geschildert, dass dort zum damaligen Zeitpunkt Ladenmieten von 60 EUR bis 100 EUR pro Quadratmeter gefordert wurden.

25.08.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (55)

Als besondere Attraktion Leipzigs wird die in der Grimmaischen Straße 3 bis 4 gelegene Mädlerpassage gepriesen. In meinen zwei Artikeln über das Restaurationsunternehmen “Auerbachs Keller” habe ich bereits auf die historischen und architektonischen Zusammenhänge dieser beiden Sehenswürdigkeiten hingewiesen. Im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, wird die Mädlerpassage entsprechend ihrer touristischen Bedeutung mehrfach mit Anmerkungen bedacht. Der längste Eintrag beginnt wie folgt: “Die für Leipzig charakteristischen Hof- und Durchgangsbauten erinnern an den Wohlstand des Bürgertums und die Blütezeit der Mustermessen. Heute präsentieren sich historische Passagen und Innenhöfe im neuen Glanz, und mit neuen Durchgängen wird geschickt Bezug auf die Tradition genommen”. Der Baedeker Sachsen hingegen räumt in seiner auch aus meiner Sicht kompetenten Behandlung der Sehenswürdigkeiten Leipzigs der Mädlerpassage nur wenig Platz ein. Dort heißt es: “Auf der Grimmaischen Straße geht man zurück zum Naschmarkt und biegt links in die Mädlerpassage ein, Leipzigs schönster Ladenpassage, die 1912 bis 1914 als Messehaus für Porzellan und Keramik entstanden ist. Für sie musste Auerbachs Hof weichen, der 1530 bis 1538 erbaut und nach seinem Besitzer , dem Mediziner Dr. Heinrich Stromer von Auerbach benannt war”. Auf der Website des Reiseführers “Marco Polo” fand ich folgenden Satz: “Weltstädtisches Flair, wie keine andere Verkaufsmeile der Stadt, strahlt die elegante Mädlerpassage aus”. Hier wird bemerkt, dass die Mädlerpassage nach dem Vorbild der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele gebaut worden ist. Dieselbe Einlassung habe ich auch in anderen Publikationen gelesen. 1912 habe der Bau des ersten Passagenarmes in der Grimmaischen Straße auf Anweisung des in der Lederindustrie tätigen Unternehmers Anton Mädler begonnen. Der zweite Bauabschnitt mit dem Bau der Rotunde sowie der Fortführung der Passage bis zum Neumarkt falle in das Jahr 1914. Die Mädlerpassage sei fortan als Messehaus für Porzellan-Wein- und Ledermessen genutzt worden. Sie hätte über eine Ausstellungsfläche von 8000 Quadratmetern verfügt. Die Entwürfe für dieses Bauwerk stammten übrigens von Theodor Kössel, der seinerzeit als Königlich Sächsischer Baurat fungiert hätte. Er sei als Sieger eines Architektenwettbewerbs hervorgegangen.

Die Nutzung als Messehaus sei auch zur Zeit der DDR fortgesetzt worden. In jener Zeit sei es zu keiner Enteignung gekommen. Das Leipziger Messeamt habe die Mädlerpassage treuhänderisch verwaltet. Mit dem Bau des Messehauses am Markt in den Jahren 1963 bis 1965 habe die Passage einen dritten Zugang von der Petersstraße erhalten. Den Plan eines dritten Zugangs hätte bereits Anton Mädler verfolgt. Er habe jedoch seinen Plan nicht verwirklichen können, weil es ihm nicht gelungen sei, die entsprechenden Grundstücke zu erwerben. 1970 sei am Übergang zur Petersstraße ein Glockenspiel aus Meißener Porzellan angebracht werden. Nach der Wende hätten Erbinnen Anton Mädlers ihre Eigentumsrechte wieder in vollem Umfang wahrnehmen können. 1991 habe der Unternehmer Jürgen Schneider Mehrheitsanteile an der Immobilie erworben. Sein Vorhaben, die Immobilie zu sanieren, habe er nicht durchführen können, weil ihn 1995 die Insolvenz ereilt habe. Das Objekt sei dann von der Commerzbank übernommen und von 1995 bis 1997 umfassend saniert und einer neuen Nutzung zugeführt worden. 2008 sei der Verkauf der Mehrheitsanteile an die Mädler-Passage Grundstücks GmbH und Co KG erfolgt. Die übrigen Anteile würden von einer Enkelin Anton Mädlers gehalten.

Die Ausführungen über die Mädlerpassage werden von mir fortgesetzt.

eMail: joern-lorentzen@t-online.de

18.08.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (54)

Meinen Artikel vom 21.07.2015 aus der Reihe “Eindrücke in den Neuen Bundesländern” habe ich bereits dem Restaurationsbetrieb “Auerbachs Keller” gewidmet. Dabei stand die gegenwärtige Situation von “Auerbachs Keller” im Mittelpunkt meiner Ausführungen. In diesem Artikel bin ich auch schon kurz auf die Person und das Wirken von Prof. Dr. med et phil Heinrich Stromer eingegangen, bei dem es sich um den Gründer dieses Restaurationsbetriebes handele. Heinrich Stromer, der auch unter dem Namen Dr. Auerbach bekannt geworden sei, halte ich für eine interessante Persönlichkeit, so dass es mir geboten erscheint,meine früheren Ausführungen zu ergänzen. Heinrich Stromer sei im Jahre 1482 in Auerbach in der Oberpfalz geboren. Er sei 1497 nach Leipzig gekommen und habe an der dortigen Universität das Studium der Medizin aufgenommen. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass ein Junge von 15 Jahren Medizin studiert. Dieses Sudium habe er 1501 als Magister abgeschlossen. !508 sei er Rektor der Universität Leipzig geworden. !509 sei Heinrich Stromer in das “Große Fürstenkollegium” aufgenommen. Ich muss bekennen, dass mir diese Institution unbekannt ist. Meine Recherchen zu diesem Begriff verliefen bisher ergebnislos. 1511 sei er zum Doktor der Medizin promoviert worden. 1516 sei er zum Professor für Pathologie ernannt worden. 1518 habe er gemeinsam mit dem Humanisten Ulrich von Hutten, den er aus dessen Zeit in Leipzig gekannt habe, am Reichstag zu Worms teilgenommen. In den Januar 1519 falle Heinrich Stromers Heirat mit Anna Hummelshain, der Tochter des Großkaufmanns Hans Hummelshain. Dieser habe seinerzeit zu den reichsten Bürgern Leipzigs gezählt. Hans Hummelshain habe in Leipzig die Funktion eines Ratsherrn versehen. Im Sommer 1519 sei Heinrich Stromer Zuhörer bei der Leipziger Disputation gewesen, bei der bekanntlich Martin Luther auf Johannes Eck getroffen sei. Seit 1520 habe er ebenfalls als Ratsherr fungiert. Was Stromers Wirken als Mediziner betrifft, so erfuhr ich, dass er als Dekan der Medizinischen Fakultät die Anatomie in Leipzig eingeführt hat. Er sei Leibarzt Georg des Bärtigen, Herzog von Sachsen gewesen. Diese Position habe er auch bei Joachim I. , Kurfürst von Brandenburg und Albrecht Erzbischof von Mainz, der zudem Kardinal und Kurfürst gewesen sei, bekleidet. Persönliche Kontakte hätten zum Humanisten Petrus Mosellanus und zum Theologen Philipp Melanchton bestanden. Über die Freundschaft mit Martin Luther habe ich im Artikel vom 21.07.2015 berichtet. Bemerkenswert finde ich ferner, dass er mit Erasmus von Rotterdam und Paracelsus im Briefwechsel gestanden habe. Außerdem sei Heinrich Stromer als Publizist in Erscheinung getreten. Mir haben sich die Schrift “Betrachtungen zur Pest” und ein Rechenbuch mit dem Titel “Algorithmus linearis” eingeprägt. Dieser Heinrich Stromer habe im Jahr 1529 das Grundstück Grimmaische Str. 2 in Leipzig erworben. Er habe es von 1530 bis 1538 oberirdisch mit einem großen Gebäudekomplex bebauen lassen. Dieses Anwesen sei nach seinem Erbauer Auerbachs Hof genannt worden. Der besagte Gebäudekomplex soll vom 16. Bis zum 19. Jahrhundert der größte und bedeutendste Handelshof der Stadt gewesen sein. Die vorhandenen mehretagigen Weinkeller im Untergeschoss habe Stromer noch ausgebaut. Ich las, sie hätten lange Zeit als die größten der Stadt und angeblich sogar ganz Deutschlands gegolten.

Im Jahr 1635 sei der Weinkeller noch einmal erweitert worden.

1912 habe der Kofferfabrikant Anton Mädler Auerbachs Hof abbrechen und auf dem vergrößerten Grundstück bis 1914 die Mädlerpassage errichten lassen. Aus statischen Gründen hätte auch Auerbachs Keller abgebrochen werden müssen. Entgegen ursprünglichen Plänen sei dieser jedoch originalgetreu und unter Verwendung der historischen Substanz wieder aufgebaut worden. Der Eingang zum Keller sei an die neue Passage dergestalt angepasst worden, dass zwei gegenüberliegende, abgewinkelte Treppen von einem neuen Vorraum in die Passage führten. Diese sei an jener Stelle leicht aufgeweitet.

Von 1927 an habe die Dortmunder Unions - Brauerei das Restaurationsunternehmen betrieben. 1945 sei dort vorübergehend eine Suppenküche eingerichtet worden. Ende der 1940iger Jahre habe die staatliche Handelsorganisation HO Auerbachs Keller übernommen. Nach der Wende sei der Restaurationsbetrieb in den Besitz des vor allem in der Immobilienbranche tätigen Unternehmers Schneider gelangt. Auerbachs Keller sei jedoch in ein Insolvenzverfahren verwickelt worden. Mit der Übernahme durch die Eheleute Rothenberger am 18.04.2006 sei für Auerbachs Keller eine Phase wirtschaftlicher Prosperität zu verzeichnen.

30.06.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (53)

Bei der Suche nach weiteren bemerkenswerten Bauwerken in Leipzig stieß ich auf den Neubau der Propsteikirche St. Trinitatis. Bei Wikipedia wurde ich darüber unterrichtet, dass es sich bei St. Trinitatis um den größten Kirchenneubau im Osten Deutschlands seit der politischen Wende handelt. Für die Katholische Kirche ist dieser Sakralbau offensichtlich von überregionaler Bedeutung. Auf einer Website des Bistums Dresden-Meissen wird berichtet, dass bei der Weihe der Kirche im März 2015 der Päpstliche Nuntius zugegen war und eine Botschaft des Papstes übermittelte. Der Sächsische Ministerpräsident Tillich habe ebenfalls an den Feierlichkeiten anlässlich der Kirchweihe teilgenommen. Auf der Website des Bistums wurde hervorgehoben, dass die gegenüber dem Neuen Rathaus in der Nonnenmühlgasse gelegene neue Propsteikirche aus rotem Porphyrstein deutlich das Stadtbild prägt. Es wurde jedoch auch eingeräumt, dass die Kirche St. Trinitatis mit ihrem 50 Meter hohen Turm deutlich unter der Höhe des weltlichen Nachbargebäudes bleibt. Die Kirche sei von den Leipziger Architekten Ansgar und Benedikt Schulz, bei denen es sich um Brüder handele, entworfen worden. Der Bau umfasse die Kirche und ein Gemeindezentrum, dazu die Wohnungen für Priester und Hausmeister. Die Gebrüder Schulz hätten sich in der Weise geäußert, dass das Ergebnis auch ihre Erwartungen übertroffen habe. Ein besonderes Merkmal des Neubaus sei die konsequente Berücksichtigung des Nachhaltigkeitsgedankens. In dieser Hinsicht sei mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zusammengearbeitet worden. Schon beim Architektenwettbewerb seien die Entwürfe an zwanzig ergänzenden Kriterien der Nachhaltigkeit gemessen worden. Die Heizung und Kühlung erfolge über 18 Erdsonden in 140 Metern Tiefe. Während die Photovoltaik-Fläche an der Südseite des Turmes 144 Quadratmeter betrage, belaufe sich diese auf dem Dach des Kirchenraumes sogar auf 333 Quadratmeter. Der erzeugte Strom entspräche dem Bedarf von 20 statistischen Musterhaushalten. Ein eigener Brauchwasser-Kreislauf verringere den Trinkwasserverbrauch erheblich. Für die Beleuchtung seien fast durchgängig LED-Leuchten verwendet worden. Im Gebäude seien 390 LED-Leuchten installiert worden. Nach Darstellung des betreffenden Autors auf der Website des Bistums sei das gesamte Gebäude vorbildlich und langlebig gedämmt. Mit einem Anteil von etwa 76 Prozent erzeuge es den Großteil der Energie, die es braucht, vor Ort selbst. Interssant finde ich die veröffentlichten Zahlen über die für das Objekt eingesetzten Baustoffe und sonstigen Materialien. Es seien mehr als 1.500 Tonnen Porphyr für die Fassade und etwa 50 Tonnen Granit für den Sockelbereich des Gebäudes verbaut worden. 42.300 Meter Elektrokabel seien verlegt worden. Ferner seien 4.500 Kubikmeter Beton mit einem Gesamtgewicht von 11.500 Tonnen inklusive Bewehrung verbaut worden.

Bei Wikipedia fand ich die folgende Beschreibung des Bauwerks: “Im östlichen Teil wurde ein kompakter Baukörper errichtet, an den sich einen Hof umfassend niedrige Teile anschließen und sich nach Westen verjüngen, um schließlich im Glockenturm zu enden. Das Gebäudeensemble hat einen dreieckigen Grundriss. Im Ostteil befindet sich der Kirchenraum, an den sich südlich eine Werktagskapelle und die Sakristei anschließen. Im Westteil (Spitze) befinden sich im Erdgeschoss ein großer Gemeindesaal sowie diverse Gemeindebüros; im Obergeschoss ist eine Priesterwohnung untergebracht. Die Spitze bildet der 50 Meter hohe Glockenturm”.

Aus den Mitteilungen des Bistums Dresden - Meissen halte ich noch einige ergänzende Anmerkungen für angebracht. Zunächst sei erwähnt, dass das Turmkreuz aus Edelstahl besteht und 7 Meter hoch ist. Auf der Seite zum Rathaus hin soll das Gebäude auf einer Länge von 55 Metern um 6,30 Meter über den Gehweg ragen. Der Teil des Überstandes über der Fensterfront des Kirchenraums bilde im Innern die Empore mit Orgel und Platz für Chor und Orchester. Darunter befände sich das von dem Künstler Falk Haberkorn geschaffene Fenster mit einer Höhe von 3,06 Metern und einer Breite von 22 Metern. Die Fläche des Kirchenraums wird mit 640 Quadratmetern angegeben. Das an der Wand über dem Altar angebrachte Kreuz messe 9,18 x 9,18 Meter. Dieselben Maße habe das Kreuz im Rücken der Empore. Altar, Ambo (Lesepult), Tabernakel und weitere Objekte seien von Jorge Prado entworfen worden. Nach Sichtung diverser Abbildungen komme ich zu dem Urteil, dass der Innenraum schlicht und weitgehend schmucklos, aber durch die Sparsamkeit der eingesetzten gestalterischen Mittel durchaus geschmackvoll und ansprechend ist. In Anbetracht meiner geringen Kenntnisse über die Gegenwarts-Architektur nehme ich von einer Beurteilung des Baukörpers, in dem ich einen reinen Funktionsbau sehe, Abstand.

Für erwähnenswert halte ich noch, dass die Kosten des Baukörpers mit 15 Millionen Euro veranschlagt und nur um 10 Prozent überstiegen wurden. Das Grundstück habe man übrigens für fast eine Million Euro erstanden.

21.04.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (52)

Im Baedeker Reiseführer Sachsen und im Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, ist die Russische Gedächtniskirche als Sehenswürdigkeit der Stadt Leipzig aufgeführt. Dieser Umstand veranlasste mich, Recherchen über diesen Sakralbau durchzuführen, zumal auch entsprechende Abbildungen mein Interesse geweckt hatten. Ich erfuhr, dass dieses Gotteshaus, das auch unter der Bezeichnung Kirche St. Alexei geführt wird, auf historischem Gelände errichtet wurde. Auf diesem Gelände habe 1813 die Völkerschlacht zu Leipzig stattgefunden. Bei der besagten Schlacht seien 22.000 russische Soldaten gefallen. Der Baugrund sei von der Stadt Leipzig kostenlos zur Verfügung gestellt worden. Die Baupläne hätten vom russischen Architekten Wladimir Prokowski gestammt. Die Kirche sei von deutschen und russischen Maurern unter Leitung der einheimischen Architekten Weidenbach und Tschamer gebaut worden. Die deutschen Architekten hätten die Pläne überarbeitet und leicht verändert. Zu den Veränderungen hätte eine Verkleinerung des Baukörpers gehört. Abweichend von den sonstigen russischen Kirchen, für die fünf Türme typisch seien (ein großer und vier kleine), sei diese Kirche in Anlehnung an den Nowgoroder Stil des 16. Jahrhunderts mit nur einer 55 Meter hohen Kuppel bedacht worden. Es ist die Rede davon, dass die Himmelsfahrtskirche in Moskau-Kolomenskoje, die von 1530 bis 1532 erbaut worden sei, als Vorbild für den Leipziger Sakralbau gedient habe. Bei der Himmelsfahrtskirche sei zum ersten Mal ein neuer Turmstil in Gestalt eines Zeltdachs wirksam geworden. Dieser Turmstil sei in Leipzig übernommen worden. Das Bauwerk sei als verputzter Ziegelbau mit einer sechzehnseitigen Zeltdachkonstruktion aus Eisenbeton errichtet worden. Auf einer Belangen der Architektur gewidmeten Website las ich, dass sich die Kuppel über dem quadratischen Hauptbau blütenförmig vom Acht- zum Sechzehneck entwickelt und in einer Zwiebel mit Patriarchenkreuz mündet. Bemerkenswert finde ich, dass die Russische Gedächtniskirche aus einer Unterkirche und einer Oberkirche besteht. Die Unterkirche wird auch Winterkirche, die Oberkirche auch Hauptkirche genannt. Der in der Unterkirche befindliche größte Raum werde von der Gemeinde für Andachten und kleinere Veranstaltungen genutzt. Auf der von mir geschätzten Architektur-Website wird angemerkt, dass die Unterkirche bis 1927 als Bibliothek und Museum gedient habe. Im Zweiten Weltkrieg habe man die Bücher ausgelagert. Die Bücher seien jedoch an ihrem neuen Standort verbrannt. Auf anderen Websites wird nach meiner Wahrnehmung der Eindruck erweckt, dass in der Unterkirche auch heute noch ein Museum unterhalten wird. Gottesdienste fänden in der darüber liegenden Hauptkirche statt. Zu ihr führten zwei Freitreppen, die von achteckigen Laternen mit dem russischen Doppeladler flankiert würden. Die Hauptkirche sei unbestuhlt. Nach Ansicht des Autors der erwähnten Architektur-Website verschmelze sie völlig mit der Kuppel. Sie werde durch eine Ikonostase geteilt. Die Ikonenwand sei siebenreihig und achtzehn Meter hoch. Eine Inschrift weise sie als “herzinniges Geschenk der Donkosaken” aus. Die 78 Bilder seien mit Lackfarben auf Zedernholz gemalt. Zum Teil seien sie mit Halbedelsteinen verziert. Die Ikonen seien von Luka Martjanowitsch Jemeljanow geschaffen worden. In einem von mir gesichteten Beitrag wird die Auffassung vertreten, die besagten Ikonen seien in Deutschland die einzigen, die dem byzantinischen Stil entsprächen. Von den Werken dieses Malers sollen übrigens in Russland nur noch wenige erhalten sein. Unter der Ikonenwand hänge ein Bild, das den Moskauer Metropoliten Alexei zeige, dem die Kirche geweiht sei. Zum Inventar der Hauptkirche gehöre auch ein 800 Kilogramm schwerer Bronzeleuchter, der vom Zaren Nicolaus II. gestiftet worden sei. Der Kirchenraum sei 40 Meter hoch. Der amtierende Erzpriester habe eingeräumt, dass der Innenraum der Hauptkirche klein sei, habe aber zugleich betont, sie sei sehr hoch, weil sie als Säule gedacht sei, die man von weitem sähe. Ich wurde darüber unterrichtet, dass das Goldmosaik des Turms aus 300.000 kleinen Steinen besteht. Ein Laubengang führe um die Kirche herum zu der an der Rückseite gelegenen Grube, der eigentlichen Gedenkstätte für die Gefallenen. Ein Bild zeige Marschall Kotusow, der die russischen Truppen nach ihren Erfolgen über Napoleon nach Deutschlang geführt hätte, aber noch vor der Völkerschlacht, im April 1813, in Schlesien verstorben sei. An der Kirchenmauer hätten Angehörige der Roten Armee eine Tafel mit der folgenden Inschrift angebracht: ”Ewiger Ruhm den Helden, die für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Vaterlandes gefallen sind. 1813 bis 1945”.

Am 17.10.1913 sei das dem Heiligen Metropoliten Alexei von Moskau gewidmete Gotteshaus eingeweiht worden. An diesen Feierlichkeiten hätten der russische Großfürst Kyril Wladimirowitsch Romanow und der deutsche Kaiser Wilhelm II. teilgenommen.

Die Kosten für diesen Sakralbau hätten 1 Million Goldmark betragen und seien aus russischen Finanzmitteln bestritten worden.

Die Kirche St. Alexei sei seit 1994 Unesco-Weltkulturerbe.

07.04.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (51)

Durch den Reiseführer Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, nahm ich Kenntnis von der Existenz der in Leipzig-Südvorstadt gelegenen Peterskirche. Mich interessiert die Epoche der Gründerzeit. Mein Interesse für die Architektur dieser Zeit schließt die seinerzeit errichteten Sakralbauten mit ein. In jenen Jahren sei eine Zunahme der Bevölkerung der Südvorstadt zu verzeichnen gewesen. Hiermit sei auch ein Anstieg der Mitglieder der Evangelischen Kirche in diesem Bereich verbunden gewesen. Die zuständigen kirchlichen Gremien hätten daher den Neubau eines Gotteshauses in Leipzig-Südvorstadt beschlossen. Auf der Website der Peterskirche Leipzig wird berichtet, dass 1877 ein Wettbewerb unter 291 deutschsprachigen Architekten für den Neubau der Peterskirche ausgeschrieben wurde. Als Areal für den Sakralbau habe die Stadt Leipzig den Schletterplatz, der heute den Namen Gaudigplatz trage, vorgeschrieben. Auf die Ausschreibung seien 80 Entwürfe im Jahr 1878 eingegangen. Die Jury habe jedoch keinen Entwurf zur Audführung empfehlen können. Man habe daher die am Ausschreibungsverfahren beteiligten Architekten August Hartel und Konstantin Lipsius beauftragt, einen gemeinsamen Kompromissentwurf in einem der christlichen Baustile zu erarbeiten. Beiden Architekten seien fundierte Kenntnisse und Erfahrungen hinsichtlich des gotischen Stils in seiner monumentalsten Ausprägung bescheinigt worden. Bei der Peterskirche habe es sich um den ersten evangelischen Kirchbau in Leipzig seit der Reformation gehandelt. Die Weihe dieses Gotteshauses sei am 27. Dezember 1885 erfolgt. Maßnahmen der Instandsetzung seien zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt worden. Bei dem am 04. Dezember 1943 durchgeführten Angriff der Luftstreitkräfte der Alliierten sei die Peterskirche stark beschädigt worden. Hierbei sei das Hauptdach völlig zerstört worden. Außerdem seien Schäden an den Kapellen und den Fenstern entstanden. Ferner seien Zerstörungen im Innenraum zu beklagen gewesen. Auch sei die 1885 von Wilhelm Sauer gefertigte große Orgel verlorengegangen. Der Dachstuhl und das Gewölbe seien in den Jahren 1948/49 provisorisch gesichert worden. Über einen Zeitraum von zehn Jahren habe das Gotteshaus über kein Hauptdach verfügt. Anlässlich des Evangelischen Kirchentages 1954 in Leipzig sei das Dach mit Hilfe der Schwedischen Kirche wieder errichtet worden. Gleichzeitig sei die Kirche zur provisorischen Nutzung hergerichtet worden. Es sei jedoch in den Folgejahren durch Diebstahl, Vandalismus und witterungsbedingte Steinzersetzung zu weiteren Zerstörungen gekommen. Von 1973 bis 1976 seien mit Hilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland Maßnahmen des Wiederaufbaus getroffen worden, die dem Kapellenkranz und dem Hauptdach gegolten hätten. 1978 habe die Kirchengemeinde beschlossen, das feste Gestühl aus dem Kirchenraum zu entfernen.

Nach der politischen Wende sei 1992 mit der Beräumung und schrittweisen Instandsetzung der Kirche begonnen worden. Seither seien das Dach, weite Teile der Sandsteinfassade und die gesamte Taufkapelle saniert worden. Der Glockenturm sei in den Jahren 2008 und 2009 aufgrund des stark verwitterten Sandsteins bis zur Höhe des Zifferblatts abgetragen und mit einer Kombination aus altem Material und neuen Sandsteinen wieder aufgebaut worden. Zusätzlich sei das Innere der Spitze mit mehreren Ringankern und Stahlstreben gesichert worden. In einem zweiten Bauabschnitt sei auch der Turmschaft saniert worden. Die grundhafte Sanierung aller äußeren Bereiche der Peterskirche habe man im Juli 2014 abschließen können.

Im erwähnten Reiseführer wird angemerkt, dass die Peterskirche mit einer Kirchenschifflänge von 75 Metern und einer Turmhöhe von 88 Metern Leipzigs größter Kirchbau ist. Der Innenraum weise 2.500 Sitzplätze auf. Nach Ansicht des Autors des betreffenden Beitrags sei wohl kaum eine andere Kirche Leipzigs so reich mit Bauschmuck und bildhauerischen Arbeiten versehen.

Auf einer Website fand ich eine Stellungnahme zur Peterskirche aus der Sicht eines Architekten. Zum Begriff Typus wird dort ausgeführt, dass es sich bei der Peterskirche um eine Hallenkirche mit 5/8 Chorschluss, Doppelturmfront mit niedrigen Türmen und seitlichem, das Dach überragendem Glockenturm handelt. Zum Baukörper wird stichworthaft festgestellt: “Natursteinfassade, am Chor drei Rundkapellen mit Kegeldach, dem Hauptportal vorgestelltes offenes Triangel, Fassaden reich gegliedert, Seitenwände zweizonig mit Strebepfeilern, Zwerchgiebeln und Fialen”. Zum Innenraum wird konstatiert: “Breites Mittelschiff und schmalere Seitenschiffe, Bündelpfeiler, Rippengewölbe, dreiseitige Emporen, Altar, Kanzel, Lesepult, Orgelprospekt (Sauer,1886), Orgel (Jahn), Eichenholzgestühl auf den Emporen”. Ferner wird erwähnt, dass am Haupteingang ein Gefallenendenkmal steht. Dieses sei nach Entwürfen von Max Alfred Brumme geschaffen worden. Entstehungsjahr sei 1937.

31.03.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (50)

Beim Durchblättern des Reiseführers Leipzig des Vista Point Verlags, Köln, wurde ich durch einen kurzen Beitrag auf die Versöhnungskirche in Leipzig aufmerksam. Dieses von 1930 bis 1932 errichtete Gotteshaus wird dort als einer der wenigen bedeutenden Kirchenbauten der klassischen Moderne in Deutschland (Stahlbauweise) im Sinne der Bauhausarchitektur mit bildkünstlerischer Ausstattung jener Zeit vorgestellt. Websites kirchlicher Institutionen unterrichteten mich darüber, dass die Versöhnungskirche nach einem Entwurf des Architekten Hans Heinrich Grotjahn erbaut wurde. Durch meine Recherchen über diesen Architekten habe ich erfahren, dass der als Heinrich Karl Wilhelm Grotjahn getaufte Baumeister am 17.07.1887 in Hannover geboren wurde. Der Name Hans Heinrich Grotjahn werde als eine Art Pseudonym angesehen. Sein Vater sei der Maurermeister Heinrich Grotjahn. Das Stadtarchiv Hannover soll die Auskunft erteilt haben, dass der in seiner Architekten-Funktion als Hans-Heinrich Grotjahn auftretende Mann eine Kaufmannslehre in Hannover absolviert habe. Nach anderweitigen Erkenntnissen habe er aber auch das Maurerhandwerk “von der Pike auf” gelernt. Grotjahn habe ab 1903 die Baugewerkschule Hildesheim besucht. Dann sei er Gasthörer der Technischen Hochschule Stuttgart gewesen. Seit dem Jahr 1917 habe er als Architekt in Leipzig gearbeitet. 1936 sei er nach Stuttgart-Vaihingen verzogen. Grotjahn sei Mitglied des Bundes Deutscher Architekten gewesen. Über sein Wirken als Architekt konnte ich relativ wenig in Erfahrung bringen. Erwähnt wurde, dass er das Rathaus in Mölkau gebaut habe. Auch ist von Wohnbauten in der Magdeburger Straße in Leipzig-Gohlis die Rede. Bei Wikipedia sind einige Wettbewerbsentwürfe angeführt, bei denen es jedoch nicht zur Bauausführung gekommen sei. Hierbei habe es sich um folgende Entwürfe gehandelt:

Gesellschaftshaus Bürgerressource in Stralsund (1915)

Verwaltungsgabäude der Allgemeinen Ortskrankenkasse Dessau (1929)

Museum in Bautzen (1929)

Hinsichtlich der von Grotjahn entworfenen Bauwerke heißt es bei Wikipedia, dass er in den 1920er Jahren im Stil der Neuen Sachlichkeit bzw. des Neuen Bauens gebaut habe. Auf kirchlichen Websites ist die Beschreibung der Versöhnungskirche eines gewissen Heiner Darre zu lesen. Dieser hat sich unter anderem wie folgt eingelassen: “Die Eingangsseite hat in ihrer Mitte ein als Kreuz gestaltetes farbig verglastes Fenster, unter dem sich ein Ehrenhof befindet. An der Nord-West-Seite steht der 43m hohe, durch Fensterbänder vertikal gegliederte Turm. Dem Eingangsbau, der eine Vorhalle, die Treppenhäuser und unterschiedlich nutzbare Räume enthält, schließt sich der Kirchsaal an. Das Innere besticht durch Weiträumigkeit und Monumentalität. Die Deckengestaltung des in der Mitte erhöhten Raumes vermittelt den Eindruck funktionaler Sachlichkeit. Erhellt wird das Kirchenschiff von farbigen, vertikal gegliederten Fenstern. Einschließlich der Empore bietet die Kirche 700 Sitzplätze. Den Zielpunkt des Raumes bildet eine Nische, in der der blockförmige Altar steht. Darüber befindet sich eine Sandsteinplatte mit den Reliefs des verlorenen Sohnes und des barmherzigen Samariters. In der Mitte wird der Altar von einer monumentalen Christusstatue überragt. Die Kanzel ist in die linke Wand integriert, während die rechte Wand vor der Altarnische ihren Akzent durch das ornamentale Gitter der Orgelverkleidung erhält. Unterhalb der anschließenden Orgelempore liegt die Feierkirche, ein vom Schiff aus zugänglicher kleiner Gottesdienstraum, der für Andachten, Trauungen oder Taufen gedacht ist. Szenisch gestaltete Fenster geben dem Raum sein Gepräge”.

Laut Wikipedia hätten in der Zeit des Nationalsozialismus die sachlich funktionelle Form der Versöhnungskirche, der markante 43 Meter hohe Turm mit vertikal verlaufenden Fensterbändern sowie das in Kreuzform gestaltete Fenster im Eingangsbereich durch Funktionäre des Regimes zu Angriffen gegen den Kirchenvorstand wegen vorgeblich entarteter Kunst geführt. Diese diffamierende Einschätzung hätte sich auch auf die von den Künstlern Max Alfred Brumme, Odo Tattenbach (Hannes Schulz-Tattenbach) und Curt Metze erstellte Innenausstattung bezogen.

24.02.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (49)

Nach intensiven Recherchen im Internet muss ich feststellen, dass sämtliche Autoren der von mir studierten Websites auf die Innenausstattung der Thomaskirche zu Leipzig nur mit wenigen Sätzen eingehen. Ich vernahm, dass die Bilder sämtlicher Superintendenten im Chorraum angebracht sind. Der Chorraum wird übrigens auf der Website der Thomaskirche Altarraum genannt. Die ältesten Porträts seien 1614 gefertigt worden. Die bunten Ornamentglasfenster im Chorraum und auch an der Südseite seien nach 1889 eingesetzt worden. Die Chorraumfenster stellten Geburt, Taufe und Auferstehung Jesu sowie die Emmaus Jünger dar. In diesem Bereich habe man auch das von Gottfried von Stockhausen entworfene Thomas-Fenster eingesetzt. In der Mitte des Chorraumes sei der Paulinenaltar aufgestellt. Bei diesem Altar handele es um das Werk eines unbekannten Meisters aus dem 15. Jahrhundert. Der Altar stamme aus der einst am Augustusplatz gelegenen Paulinerkirche. Dieser Sakralbau sei 1240 im Stil einer spätgotischen Hallenkirche errichtet worden. Seinerzeit sei er Kirche des Dominikanerklosters gewesen. Seit 1543 habe die Paulinerkirche im Eigentum der Universität Leipzig gestanden. Sie habe alle Kriege unversehrt überstanden. Am 30. Mai 1968 sei die Universitätskirche gesprengt worden. Sie habe nach Darstellung des “Reiseführers Leipzig” des Vista Point Verlags, Köln, nach Auffassung des SED-Regimes nicht auf den sozialistischen Karl

-Marx-Platz und neben einen Universitätsneubau mit kommunistischer Prägung gepasst. So sei die intakte Universitätskirche kurzerhand für baulich nicht erhaltenswert eingestuft worden. Die erwähnte Gedenktafel enthält zu diesem Vorgang folgende Stellungnahme:”Diesen Akt der Willkür verhinderten weder die Stadtverordneten noch die Leipziger Universität. Sie widerstanden nicht dem Druck eines diktatorischen Systems”.

Die Fenster auf der Südseite des Langhauses zeigten die folgenden Motive: Gedächtnis-Fenster für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, König Gustav Adolf II. von Schweden, Johann Sebastian Bach, Martin Luther mit Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen und Philipp Melanchthon, Felix Mendelssohn Bartholdy (seit 1997) und Kaiser Wilhelm I. Im Oktober 2009 sei diese Reihung durch das Friedens-Fenster im Entwurf von David Schnell ergänzt worden. Ein Autor der Website mit der Bezeichnung “Leipzig-Sachsen” hat sich unter anderem zum Inneren der Thomaskirche wie folgt eingelassen:”Das prachtvolle Gewölbe des Kreuzrippen-Langhauses verleiht der Thomaskirche eine eindrucksvolle Akustik. Das farbige Rippensystem bringt in seinem Kontrast zum weißen Putz die dynamischen Kräftebahnen sehr plastisch zum Ausdruck”. Ich wurde auch darüber unterrichtet, dass sich in der Sakristei dieses Gotteshauses Instrumente aus der Bach-Zeit befinden. Es würden zwei Geigen, eine Bratsche, ein Kontrabass, ein Violoncello und zwei Pauken ausgestellt. Auf der Website der Thomaskirche wird eine Anzahl von Epitaphen (Grabplatten) als bemerkenswert hervorgehoben. Die älteste Grabplatte sei die des Ritters Harras, der 1451 verstorben sei. Sie befinde sich unter der Südempore links vom Seiteneingang. Im nördlichen Vierungsraum sei das Epitaph für den Ratsherrn David Leicher von 1612 angebracht. Zu den besonderen Kunstwerken des Gotteshauses wird auf der kirchlichen Website auch der Taufstein aus Marmor und Alabaster gezählt. Dieser sei von Franz Döteber in den Jahren 1614 und 1615 geschaffen worden. An ihm seien biblische Szenen dargestellt. Er sei 2009 restauriert worden. Als nicht minder bedeutend werde die Johann Sebastian Bach gewidmete bronzene Grabplatte angesehen.

17.02.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (48)

Die Architektur der Thomaskirche zu Leipzig sagt mir nicht zu. Auf mich wirkt dieser Sakralbau unharmonisch. Nach meinem Empfinden wurden hier zu viele heterogene Stilelemente zusammengeführt, so dass der gesamte Baukörper zusammengestückelt wirkt. Dennoch ist die Thomaskirche auch aus meiner Sicht ein bemerkenswertes Bauwerk. Für mich als historisch Interessierten ist die Geschichte der Thomaskirche durchaus von Bedeutung. Hierzu habe ich daher die nachstehend aufgeführten Einzelheiten in Erfahrung gebracht. Auf der Fläche des heutigen Kirchenbaus sei im 12. Jahrhundert eine Marktkirche errichtet worden. Bei diesem Gotteshaus habe es sich zunächst um eine dreischiffige Pfeilerbasilika ohne Querhaus gehandelt, die im Westen durch einen sich über alle drei Schiffe erstreckenden Breitturm abgeschlossen gewesen sei. 1213 sei die Marktkirche von dem Markgrafen Dietrich dem von ihm gestifteten Augustinerkloster St. Thomas als Stiftskirche St. Thomas übergeben worden. Die Stiftskirche sei nach dem Apostel Thomas benannt worden. Es wird berichtet, dass der Minnesänger Heinrich von Morungen eine Reliquie des Heiligen Thomas aus Indien mitgebracht und sie dem Stift anlässlich seines Eintritts in die kirchliche Gemeinschaft vermacht habe. Die neue Funktion als Klosterkirche eines Chorherrenstiftes habe dazu geführt, dass im Osten der Kirche ein Chor im frühgotischen Stil angebaut worden sei, der 1218 geweiht worden sei. Obwohl man der Kirche 1355 habe Reparaturarbeiten angedeihen lassen, sei diese immer mehr verfallen. 1412 sei gar der Kirchturm eingestürzt. Dieser sei allerdings ein halbes Jahrhundert später wieder hergestellt worden. Eine am 14.09. 1477 gegossene Glocke, die den Namen “Gloriosa” erhalten habe, ziere übrigens noch immer die Kirche. 1482 sei das Langschiff neu erbaut worden. Bei dieser Maßnahme habe die Stadtmauer mehrere Meter nach Westen verlegr werden müssen. Am 04.04.1496 sei die neu entstandene im Baustil der Spätgotik geschaffene dreischiffige Hallenkirche durch den Bischof von Merseburg mit Namen Thilo von Trotha geweiht woden. 1537 sei der 1412 eingestürzte Turm neu errichtet, 1671 repariert worden. In den von mir hinzugezogenen Quellen wird als besonderes Datum der 25. 05.1539, bei dem es sich um Pfingstsonntag gehandelt habe, hervorgehoben. An jenem Tag habe nämlich Martin Luther in der Stiftskirche St. Thomas gepredigt. 1541 habe dieses Gotteshaus, nachdem das Thomaskloster aufgelöst worden sei, als protestantische Stadtkirche den Namen Thomaskirche erhalten. Unter der Bauleitung des Ratsmaurermeisters J. G. Fuchs sei der Turm 1702 auf seine heutige Höhe von 68 Metern gebracht worden. Der barocke Marmoraltar im Chorraum sei 1721 durch den Bürgermeister Jakob Born gestiftet worden. Ausgeführt worden sei dieser Altar von den Herren Herrmann und Fosetti. Von 1723 bis 1750 habe Johann Sebastian Bach als Thomaskantor an der Thomaskirche gewirkt. 1773 habe die Kirche eine neue Orgel erhalten. Anlässlich seines Aufenthalts in Leipzig habe Wolfgang Amadeus Mozart am 22. 04. 1789 auf dieser Orgel gespielt. Eine befremdliche Zweckentfremdung habe die Thomaskirche während der Napoleonischen Kriege durch französische Truppen erfahren. Sie sei nämlich als Munitionslager missbraucht worden. Während der kriegerischen Ereignisse im Zusammenhang mit der Herrschaft Napoleons im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts sei die Thomaskirche erneut bestimmungsfremd genutzt worden. Sie habe von 1813 bis 1815 als Lazarett gedient.

Von 1884 bis 1889 sei die Thomaskirche unter Leitung des Baumeisters Constantin Lipsius im neugotischen Stil umgestaltet worden. Dabei sei die heutige Westfassade mit dem Apostel-Portal entstanden. Auch sei die heute noch erhaltene romantische Sauer-Orgel auf der West-Empore installiert worden. Im Zuge dieser Baumaßnahmen sei der 1721 vom Bürgermeister Jakob Born gestiftete Marmoraltar beseitigt worden. Nur das von C. F. Löbelt geschaffene Kruzifix des Mittelteils sei erhalten geblieben und an einem Pfeiler gegenüber der Kanzel angebracht worden.

Beim Bombenangriff auf Leipzig vom 04.12.1943 seien durch Brandbomben Schäden am Turm entstanden. 1950 sei der Sarkophag Johann Sebastian Bachs in die Thomaskirche überführt undim Chorraum eine Gedenkstätte für den Musiker eingerichtet worden. Von 1961 bis 1964 sei der Innenraum der Kirche renoviert worden. In den Jahren 1966 und 1967 sei eine Orgel der Fa. Schuke aus Potsdam mit 47 Registern auf der Nord-Empore eingebaut worden. 1991 sei mit umfassenden Maßnahmen der Restaurierung und Instandsetzung begonnen worden. Ab 1996 seien die Aussenfassaden restauriert worden. Außerdem sei das Kirchendach neu gedeckt worden. Ab 1998 seien die Innenräume neu ausgemalt worden. Die Schuke-Orgel sei 1999 demontiert worden, um Platz für die von Herbst 1999 bis Herbst 2000 erbaute Bachorgel der Fa. Woehl aus Marburg zu schaffen. Ein vom Glasmaler Hans-Gottfried von Stockhausen geschaffenes “Memorialfenster” für Felix Mendelssohn Bartholdy, das in die Südfassade eingefügt worden sei, sei am 04.11.1997 übergeben worden. Vom selben Künstler stamme das Thomasfenster im Chorraum, das am 21.05.2000 übergeben worden sei. Die Thomaskirche sei nach Abschluss der Renovierung wieder eingeweiht worden. Gleichzeitig sei die Bachorgel geweiht und ihrer Bestimmung übergeben worden.

10.02.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (47)

Ein Gebäude in Leipzig mit der Bezeichnung Alte Waage wird in gedruckten Reiseführern und auf Websites als Sehenswürdigkeit empfohlen. Es stehe am Nordrand des Marktes und sei das Eckhaus zur Katharinenstraße. Dieses Gebäude soll mit dem Wirken des aus Nürnberg stammenden und in Leipzig eingebürgerten Hieronymus Lotter in Zusammenhang gebracht werden. Lotters Wirken für die Stadt Leipzig habe sich im 16. Jahrhundert vollzogen. Nach meiner Lektüre wird ihm nicht nur durch seine langjährige Amtsführung als Bürgermeister von Leipzig, sondern auch als Logistiker im Bauwesen mit dem Titel eines Ratsbaumeisters eine besondere Bedeutung beigemessen. Bei jenem Bau, der die Ratswaage beherbergen sollte, sei die technische Leitungsfunktion Paul Speck übertragen worden. Die Fertigstellung des Gebäudes sei 1555 erfolgt. Was den Baustil anbetrifft, so wird das Gebäude im Einklang mit seiner Entstehungszeit der Renaissance zugerechnet. Zuvor habe es in Leipzig eine so genannte Safranwaage gegeben. Bei Wikipedia wird angemerkt, dass die Ratswaage das Zentrum der Leipziger Messe gewesen sei, die damals als Warenmesse mit direktem Verkauf betrieben worden sei. Nach den Regeln jener Zeit hätten in jener Einrichtung alle Waren gewogen werden müssen. Vom Ergebnis dieser Maßnahme wäre die Höhe des erhobenen Zolls abhängig gewesen. Den Zoll hätte sich die Stadt mit dem Landesherrn geteilt. Die Zolleinnahmen waren offensichtlich in fiskalischer Hinsicht für die Stadt Leipzig wichtig. Ich las nämlich anderswo, dass der Ratskasse durch die Ratswaage ein Viertel der gesamten Jahreseinkünfte zugeflossen seien. In einer weiteren Quelle wird berichtet, dass in der Ratswaage auch die von den Kaufleuten mitgebrachten Gewichte geeicht worden seien.

Im Keller des Gebäudes habe sich der Ausschank des Rates befunden. In den Räumen des Erdgeschosses habe man die Rats-Hauptwaage installiert. Im 1. Obergeschoss habe die Herrentrinkstube gelegen. Es habe noch ein 2. Obergeschoss, zwei Dachgeschosse und zwei Böden gegeben. Über die Nutzung der in diesen Geschossen befindlichen Räumlichkeiten habe ich keine Hinweise gefunden. Die Dachgeschosse und Böden befänden sich hinter einem am Markt liegenden Staffelgiebel. Der obere Teil des Giebels sei mit einer Sonnenuhr bestückt. Bei Wikipedia ist übrigens von einem vierstufigen Volutengiebel die Rede. Dieser sei eine Giebelform, bei der seitlich Voluten gerahmt angebracht seien. Diese Giebelform sei in der Renaissance und dem Barock verwendet worden. Meistens sei der Giebel in mehrere Teile, die mit zunehmender Höhe schmaler würden, unterteilt. Er werde von einem halbrunden und dreieckigen Maueraufsatz bekrönt. Bei der Volute handele es sich um eine Schneckenform in der künstlerischen Ornamentik.

An der Marktseite habe sich ein vorgesetzter Treppenturm befunden. Dieser sei dort anstelle der zweiten Doppelfenster-Achse errichtet worden.

Ich möchte noch nachtragen, dass nach meinen Erhebungen im Gebäude Alte Waage auch ab 1590 die Leipziger Ratspost mit der Botenstube ihren Sitz hatte. Der Renaissancebau sei von 1661 bis 1712 ebenfalls Residenz des kurfürstlichen Postamts gewesen. Im Jahr 1820 sei ein neues Gebäude für die Ratswaage bereitgestellt worden. Dieses Gebäude habe vor dem Hallischen Tor gelegen. Der zuvor für die Belange der Ratswaage genutzte Bau werde seither Alte Waage genannt. Im Jahr 1861 sei eine aus meiner Sicht einschneidende Veränderung am Baukörper vorgenommen worden. Es sei nämlich der historische Treppenturm abgerissen worden. Vom April 1917 bis Dezember 1943 seien wichtige im öffentlichen Interesse liegende Aufgaben im alten Bauwerk wahrgenommen worden. Es habe in dieser Zeit dem Leipziger Messeamt als Verwaltungsgebäude gedient. Eine weitere für mich interessante Nutzung habe am 01.03.1924 begonnen. Der zweite im Deutschen Reich gegründete Rundfunksender habe im Renaissancebau Räumlichkeiten erhalten und an jenem Tag den offiziellen Sendebetrieb aufgenommen. Der besagte Sender habe den Namen Mitteldeutscher Rundfunk geführt. Beim Bombenangriff vom 04.12. 1943 sei das Gebäude völlig zerstört worden. Die Ruine sei später abgetragen worden. Die entstandene Freifläche sei nicht anderweitig bebaut worden. In den Jahren 1963 und 1964 sei nach den Entwürfen des Leipziger Architekten Wolfgang Müller ein Gebäude in Annäherung an den zerstörten Renaissancebau errichtet worden. Hierbei sei jedoch nur die Südfassade am Markt nach dem historischen Vorbild gestaltet worden. Die Ostfassade hingegen lasse keinen Bezug zum Original erkennen. Der Neubau sei seit Anfang 1965 als staatliches Reisebüro genutzt worden. 1994 habe der Versicherungskonzern Alte Leipziger das Gebäude erworben. Seit 1996 diene es diesem Konzern als Regionaldirektion. Auf die gewerbliche Nutzung entfielen 2.840 Quadratmeter. Die Wohnfläche werde mit 360 Quadratmetern ausgewiesen. Laut Wikipedia werde im Erdgeschoss ein Schnellrestaurant betrieben.

27.01.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (46)

Im Baedeker Sachsen wird die Auffassung vertreten, dass das Alte Ratshaus zu Leipzig als eines der schönsten Zeugnisse bürgerlicher Renaissancearchitektur in Europa gilt. Nach dem Autor des entsprechenden Kapitels im Reiseführer “Leipzig” des Vista Point Verlags, Köln, handelt es sich bei diesem repräsentativen Bauwerk um das Wahrzeichen der Stadt. Es sei auf den Grundmauern des alten gotischen Ratshauses erbaut. Die asymmetrische Anordnung des Ratshausturmes verleihe dem Haus Leichtigkeit und Eleganz.

Durch meine Recherchen im Internet wurde ich darüber unterrichtet, dass der Grundstein für dieses Gebäude am 11.02.1556 gelegt wurde. Fertiggestellt sei es am 05.08.1557. Der Bau sei unter Leitung des Leipziger Ratsbaumeisters und Bürgermeisters Hieronymus Lotter, der von 1497 bis 1580 gelebt habe, errichtet worden. Von Lotter sollen auch die Entwürfe stammen. Als weitere maßgeblich am Bau beteiligte Persönlichkeiten werden der Ratsmaurer und Steinmetz P. Speck und ein gewisser Paul Wiedemann genannt. Ich stieß auf eine Lotter zugeschriebene Aussage, nach der er das bisherige Rathaus habe einreißen lassen und zum Teil “die alten Gründe und etliches Mauerwerk” zur Hilfe genommen habe. In einer Quelle ist von einem teilweisen Abbruch und Umbau des kleinen mittelalterlichen Ratshauses und weiterer Gebäude im Renaissance-Stil die Rede. Ich finde es bedauerlich, dass anscheinend zu allen Zeiten historische Vorgängergebäude, die für die Nachwelt von Bedeutung gewesen wären, abgerissen wurden, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Für derartige Maßnahmen dürften jedoch häufig drückende Sachzwänge bestanden haben, weil in Städten, die innerhalb von Mauern oder anderen Befestigungsanlagen erbaut worden waren, wenig geeignete Flächen für Neubauten zur Verfügung standen. Ich las dass es Quellen geben soll, in denen behauptet wird, dass bereits vor dem Zeitpunkt der offiziellen Fertigstellung des Gebäudes die Gewölbe im Erdgeschoss wieder vermietet worden seien. Hierin sehe ich wieder ein Zeichen für die oft erwähnte Geschäftstüchtigkeit von Bürgern Leipzigs. Ich vernahm, dass die Baukosten 17.934 Gulden betragen hätten. Nach meinen Nachforschungen wurden in jener Zeit Goldgulden in Leipzig geprägt. Diese Münzen hätte man dem Rheinischen Gulden angeglichen. Dessen Gesamtgewicht hätte 3,2789g betragen und einem Feingehalt von 18 ½ Karat, was auf 2,527g hinauslaufe, entsprochen. Ich errechne bei einem Goldpreis von 36,81 EUR für 1g Gold für 17.934 Gulden einen Wert von 1.668.221 EUR. Zahlenspiele dieser Art dürften jedoch müßig sein, weil seinerzeit ganz andere Bezugsgrößen vorgelegen haben. Bei den unter der Verantwortung von Bürgermeister Lotter durchgeführten Baumaßnehmen sei ein langgestrecktes zweigeschossiges Gebäude entstanden, das 24 Fensterachsen breit, aber nur 4 Fensterachsen tief sei. Über je drei Achsen sei im Dachaufbau ein zweigeschossiger Zwerchgiebel angeordnet: insgesamt sieben an der Ostseite und sechs an der Westseite (zum Markt). Bei Wikipedia wurde ich darüber belehrt, dass zwerch quer bedeutet. Der Zwerchgiebel stehe in der Flucht der Gebäudeaußenwand. Die Traufen von Zwerchdach und Hauptdach stünden rechtwinklig zueinander. An Stelle des fehlenden Zwerchgiebels am Markt befinde sich in der zehnten Achse ein Turm mit achteckigem Grundriss, der die Westfassade des Rathauses im Goldenen Schnitt teile, die Ostseite des Marktes aber ungefähr halbiere. Unter dem Turm befinde sich das Hauptportal, das in einen Durchgang führt, der den Markt mit dem Naschmarkt verbinde. An den Stirnseiten werde das hohe Dach durch fünfstöckige Staffelgiebel abgeschlossen. Die Fenster- und Simsgewände der Fassaden seien in rotem Rochlitzer Porphyrtuff ausgeführt, während die übrigen Wandflächen glatt verputzt und in einem hellen Gelbton gestrichen seien. Im Erdgeschoss seien 40 Gewölbe angelegt worden, die Kaufleuten und Krämern als Läden und Niederlagen dienten. Im Obergeschoss und in den Dachgeschossen seien 28 Stuben entstanden, die vor allem vom Rat genutzt worden seien. Lobend erwähnt wird in den von mir herangezogenen Quellen der große Festsaal im Obergeschoss. Dieser sei aus der Ratsdiele hervorgegangen. Am 10.09.1558 sei im Rathausturm eine Glocke angebracht worden. Sie sei als Rats-oder Bürgerglocke bezeichnet worden. 1564 sei über dem Haupteingang ein hölzerner überdachter Altan angebaut worden. Laut Wikipedia handelt es sich bei einem Altan um einen abgestützten Austritt an einem Gebäude, der auf Pfeilern, Säulen oder einem darunterliegenden Gebäudeteil ruht. 1559 habe der Turm eine Schlaguhr erhalten. Außerdem sei in Höhe des zweiten Dachgeschosses ein eiserner Austritt angebracht worden. 1672 sei unterhalb des Traufgesimses ein Schriftband von beträchtlicher Länge angebracht worden. 1744 sei der Rathausturm aufgestockt worden und habe eine barocke Haube erhalten. Der Turm sei heute 40 Meter hoch. Pläne, das Ratshaus abzubrechen und auf dem Gelände einen Neubau zu errichten, seien verworfen worden. Ein neues Rathaus sei an anderer Stelle gebaut worden. In der Ratsversammlung vom 29.05.1905 sei der Beschluss gefasst worden, den Renaissancebau zu sanieren und künftig als Stadtgeschichtliches Museum zu nutzen. Jene vom Rat beschlossene grundlegende Sanierung sei von 1906 bis 1909 durchgeführt worden. Hierbei sei es teilweise zu erheblichen Veränderungen gekommen. So sei unter anderem die hölzerne Arkade an der Ostseite in Stein ausgeführt worden und bis vor den Süggiebel verlängert worden. Die ursprünglich auf den Putz gemalte Inschrift unter dem Traufgesims sei durch ein Band aus Messingbuchstaben ersetzt worden. Ferner seien zwei Brunnen geschaffen worden. Im Durchgang sei ein Brunnen unter der Bezeichnung “Badender Knabe” entstanden. Der an der Marktfassade installierte Brunnen werde “Badendes Mädchen” genannt. Das Stadtgeschichtliche Museum sei übrigens im Jahr 1911 im Alten Rathaus eröffnet worden. Beim Bombenangriff vom 04.12.1943 blieben auch beim Alten Rathaus Zerstörungen nicht aus. Es wird berichtet, dass der Turm und das Dachgeschoss ausbrannten. Bereits in den Jahren 1946 bis 1948 sei das Rathaus wieder aufgebaut worden.

Wikipedia bemerkt, dass im Alten Rathaus das einzig authentische Porträt Johann Sebastian Bachs zu bewundern sei. Dieses habe Elias Gottlob Haussmann geschaffen. Bach habe 1723 in der Ratsstube seine Anstellungsurkunde als Thomaskantor unterzeichnet.

20.01.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (45)

Für das Zeitalter des Barocks interessiere ich mich schon lange. In der letzten Zeit schenke ich ihm wiederum verstärkt meine Aufmerksamkeit. Im Rahmen meiner Artikel, die ich der Stadt Leipzig widme, möchte ich auf ein weiteres besonderes Gebäude eingehen. Hierbei handelt es sich um das Bauwerk “Alte Börse”. Bei Vorhaben dieser Art greife ich in der Regel zunächst auf meine Reiseführer zurück. In diesen Büchern wird das besagte Bauwerk jedoch nur kurz gestreift. Im Baedeker Sachsen wird einleitend bemerkt, dass im Jahr des Ratshausbaus an dessen Rückfront der intim wirkende Naschmarkt angelegt wurde. Sodann ist hier zu lesen, dass dessen Nordseite die Alte Börse begrenzt. Hierbei handele es sich um ein prächtiges Beispiel des sächsischen Barocks und Leipzigs ältestes Bauwerk dieser Epoche, 1678 bis 1687 vom Ratsbaumeister Christian Richter nach Plänen von Johann Georg Starcke geschaffen. 1943 sei die Alte Börse völlig ausgebrannt, sei 1953 wiedererrichtet worden und diene nun kulturellen Zwecken. Im “Reiseführer Leipzig” des Vista Point Verlags, Köln, heißt es unter anderem, dass das barocke Stadtpalais Alte Börse Schmuckstück des Naschmarkts sei, gebaut in den Jahren 1678 bis 1687 als Haus der Leipziger Kaufmannsgilde. Die prachtvollen Fassaden und das einladende Portal seien auffällige Zeugnisse einer ehemals reichen Handelsstadt.

Die von mir im Internet aufgerufenen Websites boten allerdings reichhaltigeren Stoff zum Thema Alte Börse zu Leipzig. Der unter “leipziginfo” veröffentliche Kommentar war immer noch lakonisch, aber schon ein wenig aufschlussreicher. Er lautet auszugsweise wie folgt: “Der Bau ist ein blockartiger Komplex auf Gebäudesockel durch flache Pilaster mit ionischen Kapitellen gegliedert, zwischen denen Girlanden angebracht sind. Auf der umlaufenden Balustrade die Statuen von Merkur, Venus, Apollon, Minerva. Ihr schlichter, stilvoller Saal wird heute gern vielseitig genutzt, vorwiegend für kammermusikalische und literarische Veranstaltungen, wissenschaftliche und Fachvorträge, Lesungen, Firmenpräsentationen, festliche Empfänge und Schulabschlussfeiern. Er bietet 200 Personen Platz”.

Im Zusammenhang mit dem Bauwerk Alte Börse habe ich einige Daten notiert, die ich für erwähnenswert halte. Es wird berichtet, dass der Naschmarkt, auf dem später das bewusste Gebäude errichtet wurde, bereits 1556 angelegt wurde. Dieses Gelände sei jedoch während eines beträchtlichen Zeitraums unbebaut geblieben. Am 06.05.1678 habe der Stadtrat Leipzigs den Bau eines Börsengebäudes beschlossen. Bereits im Mai des Jahres 1678 sei mit der Errichtung des zweigeschossigen Bauwerks begonnen worden. Vermutlich sei ein Entwurf des kurfürstlich sächsischen Oberlandbaumeisters Johann Georg Starcke, der in den Diensten Johann Georg III. aus dem Albertinischen Fürstenhaus gestanden habe, genutzt worden. Die Ausführung des Baus sei unter der Leitung des Leipziger Baumeisters Christian Richter geschehen. Schon am 13.10. 1679 sei der Neubau erstmals als Handelsbörse der Leipziger Kaufmannschaft genutzt worden. Die Innenausstattung sei aber erst 1687 fertig gestellt worden. Im Juni 1683 seien die vom Leipziger Bildhauer J. C. Sandtmann geschaffenen zwei Meter hohen Sandsteinfiguren, die Apollo, Merkur, Minerva und Venus darstellen, aufgestellt worden. 1816 sei das Gebäude umgebaut und erweitert worden. Für diese Maßnahme habe man auch Entwürfe des Leipziger Baudirektors Dauthe verwendet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wäre beinahe das Ende des Bauwerks Alte Börse gekommen. Der Rat der Stadt Leipzig hätte nämlich 1877 beschlossen, dieses Gebäude und auch das bisherige Rathaus abzureißen, um Platz für einen großen Rathausneubau zu schaffen. Von diesem Unterfangen sei jedoch wegen der damit verbundenen hohen Kosten Abstand genommen worden. Es sei dennoch ein anderes Vorhaben im Zusammenhang mit der Handelsbörse realisiert worden. Für diese Einrichtung sei ein Neubau am Trödlinring erstellt worden, der 1886 bezugsfertig geworden sei. Das zuvor von der Leipziger Kaufmannschaft genutzte, am Naschmarkt gelegene Gebäude, habe fortan die Bezeichnung Alte Börse erhalten. Von 1887 bis 1905 habe der ehemalige Börsensaal als Sitzungssaal der Leipziger Stadtverordneten gedient. Zwischen 1905 und 1907 sei der bei den Baumaßnahmen des Jahres 1816 geschaffene Vorbau abgerissen worden. Hierdurch habe die ursprüngliche Form des Gebäudes wieder erreicht werden können.

Beim Bombenangriff vom 04.12.1943 sei das Gebäude ausgebrannt. Es seien auch die Stuckdecke und die Deckenmalereien des Börsensaals vernichtet worden. Die erhalten gebliebenen Bestandteile des Bauwerks seien durch ein Notdach gesichert worden. Mit der Wiederherstellung des Gebäudes sei 1956 begonnen worden. Diese habe sich bis zum Jahr 1962 hingezogen. Man habe es jedoch bei einer vereinfachten Innenausstattung belassen. Zwischen 1992 und 1995 sei das Gebäude umfassend saniert worden. Dabei hätten die Verantwortlichen großen Wert auf die Farbgebung der Fassade und die Fensterverglasung im Stil des 17. Jahrhunderts gelegt.

Das Bauwerk Alte Börse wird von manchen Autoren in den Rang des ersten bedeutenden Barockgebäudes der Stadt Leipzig erhoben. Auch wird bemerkt, dass es durchaus noch Elemente der Renaissance aufweise. Der Verfasser des entsprechenden Artikels bei Wikipedia betont, dass das Bauwerk Elemente des niederländischen und italienischen Barocks vereint. Dieses mache ihn zu einem ganz besonderen Schmuckstück der Leipziger Baukunst.

Auf einer anderen Website wurde ich darüber unterrichtet, dass der streng symmetrische Bau fünf Fensterachsen breit und sieben Fensterachsen tief ist. Der im Obergeschoss eingerichtete Börsensaal nähme fast die gesamte Etage ein. Lediglich die südlichste Achse diene einem innen liegenden Treppenhaus. Der Börsensaal sei durch eine Stuckdecke des italienischen Architekten G. Simonetti sowie durch Deckengemälde des Malers J.H. am Ende geschmückt worden. Der Hauptzugang zum Börsensaal führe in der mittleren Achse der Südfassade durch das von Säulen flankierte Rundbogen-Portal. Über dem Portal befinde sich ein Stadtwappen-Relief. Dieses werde von zwei geflügelten Knaben getragen. Das Stadtwappen und die zahlreichen plastischen Girlanden, die die Pilaster und Fensterbrüstungen sämtlicher Fassaden schmückten, seien vergoldet. Zum Portal führe ein symmetrische Freitreppe, die “zweiarmig abgewinkelt” sei. Deren Balustraden setzten sich zu ebener Erde fort und umgrenzten einen gepflasterten Vorhof. Die gleiche Balustrade umgrenze auch das Flachdach. Hier ständen heute Kopien der bereits erwähnten von Sandtmann geschaffenen Sandsteinfiguren.

06.01.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (44)

Bei meinem Aufenthalt in Leipzig im Jahr 2008 kam ich auch an dem in der Katharinenstraße 23/Brühl 18 gelegenen Romanushaus vorbei. Es fiel mir gleich als besonderes Barockgebäude auf. Dennoch beschäftigte ich mich aus Zeitgründen nicht weiter mit diesem Bauwerk aus einer vergangenen Zeit. Inzwischen erinnerte ich mich bei Recherchen über Gebäude Leipzigs wieder an dieses auch als Palais bezeichnete Haus. In meinen Reiseführern waren nur spärliche Informationen über den besagten Bau zu erhalten. Ich musste daher auch in diesem Fall auf das Internet zurückgreifen. Hierbei gelang es mir wieder einmal nicht, mich auf wenige, mir wesentlich erscheinende Websites zu beschränken. Meine Sichtung des angebotenen Materials dauerte daher mehrere Stunden. Infolge meiner geringen Kenntnisse in Belangen der Architektur suche ich immer nach ausführlichen für mich plausiblen Beschreibungen von Gebäuden. Ich stoße jedoch selten auf mich befriedigende Darstellungen. Auch bei meinen Erhebungen zum Thema “Romanushaus” war ich mit meinen Lesefrüchten nicht recht zufrieden. Immerhin gefiel mir bei der Darstellung des “Leipzig-Lexikons” die Ausführlichkeit des Beitrags. Dieser Beitrag hat den folgenden Wortlaut:” Das Romanushaus ist ein historisches Barockgebäude in der nördlichen Leipziger Altstadt. Es befindet sich auf dem Eckgrundstück Katharinenstraße 23/Brühl 18. Das Gebäude verfügt über Erdgeschoss, drei Obergeschosse und ein Dachgeschoss. Auf den mittleren Achsen befindet sich noch ein zwei Fenster tiefes und fünf Fenster breites “Belvedere” - wie auf ein auf das eigentliche Gebäude gesetztes kleines Haus. Im südwestlichen Bereich befindet sich ein kleiner rechteckiger Innenhof. Die Nordfassade (im Brühl) ist dreizehn Fenster breit. Hier sind sowohl am linken und rechten Rand als auch in der Mitte jeweils drei Fenster breite Risalite vorhanden. Der Mittelresalit ist zusätzlich noch durch vier vor den Obergeschossen angedeuteten Säulen mit ionischen Kapitellen betont und trägt einen breiten reich ornamentierten Dachgiebel. Die Ostfassade (zur Katharinenstraße) ist sechs Fenster breit. Die mittleren Achsen sind als Risalit der Bauflucht vorgezogen; im ersten Obergeschoss befindet sich hier ein Balkon. Dieser Mittelteil läuft in einem breiten barocken Dachgiebel aus. Die beide Fassaden verbindende Straßen-Ecke ist im 45°-Winkel abgeschrägt und als eigene Fenster-Achse ausgeführt, die im Erdgeschoss als eine von zwei Säulen flankierte Nische in den ersten beiden Obergeschossen als Erker und im dritten Obergeschoss als Balkon gestaltet ist”.

Auf der Website der Einrichtung “leipzig- lese” fand ich eine aus meiner Sicht den Beitrag des “Leipzig-Lexikons” ergänzende Version. Diese lautet unter anderem wie folgt:”Das Romanushaus umfasst vier Grundstücke, hat ein sockelartiges Erdgeschoss und drei verschieden hohe Stockwerke….Typisch barocke Schmuckelemente, wie Girlanden, sind an den Eingängen und Fenstern zu sehen…. Im Erdgeschoss an der abgeschrägten Seite des Gebäudes befindet sich zwischen zwei Säulen eine Nische. Hier ist eine Hermesstatue aufgestellt”.

Eine weitere ergänzende Variante bietet die Mitteilung von “leipzig.info” mit folgendem Text; “Über dem sockelartigen Erdgeschoss erheben sich zwei Hauptgeschosse, die durch zwei breite und geradlinige Treppen mit Figurennischen zu erreichen sind….Der Grundriss ist um einen langrechteckigen Hof gegliedert, um den sich Hauptflügel, Nebenräume und Ställe anordnen.

Interessant finde ich die Präsentation des Romanushauses auf der gleichnamigen Website unter wirtschaftlichen Aspekten. Dort heißt es: “Das von 1791 bis 1704 als Stadtpalais erbaute Romanushaus an der Ecke Katharinenstr.21-23 und Brühl 18 verbindet historische Wertigkeit mit einem repräsentativen Ambiente und gilt daher als eine der renommiertesten Adressen Leipzigs. Von der detailträchtigen Fassade über die großen lichtdurchfluteten Räume im Innern bis hin zu den weitläufigen Empfangsbereichen mit eigenem Aufzugs-Zugang spiegelt das Romanushaus die Leipziger Barockarchitektur wider, ohne dabei auf die Moderne zu verzichten. Alle Mieteinheiten präsentieren sich dabei stets als seriös und stellen anspruchsvolle Kunden zufrieden”.

Nach meinem Eindruck handelt es sich bei dem Bauherrn Franz Conrad Romanus um eine vielschichtige Persönlichkeit. Er sei Jurist gewesen und habe in jungen Jahren in Leipzig als Rechtsanwalt gearbeitet. Der Kurfürst Friedrich August I. (bekannter als August der Starke) sei auf ihn aufmerksam geworden und habe ihn nach Dresden geholt. Romanus soll dort auf dem Sektor der Beschaffung von Finanzmitteln für den Herrscher tätig geworden sein. Dann sei dem Landesherrn der Einfall gekommen, Romanus als Bürgermeister von Leipzig zu etablieren. Friedrich August I. habe sein Vorhaben gegenüber dem Rat der Stadt Leipzig mit entschiedenem Nachdruck bekundet. Romanus sei daraufhin zum Bürgermeister der als wohlhabend geltenden Handelsstadt gewählt worden. Er habe sich konsequent für den Ausbau der Infrastruktur der Stadt eingesetzt. Zu seinen Maßnahmen hätten die Schaffung einer öffentlichen Straßenbeleuchtung und einer Kanalisation gehört. Außerdem hätte er einen Vorläufer des öffentlichen Nahverkehrs in Form von städtischen Sänften und Trägern eingeführt. Ferner hätte er die Besoldung der Ratsmitglieder verdoppelt und ein Almosenamt zur Unterstützung Bedürftiger ins Leben gerufen. Bei der Bevölkerung sei er beliebt gewesen. Dann habe er jedoch den Einfall gehabt, in einem repräsentativen und luxuriösen Domizil zu residieren. Er habe daher dem Stadtmaurermeister Fuchs den Auftrag für den bewussten Bau erteilt. Die Kosten für dieses Gebäude, die sich auf 150.000 Taler belaufen hätten, hätten seine Mittel bei weitem überschritten. Er habe zur Finanzierung des Palais’ gefälschte Ratsschuldscheine eingesetzt und das Ratssiegel für seine persönlichen Belange missbraucht. Romanus’ Machenschaften seien entdeckt worden. Sie hätten ihm Freiheitsentzug eingebracht, ohne dass ein ordentliches Strafverfahren durchgeführt worden sei. Gnadensuche seien stets abgelehnt worden, sodass Romanus insgesamt einundvierzig Jahre in Unfreiheit, vor allem in Festungshaft, verbracht habe.

16.12.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (43)

In der Mehrheit der von mir durchgesehenen Websites wird als Anfangsjahr der Friedensgebete in der Nikolaikirche zu Leipzig mit ihrer späteren politischen und historischen Relevanz das Jahr 1982 genannt. So heißt es zum Beispiel auf der Website mit der Bezeichnung “runde-ecke-Leipzig”: “1989 wurden die seit 1982 von Friedens,- Umwelt - und Menschenrechtsgruppen regelmäßig organisierten Friedensgebete in der Nikolaikirche zum Ausgangspunkt der Leipziger Montagsdemonstrationen und legten den Grundstein für die Friedliche Revolution in der DDR”. Auf dieser Website wird auch angemerkt, dass die Friedensbewegung aufgrund der restriktiven gesetzlichen Bestimmungen in der DDR hinsichtlich der Rechtsgüter Versammlungsrecht und Meinungsäußerung Gottesdienste und Andachten als geschützte Räume nutzte. Bei der Runden Ecke handelt es sich übrigens um eine Straße in Leipzig, an der seinerzeit die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit gelegen habe.

Nach meiner Wahrnehmung wird von den Autoren der besagten Websites der Zeitraum 04.09.1989 bis 09.10.1989 als entscheidend für die spätere politische Entwicklung angesehen. Nach der Sommerpause seien im Jahr 1989 die Friedensgebete am 04.September in der Nikolaikirche wieder aufgenommen worden. Zuvor hätte man von Seiten der Behörden noch um eine Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt gebeten. Dieses sei jedoch von Verantwortlichen der Nikolaikirche abgelehnt worden. Zu jener Zeit hätte nämlich die Leipziger Messe stattgefunden, aus deren Anlass Fernsehanstalten der Bundesrepublik Deutschland eine weitreichende Drehgenehmigung erteilt worden sei. Nach einem Bericht des Pastors Christian Führer standen die Kameras westlicher Fernsehsender im Halbkreis aufgebaut, als er mit Teilnehmern am Friedensgebet aus der Nikolaikirche trat. Plötzlich sei von Jugendlichen ein Spruchband mit dieser Aufschrift entrollt worden: “Für ein offenes Land mit freien Menschen”. Die Angehörigen der Staatssicherheit hätten den Jugendlichen das Spruchband jedoch auf eine rüde Weise entrissen. Dieses sei vor laufenden Kameras geschehen. Über die Vorkommnisse am 11.09.1989 wird im Zusammenhang mit den Friedensgebeten und den Montagsdemonstrationen berichtet, dass die Volkspolizei die Nikolaikirche abgeriegelt hatte, in der 1.000 Menschen am Friedensgebet teilgenommen hätten. 89 Personen seien festgenommen worden. Es seien Ordnungsstrafen bis zu einer Höhe von 5.000 Mark verhängt worden. Auch am 18.09.1989 seien Polizeiketten um die gut gefüllte Kirche gelegt worden. Es sei wiederum zu Festnahmen von Personen gekommen, die an der Kundgebung teilgenommen hätten. Besonders ins Visier der Staatssicherheit gekommen sei der Pastor Christoph Wonneberger. Dieser hätte bei dem am 25. 09. 1989 veranstalteten Friedensgebet folgendes geäußert: “Wer andere willkürlich der Freiheit beraubt, hat bald selbst keine Fluchtwege mehr”. An der sich anschließenden Montagsdemonstration hätten 5.000 Menschen teilgenommen. Aus den Reihen der Teilnehmer sei die Forderung nach Zulassung des “Neuen Forums” erhoben worden. Da der Weg zum “Markt” abgesperrt gewesen sei, hätten die Teilnehmer den Demonstrationszug in Richtung “Karl-Marx-Platz” verlagert. Der Weg der Demonstranten habe dann über den “Ring” bis zur “Runden Ecke” geführt, wo sich, wie bereits erwähnt, die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit befunden habe. Ende September 1989 habe die SED eine Kampagne mit Leserbriefen in der “Leipziger Volkszeitung” gegen die Friedensgebete und Montagsdemonstrationen ins Leben gerufen. Diese Kampagne habe unter dem Motto gestanden “Wir wollen weiter in Ruhe und Geborgenheit leben”. Hierdurch seien die Maßnahmen der Dissidenten nicht beeinträchtigt worden. Am 02.10.1989 hätten bereits 20.000 Personen an den Demonstrationen teilgenommen. Beim Marsch der Demonstranten um den Ring sei eine Polizeikette durchbrochen worden. Dieser Vorfall hätte bei den mit Schlagstöcken und Hunden ausgestatteten Einsatzkräften zu einer heftigen Reaktion geführt. Sie sollen auch von ihren Schlagstöcken Gebrauch gemacht haben. Es sei erneut zu vielen Festnahmen gekommen. Durch die Lancierung eines Leserbriefes des Kommandeurs einer Betriebskampfgruppe in die Tagespresse mit Drohcharakter, der am 06.10. 1989 veröffentlicht worden sei, sei von regimetreuen Kräften weiterhin entschieden Stimmung gegen die Demonstranten gemacht worden. Am 07.10.1989 sei überall in der DDR von staatlichen Stellen der Gründung dieses Staates im Jahr 1949 gedacht worden. An diesem Tag sei es in vielen Städten der DDR zu Demonstrationen von Dissidenten gekommen. In Leipzig hätten 4.000 Bürger demonstriert. 210 seien verhaftet worden. Als entscheidender Tag für die friedliche Revolution wird nach meiner Kenntnis der 09.Oktober 1989 angesehen. An jenem Tag seien von staatlichen Stellen umfangreiche Vorkehrungen getroffen worden. 8000 Personen aus den Reihen der Volkspolizei, der Betriebskampfgruppen und der Nationalen Volksarmee seien aufgeboten worden, um dem Regime nicht genehme Bekundungen zu verhindern. Außerdem seien in den Krankenhäusern die Blutkonserven aufgestockt worden, medizinisches Personal sei zu Spät- und Nachtschicht zwangsverpflichtet worden. Der Zugverkerkehr nach Leipzig sei erschwert worden. Als besondere Maßnahme wird in vielen Quellen herausgestellt, dass die Nikolaikirche bereits gegen 14 Uhr mit 600 Mitarbeitern der SED besetzt war. Obwohl in weiten Kreisen der Bevölkerung mit massiver Gewalt durch die Einsatzkräfte des Regimes gerechnet worden sei, hätten sich nach dem Ende des Friedensgebets 70.000 Menschen versammelt. In manchen Quellen ist sogar von 100.000 Personen die Rede. Ein von Dissidenten stammender Appell zur Gewaltlosigkeit, der illegal als Flugblatt gedruckt worden sei, sei unter das Volk gebracht worden. Der von mir bereits im Artikel vom 09.12.2014 erwähnte “Aufruf der Leipziger Sechs” zu Besonnenheit und Gewaltlosigkeit sei in einem lokalen Radiosender verlesen worden. Der Demonstrationszug habe von der Nikolaikirche Richtung Oper, dann auf den Ring geführt. Als dieser Zug den Hauptbahnhof passiert habe, hätten sich die Einsatzkräfte zurückgezogen. Zum ersten Mal sei es in dem oben genannten Zeitraum anlässlich einer Montagsdemonstration nicht zur Anwendung von Gewalt gekommen.

09.12.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (42)

Ich habe zu Beginn meiner kleinen Serie über die Nikolaikirche zu Leipzig bereits daran erinnert, dass die Nikolaikirche gemeinhin mit der friedlichen Revolution der Bürger der DDR und den Montagsdemonstrationen von Einwohnern der Stadt Leipzig in Verbindung gebracht wird. Nach meiner Einschätzung wird auch in Reiseführern dieser Zusammenhang stets aufgezeigt. Der von mir erworbene Baedeker Reiseführer “Sachsen” enthält herzu folgende Anmerkung: ”Vom Städtischen Kaufhaus ist es nicht mehr weit zur größten Kirche Leipzigs, der Nikolaikirche. Spätestens seit dem 9. Oktober 1989 ist sie über Leipzig hinaus bekannt geworden, als das seit 1982 abgehaltene Friedensgebet sich zur ersten der legendären Montagsdemonstrationen ausweitete”. Auch der Reiseführer “Leipzig” des Vista Point Verlags, Köln” ,weist zu diesem Aspekt einen Eintrag auf, der wie folgt lautet: “Die Nikolaikirche ist als Schauplatz der Friedensgebete und Ausgangsort der friedlichen Demonstrationen zum Symbol für den Wendeprozess geworden. Die Ereignisse des 9. Oktobers 1989, als über 70.000 Menschen in Leipzig gegen die DDR-Diktatur auf die Straße gingen, nahmen hier ihren Anfang”.

Ich habe bisher etliche Websites zum besagten Thema durchgesehen und bin dabei auch auf einen Beitrag des inzwischen verstorbenen Pastors Christian Führer gestoßen. Diese Stellungnahme einer besonders involvierten Persönlichkeit stellt aus meiner Sicht ein interessantes Zeugnis dar. Herr Führer hat sich unter anderem in dieser Weise geäußert: “Ich habe es immer auch positiv gesehen, dass die zahlreichen Stasileute Montag für Montag die Seligpreisungen der Bergpredigt hörten. Wo sollten sie diese sonst hören können? Und so hörten diese Menschen alle, unter ihnen die SED-Genossen, das Evangelium von Jesus, den sie nicht kannten, in einer Kirche, mit der sie nichts anfangen konnten. So ist dieses Friedensgebet in einer unglaublichen Ruhe und Konzentration vonstatten gegangen. Und als wir, mehr als 2.000 Menschen aus der Kirche kamen - den Anblick werde ich nie vergessen - warteten Zehntausende draußen auf dem Platz. Sie hatten Kerzen in den Händen. Und wenn man eine Kerze trägt, braucht man beide Hände. Man muss das Licht schützen, vor dem Auslöschen schützen. Da kann man nicht gleichzeitig noch einen Stein oder Knüppel in Händen halten. Und das Wunder geschah. Der Geist Jesu der Gewaltlosigkeit erfasste die Massen und wurde zur materiellen, zur friedlichen Gewalt. Armee, Kampfgruppen und Polizei wurden einbezogen, in Gespräche verwickelt, zogen sich zurück”.

Ergänzend hierzu ist noch zu berichten, dass in der Nikolaikirche der “Aufruf der Leipziger Sechs” verlesen wurde. Dieser Aufruf, der auch in einem lokalen Radiosender, vom Gewandhauskapellmeister Kurt Masur gesprochen, gesendet sein soll, hätte folgenden Wortlaut: ”Bürger! Professor Kurt Masur, Pfarrer Dr. Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Dr. Kurt Meyer, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel wenden sich mit folgendem Aufruf an alle Leipziger: Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird”. Zum Komplex Rückzug der Sicherheitskräfte der DDR und Gewaltverzicht aus Anlass der Demonstration am 9.Oktober 1989 fand ich eine Einlassung Kurt Masurs aus späterer Zeit dieses Wortlauts: “Jeder von den Politiker, der jetzt in Anspruch nehmen will, dass er das verhindern wollte, dem kann man nur sagen, es wurde ja nicht verhindert, dass die Menschen in Todesangst auf die Straße gegangen sind. Sonst hätte man ja vorher am Fernsehschirm sagen können: ‘Hört zu Leute, wir sprechen mit euch, wir tun nichts’. Das hat man nicht getan, man hat gehofft, dass allein die Drohung ausreichen würde, um die Menschen wieder zur Räson zu bringen. Und allein das war ein Verbrechen, allein das war unmenschlich”. Von Sindermann, der Mitglied des Zentralkommitees der SED war, wird der nachstehende Ausspruch aus geraumer Zeit nach dem bewussten Ereignis berichtet: “Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete”. Spiegel online kommt zu folgender Schlussfolgerung: ”Ausschlaggebend waren 70.000 Demonstranten und die Aussicht auf ein nie dagawesenes Blutbad, die die Leipziger Befehlshaber zögern ließ, bis keine andere Option als das Nachgeben mehr möglich war. Die wahren Helden von Leipzig waren Bürger, die sich von den Kommunisten nicht mehr knechten lassen wollten”.

25.11.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (41)

In meinem Artikel vom 11.11.2014 habe ich mit der Beschreibung der Innenausstattung der Nikolaikirche zu Leipzig begonnen. Leider konnte ich bisher eine ausführliche Darstellung dieser in vielen Quellen gepriesenen Ausstattung nicht ausfindig machen. Ich habe mir etliche im Internet veröffentlichte Abbildungen angesehen, fühle mich jedoch bei meinen geringen Kenntnissen auf diesem Gebiet außerstande, dieses Thema einigermaßen kompetent zu behandeln. Im Baedeker Reiseführer Sachsen äußert sich der betreffende Autor mit knappen lobenden Worten über den Innenraum der Nikolaikirche. Er nennt diesen sehenswert und herrlich und spricht von einem überwältigenden Anblick in Rosé, Lindgrün und Weiß, insbesondere dank Dauthes Idee, die Pfeiler in kannelierte Säulen zu verwandeln und in Palmwedeln auslaufen zu lassen. Der Chor habe ein hölzernes Tonnengewölbe erhalten und sei,wie die übrige Kirche auch, von Adam Friedrich Oeser ausgemalt worden. Bemerkenswerteste Ausstattungsgegenstände seien Kanzel und Taufstein von 1790, eine weitere Kanzel von 1521, von der angeblich Luther gepredigt haben solle, ein gotischer Schmerzensmann und ein Hufeisen am Gitter in der Südostecke, dessen Bedeutung unklar sei. Der Autor bemerkt hierzu noch folgendes: “Die sagenhafteste aller gängigen Erklärungen will wissen, dass es vom Pferd des heiligen Georg stammen soll”.

Die Website “hgb-Leipzig” enthält unter anderem zum hier erörterten Thema folgende Ausführungen: “1784-1797 erfolgte eine Neugestaltung des gesamten Innenraums durch Baudirektor Dauthe im frühklassizistischen Stil, was einen großartigen Raumeindruck entstehen ließ, ungewöhnlich für eine Kirche, licht und hell in den Farben Weiß, Hellgrün und Rosa. Mit dem Palmendach wurde innerhalb der Nikolaikirche im 18. Jahrhundert im Geist der Aufklärung eine Art Salomonischer Tempel angedeutet. Palmblätter stehen auch heute noch symbolisch für Frieden. Damit stellt sich durchaus ein ikonischer Bezug zu den Friedensgebeten her. Der größte Teil des Kirchenschiffs ist momentan in Weiß gehalten. Es ist allerdings im Gespräch, den originalen Farbton in Altrosa wiederherzustellen”. Auf der Website “leipziginfo” wird dieser Komplex ebenfalls kurz und bündig abgehandelt. Dort heißt es: “Der Mut zu radikalen Neuansätzen wird exemplarisch an der Umgestaltung der spätgotischen Hallenkirche 1784-1797 zum klassizistischen Innenraum deutlich, der mit seinen hellen Farben, der Blütenornamentik und den palmartig wirkenden Säulen zum Aufblicken, zum Aufatmen, zum aufrechten Gang ermutigt”. Aus meiner Sicht grenzt diese überschwängliche Darstellung jedoch ans Groteske. Auch der Beitrag der Website “sachsen-erkunden” ist nach meinem Empfinden nicht gänzlich frei von Überschwang. Er lautet: ”Begibt man sich in die Kirche, ist man zuallererst angetan von ihrer Größe. Ein Zartgrün und ein Weiß wechseln sich ab und dominieren den Innenraum sowie den Altar. Die Säulen sind filigran ausgearbeitet und ragen majestätisch in die Höhe und gehen in das Kreuzgewölbe über, welches dezent floral dekoriert ist. Die Säule ist Mahnmal der friedlichen Revolution”. Gemeint ist hiermit eine Säule, die vor der Kirche steht. Auf der Website “leipzig-lexikon” las ich hinsichtlich des Bildschmucks diese Ergänzung: “Der Maler und Bildhauer A.F. Oeser (1717-1799) schuf dreißig Wandmalereien, die sich in den Vorhallen und im Altarraum befinden”. Zum Innenraum fand ich auch bei “Wikipedia” einige kurze Anmerkungen, von denen ich diese zwei Sätze zitieren möchte: “Die aus ihren Palmenkapitellen aufsprießenden hellgrünen Blätter kaschieren den Ansatz der gotischen Kreuzgewölbe. Deren Gewölbefelder sind zu klassischen, mit Rosetten besetzten Kasetten geworden”.

Bei “Wikipedia” steht auch der Satz, dass die viermanualige Ladegast-Orgel von 1859 zu den größten in Deutschland gehört. Um etwas mehr über diese Orgel zu erfahren sah ich mich auf der Website der Nikolaikirche um. Dort stieß ich auf folgende Erläuterugen: ”Die Orgel der Nikolaikirche zu Leipzig wurde 1862 vom Weißenfelser Orgelbaumeister Friedrich Ladegast erbaut. Mit 84 Registern auf vier Manualen und Pedal und einem offenen Register von 32 Fuß im Prospekt war sie sein größtes Werk und zugleich auch die größte Orgel im Königreich Sachsen. Auch heute ist sie noch bzw. wieder die größte Orgel im Freistaat. - 1902/03 wurde die Orgel durch die Firma Wilhelm Sauer umgebaut, wobei das klingende Pfeifenwerk weitgehend beibehalten wurde. Die technische Einrichtung aber wurde auf den “neuesten Stand” gebracht, was bedeutet, dass die musikalisch sinnvolle Anlage des Instruments verlorenging. Die mechanischen Schleifladen wurden durch pneumatische Kegelladen ersetzt. - Die Orgel in der Nikolaikirche ist das ideale Instrument für die Wiedergabe der Musik von Mendelssohn, Liszt, Reubke, Brahms und anderen Komponisten dieser Zeit”. Dem besagten Text entnahm ich, dass die Orgel inzwischen gründlich renoviert wurde. Hauptsächlich sei es darum gegangen, die “klangliche Wiederherstellung” zu erreichen. Zu diesem Punkt wurde folgendes angemerkt: “Durch die bereits durchgeführten Restaurierungen an Ladegast-Orgeln und der Rekonstruktion der fehlenden Register nach Vorbildern in den noch vorhandenen großen Orgeln im Merseburger und Schweriner Dom konnte das originale Klangbild von Ladegast in seiner Ganzheit wiedergewonnen werden”. Außerdem wurde hervorgehoben, dass das Instrument wieder mit mechanischen Schleifladen versehen sei. Dieses sei das technische System, das diesem Orgeltyp entspreche, und das Ladegast immer engagiert verteidigt habe.

11.11.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (40)

Mit Hilfe des Internets und von mir erworbener Reiseführer ist es mir gelungen, einige Daten zur Geschichte der Nikolaikirche zu Leipzig zu erhalten. In meinem Artikel vom 28.10.2014 zum Thema Nikolaikirche habe ich bereits dargelegt, dass es keine Urkunde gibt, die den Baubeginn dieses Gotteshauses dokumentiert. Gleichzeitig habe ich berichtet, dass der Baubeginn von Historikern auf das Jahr 1165 gelegt worden ist. Bei Wikipedia ist dann auch zu lesen, dass die Stadt-und Pfarrkirche St. Nikolai ab 1165 nach der Verleihung der Stadt-und Marktrechte an Leipzig im romanischen Stil erbaut wurde. Im Baedeker “Sachsen” ist davon die Rede, dass im 14. Jahrhundert der gotische Chor hinzukam, und von 1513 bis 1526 das dreischiffige Langschiff errichtet wurde. An anderer Stelle fand ich die Notiz, dass die Südkapelle 1476 erbaut wurde. Bei Wikipedia wird außerdem folgendes angemerkt: “Im 15. Und 16. Jahrhundert erfolgten Erweiterungen und der vollständige Umbau zur dreischiffigen spätgotischen Hallenkirche”. Hier ist auch angemerkt, dass der Sakralbau 1452 mit der “Osanna” seine erste Glocke erhielt. Die Glocke sei mit Darstellungen des gekreuzigten Jesus, der vier Evangelisten, des heiligen Martin und des heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron dieser Kirche, verziert gewesen. Die Glocke habe nicht nur die Gottesdienste eingeläutet, sondern sie sei auch als Feuerglocke genutzt worden. Laut Wikipedia fällt der Beginn der Reformation in Leipzig auf den 25. Mai 1539. An diesem Tag hätten Johannes Jonas der Ältere und Martin Luther in der Nikolaikirche gepredigt. Mit der Reformation sei die Kirche Sitz des ersten Superintendenten der Stadt Leipzig geworden. In anderen Quellen wird jedoch als fraglich hingestellt, dass die Reformatoren Jonas und Luther an jenem Tag oder überhaupt je in der Nikolaikirche gepredigt hatten.

Als weiteres für die Nikolaikirche mir wichtig erscheinendes Jahr habe ich 1553 notiert. Erst in diesem Jahr sei der achtseitige Mittelturm von Hieronymus Lotter “aufgesetzt” worden. Auf der Website www.reise-nach-leipzig.de fand ich diese Textpassage:”Ein weiterer Meilenstein der Baugeschichte der Nikolaikirche zu Leipzig war der barocke Umbau um 1734, bei dem die Kirche ihre barocke Laterne mitsamt Wetterhahn erhielt. Die zentrale Laterne auf der Turmfront der Westfassade ist bis heute erhalten geblieben”. Zu dieser Baumaßnahme heißt es in einer anderen Quelle, die barocke Haube sei nach einem Entwurf nach Johann Michael Senkeisen entstanden. Als Bauzeit ist 1730 bis 1734 angegeben.

Am Karfreitag, dem 07.04.1724 hätte Johann Sebastian Bach sein bis dahin umfangreichstes Werk, die Johannespassion in der Nikolaikirche uraufgeführt. Bach habe dort von 1723 bis 1750 gewirkt.

Wikipedia weist ferner darauf hin, dass im Zuge der Aufklärungs-und Revolutionsarchitektur der Innenraum der Kirche zwischen 1784 und 1797 nach dem Ideal der Urhütte umgestaltet worden ist. Die Urhütte sei ein architektonisches Konzept, das auf den im 1. Jahrhundert v. Ch. lebenden römischen Architekten, Ingenieur und Architekturtheoretiker Vitruv zurückgeht. Die Urhütte wird auch als idealisiertes Prinzip des Naturhauses beschrieben. Der im 18. Jahrhundert wirkende und zu seiner Zeit als einflussreich bezeichnete französische Architekt Marc-Antoine Laugier habe die mit der Urhütte verbundenen Vorstellungen in seine Architekturtheorie aufgenommen. Laugier habe die Gotik vom Baukörper her akzeptiert, aber im übrigen die vollständige Überformung durch klassizistische Elemente gefordert. Im obengenannten Zeitraum sei das Kircheninnere im klassizistischen Stil durch den Leipziger Stadtbaumeister Carl Friedrich Dauthe komplett umgebaut worden. Der Leipziger Akademiedirektor Adam Friedrich Oeser habe zur klassizistischen Ausstattung die erforderlichen Gemälde geschaffen. Beim Umbau habe sich Dauthe an Laugier orientiert. Neben anderen Maßnahmen seien die Pfeiler durch Antragung eines Stuckmantels in kanellierte Säulen von rötlichem Farbton umgestaltet worden.

04.11.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (39

)Bei meinem Aufenthalt in Leipzig im Jahr 2008, der vor allem dem “Museum der bildenden Künste” dieser Stadt galt, stand ich auch vor der Nikolaikirche, die durch die Aktivitäten von Bürgerrechtlern und Pazifisten bekannt wurde, und der eine bedeutende Rolle in der sogenannten friedlichen Revolution von 1989 beigemessen wird. Der Schriftsteller Erich Loest, von dem auch ich einige Werke las, hat bekanntlich einer seiner Publikationen den Titel “Nikolaikirche” gegeben. Bei meiner Nutzung des Internets im Zusammenhang mit dem Thema “Nikolaikirche Leipzig” habe ich etliche Websites aufgerufen. Eine mich befriedigende ausführliche Behandlung des mich interessierenden Themas fand ich jedoch nicht. Besonders vermisste ich eine gründliche Darstellung der architektonischen Aspekte dieses Bauweks. Auf der Website “ab-nach-leipzig.de” ist eine kurze Stellungnahme über den besagten Sakralbau veröffentlicht, der ich zustimme. Sie lautet:”Von außen hat die Nikolaikirche wenig zu bieten. Ihre Mischung aus romanischen, gotischen und barocken Architekturelementen lassen sie äußerst uneinheitlich erscheinen. Doch ihr strenges unattraktives Äußeres steht im krassen Gegensatz zur beeindruckenden Innenraumgestaltung”. Ich muss jedoch bekennen, dass ich das Innere der Kirche bisher nicht in Augenschein genommen habe. Ich kenne es nur von Abbildungen.

Bei meinen Recherchen stieß ich darauf, dass es beabsichtigt ist, 2015 Feierlichkeiten zu einem besonderen Anlass stattfinden zu lassen. Von interessierten Kreisen wird nämlich in Umlauf gebracht, dass in jenem Jahr die Stadt Leipzig sowie die Nikolaikirche seit 850 Jahren bestehen. Es ist die Rede von einem aus dem Mittelalter stammenden Schriftstück, das Hinweise auf die im 12. Jahrhundert erfolgte Gründung der Stadt Leipzig geben soll. Die “Leipziger Internet Zeitung” hat sich mit dieser Problematik beschäftigt. Im Beitrag dieses Organs heißt es unter anderem: “Die winzige Urkunde hat noch einen zweiten Nachteil: Sie trägt kein Datum. Die Zeit für die Gründung der Stadt, Markt und Kirche lässt sich nur aus der Erwähnung Ottos des Reichen schließen. Also haben die Historiker die mögliche Gründung der (Neu-) Stadt Leipzig auf die Zeit zwischen 1156 (als Otto die Mark Meißen übereignet bekam) und 1170 datiert. Der Rest ist dann der Versuch, irgendein Jahr aus diesem Zeitraum als mögliches Gründungsjahr zu definieren”. In anderen Passagen des besagten Beitrags stehen folgende Sätze: ”Die Gründung der Kirche und damit der Stadt Leipzig liegt im Dunkeln. Es gibt keine Urkunde, die den Baubeginn dokumentiert”. Aus einer nach meiner Einschätzung kirchlichen Publikation wird in dem bewussten Beitrag zitiert: “Im Jahr 2015 wird die Nikolaikirche Leipzig 850 Jahre alt. Anlässlich dieses Jubiläums gestaltet die Kirchengemeinde ein Festjahr. Von Nikolaustag 2014 bis Nikolaustag 2015 wird es Festgottesdienste und Friedensgebete, eine Buchpräsentation und Ausstellungen, Musik berühmter Nikolaiorganisten und Johann Sebastian Bachs, sowie eine Festwoche vor Pfingsten geben”. Auf einer kirchlichen Website wird übrigens mitgeteilt, dass der gotische Raum der Nikolaikirche saniert werden soll. Ferner wird erwähnt, mehrere Glocken hätten für Kriegszwecke abgegeben werden müssen. Der marode Glockenstuhl, die fehlende Großglocke und die unzureichende Stimmung machten eine Sanierung unumgänglich. Für die Unterhaltung der Kirche würden jährlich 130.000 EUR benötigt.

Wie bereits oben betont, geben die von mir herangezogenen Quellen nach meinem Empfinden nur wenig Aufschluss über Einzelheiten der architektonischen Besonderheiten der Nikolaikirche. Nur vereinzelt wurden Angaben über die Ausmaße des Gotteshauses gemacht. Der Baukörper sei 63 m lang und 43 m breit. Der Hauptturm sei 75 m hoch. Wikipedia hebt hervor, dass an der Westseite der Kirche der romanische Einfluss noch heute sichtbar ist. Der Sakralbau sei dreischiffig. In meinem Baedeker “Sachsen” wird angeführt, dass von der im 12. Jahrhundert als romanische Pfeilerbasilika konzipierten Nikolaikirche noch der mächtige Unterbau der drei Westtürme erhalten ist. In dem von mir erworbenen Reiseführer “Leipzig” des Vista Point Verlags, Köln, wird die Nikolaikirche in ihrer heutigen Gestalt als spätgotische Hallenkirche mit frühklassizistischer Ausstattung von 1797 vorgestellt.

 

28.10.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern

Einen intensiveren Eindruck vom künstlerischen Schaffen Willi Sittes habe ich nach meiner Erinnerung erst durch die Ausstellung “Zeitvergleich - Malerei und Grafik aus der DDR” gewonnen. Wie bereits in anderen Artikeln von mir erwähnt, fand diese Ausstellung vom 20. November 1982 bis 09. Januar 1983 im Kunstverein Hamburg statt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass diese Werke mich stark beeindruckt haben. Ich nahm sie wohl damals, wie auch zahlreiche andere Kunstwerke, mit Interesse zur Kenntnis. Gefallen hat mir, dass in dem von mir erworbenen Katalog im Aufsatz über Willi Sitte etliche Äußerungen des Künstlers abgedruckt waren. In jenen Jahren habe ich mich nämlich besonders für die Äußerungen von Künstlern interessiert, weil mich diese durch ihre Authentizität mehr als die Stellungnahmen von Kunsthistorikern beeindruckt hatten. Der Autor des Beitrags über Willi Sitte, bei dem es sich um den damaligen Leiter des Kunstvereins Hamburg und späteren Direktor der Hamburger Kunsthalle Uwe M. Schneede handelt, führt an, dass der Künstler auf der Suche nach Orientierungspunkten in seiner frühen Phase auf die Werke von Picasso, Léger und Max Ernst stieß. In diesem Zusammenhang habe sich Sitte 1982 wie folgt eingelassen: ”Ich kannte ihre Arbeiten fast nur von Schwarzweiß-Reproduktionen und hatte keine Ahnung, wie sie farbig aussahen . . . Ich nahm an, dass die Bilder von Max Ernst und Picasso ziemlich grau sein müssten. Um so verblüffter war ich - und zeitweise enttäuscht - als ich sie dann im Original sah. Schneede trägt vor, dass Picassos “Guernica” von 1937 und das “Massaker in Korea” von 1951 am stärksten auf Sitte gewirkt zu haben scheinen. Anschließend wird folgende Stellungnahme des Künstlers aus dem Jahr 1971 zitiert:”Mir ging es um die Gestaltung all der großen gesellschaftlichen Konflikte, die der Krieg hinterlassen hatte, der Probleme, die der neuen Zeit gestellt waren. In Picasso fand ich diese Art politischen Künstler. Zudem fühlte ich mich seiner künstlerischen Mentalität verwandt . . . Auch sein Bemühen, das, was er aussagen will zu Sinnbildern, Zeichen, Symbolen zu verdichten, entsprach meinen künstlerischen Absichten”. Schneede bemerkt, dass die ersten großen Tafeln an diese Vorlieben erinnern und im Thematischen ihren Vorbildern ähneln. Hierbei bezieht er sich auf diese Werke:”Kampf der Thälmannbrigade in Spanien” (1958), “Lidice” (1959/60), Massaker II” (1959). Schon in diesen Anfänge werde deutlich, dass Willi Sitte spezifische bildnerische Möglichkeiten für das politische Drama suche. Die bildnerische Verwirklichung finde er im mehrteiligen Bild, vorzugsweise in der Altarform mit Predella. Hierzu Sittes Bekenntnis von 1982:”Für mich ist es nicht so sehr eine sakrale als eine monumentale Form. Eine Möglichkeit, über mehr auszusagen als nur über eine Sache. Ich wollte das Ganze, beide Seiten des Dramas, beide Welten, das Schicksal der Invasoren und den siegreichen Widerstand. Dafür brauchte ich zum Beispiel auch die Seitentafeln. Ich bin außerdem ein Verehrer Matthias Grünewalds, und auch das spielt bei manchen Bilderfindungen eine Rolle”. Laut Schneede hätte in Sittes früher Schaffensphase die Konfrontation statuarisch angelegter Figuren und Figurengruppen die Bildsituation bestimmt. Seit Mitte der sechziger Jahre hingegen herrsche ein Kompositionsprinzip vor, dass der Künstler in Heirich Vogeleis “Komplexbildern” und in John Heartfields Fotomontagen entdeckt hätte. Hierzu ist folgendes Statement Sittes von 1979 eingefügt:”Mich interessierte natürlich die Arbeitsmethode von John Heartfield. Ich versuchte hinter das Geheimnis der starken Wirkung seiner Kunst zu gelangen. Dabei erhielt ich von der von ihm angewendeten Simultanmontage für meine eigene künstlerische Arbeit eine Menge Anregungen, die ich in verschiedenen Bildern schöpferisch verarbeitet habe”. Sitte habe sich auch zu dem grundsätzlichen Problem heutiger Arbeitsdarstellungen 1967 geäußert, als er an seinem Bild “Leuna 1969” gearbeitet habe. Nachdem er zunächst die automatischen Anlagen in dem Chemiebetrieb geschildert habe, habe er die nachstehende Stellungnahme abgegeben:”Vom Prozess ist außer einem eindrucksvollen Industriepanorama wenig zu sehen. Wo bleibt der Augenschmaus für den Künstler? Adolph Menzel wäre enttäuscht. Er müsste angesichts dieser veränderten Situation die Pinsel strecken, wollte er nicht die langweiligsten Bilder malen . . . Umfassende Erfahrungen und optimales Wissen sind notwendig, um die geschilderte Situation in eine neue optische Qualität, in eine neue Realität, sozusagen in eine künstlerische Wirklichkeit gebündelt, zu transportieren. Das ist leicht gesagt. Unsere von Grund auf veränderte Umwelt verlangt auch in der Kunst neue Ausdrucks-und Darstellungsmittel, neue Methoden, bisher unbekannt, um ihr in voller Verantwortung gerecht zu werden, um auf sie rückwirken zu können. Der konventionelle Sehschlitz ist für den Sozialismus zu eng geworden”.

Nicht nur mit den bildnerischen Lösungen seiner politischen Tafeln, auch mit den Motiven aus dem privaten Alltag habe Sitte zumal in den sechziger Jahren Möglichkeiten eröffnet, die für die Kunst in der DDR neu gewesen wären. Zu der Thematik des privaten Alltags habe der Künstler 1974 folgende Sätze vorgetragen:”Der Mensch ist ja gleichermaßen Natur-und gesellschaftliches Wesen, man kann das nicht voneinander trennen: der Mensch, wie er von Natur aus ist und wie er in der Gesellschaft geworden ist. Auch seine natürliche Körperlichkeit sagt etwas über das gesellschaftliche Leben, das Wesen der Gesellschaft, über Harmonie und Widersprüche”. In dem besagten Aufsatz vertritt Schneede aus seiner damaligen Sicht die Auffassung, es bestehe kein Zweifel daran, dass Willi Sitte mit seinen Bildern, den großen und den kleinen, den politischen und den intimeren, den “konventionellen Sehschlitz” des sozialistischen Realismus weit geöffnet habe. Sitte habe bei seinen vielen Funktionen, unter anderem auch als Verbandspräsident, nicht nur das staatliche Interesse vertreten, sondern auch die Bewegungsräume für die Künstler gesichert. Dieser Auffassung wird eine Aussage Sittes aus dem Jahr 1975 beigegeben. Sie lautet: “Wir wissen, dass die ständige Suche nach neuen Bildideen und formalkünstlerischen Lösungen, das Experiment, ein für jeden Künstler notwendiger, für die Kunstentwicklung gesetzmäßiger Prozess ist. Ich möchte dazu ermuntern, auf diese Weise unsere sozialistisch-realistische Kunst mit neuen Werken weiter zu bereichern”.

Es stellt sich von selbst die Frage, wie der vielbeschäftigte Multifunktionär seine zahlreichen Verpflichtungen mit seiner Lebensaufgabe als Künstler vereinbaren konnte, denn auch nach meinem Empfinden war Sitte mit einem ausgeprägten künstlerischen “Sendungsbewusstsein“ ausgestattet. Der Aufsatz in jenem Katalog lässt zum Schluss Sitte noch einmal auf diese Weise zu Wort kommen: “Ich könnte nicht sagen, dass mich meine Funktionen und gesellschaftlichen Aufgaben nur belasten. Auf keinen Fall möchte ich auf die ständige und aktive Kommunikation verzichten”.


21.10.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (37)

In meinem Artikel vom 14.10.2014 habe ich bereits einen kurzen Abriss der ersten 27 Lebensjahre Willi Sittes Leben gegeben. Ich hatte zuletzt das Jahr 1947 mit dem Eintritt des Künstlers in die SED gestreift. 1951 habe Sitte einen Lehrauftrag an die Kunstschule Burg Giebichenstein erhalten. 1959 sei er dann zum Professor berufen worden. Er sei Bestandteil der damals rührigen Kunstszene Halles gewesen und habe zum Freundeskreis um Christa Wolf, Wolf Biermann, Eva-Maria Hagen, Sarah Kirsch und Rainer Kirsch gehört. In jener Zeit habe er die Unabhängigkeit der Kunst von den Richtlinien der Kulturfunktionäre gefordert. In den von mir hinzugezogenen Quellen ist daher von einer Aufmüpfigkeit Sittes gegenüber den Vertretern der offiziellen Kulturpolitik die Rede. Seine Haltung sei von den zuständigen Funktionären nicht nur missbilligt worden. Sitte sei vielmehr mit Sanktionen bedacht worden. Hierüber habe ich bereits im Artikel vom 14.10.2014 im Zusammenhang mit einem Nachruf des Spiegels berichtet. Ferner habe ich erwähnt, dass Sitte seinerzeit Selbstkritik geübt hat und auf die Linie der Kulturpolitik der DDR eingeschwenkt ist. Wie bereits früher von mir geschildert, habe er sich zum sozialistischen Realismus bekannt. Nach meiner Einschätzung ist festzustellen, dass sich Sitte ab 1964 aktiv in das kulturpolitische System der DDR eingebracht und seit Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auch offizielle Anerkennung erfahren hat. 1969 sei er “Ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Künste” geworden. Diese Mitgliedschaft habe bis 1991 angedauert. 1970 habe er die Aufgabe übernommen, als Vizepräsident des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR zu fungieren. Internationale Anerkennung für sein Schaffen habe er durch die Verleihung der Goldmedaille auf der 3. Internationalen Grafik-Biennale Florenz 1972 erhalten. Von 1974 bis 1988 sei er Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR gewesen. Auf einer Website der FAZ wurde publiziert, dass es dem Künstler 1975 mit Unterstützung des Hamburger Parteivorstandes der DKP gelungen war, im örtlichen Kunstverein 120 Gemälde und Zeichnungen auszustellen. 1976 sei er Abgeordneter der Volkskammer der DDR geworden. Er soll dort im Kulturbund dieser Einrichtung mitgearbeitet haben. In zahlreichen Veröffentlichungen wird herausgestellt, dass in das Jahr 1977 Sittes Beteiligung an der Dokumenta 6 in Kassel gemeinsam mit Heising, Mattheuer und Tübke fällt. 1979 sei ihm der Nationalpreis I. Klasse der DDR verliehen worden. Im Jahr 1985 sei er Mitglied des Weltfriedensrates geworden. Nach meinen Erhebungen handelt es sich bei dieser Institution um eine internationale Organisation, die im November 1950 zur Förderung der friedlichen Koexistenz und der nuklearen Abrüstung gegründet worden ist. In der so genannten Westlichen Welt habe es geheißen, der Weltfriedensrat sei von kommunistischen Intellektuellen dominiert gewesen. In gewissen Kreisen dieser Hemisphäre habe die bewusste Einrichtung als eine von der UdSSR gesteuerte Tarnorganisation gegolten. Sie habe zunächst ihren Sitz in Wien gehabt, sei 1968 nach Helsinki verlegt worden und später nach Wien zurückgekehrt. Heute führe der Weltfriedensrat die Bezeichnung “Institute for Peace” mit Sitz in Wien.

Als Höhepunkt der Einbindung Sittes in das politische System der DDR dürfte die ihm 1986 angetragene Mitgliedschaft im Zentralkomitee der SED anzusehen sein. Diesem Gremium habe er bis 1989 angehört. 1988 sei seine Wahl zum Ehrenpräsidenten des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR erfolgt. 1989 habe er sich von der Ehrenpräsidentschaft zurückgezogen und jegliche Tätigkeit in dem sich auflösenden Verband beendet. Nach dem Ende der SED-Herrschaft in der DDR sei Sitte nach eigenen Angaben ab 1990 von früheren Kollegen gemieden und in anonymen Anzeigen beschuldigt worden. Auf einer Website war zu lesen, dass er mitunter als unkritischer Staatskünstler deklariert worden sei, die Beliebtheit seiner Werke bei Sammlern und Galeristen jedoch ungebrochen sei. 1992 hätten in Kunstinstituten der Alten Bundesländer sechs Ausstellungen mit Werken Sittes stattgefunden. 1995 sei sogar im Schloss Cappenberg bei Unna eine große Sitte gewidmete Werkschau veranstaltet worden. Das Jahr 2001 ist nach meinem Empfinden durch zwei für den Künstler konträre Ereignisse gekennzeichnet. Im Januar jenes Jahres habe er eine im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg geplante Ausstellung abgesagt. Die Absage habe er mit aus seiner Sicht diskriminierender Bedingungen begründet. Ich habe im Internet einige Berichte über die Umstände im Zusammenhang mit der geplanten Ausstellung überflogen. Nach meiner Erinnerung hat sich unter anderem der Verwaltungsrat des Museums eingeschaltet und darauf gedrungen, die Ausstellung vom Ergebnis anzustellender Nachforschungen über Verstrickungen Sittes in Aktivitäten der Staatssicherheit der DDR abhängig zu machen. Ferner sei ein Symposium über Sittes Rolle im Kunstbetrieb der DDR geplant gewesen. An diesem Vorhaben hätte das Museum ungeachtet der Absage des Künstlers festgehalten. 2001 sei Willi Sitte aber auch zum Korrespondierenden Mitglied der “European Academy of Science, Arts and Humanities” in Paris gewählt worden. 2003 sei die Willi-Sitte-Stiftung in der in Sachsen-Anhalt gelegenen Stadt Merseburg gegründet worden. 2006 sei dann die dieser Stiftung angeschlossene Willi-Sitte-Galerie eröffnet worden. Zu Sittes Tod am 8.6.2013 habe ich mich bereits im Artikel vom 14.10.2014 geäußert.

14.10.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (36)



Zu den Beständen des Museums der bildenden Kunst Leipzig dürfte auch eine stattliche Anzahl von Werken Willi Sittes zählen. Die Website des Museums gibt jedoch kaum darüber Aufschluss, welche Werke Sittes in diesem Haus verwahrt werden. Ich fand dort lediglich die Abbildung des Gemäldes “Arbeitspause” mit einer Kommentierung vor. Diese lautet:”Ein Arbeiter sitzt auf einem Baugerüst, in der einen Hand ein Buch, in dem er aufmerksam liest, in der anderen eine Zigarette. Willi Sitte (* Kratzau 1921, lebt in Halle) gehört heute zu den umstrittenen Künstlern der DDR. Als Präsident des Verbandes der Bildenden Künstler nahm er in den 1970ern und 1980ern eine herausragende Position im Kunstbetrieb der DDR ein. 1959 wurde der Künstler mit der Bitterfelder Konferenz in die Arbeit der Betriebe eingebunden und verpflichtet, in engem Kontakt und Austausch mit den arbeitenden Menschen künstlerisch tätig zu sein. Das Gemälde zeigt den Typus des intelligenten Arbeiters, der die Pause zur Lektüre und Weiterbildung nutzt. Die künstlerische Darstellung der allseitig gebildeten Persönlichkeit sollte dem Aufbau des Sozialismus dienen. Sitte versuchte, das von der Parteiführung geforderte Arbeiterideal mit dem künstlerischen Erbe seiner Vorbilder P. Picasso und F. Leger in Einklang zu bringen”.

Dieser Eintrag berücksichtigt noch nicht, dass Willi Sitte am 08.06.2013 in Halle (Saale) verstorben ist. Dieses führte naturgemäß zu Nachrufen in den Medien, die auch im Internet veröffentlicht wurden. Ich las bisher elektronisch erst zwei Nachrufe des Spiegels und einen der Frankfurter Rundschau. Im ersten Nachruf des Spiegels wird darauf hingewiesen, dass Sitte vor ungefähr fünfundfünfzig Jahren auf einer relativen Unabhängigkeit der Künstler und ihrer Ausdrucksmittel beharrte. Dieses habe die Staatssicherheit veranlasst, gegen Sitte einen Operationsvorgang zu eröffnen. Sitte sei von der Kulturpolitik als Formalist kritisiert worden. Er habe die Leitung der Malklasse an der Kunstschule Burg Giebichenstein zugunsten der Textilklasse aufgeben müssen. Nach den Feierlichkeiten aus Anlass seines 40. Geburtstages habe er einen Suizidversuch unternommen. Später habe er sich dann hinsichtlich seiner Einstellung zur Kulturpolitik der DDR einer Selbstkritik unterzogen. In der Zeitung “Neues Deutschland” sei ein entsprechender Beitrag unter der Überschrift: “Meine ganze Kraft dem sozialistischen Realismus” erschienen. Aus dem Kritiker der Verhältnisse sei laut Spiegel ein loyaler Spitzenfunktionär geworden. Nach meiner Einschätzung war Sittes Ansehen in weiten Kreisen der Bevölkerung zu jener Zeit nicht allzu hoch gewesen. Es wird folgender Spruch kolportiert:”Lieber vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt”. In einem Beitrag des Spiegels vom 17.08.2013 fand ich den nachstehenden Satz zur Kunst Sittes:”Auf seinen Gemälden finden sich dynamisch kraftvolle Gestalten, proletarische Übermenschen oder ein Super - Lenin mit großen Schöpfer - Pranken”. Es versteht sich, dass man dieses in der Willi-Sitte-Galerie im mitteldeutschen Merseburg ganz anders sieht. Der Kunsthistoriker Dr. Hans-Georg Sehrt hat sich zum Schaffen Sittes unter anderem wie folgt eingelassen:”Immer wieder geht es ihm um eine klare figürliche Darstellung, bei der malerischer Gestus und Farbigkeit den Betrachter berühren. Er besitzt eine besondere Fähigkeit bei der Darstellung von Bewegung, Bewegungsabläufen und hat das im Futurismus häufig angewandte Simultanbild weiterentwickelt. Im besonderen Maße beherrscht Willi Sitte das bildhafte Erfassen der menschlichen Figur in den verschiedenen Haltungen, Perspektiven, Verkürzungen und Drehungen, Zueinanderordnungen und komplizierten Überlagerungen”.

Ich möchte jetzt einige Anmerkungen zum Leben Willi Sittes machen. Das Geburtsjahr wurde bereits in diesem Artikel mit 1921 genannt. Geburtsort ist Chrastava in der Tschechowslowakei. Dieser Ort ist nicht weit entfernt von der sächsischen Stadt Zittau. Der in der Jugend Sittes gebräuchliche deutsche Name Chrastavas ist Kratzau. Willi Sitte sei das dritte Kind eines deutschstämmigen Bauern, der auch als Zimmermann vorgestellt wird, und einer tschechischen Mutter. In den von mir genutzten Quellen ist von zwei Schwestern und vier Brüdern die Rede. Schon in seiner Kindheit sei sein Zeichentalent entdeckt und von einem Lehrer gefördert worden. 1936 habe er die allgemeinbildende Schule verlassen und sei an der Kunstschule des nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg zum Textilmusterzeichner ausgebildet worden. 1940 habe er eine Empfehlung für die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenberg in der Eifel erhalten. Dort sei er jedoch nicht lange geblieben. Er soll Kritik an den dortigen Lehrmethoden geübt haben. 1941 habe er dann die Einberufung zur Wehrmacht mit dem Einsatz an der Ostfront erhalten. Während dieses Einsatzes habe er sich eine Hepatitis zugezogen. Im Rahmen der medizinischen Rehabilitation sei Sitte ein Heimaturlaub gewährt worden. Anschließend sei er als Wehrmachtsangehöriger nach Italien versetzt worden. Dort sei er 1944 desertiert und habe sich italienischen Partisanen angeschlossen. Er sei dann einige Zeit in den italienischen Städten Mailand, Vicenza und Venedig künstlerisch tätig gewesen. 1946 sei er nach Chrastava zurückgekehrt. In den ersten Nachkriegsjahren waren jedoch deutschstämmige Personen in der Tschechoslowakei bekanntlich nicht willkommen. Es war ja zu massenhaften Vertreibungen Deutscher und zu Übergriffen gekommen. Sitte sei daher nach Halle (Saale) gegangen. In Halle sei er 1947 in die SED eingetreten. Hierzu ist meines Erachtens von Interesse, dass berichtet wird, sein Vater sei bereits Kommunist gewesen. Dieser habe sogar zu den Gründungsmitgliedern der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei gehört. Folglich dürfte Sitte bereits in jungen Jahren mit der kommunistischen Ideologie in Berührung gekommen sein. Seine politische Gesinnung hat er nach meiner Einschätzung schon durch den äußerst gewagten Schritt, aus der Armee des nationalsozialistischen Deutschland zu desertieren und sich italienischen Partisanen anzuschließen, hinreichend zum Ausdruck gebracht. Opportunismus kann man daher aus meiner Sicht Sitte keineswegs vorwerfen.

Den weiteren Lebensweg dieses Künstlers werde ich in meinem nächsten Artikel behandeln.

30.09.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (35
)

In mehreren Artikeln habe ich mich mit dem Museum der bildenden Künste Leipzig und den Hauptvertretern der Leipziger Schule befasst. Mein besonderes Augenmerk habe ich dabei auf Wolfgang Mattheuer gerichtet. Bei meinen Recherchen fand ich nur wenige Stellungnahmen von Kunsthistorikern zu bestimmten Bildern Mattheuers. Von seinen im Besitz des Museums der bildenden Künste in Leipzig befindlichen Bildern wurde dem 1973 geschaffenen Gemälde “Hinter den sieben Bergen” auf den elektronischen Publikationen des Museums eine Erläuterung zuteil. Hierbei wurde auch ein Mattheuer zugeschriebenes Gedicht veröffentlicht, das der Künstler kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 verfasst habe. Dieses lautet:”Hinter den sieben Bergen spielt die Freiheit/ Hinfahren sollte man/ Sehen müsste man’s/ mit eigenen Augen,/ die Freiheit spielt mit bunten Luftballons/ Und andere fahren hin/ mit Panzern und Kanonen/ um nachzuschauen”. Das Bild wurde wie folgt erläutert: “Eine Autostraße führt über mehrere Hügel, an deren Horizont eine Frau mit ausgestrecktem Arm bunte Luftballons in die Höhe hält, während sie in der anderen Hand Blumen schwenkt. In Paraphrase auf das Gemälde <Die Freiheit führt das Volk an> von Eugène Delacroix (1798 - 1863), aber gänzlich ohne dessen Pathos, malt Mattheuer die Freiheitsfigur als Fata Morgana, deren bunten Glücksverheißungen zahlreiche Autos entgegenstreben”. Interessant fand ich den auf einer Website veröffentlichten Aufsatz “Wolfgang Mattheuer - Die Kunst das Unsichtbare im Sichtbaren spürbar zu machen, oder: Die Metaphysik in der Gegenständlichkeit”. Jener Aufsatz enthält auch eine Anmerkung zum Gemälde “Hinter den sieben Bergen”. Hier wird ausgeführt, dass dieses Gemälde nur vordergründig die Idylle eines Sommers in Thüringen bzw. im Vogtland, die kollektive Sonntagsfahrt mit den Autos in die Weite versinnbildlicht. Hintergründig werde die permanente Hoffnung auf eine Offenheit der Grenzen an den Bergen zum Ausdruck gebracht, über welchen die Vision der Freiheit wie aus Delacroix’ Revolutions-Gemälde von 1830 mit bunten Luftballons statt der Trikolore aufsteigt. Die Figur habe auch etwas von Runges “Aurora” von 1807, sie sei aber auch selbst gänzlich unmateriell, auch durchsichtig wie ein Luftballon, wie eine Fata Morgana im Westen, beinahe ein Trugbild. Ich las, dass dieses Bild 1977 mit anderen Werken Mattheuers auf der Documenta 6 in Kassel gezeigt wurde. Auf dieser Kunstschau seien übrigens auch Bernhard Heising, Werner Tübke und Willi Sitte vertreten gewesen.

Ich stieß im Internet auf eine kurze Äußerung über die Kunst Mattheuers, die von Andreas Kernbach stammt, der als Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages vorgestellt wurde. Dieses Statement drückt aus meiner Sicht eine spezielle Adaption des Werks Mattheuers durch eine Reihe westdeutscher Kunsthistoriker aus. Danach vereine der Stil Mattheuers Elemente der Neuen Sachlichkeit mit surrealen Bildmotiven, die sich trotz ihrer Verschlüsselung als kritische Kommentare zur politischen Realität in der DDR lesen ließen. Nur diese leise, nicht provokante Hintergründigkeit habe es ihm ermöglicht, in der Sprache der Bilder Kritik zu üben, so dass seine Kritik zwar von den Bürgern habe verstanden werden können, den Funktionären des Staatsapparats jedoch keine Handhabe geboten habe. In dem erwähnten Aufsatz des Herrn Dietrich Schubert wird jedoch hervorgehoben, dass sich Mattheuer gegen die von westdeutschen Kunsthistorikern in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vollzogene Klassifizierung als “surrealistischer Maler der DDR” zur Wehr gesetzt hat. In diesem Aufsatz wurde dargelegt, dass Mattheuer nicht das Unbewusste und das Irrationale darstellen wolle, sondern die Dialektik des Konkreten “in einem vernünftigen Schluss” und einen Gesamtsinn in der Formgestaltung: seine Kunst suche die Erhellung der Zusammenhänge, nicht ihre Verdunkelung. Folgender Satz des Künstlers wird zitiert:”So gesehen ist es eher das Gegenteil von Surrealismus”.

16.09.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (34)

Der Maler Wolgang Mattheuer zählt zu den Menschen, die ihr Leben in Gesellschaften mit höchst unterschiedlichen politischen Systemen verbracht haben. In seinen frühen Kinderjahren lebte er in der Weimarer Republik. Die weitere Kindheit sowie seine Jugend überlebte er im “Dritten Reich”. Er überstand die Zeit der sowjetischen Verwaltung in Mitteldeutschland. Sodann harrte er in der DDR aus. Schließlich war er noch über dreizehn Jahre Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Geboren wurde er 1927 als Sohn der Helene und des Otto Walter Mattheuer im vogtländischen Reichenbach. Sein Vater habe den Beruf des Buchbinders gelernt, seine Mutter sei zunächst als Textilarbeiterin, dann als Hausfrau tätig gewesen. Sein Vater habe im Unternehmen Carl Werner gearbeitet, das bei Wikipedia als polygraphischer Großbetrieb, im Katalog zur Ausstellung “Zeitvergleich - Malerei und Grafik aus der DDR” aus dem Jahr 1982 als Großdruckerei bezeichnet wird. Sein Vater sei übrigens Sozialdemokrat gewesen. Die Schule habe Wolfgang Mattheuer von 1933 bis 1941 in Reichenbach besucht. Nach einem Hinweis im besagten Katalog habe er sich dem Dienst in der Hitler-Jugend entziehen können. Von 1941 bis 1944 habe er eine Lehre als Foto-Lithograf in eben jenem Unternehmen Carl Werner absolviert. Ihm sei schnell klar geworden, dass er diesen Beruf nicht ausüben würde. Er habe nicht den ganzen Tag am Leuchttisch stehen wollen, sondern sich vielmehr zu künstlerischer Betätigung hingezogen gefühlt. Im Unternehmen sei interessierten Mitarbeitern die Gelegenheit gegeben worden, ihre Fertigkeit im Porträtzeichnen auszubauen. In seiner Freizeit habe er sich im Zeichnen vor der Natur geübt. Bei einem Berufswettkampf habe er die Juroren mit seinen Leistungen überzeugt. Ihm sei ein Studienplatz in München im Fach Grafik in Aussicht gestellt worden. Zur Aufnahme des Studiums sei es jedoch nicht gekommen, weil Mattheuer zum Militärdienst einberufen worden sei. In Salzburg hätte er sich einer Ausbildung zum Gebirgsjäger unterziehen müssen. Er sei bei einem Einsatz an der Front in der Slowakei verwundet und in ein Lazarett nach Prag gebracht worden. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs sei er in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten. Es sei ihm jedoch die Flucht aus der Kriegsgefangenschaft gelungen. Er sei nach Reichenbach zurückgekehrt. Dort habe er sich an der Demontage der Firma Carl Werner beteiligen müssen. In diesem Zusammenhang ist es meines Erachtens von Interesse, dass dieses Unternehmen im Dritten Reich zum nationalsozialistischen Musterbetrieb erklärt worden sei. In den Jahren 1946 und 1947 habe er die Kunstgewerbeschule Leipzig besucht. Hieran habe sich von 1947 bis 1951 ein Studium an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig angeschlossen. Von 1951 bis 1952 habe Mattheuer als Grafiker bei der Illustrierten Rundschau in Berlin gearbeitet. 1952 sei er nach Leipzig zurückgekehrt. In jenem Jahr habe er die Grafikerin Ursula Neustädt geheiratet und eine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Graphik und Buchkunst aufgenommen. In diesem Institut sei er von 1952 bis 1956 Assistent und von 1956 bis 1965 Dozent gewesen. 1965 sei ihm eine Professur angetragen worden. Das professorale Lehramt habe er 1974 niedergelegt, um fortan freiberuflich tätig zu sein. Im Jahr 1958 sei er im Zuge der Abkehr der Sowjetunion vom Stalinismus in die SED eingetreten. Was das künstlerische Schaffen Mattheuers anbetrifft, so halte ich für bemerkenswert, dass er seit 1971 auch plastische Arbeiten ausgeführt habe. Ich las, dass die Skulptur “Jahrhundertschritt” zu den wichtigsten Plastiken der DDR-Kunst gezählt wird. 1978 sei er zum Mitglied der Akademie der Künste der DDR berufen worden. 1988 sei der Künstler nach dreißig Jahren Mitgliedschaft aus der SED ausgetreten. Seine Distanz zum Regime habe er 1989 in der Weise bekundet, dass er an den Leipziger Montagsdemonstrationen teilgenommen habe.

Hinsichtlich seines Wirkens nach der Wende habe ich in Erfahrung gebracht, dass Mattheuer 1990 zum Stiftungsrat der neugegründeten Leipzig-Stiftung für Stadtkultur berufen worden sei. In den Jahren 1993 und 1994 sei er Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg gewesen. Anlässlich des siebzigsten Geburtstages des Künstlers sei 1997 in den Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz eine Retrospektive mit 200 Lithographien, Holzschnitten und Linolstichen veranstaltet worden. In das Jahr 1998 falle seine Beteiligung an der Ausstellung “Ideal und Wirklichkeit - Das Bild des Körpers in der Kunst des 20. Jahrhunderts von Bonnard bis Warhol” im Rupertinum zu Salzburg. Nach meiner Einschätzung dürfte es eine besondere Genugtuung für Mattheuer gewesen sein, dass 1999 Bilder von ihm für das restaurierte Reichstagsgebäude in Berlin angekauft worden sind. 2002 war Mattheuer 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass habe eine umfangreiche Retrospektive in den Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz stattgefunden.

Abschließend komme ich nicht umhin zu berichten, dass Wolfgang Mattheuer am 07.04.2004 an Herzversagen verstorben ist.

02.09.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (33

)Die Maler der Leipziger Schule hatten bereits zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mein Interesse geweckt. Besonders erstaunte mich das Werk Wolfgang Mattheuers, dessen Bilder so gar nicht mit den seinerzeit nach meiner Wahrnehmung in Westdeutschland vorherrschenden klischeehaften Vorstellungen von der bildenden Kunst der DDR jener Jahre in Verbindung zu bringen sind. Sofern die Bundesbürger damals überhaupt die Kunst der DDR zur Kenntnis nahmen, hatten sie meines Wissens in der Regel dem sozialistischen Realismus zuzurechnende Produkte vor Augen. Wolfgang Mattheuer fiel nach meiner Einschätzung die Rolle eines Außenseiters unter den Malern der DDR zu. Ich muss jedoch bekennen, dass mir die Gemälde einiger seiner Kollegen besser gefielen. Bei Mattheuer trat das Sinnliche nach meinem damaligen Urteil allzu sehr hinter dem Gedanklichen zurück. Gut gefiel mir der Beitrag von Axel Hecht über die Person und das Werk Wolfgang Mattheuers im Katalog zur Ausstellung “Zeitvergleich - Malerei und Grafik aus der DDR”, die vom 20.November 1982 bis zum 9. Januar 1983 im Kunstverein in Hamburg gezeigt wurde. Dieser Beitrag beginnt wie folgt: “Wolfgang Mattheuer ist ein schwieriger Fall; einer, der es keinem leicht macht, am wenigstens sich selbst. Ein Grübler mit zuweilen sogar grantlerischen Zügen, ein Skeptiker, dessen Malancholie jedoch mit Heiterkeit einherkommt, ein Romantiker, über dessen Landschaften kalte Himmel stehen. Kurz, einer, zu dessen Beschreibung es vieler Worte bedarf. Selten scheint ihm etwas leicht von der Hand zu gehen, auf dem Weg zur Bildfindung streift er häufig Bereiche des Selbstquälerischen. Nichts verachtet der Maler so sehr wie die Flucht in den wohlfeilen Kompromiss”.

In diesem Beitrag sind auch Aussagen Mattheuers abgedruckt. Sie erscheinen mir wichtig. Ich zitiere daher einige von ihnen. “Der Bildermacher kann sich nicht heraushalten aus dem Streit seiner Zeit. Er muss den Mut haben, sich einzumischen, auch wenn er dabei Wunden und Narben davonträgt. Denn wer sich aus allem heraushält, nirgendwo Position bezieht, hat mit seinem Leben auf andere düster gewirkt. Eine traurige Figur. ---- “Kunst wirkt nicht verändernd, davon müssen wir uns freimachen. Kunst kann etwas bewusst machen. Wir leben in einer Zeit, in der es wichtig ist, Fragen zu stellen. Nicht in der hämischen Art, dass der andere, der antworten soll, in Schwierigkeiten gerät, sondern in der Art, Dinge und Vorgänge fragwürdig zu machen”. ---- “Ich wehre mich gegen die Forderung <Ein kurzer Blick des Betrachters - und die ganze Sache muss verstanden sein>. Wenn es so wäre, dann brauchte man keine Bilder, auch keine Gedichte und Romane. Es würden Dokumentationen genügen”. ---- “Ich will in meiner Kunst neben dem Subjektiven auch die Welt spüren und wenn ich Glück habe, dann wird mir etwas zum Allgemeinen”. ---- Zur Problematik des Widerspruchs zwischen Ideal und Wirklichkeit habe er sich auf diese Weise geäußert:”Niemand leugnet seine Existenz. Aber manch einer denkt ans Verkitten und Verschleiern, wenn die Widersprüche als Kluft bewusst werden. Doch der Realist kann nicht anders, als diese Kluft erlebbar machen. Das ist Teil seiner Parteilichkeit und seine Hoffnung ist, dass so die Ideale als jenseitig der Wirklichkeit nicht zu jenseitigen Idealen verlottern, sondern als lebendige, produktive Ideale dem Gang der Dinge die Richtung geben mögen”.

Nach Auffassung des Autors des erwähnten Katalogbeitrags weisen die zitierten Sätze Mattheuer ebenso als Wahrheitsfanatiker aus, wie seine Bilder. In ihnen sei er ständig auf der Suche nach Antworten und Fragen, denen er sich als Realist gestellt sähe. So sei er Stück für Stück vorangekommen mit seiner “problemreichen Malerei”. Ein Pessimist sei Wolfgang Mattheuer bei all seinem Scharfblick nicht geworden. Dafür finde sich in vielen seiner Bilder eine deutliche Metapher: Der Horizont sei Ausdruck seiner Neugier, seiner Sehnsucht nach dem, was hinter dem Berg kommt. Am Schluss seines Beitrags stellt der besagte Autor die Prognose, dass sich Mattheuer auch weiterhin einmischen werde. Resignation sei seine Sache nicht. Auch wenn das Grau in seinen vor mehr als dreißig Jahren geschaffenen Bildern überwogen habe, habe er in seinem Tagebuch notiert: “Ich mache Rahmen. Wer Rahmen macht, will etwas rahmen, der kann doch nicht am Ende sein”.

Mattheuer war nach dieser Tagebuchnotiz noch eine Schaffensperiode von mehr als zwanzig jahren beschieden. Der 1927 geborene Maler starb im Jahr 2004.

In der Ausstellung “Zeitvergleich” wurde übrigens kein Bild Wolfgang Mattheuers aus dem von mir 2008 besuchten Museum der bildenden Künste Leipzig gezeigt.

In einem weiteren Artikel werde ich erneut über das Werk und das Leben Wolfgang Mattheuers schreiben.

29.07.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (32)

Ich habe abermals geraume Zeit im Internet damit verbracht herauszubekommen, welche Werke der Maler der Leipziger Schule sich im Museum der bildenden Künste Leipzig befinden. Meine Bemühungen verliefen jedoch wiederum weitgehend erfolglos. Hinsichtlich der von Bernhard Heisig geschaffenen Gemälde brachte ich lediglich in Erfahrung, dass aus der Sammlung Ludwig dem Haus das Bild “Winterschlacht” von 1985/86 als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurde. In einem anderen Artikel habe ich bereits erwähnt, dass ich durch den Katalog der im Kunstverein Hamburg vom 20.11.1982 bis 9.1.1983 gezeigten Ausstellung “Zeitvergleich - Malerei und Grafik aus der DDR” auf die Gemälde “Kommunarden (Pariser Märztage 1871, 3. Fassung) von 1962 und “Bildnis Vaclav Neumann” aus dem Jahr 1973 aufmerksam wurde. Im Katalog wird festgestellt, dass der rastlose, nie endenwollende Umgang mit den Stoffen und ihrer Gestaltung Heisig auch innerhalb eines Themenkreises ein halbes Malerleben umtreibt. Was daraus wird und wie es von Mal zu Mal an Erlebnistiefe und Komplexität hinzugewinnt, könne man an der langen Bilderfolge zur Erhebung der Pariser Kommune erkennen. Das Werk “Kommunarden” von 1963 (erste Studien zur Aufbahrung der Märzgefallenen stammten aus dem Jahr 1953) zeigten die Aufständischen noch frontal aufgereiht, im Hintergrund eine abriegelnde dunkle Straßenschlucht. Man warte auf den aussichtslosen Kampf. Es sei mehr Angst und Ungewissheit als himmelstürmender Mut (wie Karl Marx das euphorisch gesehen habe) in den ratlosen Physiognomien. Unheil liege in der Luft - und lauernde Stille. In den nächsten Varianten (1964, 1965, 1966, 1970, 1971, 1972) komme es zum Gemetzel auf den Barrikaden. Die grauenvolle Aktion dynamisiere das Bildgeschehen. Einzelschicksale im Vordergrund, das Sterben der Vielen im Verlauf der Perspektive. Paris werde als Trümmerlandschaft dargestellt. In dem vierteiligen Bild “Die Armee stellt die Ruhe wieder her” von 1978, das mit nervös schlagendem, modellierenden Strich gemalt sei, triumphiere bereits das blutige Rot der Militärs über das Rot der Kommune-Transparente, lägen die Gefallenen in offenen Särgen, jubilierten die Bürgerlichen mit Platzkonzert und nackten Kokotten. In den Fassungen von 1979 (Triptychon) und 1980 (wieder vierteilig) entbrenne nochmals der Kampf, obwohl die Entscheidung schon erfochten worden sei. Während in der Mitte ein Offizier in die Bajonette der Arbeiter renne, feiere rechts schon der feistköpfige Bourgeois den Sieg mit einer barbusigen Tänzerin und auf der letzten Tafel stapelten sich die Toten mit Nummern auf der Brust. Ich muss gestehen, dass ich trotz der Hinweise im Katalog der Ausstellung “Zeitvergleich” keine mich befriedigende Deutung des Gemäldes “Kommunarden (Pariser Märztage 1871. 3. Fassung) von 1962 geben kann. Mir drängt sich die Vorstellung auf, das ins Bild gerückte Spektakel spiele sich auf einer Theaterbühne ab. Die die Rolle der Aufständischen verkörpernden Personen bemühen sich aus meiner Sicht wie überforderte Laiendarsteller, Mutlosigkeit und Unentschlossenheit auszudrücken. Unter den Akteuren entdecke ich mehrere waffentragende Männer, deren Kluft auf eine Uniform hindeutet. Ich vermag nicht zu entscheiden, ob sie auf Seiten der Insurgenten oder der Ordnungsmacht stehen. Rechts im Vordergrund mache ich einen Uniformierten aus, der einen für mich gewaltigen Säbel trägt. Seinen Kopf wendet er mit einem irritierten Blick dem Betrachter zu. Ich halte ihn für einen Vertreter der Ordnungsmacht. Vor dem Uniformierten halten zwei Männer in Bodennähe ein rotes Transparent. Der im Vordergrund in der Bildmitte stehende Mann beugt sich sehr stark herab und gewährt dem Betrachter nur einen Blick auf seinen schwarzen Schopf. Seine muskulösen Arme sind nackt. Er trägt ein weißes Unterhemd. Der andere Transparentträger hat dem ersten Anschein nach nichts mit körperlicher Arbeit im Sinn. Sein Körper ähnelt dem eines eingefleischten Stubenhockers. Er trägt eine Brille. Bei diesem Menschen könnte es sich um einen Intellektuellen handeln. Diese beiden Figuren sind nach meiner Einschätzung ein Sinnbild für das Bündnis aus Arbeitern und Intellektuellen. Erst durch ein Bündnis dieser gesellschaftlichen Gruppen kann nach Auffassung der Arbeiterbewegung nahestehender Kreise eine Veränderung der politischen und sozialen Verhältnisse zu Gunsten der Arbeiterklasse herbeigeführt werden. Ziemlich in die Bildmitte wurde eine menschliche Gestalt platziert, die nach meinem Verständnis dem Betrachter die Kehrseite zuwendet. Sie trägt offensichtlich einen roten Rock und dürfte weiblichen Geschlechts sein. Ich frage mich, ob der Maler auch hier auf das Bild von Delacroix mit dem Titel “Die Freiheit führt das Volk” anspielt, wobei sich jedoch im vorliegenden Fall die Freiheit vom Volk abwendet. Besonders auffallend ist noch ein großgewachsener Kerl, der mit einer Metallstange große Steine aus einer gepflasterten Fläche bricht. Die so gewonnenen Steine könnten für den Bau von Barrikaden oder als Wurfgeschosse Verwendung finden. Nichts anzufangen weiß ich mit Gruppe von drei Personen, die im linken Vordergrund sitzt. Zwei dieser Personen erkenne ich zweifelsfrei als Frauen. Zu Füßen dieser Gruppe steht ein Korb mit Nahrungsmitteln. Während zwei dieser Wesen eine Mahlzeit einnehmen, blickt die dritte Gestalt, bei der es sich um eine gut gekleidete junge Frau handelt, sinnend in die Ferne. Diese Menschen verhalten sich nach meinem Verständnis für die doch irgendwie angespannte Situation untypisch. Am linken Bildrand entdecke ich noch einen mir temperamentvoll erscheinenden Aufwiegler, der jenes rote Transparent hochhält.

Im Beitrag zu Bernhard Heisig wird im erwähnten Katalog nur sehr kurz zu dem dem Dirigenten Vaclav Neumann gewidmeten Porträt Stellung genommen. Vom Wirken dieser Persönlichkeit habe auch ich Kenntnis genommen. Während der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts habe ich viele Konzerte in der Hamburger Musikhalle besucht. Ich kann mich jedoch nicht entsinnen, ein Dirigat von V. Neumann erlebt zu haben. Im besagten Beitrag ist im Zusammenhang mit Heisings Schaffen von der Kraft äußerster Verdichtung und höchster Spannung die Rede, die eine physische Konfrontation zum paradigmatischen Psychogramm werden lasse. Nach Auffassung des Autors des Heisig betreffenden Aufsatzes schaffe der Maler beim Porträt des dirigierenden Vaclav Neumann eine ähnliche Ausstrahlung. Er hebt “den unglaublichen Zwang zur Konzentration” hervor, wenn der Dirigent, der übrigens einmal Chef des Gewandhausorchesters war, einem letzten verlöschenden Ton seine vollste innere Aufmerksamkeit zuwendet. Heisig hat nach meiner Einschätzung das Gesicht Neumanns, der in dessen Höhe den Dirigentenstab führt und dabei die linke Hand der rechten annähert, stark “stilisiert”. Dennoch erlebe ich dieses Antlitz als sehr gefühlsintensiv. In diesem Zusammenhang fallt mir folgender Ausspruch des japanischen Dirigenten Seizi Ozawa ein: “Musik ist die Sprache der Emotionen”.

15.07.2015

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (31)

Ich habe eifrig im Internet recherchiert um festzustellen, welche von Bernhard Heisig geschaffenen Gemälde im Museum der bildenden Künste Leipzig verwahrt werden. Meine Bemühungen waren jedoch nicht erfolgreich. Die Website des besagten Museums enthält lediglich einen Hinweis auf das Gemälde “Schwierigkeiten bei der Suche nach der Wahrheit”. Das Bild wird dort sogar wie folgt erläutert:”Schwierigkeiten beim Suchen nach der Wahrheit gehört zu einer Reihe von Bildern, in denen sich Heisig, wie viele andere Künstler der DDR mit dem Ikarus-Stoff auseinandersetzt. Die mythologische Figur des Ikarus verknüpft Heisig mit dem Flugversuch Otto Lilienthals (1848 - 1896) und einem aus einem Militärflugzeug abstürzenden Piloten. Der babylonische Turm, auch Sinnbild des Scheiterns, erhebt sich an der rechten Bildseite, in der Mitte des Bildes malt Salvador Dali (1904 - 1989) auf eine Leinwand ein Fragezeichen. Der Finger des vom Sockel stürzenden Denkmals Konstantin Ziolkowskis (1859 - 1935), des russischen Luft-und Raumforschers, ist mahnend gen Himmel gerichtet. Die Hybris des Menschen und die Fatalität des Fortschrittwahns bündelt der Künstler in einem vielschichtigen Bilddrama, dessen Ikonographie vom Scheitern der Menschheit trotz zivilisatorischer Errungenschaft erzählt”.

Im Katalog zur Ausstellung Zeitvergleich-Malerei und Grafik aus der DDR, die ich Ende 1982 in den Räumen des Kunstvereins Hamburg sah, wird in einem Aufsatz zu meiner Zufriedenheit auf die Person und das Werk Bernhard Heisigs eingegangen. Dort wird berichtet, dass des Malers Atelier zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einem modern sachlichen Hallenstudio mit großzügigem Wohnbungalow weiträumig eingerichtet war. Für einen von westlichen Medien beeinflussten Leser ist dieses erstaunlich, verband man doch im Westen mit dem Leben in der DDR gewöhnlich Mangelwirtschaft, Wohnraumnot und Dürftigkeit. Im Atelier Heisigs sei ein erregendes Pandämonium des Weltschreckens entstanden. Diese Produktion wird im betreffenden Aufsatz als Malerei der Leidenschaft und Kunst der Apokalypse bezeichnet. Es wird darauf hingewiesen, dass Heisig als Angehöriger des Jahrgangs 1925 den Zweiten Weltkrieg noch drei Jahre mitgemacht hat. Heisig soll zur Zeit dieser Ausstellung die Gefahr gesehen haben, dass sich eine solche Katastrophe in einem den ganzen Erdball vernichtenden Ausmaß wiederholen könne. Heisig, der ebenso temperamentvoll-intellektuelle wie sinnlich-manuelle Maler von Menschen in ihrer tragischen Verstrickung in kollektive, mörderische Aggressivität stehe in einer respektheischenden deutschen Tradition künstlerischer Betroffenheit und Anteilnahme angesichts eines politischen und gesellschaftlichen Dauer-Desasters. Beckmann, Dix, Kokoschka und Corinth seien die verehrten und erlittenen Vorbilder. Aber der sein Terrain immer wieder umpflügende und kaum jemals mit seinem Resultat zufriedene Mann, Sohn eines Malers, habe aus dem geistig und handwerklich nachvollzogenem Erbe eine eigene, bestürzende, und in den stärksten Momenten überwältigend intensive Bildsprache entwickelt, die in der Gegenwart ohne Beispiel sei. Die Abstürze der jüngsten Geschichte würden durch Heisigs spontan assoziierenden und collagierenden Zugriff als düstere Prophezeiung, als vorstellbare Albtraumvision inszeniert. Das geschehe mit heftigem Gestus, der geballte Massen organisiere und strukturiere, der schleudernde, stoßende, zuckende, explodierende Bewegungen, grelle Farben, lustvolle Dissonanzen, gefesselte Gebärden vehement verwirbele und doch auch wieder bild-hierarchisch so ordne, dass Zusammenhänge, Geschehnisse, Gleichnisse und Erinnerungen lesbar und verknüpfbar würden.

08.07.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (30)

Bei meinen Recherchen zum Thema “Museum der bildenden Künste Leipzig” las ich, dass in diesem Haus Künstler aus der DDR mit über 500 Werken vertreten sind. Das Zentrum der Sammlung bilde die lokale Leipziger Malerei. Bilder von Malern aus der DDR hatte ich 1982 in der Ausstellung “Zeitvergleich - Malerei und Grafik aus der DDR” im Kunstverein Hamburg gesehen. In dieser Ausstellung wurden auch Bilder von Künstlern der “Leipziger Schule” gezeigt. Die in den Medien als Hauptvertreter dieser Richtung herausgestellten Maler Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke waren mir damals bereits namentlich bekannt, von ihrem Werk hatte ich jedoch nur flüchtig Kenninis genommen. In der besagten Ausstellung wurden auch Bilder aus dem Museum der bildenden Künste Leipzig präsentiert. Von Bernhard Heisig, den ich damals noch am besten kannte, waren die aus jenem Museum stammenden Gemälde “Kommunarden (Pariser Märztage 1871, 3. Fassung) und “Bildnis Vaclav Neumann” ausgestellt. Werner Tübke war sogar mit vier Bildern vertreten, bei denen es sich um folgende Werke handelte: “Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung IV” aus dem Jahr 1961, “Bildnis des Viehzuchtbrigadiers Bodlenkow” von 1962, “Lebenserinnerungen des “Dr. jur Schulze VII, entstanden 1974 und “Chilenisches Requiem”, geschaffen 1974. Mir haben damals sämtliche von Werner Tübke gezeigten Bilder gefallen. Beeindruckt hat mich, dass er in der Manier alter Meister gemalt hat. Zunächst hatte ich für seine Malweise den Begriff “Realismus” gewählt. Im Katalog wurde ich jedoch belehrt, dass man Tübke nicht an den vielen Realismus - Spielarten der damaligen Zeit messen durfte. Ich erinnere mich, in jenen Jahren Bilder der “Neuen Realisten” und der “Fotorealisten” gesehen zu haben. Gleichzeitig entsinne ich mich an folgenden Ausspruch eines Vertreters der “Neuen Realisten”, der wie folgt lautet: “Als guter Realist muss ich alles erfinden”. In besagten Katalog ist davon die Rede, dass man Tübke, der als schöpferischer Eklektiker par excellence vorgestellt wird, tatsächlich an den alten Meistern messen müsse. Tübke habe geäußert, dass seine Darstellung von bildender Kunst die kraftvolle Darstellung von Menschen, Menschen mit schwerem Schicksal, vor allem handelnden Menschen sei. Und dies habe mit dem “großartigen, historisch gewachsenen Formapparat des Realismus” zu geschehen. Grundsätzlich male er für etwas und nicht gegen etwas. Es gäbe zu viele Mahn-Bilder. Lebendiges verliere sich nie in der Finsternis. In der Kommentierung zum Werk Tübkes heißt es, er male und zeichne auf seine unverkennbare Weise, um die Aufmerksamkeit möglichst Vieler auf seine Kunst zu ziehen. Bewusst setze er sein retrospektives Malverfahren als Vehikel ein, es erleichtere dem Betrachter zu begreifen, woran Tübke unbeirrt glaube, nämlich, dass die Geschichte nie an Prägnanz verliere, dass für die Menschen der Bauernkrieg nicht weniger nah sei als Hiroshima. - Und er stelle fest: “Wie zwingst du die Leute stehenzubleiben? Wenn man das nicht schafft, braucht man gar nicht mehr weiterzumalen”. Er schaffe es, indem er von den “Konstanten der Kunst” ausgehe und die Variablen seiner Einbildungskraft hinzufüge. Dazu gehörten eine eigenwillige Ikonografie, surreale Mutationen, die Lust am Fabulieren, eine souveräne Bildregie, ironische Verschlüsselungen. Das seien unter anderem die Mittel, um in die alten Turbulenzen einzutauchen und sie so zu malen, dass der Irsinn und die Bösartigkeit von damals, die Irritationen einer Zeit im Umbruch auch als Vorwegnahme des Heute erkannt werden könnten.

Trotz umfangreicher Bemühungen gelang es mir bisher nicht in Erfahrung zu bringen, welche von Werner Tübke geschaffenen Gemälde im Museum der bildenden Künste Leipzig verwahrt werden.

10.06.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (28)

Auf einer Website wurde darüber informiert, dass innerhalb der Gemäldesammlung des Museums der bildenden Künste Leipzig die ca 750 Werke der Kunst des 19. Jahrhunderts ein Markenzeichen seien, deren vielgestaltige Entwicklung vor allem in Deutschland zwischen Klassizismus/Romantik und Impressionismus/Symbolismus in charakteristischer Weise nachvollziehbar werde. Der Bestand zeichne ein stimmiges Bild der wichtigsten Kunstzentren und Schulen, darunter München, Düsseldorf, Berlin und Dresden sowie der lokalen Entwicklung in Leipzig. Bei meinem Rundgang durch dieses Museum ist auch mir der reichhaltige Bestand an Bildern aus dieser Epoche aufgefallen, an einzelne Werke kann ich mich jedoch kaum erinnern. Einige Gemälde aus dieser Zeit werden im Internet gezeigt und kommentiert. Hierzu zählt das Bild “Lebensstufen” von Caspar David Friedrich, das um 1834 geschaffen sei. Die Erläuterung zu diesem Werk lautet wie folgt: “Vielfältig sind die Deutungen dieses Gemäldes, eine der umfassenden Allegorien Caspar David Friedrichs. Der traditionelle, nicht vom Künstler stammende Titel spielt auf die <Fahrt des Lebens> an, kennzeichnet es als allegorische Lebensdarstellung. Das Symbolische im Sinne des allgemein menschlichen Schicksals verband Friedrich in diesem nur für die nächsten Angehörigen gemalten Werk mit einem sehr persönlichen Bekenntnis. Neben dem alten Mann, einer Selbstdarstellung, haben sich seine beiden jüngsten Kinder, ihre ältere Schwester und ein Neffe des Künstlers am Strand der Ostsee, dem Utkiek bei Greifswald, versammelt. Die Kleidung kennzeichnet den alten Mann als Anhänger der im restaurativen Deutschland als “Demagogen” denunzierten nationalliberalen Kräfte. Die genrehaft anmutende Figurengruppe mit ihrer ausgeprägten Gestensprache, eingebettet in eine real gestaltete und emotional tief empfundene Abendlandschaft, steht für die natürliche Abfolge der Generationen. Die Beziehung der fünf Schiffe zu den Personen unterstreicht die Deutung des Bildes als Gleichnis der Lebensfahrt: geschützt in Ufernähe gehen den Kindern gleich die kleinen Schiffe auf Fahrt, weit auf dem Meer die Schiffe der Erwachsenen, wie diese mitten im Leben stehend, heimgekehrt ankert das große Schiff, wie der Greis seine Fahrt durchs Leben langsam endend. Als mahnendes Momento mori liegt gleich einem Sarg ein leckgeschlagenes Boot am Ufer. Mehrfach hat Friedrich die schwedische Fahne als sein Bekenntnis zum Christentum und zu Schweden, zu seiner pommerschen Herkunft und als Freiheitssymbol in seinen Gemälden verwandt. Über alle geistigen Bezüge hinaus fasziniert das Gemälde ganz unmittelbar durch die Vollkommenheit seiner klaren, ausgewogenen Komposition, seine malerischen Qualitäten und durch den verklärenden Zauber seiner Farbpalette.

Ein anderes aus meiner Sicht bemerkenswertes Gemälde aus jener Zeit ist “Die Toteninsel V” von Arnold Böcklin aus dem Jahr 1886. Dieses Werk wurde ebenfalls auf einer kunstgeschichtlichen Website erläutert. Dort ist zu lesen, dass dieses vieldeutige Hauptwerk des Symbolismus in Nachbildern von Künstlern wie Max Klinger, Salvador Dali und Max Ernst künstlerisch umgeformt worden ist. Es sei die letzte von fünf Fassungen einer im Auftrag entstandenen Bildidee Böcklins und sei unmittelbar nach seiner Vollendung vom Museum angekauft worden. Böcklin arbeite hier mit Metaphern, die die Erhabenheit der Natur gegenüber der Existenz des Menschen symbolisiere. Monumental rage die Felsinsel aus dem ruhigen Meer hervor. Sie scheine ein aus der Natur geschaffener Friedhof zu sein und stehe für Bleibendes. Ob eine bestimmte Insel Böcklin als Vorbild gedient habe, sei nicht klar zu beantworten. Der Maler solle geäußert haben, der Anblick des Kastells von Alfonso de Aragon auf Ischia habe ihn inspiriert. In der Mitte der symmetrisch angelegten Komposition ragten dunkle Zypressen empor, deren Wipfel sich in den wolkenverhangenen Himmel leicht bewegten. Ein Boot, auf dem eine in ein weißes Tuch gehüllte Person vor einem Sarg stehe, gleite auf die Insel zu. Mit der Signatur auf dem Sturzbalken einer Graböffnung rechts im Bild habe sich Böcklin zu Lebzeiten ein imaginäres Grab geschaffen und so an die Idee Nietzsches von der Unsterblichkeit des Künstlers angeknüpft.

03.06.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (27)

Die Website des Museums der bildenden Künste Leipzig erwies sich wegen der aus meiner Sicht äußerst spärlichen Informationen für mich als ein Portal des Missvergnügens. Zu der nach meiner Einschätzung für den Kunstfreund sehr interessanten Schenkung Bühler-Brockhaus wird dort mitgeteilt, dass Marion Bühler mit ihrem Mann eine bedeutende Sammlung französischer Malerei des 19. Jahrhunderts zusammengetragen hat. Diese Sammler reihten sich mit ihrem Engagement in eine über 150-jährige Tradition ein. Um 1858 hätten Leipziger Kaufleute, Verleger, Händler und Bankiers das Museum der bildenden Künste Leipzig gegründet. Seit dem seien zahlreiche Sammler ihrem Beispiel gefolgt und hätten das Museum mit Schenkungen und Stiftungen bedacht. Ihre private Leidenschaft und ihr persönlicher Blick seien beim Rundgang durch die Sammlung stets gegenwärtig. An anderer Stelle wird berichtet, das Kunstsammlerpaar Dr. Hans-Peter Bühler hätten 41 Werke französischer Künstler unter anderem Jean-Baptiste Corot, Charles-Franç ois Daubigny, Jean Franç ois Millet, Eugène Delacroix, Edgar Degas und Claude Monet gestiftet. Hierbei handele es sich um Werke der Schule von Barbizon bis zum Impressionismus. Auf einer Website der Initiative “Sachsen gestern und heute” ist zu lesen, dass die Liebe zur Kunst den aus Verleger,-Kunst und Buchhändlerfamilien stammenden Eheleuten in die Wiege gelegt worden sei. So hätten sie an die bereits seit dem 19. Jahrhundert bestehende Familien-und Stiftertradition angeknüpft, als ihnen nach dem Fall der Mauer dazu wieder Gelegenheit gegeben worden sei. Zunächst hätte es im Museum der bildenden Künste Leipzig die Ausstellung “Corot bis Monet” mit einem Teil ihrer bedeutenden Privatsammlung der französischen Malerei und Skulptur gegeben. Anlässlich der Eröffnung des Museumsneubaus sei dann die erwähnte Schenkung erfolgt. Dieser sei später eine weitere Schenkung von 434 Bänden für die kunstwissenschaftliche Bibliothek gefolgt. Bei meinen Recherchen im Internet stieß ich auf eine Seite mit einem Beitrag über das Gemälde “Boote am Strand von Etretat” von Claude Monet aus der Schenkung Bühler-Brockhaus. In diesem Beitrag wird erwähnt, dass sich Monet 1883 in dem Fischerdorf Etretat aufgehalten habe. In jenem Dorf hätten bereits Gustave Courbet und Eugene Delacroix Inspirationen für ihre Werke gefunden. Sie hätten die markanten Kreidefelsen gemalt. Monet hingegen hätte ein unspektakuläreres Motiv gewählt. Das Bild “Boote am Strand von Etretat” wurde wie folgt kommentiert: “An einem menschenverlassenen Strand liegen liegen zwischen dem Meer und einer Strohhütte sieben Fischerboote. Die Farben der Boote wiederholen sich in vielen Farbabstufungen in der Darstellung des Sandes, der Strohhütte, des Meeres und bilden malerisch ein homogenes Ganzes. Durch den pastosen Auftrag der Farbe und den rhythmisch bewegten Pinselstrich entsteht der Eindruck von diffusem Licht. <Das Motiv>, so sagte der Künstler <ist für mich etwas Sekundäres, was ich wiedergeben will, ist was zwischen dem Motiv und mir ist>. Monet eignete sich eine von Delacroix übernommene Malweise an, bei der starke Farben im Schatten ihren Komplementärton annehmen. Ebenso steigerte er Farben in ihrer Leuchtkraft, indem er verschiedene Tonabstufungen unmittelbar nebeneinander setzte”. Ich habe an dieses Bild keine Erinnerung.

Ich vernahm, dass das Ehepaar Bühler seine Schenkung ein weiteres Mal erweitert hat. Am 27.06. 2012 hätten die Eheleute dem Hause drei Werke des französischen bildenden Künstlers Louis Valtat, der von 1869 bis 1952 gelebt hätte, überreicht. Hierbei hätte es sich um zwei Gemälde und eine Plastik gehandelt. Valtat gehöre zu den französischen Künstlern der Jahrhundertwende, die sich einer eindeutigen Klassifizierung immer entzogen hätten. Nicht mehr dem Impressionismus zugehörig und kein reiner Fauve, erlaube sein künstlerisches Werk den Blick auf Zwischentöne. Mit einem lockeren Strich voller Eleganz und Spontaneität gemalt, changierten seine Gemälde zwischen Formreduktion und Ähnlichkeit.

Mir war dieser Maler bisher nicht aufgefallen.

05.05.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (25)

Im Sommer des Jahres 2008 fasste ich spontan den Entschluss, das Museum der bildenden Künste in Leipzig im Rahmen eines Tagesausflugs aufzusuchen. Ich hatte mich auf diesen Ausflug nicht vorbereitet. Ich wusste nur, dass das Museum in der Katharinenstraße 10 gelegen ist. Von dem modernen Museumsbau, der Ende 2004 eröffnet wurde, war seinerzeit noch keine Kunde zu mir gedrungen. Ich hatte mir daher ein altes Gebäude vorgestellt, das nach der Wende renoviert worden sei. Die Katharinenstraße fand ich zwar, erblickte dort aber kein Gebäude, das ich als Museumsbau identifizierte. Nach meiner Erinnerung war die Gegend um die Katharinenstraße damals wenig bebaut. Durchgehende Hausnummern konnte ich auch nicht feststellen. Auf einem weitgehend freien Areal sah ich einen großen Klotz mit viel Glas. In diesem Bauwerk vermutete ich ein Kaufhaus. An jenem Tag wusste ich nicht, dass ich mich auf dem Sachsenplatz befand. Über diesen Ort heißt es im Baedeker Allianz Reiseführer Sachsen, dass die Bomben des Zweiten Weltkriegs den Sachsenplatz nordwestlich der Nikolaikirche bzw. nördlich vom Naschmarkt “schufen”, denn sie hätten ein altes nach dem Krieg nicht wiederaufgebautes Stadtviertel zerstört. Durch den Hinweis eines hilfsbereiten Mitmenschen wurde mir schließlich klar, dass es sich bei dem von mir als Kaufhaus vermuteten Gebäude um das Museum der bildenden Künste handelt. Im Baedeker wird das Gebäude übrigens als dreigeschossiger Kubus mit Glasfassade bezeichnet. Später brachte ich in Erfahrung, dass es sich bei diesem Museumsbau um ein Werk der Architekten Hufnagel, Pütz und Rafaelian aus Berlin handelt, die in Fachkreisen bekannt sein sollen. Auf der Website jener Architekten wird berichtet, dass sie auch für die Bremer Kunsthalle tätig sind. Sie haben sich dort auch zu dem von ihnen betreuten Museumsbau in Leipzig geäußert. Ich fand die folgende Stellungnahme:”Das Potenzial des Entwurfs liegt in der Thematisierung des Widerspruchs, <Stadtreparatur>in einem kleinteiligen Umfeld mit einem repräsentativen, großvolumigen Museumsbau zu leisten. Der die Häuser der Stadt überragende Museumsbau zieht sich in den Block zurück, wird umgeben von einem Ring kleinteiliger städtischer Bebauung. Die extreme städtebauliche Form sucht ein Gleichgewicht zwischen autonomer Architektur und Verankerung vor Ort. Die Autonomie der den skulpturalen Baukörper umfassenden gläsernen Hülle steht in Kontrast zur steinernen Stadt und thematisiert mit großmaßstäblichen, urbanen Innenräumen die für Leipzig spezifische Öffentlichkeit gläserner Passagen und Höfe. Die Verschränkung von Architektur und Stadt, von Innen - und Außenraum hat das Ziel, den Charakter des Museums als neuen urbanen Ort Leipzigs darzustellen”.

Als Ergänzung zu dieser Stellungnahme möchte ich eine aus meiner Sicht weniger anspruchsvolle Schilderung aus einer mit “Leipzig Lexikon” überschriebenen Website geben:”Der als strenger Quader ausgeführte Bau ist in Nord - Süd - Richtung 78 m lang und in Ost - West - Richtung 41 m breit sowie 36 m hoch. Damit überragt er alle umstehenden Gebäude. Dieser Höhenunterschied soll durch eine Blockbebauung abgemildert werden, die aus vier winkelförmigen Gebäuden in den Ecken des Straßengevierts bestehen soll; bisher wurde aber erst eines errichtet (Stadtgeschichtliches Museum, Ecke Böttchergäßchen/Reichsstraße). Das Gebäude hat neben Unter - und Erdgeschoss drei Obergeschosse, die sich zusammen mit fünf Zwischengeschossen zu mehreren Blöcken gruppieren, die außerdem durch Terrassen und Lichthöfe, innen durch Treppenhäuser miteinander verbunden sind. Jeweils in der Mitte der vier Fassaden führen zwei sich kreuzende öffentliche Passagen durch das Gebäude sowie in das Foyer des Museums. Von der Gesamtgeschossfläche von 16.700 m² werden ca 7.000 m² als Ausstellungsfläche genutzt. Außerdem befinden sich in dem Gebäude die Magazine, Werkstätten, Versorgungseinrichtungen sowie Verwaltungsbüros des Museums”.

Auf einer Website der Kunstzeitschrift “Art” las ich, dass der Kubus im Inneren mit Materialkontrasten aus Sichtbeton, Holz, Muschelkalk und Glas überzeugt.

Die Gesamtkosten des Baus hätten sich auf 74,5 Millionen Euro belaufen. Davon hätte die Stadt Leipzig 44,5 Millionen Euro getragen. Der Freistaat Sachsen und die Bundesrepublik Deutschland hätten sich mit jeweils 15 Millionen Euro an den Kosten beteiligt.

28.04.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (24)

Bei Recherchen im Internet stieß ich auf das Leipzig-Lexikon. Hier fand ich eine kurze Beschreibung von Bahnanlagen des Leipziger Hauptbahnhofs. Auch dieser Text überzeugte mich nicht. Dennoch greife ich auf ihn zurück, nachdem andere Beschreibungen mir noch weniger zugesagt hatten. Nach diesem Text ist das Empfangsgebäude des Leipziger Hauptbahnhofs 298 m lang und vier Etagen hoch. Jeweils in der Mitte der beiden Flügel befänden sich die beiden höheren und deutlich vorgesetzten Empfangshallen. Diese würden durch hohe, aber schmale säulengetrennte Fenster belichtet. Von diesen Hallen führten 10 Meter breite Freitreppen auf den 270 Meter langen Querbahnsteig, der mit 27 Meter Höhe die Empfangshallen noch überrage und 33 Meter breit sei. Von hier erfolge der Zugang zu den 24 Bahnsteigen. Die besagte Website geht auch auf die Baumaßnahmen im Anschluss an die Übernahme durch die Deutsche Bundesbahn im Jahr 1992 ein. Danach sei der Bahnhof von 1994 bis 1997 grundlegend umgebaut worden. Der umbaute Raum habe 1,5 Millionen Kubikmeter betragen. Im Zuge des Umbaus seien die Gleise 25 und 26 abgerissen worden, um Platz für die Errichtung eines Parkhauses zu schaffen. Außerdem sei das Einkaufszentrum “Promenaden im Hauptbahnhof” in den Querbahnhof eingebaut worden, der hierfür habe elliptisch aufgeschnitten und unterkellert werden müssen. Als Eröffnungsdatum wurde der 12.11.1997 angegeben. Auf einer anderen Website las ich, dass täglich 86.000 Menschen den “Promenaden Hauptbahnhof” besuchten. Diese Einrichtung weise auf drei Ebenen 142 Geschäfte auf, die sich in erster Linie auf die Bereiche Mode, “Food” und Unterhaltungselktronik verlegt hätten. Die vermietete Fläche belaufe sich auf ca. 11.000 Quadratmeter. Einschließlich der Modernisierungsmaßnahmen seien in den Umbau 250 Millionen Euro geflossen.

Durch meine Recherchen erfuhr ich auch das erste Mal von der Existenz des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nr 8. Durch dieses Projekt sollten zunächst einmal die durch die Teilung Deutschlands vernachlässigten Verkehrsvergindungen zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland ausgebaut werden. Entsprechende Maßnahmen seien vor allem für den Straßen- und den Schienenverkehr vorgesehen, wobei nach meiner Einschätzung dem Schienenverkehr eine bemerkenswerte Bedeutung beigemessen wird. Hierfür sollen 20,2 Milliarden Euro eingesetzt werden. Mit diesem Projekt soll jedoch auch der Verkehr innerhalb Europas von Nord nach Süd und Ost nach West gefördert werden. Die Europäische Union steuere daher ebenfalls Mittel bei. In entsprechende Maßnahmen einbezogen sei der Schienenverkehr im Raum Leipzig. Hier seien unter anderem 11 Kilometer Gleise und 75 Weichen umzubauen. Ferner sollten an Gleis 12 bis 15 des Leipziger Hauptbahnhofs künftig bis zu 428 Meter lange Züge halten können.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieg sei der Leipziger Hauptbahnhof von Maßnahmen der gegnerischen Streitkräfte betroffen gewesen. Erwähnt wird ein Angriff der Luftwaffe der USA vom 07.07.1944. Bei diesem Angriff seien schwere Schäden an der Westhalle des Bahnhofs und am Querbahnsteig zu verzeichnen gewesen. Das Dach des Querbahnsteigs wäre völlig eingestürzt. Im April 1945 sei der Zugverkehr im Bereich des Leipziger Hauptbahnhofs völlig zum Erliegen gekommen, habe jedoch Ende Mai 1945 wieder aufgenommen werden können. Nach den von mir hinzugezogenen Quellen habe sich die Wiederherstellung des Bahnhofs über einen langen Zeitraum erstreckt. Hierbei dürften auch die erheblichen Kosten eine wesentliche Rolle gespielt haben. 1960 hätte die Bahnhofshalle wieder ein komplettes Dach bekommen. Die völlige Wiederherstellung des Bahnhofs falle ins Jahr 1965.

Heute sollen täglich 120.000 Reisende gezählt werden, die das Angebot der den Leipziger Hauptbahnhof anfahrenden Bahnbetriebe nutzen.

07.04.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern

Bei meiner Fahrt nach Leipzig im Jahr 2008, um dort das Museum der bildenden Künste zu besuchen, war ich von der Pracht des Leipziger Hauptbahnhofs überrascht. Ich hatte mich nämlich vor Antritt meiner Reise nicht mit diesem Bahnhof befasst. Meine Vorstellungen waren daher vage. Als zeitweilig passionierter Benutzer von Fernbahnen hatte ich mich ein wenig für Bahnhöfe interessiert und diese hin und wieder besichtigt. Zu einem Kenner von Bahnhofsgebäuden hatte ich es jedoch nicht auch nur entfernt gebracht. Zugesagt hatte mir vor allem der Berliner Hauptbahnhof. Aber auch vom Dresdner Hauptbahnhof war ich beeindruckt. Was die großen Bahnhöfe in den alten Bundesländern anbetrifft, konnte ich mich in erster Linie an die Hauptbahnhöfe in Hamburg, Hannover, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München erinnern. Mit einer gewissen Prachtentfaltung brachte ich diese Bahnhöfe jedoch nicht in Verbindung. Wie bereits oben erwähnt, versetzte mich der Glanz des Leipziger Hauptbahnhofs in Erstaunen. Später bemerkte ich, dass dieser Bahnhof auch in Reiseführern als Attraktion gepriesen wird. Ich las, dass er über eine Grundfläche von 83.640 Quadratmetern und 23 Fernbahn-Gleisen verfügt. Er sei der größte Kopfbahnhof Europas. Es wurde berichtet, dass durch den neuen City-Tunnel eine Verbindung zum ebenfalls in Leipzig gelegenen Bayerischen Bahnhof hergestellt wurde, und er jetzt gar nicht mehr ein ganz echter Kopbahnhof sei. Der Leipziger Hauptbahnhof wurde außerdem als Nahverkehrszentrum der Stadt schlechthin bezeichnet.

Begonnen habe alles Ende des 19. Jahrhunderts. Das Eisenbahnwesen sei damals im Deutschen Reich sehr zersplittert gewesen. Viele Eisenbahngesellschaften, häufig in privater Hand, hätten den Bahnverkehr betrieben und als konkurrierende Unternehmen nicht immer in sich ergänzender Weise einen gemeinsamen Erfolg angestrebt. Der Reichskanzler Bismarck habe auf eine Koordinierung gedrungenen. In Leipzig hätten dort tätige Eisenbahnunternehmen eigene Bahnhöfe unterhalten. Zu diesen hätten unter anderem der Dresdner Bahnhof, der Thüringer Bahnhof und der Magdeburger Bahnhof gezählt, die äußerst nahe beieinander gelegen hätten. Zur Optimierung des Bahnverkehrs habe daher ein gemeinsamer Hauptbahnhof geschaffen werden sollen. Zur Diskussion in den betreffenden Gremien hätten ein Durchgangsbahnhof und ein Kopfbahnhof gestanden. Die Leipziger Stadträte hätten sich dann 1898 für einen Kopfbahnhof entschieden. Dieser Kopfbahnhof habe auf dem Gelände errichtet werden sollen, auf dem die vorerwähnten Bahnhöfe gestanden hätten. Das besagte Gelände sei wegen seiner zentralen Lage ausgewählt worden. Ein Architektenwettbewerb sei aber erst 1906 ausgelobt worden. Zu Siegern dieses Wettbewerbs mit 76 Teilnehmern seien William Lossow und Hans Kühne erklärt worden. Laut Wikipedia war die Ausschreibung von einem hoheitlichen Aspekt dominiert, weil die Sächsische Staatsbahn und die preußischen Eisenbahndirektionen gleichzeitig das Gebäude nutzen sollten. Daher sei eine symmetrische Gestaltung mit zwei zusammenhängenden Bahnhofshälften vorgesehen gewesen, von denen die eine durch die preußischen Bahnen und die andere durch die Königlichen Sächsischen Staatsbahnen betrieben werden sollte. Die betriebliche Trennung der Eisenbahnnetze habe übrigens auch nach der Gründung der Deutschen Reichsbahn im Jahr 1920 bestanden. So sei die Reichsbahndirektion Halle für den ehemals preußischen Teil, die Reichsbahndirektion Dresden für den ehemals sächsischen Teil zuständig gewesen. Erstaunlich finde ich, dass auch noch in der Weimarer Republik die Rivalität von Preußen und Sachsen kultiviert wurde. Erst 1934 sei dann der ganze Bahnhof der Reichsbahndirektion Halle zugeordnet worden.

Der Bahnhof hätte nicht zu dem geplanten Zeitpunkt eröffnet werden können. Dieser Umstand sei auch auf einen Streik zurückzuführen, mit dem die beim Bau eingesetzten Arbeiter um höhere Löhne gekämpft hätten. Die Eröffnung habe dann am 04.12.1915 stattgefunden.

1939 sei Leipzig der viertbedeutendste Fernzugknotenpunkt nach Berlin, Köln und Frankfurt am Main im Netz der Deutschen Reichsbahn gewesen.

31.03.2014

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (22)

Neben den in anderen meiner Artikel erwähnten Gebäuden im Zusammenhang mit dem Komplex Brühlsche Terrasse erscheinen mir zwei weitere Bauwerke höchst unterschiedlichen Charakters besonders erwähnenswert. Es sind dieses die Sekundogenitur und die Synagoge der Dresdner Jüdischen Gemeinde. Die Sekundogenitur sei als relativ kleines Schloss im Jahr 1896 vom Sächsischen Hofbaumeister Gustav Fröhlich für den zweitgeborenen Prinzen Johann Georg von Sachsen errichtet worden. Das besagte Schloss sei im neobarocken Stil in einer süddeutschen Rokoko - Spielart gebaut worden. Bis 1931 habe es die Bibliothek und Kupferstichsammlung dieses Angehörigen des Sächsischen Königshauses beherbergt. Im Anschluss hieran sei die Sekundogenitur als Ausstellungsgebäude der Galerie Neue Meister der Staatlichen Gemäldesammlungen genutzt worden. Dieses sei bis zum Februar 1945 der Fall gewesen. Beim Luftangriff der Alliierten zu jener Zeit sei die Sekundogenitur völlig ausgebrannt. Über einen längeren Zeitraum sei hier nur eine Ruine zu sehen gewesen. Jedoch achtzehn Jahre nach seiner Zerstörung sei mit dem Wiederaufbau des Bauwerks begonnnen worden. Die Bauarbeiten seien in den Jahren 1963 und 1964 durchgeführt worden. Für kulturelle Zwecke sei die Sekundogenitur jedoch kein Standort mehr gewesen. Vielmehr sei sie seither der Gastronomie überantwortet worden. Heute soll das Haus als Café und Weinrestaurant des Dresdner Hilton - Hotels bewirtschaftet werden. Noch kurz vor der Wende im Jahr 1989 sei das südliche Nachbargrundstück bebaut worden. Man habe die Sekundogenitur in den neu entstehenden Hotelkomplex einbezogen und beide Gebäude durch einen Brückenbau über die Terrassengasse verbunden. Auf einer von mir studierten Website wird hervorgehoben, dass die Sekundogenitur im Gegensatz zu ihren Nachbargebäuden, von denen sie sich durch ihre Heiterkeit abhebe, klein und zierlich wirke. Dieser Eindruck werde noch verstärkt durch den hellen und blassen Fassadenanstrich. Nach Auffassung des Autors des betreffenden Textes bewirke ihre leichte und relativ zur Umgebung eher verspielte Architektur, dass die Sekundogenitur heute als der gelungenste neobarocke Kleinbau Dresdens gilt. Das von der Terrasse aus gesehene zweigeschossige Bauwerk besitze ein geschweiftes kupfergedecktes Mansarddach und rankengeschmückte Fenster. Der terrassenförmige Eingangsbereich werde von einem geschwungenen Giebel gekrönt, das Portal werde von ionischen Säulen eingefasst. Betrachte man die Sekundogenitur aus Richtung Osten, also vom Aufgang auf die Brühlsche Terrasse an der Münzgasse aus, falle auf, dass sie sehr schmal sei, weil sie die wenige Meter breite Lücke zwischen der Terrasse und der dahinter liegenden Terrassengasse eingepasst worden sei. Das heitere Barockportal, das seit 1964 die Rückseite der Sekundogenitur (zur Terrassengasse hin) schmücke, stamme von der nach dem Krieg abgerissenen Hellerauer Gaststätte.

Auf mich macht dieses Gebäude in seiner relativen Schlichtheit einen sympathischen Eindruck. Ich ziehe es manchen vielgerühmten Gebäuden Dresdens vor.

Auf der Website des Freundeskreises Dresdner Synagoge e.V. ist hinsichtlich der dortigen Synagoge unter der Thematik “Bauidee und städtebauliche Einordnung” folgender Text zu lesen: “In Dresden hat eine doppelte Zerstörung stattgefunden: jene der Semperschen Synagoge am 9. November 1938 und jene der Dresdner Altstadt am 13./14. Februar 1945. Die Zerstörungen sind zwar historisch miteinander verknüpft, die Reaktion auf das Verschwinden der Bauten könnte jedoch kaum unterschiedlicher sein. Mit der Rekonstruktion der Frauenkirche und anderer tief im kollektiven Gedächtnis verwurzelter Bauten wird der Versuch unternommen, die Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart wiederherzustellen. Die räumlichen Zäsuren, die Geschichte sichtbar machen, verschwinden.

Die Rekonstruktion ungebrochener Kontinuität erscheint im Fall der Neuen Synagoge mehr als fragwürdig. Zu groß ist der historische Bruch, zu ambivalent die Bauaufgabe “Synagoge” als solche. Die Neue Synagoge zu Dresden steht vielmehr im Spannungsfeld zwischen Stabilität und Fragilität, zwischen dauerhaften und provisorischen Zuständen, zwischen Massivität der äußeren Hülle und fragilem Gewebe im Innern. Dort, wo von der einstigen Gemeinde nichts mehr geblieben ist, setzt sie der ersehnten Rückkehr zur “Normalität” für immer Grenzen. Hätte man die Sempersche Synagoge wieder aufgebaut, dann wäre vielleicht der Eindruck entstanden, als hätte es den 9. November 1938 nicht gegeben und, was für die Jüdische Gemeinde zu Dresden viel schwerer wiegt, als hätte es den Holocaust nicht gegeben, dem letztlich fast die gesamte Gemeinde zum Opfer gefallen ist.

Die Sempersche Synagoge ist spurlos verschwunden. Das Gebäude wurde, wie in einem Lehrfilm der Technischen Nothilfe dokumentiert, in den Tagen nach dem 9. November 1938 “fachgerecht” abgetragen, die Steine verkauft und im Straßenbau verarbeitet. Durch die umfangreichen Verkehrsbauten der Nachkriegszeit veränderten sich auch Zuschnitt und Topographie des Grundstücks am Hasenberg. Am östlichen Rand der Dresdner Altstadt, gegenüber der Brühlschen Terrasse gelegen, entstand ein Reststück - kaum mehr als eine lang gestreckte Böschung. Die Neue Synagoge und das Gemeindezentrum stehen nun an der Brühlschen Terrasse, dort, wo sie im Osten am Belvedere des Brühlschen Gartens und am ehemaligen “Gondelhafen” ihren Abschluss hat. Der Gebäudekomplex zeigt sich somit unmittelbar neben Dresdens berühmter Stadtsilhouette - zwischen Hasenberg und St. Petersburger Straße bzw. an der Rampe zur Carolabrücke, die zur Neustadt hinüberführt”.

1997 sei ein Architektenwettbewerb international ausgelobt worden. Mit der Realisierung des Projekts Synagoge sei das mit dem dritten Preis ausgezeichnete Architekturbüro Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch beauftragt worden, das in Saarbrücken ansässig sei. Neben der Mediathek von Perrault in Lyon sei der Entwurf dieses Architekturbüros als beste europäische Architektur des Jahres 2002 ausgezeichnet worden. Auf mehreren Websites fand ich Beschreibungen der Dresdner Synagoge. Diese Beschreibungen habe ich zur Grundlage meiner Ausführungen gemacht. Danach sei der Baukörper ein Sakralbau mit in sich nach Osten gedrehten Kubus. Die gewählte Würfelform orientiere sich an den ersten Tempeln der Israeliten. Mit der strengen Reduktion der Form sei ein Bezug zum Vorgängerbau Sempers hergestellt. Dessen Entwurf mit einem quadratischen Grundriss habe ebenfalls auf eine kubische Grundform aufgebaut. Auf Fenster sei verzichtet worden, weil sie die monumentale Wirkung der Wandflächen zerstört hätten. Die vierunddreißig Schichten aus Formsteinmauerwerk des vierundzwanzig Meter hohen Gotteshauses drehten sich schraubenförmig nach oben, bis sie die exakte Ausrichtung nach Osten erreicht hätten. Ein Autor vertrat die Auffassung, der Reiz des Bauwerks liege gerade in jener eleganten Drehung und der feinen Stufung der Quaderblöcke. Nichts Verspieltes, Dekorierendes finde man an diesem Bau. Ein besonderer Hinweis galt dem aus massivem Formstein mit Sandsteincharakter bestehenden Baumaterial. Über dem Eingangsportal sei der Davidstern aus dem zerstörtem Gebäude angebracht worden, der seinerzeit von einem Feuerwehrmann gerettet worden sei. Das Eingangstor bestehe aus einem zweiflüglichen Holztor von 2,2 m Breite und 5,5 m Höhe. Über dem Tor stehe in goldenen hebräischen Lettern die Inschrift der alten Sempersynagoge. Diese laute:”Mein Haus sei ein Haus der Andacht allen Völkern”.

03.02.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (21)

Nach der Zerstörung vieler Gebäude und sonstiger Anlagen der “Brühlschen Herrlichkeiten” 1759 auf Veranlassung Friedrichs II. von Preußen sei zwischen 1789 und 1791 am Umbau der “Brühlschen Bibliothek” als Kunstakademie gearbeitet worden. Zum Abschluss seien diese Baumaßnahmen offensichtlich nicht gekommen. Auf einer Website las ich nämlich, dass der Umbau 1897 abgebrochen worden ist.

Im Jahr 1814 sei der Brühlsche Garten für die Öffentlichkeit geöffnet worden. Nach der auch für Sachsen verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig habe der russische Staatsangehörige Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski die Funktion eines Sächsischen Generalgouverneurs innegehabt. Diesem Herrn sei die aus meiner Sicht verdienstvolle Tat der Öffnung des besagten Areals zuzurechnen. Hierzu habe eine Freitreppe errichtet werden sollen. Mit deren Bau sei der Architekt Gottlob Friedrich Thormeyer betraut worden. Diese Freitreppe sei ursprünglich von zwei Löwen aus Sandstein flankiert worden. Schöpfer dieser Skulpturen sei Christian Gottlob Kühn gewesen. 1814 sei außerdem mit dem Bau des dritten “Belvedere” begonnen worden. Verantwortlicher Baumeister sei Christian Friedrich Schuricht gewesen. Die Bauarbeiten seien jedoch 1842 abgebrochen worden. 1820 sei die unterhalb der Brühlschen Terrasse verlaufende Straße “Terrassenufer” angelegt worden. Von 1828 bis 1833 sei der Brühlsche Gartenpavillon als Technische Bildungsanstalt genutzt worden. In das Jahr 1842 falle der Bau der vierten “Belvedere”. Diese sei dem Luftangriff der Alliierten zum Opfer gefallen und am 13.02.1945 ausgebrannt. Der Architekt Waldemar Hermann sei 1843 damit beauftragt worden, einen weiteren Zugang zur Brühlschen Terrasse zu schaffen. Ausgangspunkt des besagten Zugangs sei die Große Fischergasse gewesen, die ab 1849 die Bezeichnung Münzgasse geführt habe. An der zur Terrasse führenden Freitreppe seien zwischen 1868 und 1871 die “Vier Tageszeiten” benannten Figurengruppen aufgestellt worden. Geschaffen seien diese von Karl Schilling. 1872 sei der Brühlsche Gartenpavillon abgerissen worden. Gleichzeitig sei das Rietschel - Denkmal aufgestellt worden. Verantwortlicher Künstler sei Johannes Schilling, der ein Schüler Ernst Rietschels gewesen sei. Nach meiner Kenntnis war Ernst Rietschel ein im 19. Jahrhundert erfolgreicher Bildhauer, zu dessen Hauptwerken das Goethe - Schiller Denkmal in Weimar zählt. In der Zeit von 1884 bis 1906 sei die Brühlsche Terrasse umgestaltet worden. Im Zuge der Umgestaltung sei das Zeughaus zum Albertinum umgebaut worden. Dieses Gebäude werde seither als Kunstmuseum genutzt. Zunächst sei es Sitz der Antikensammlung gewesen. Schon bald sei hier die sächsische Skulturensammlung präsentiert worden. Bei dem erwähnten Luftangriff sei das Albertinum schwer beschädigt worden. Schon bald nach Kriegsende seien umfangreiche Restaurierungsarbeiten durchgeführt worden. Zu DDR - Zeiten seien noch weitere Kunstschätze in jenem Haus verwahrt worden. Das Hochwasser des Jahres 2002 habe auch am Albertinum schwere Schäden angerichtet. Wiederum sei das Haus in langandauernden Arbeiten restauriert worden. 2010 sei es dann als Haus für moderne Kunst eröffnet worden. Die moderne Kunst beginne allerdings hier bereits mit Caspar David Friedrich. In der langen Phase der Umgestaltung der Brühlschen Terrasse von 1884 bis 1906 seien auch die Knöffelschen Bauten abgerissen worden. Ferner sei ein Gebäude für die Kunstakademie und für Kunstausstellungen errichtet worden. In diese Zeit falle auch der Abriss des Palais Brühl sowie der Bau des Ständehauses, in das 1906 der Sächsische Landtag eingezogen sei. Ich las, dass von 1965 bis 1968 Forschungsarbeiten an den Festungsanlagen durchgeführt worden seien, zu denen auch Ausgrabungen gezählt hätten. 1990 sei dann die Möglichkeit zur teilweisen Besichtigung der Kasematten eröffnet worden, zu denen ein Renaissance - Gewölbe gehöre. 1993 sei die Brühlsche Terrasse Bestandteil des Schlossbetriebes Staatliche Schlösser und Gärten Dresden geworden.

20.01.2014

Eindrücke in den neuen Bundesländern (20)

Bei meinem Besuch Dresdens im Jahr 2008 beachtete ich die Brühlsche Terrasse kaum. Diese Anlage wollte ich bei einem späteren Besuch der Stadt eingehend besichtigen. Die Bedeutung der Anlage war mir schon klar, aber ich hatte damals andere Prioritäten gesetzt. Über den Grafen Brühl hatte ich schon manches vernommen, vor allem über seine Nähe zu August dem Starken. In etlichen Publikationen hatte ich gelesen, dass die Brühlsche Terrasse als Balkon Europas gerühmt worden sei. Man habe von dort einen herrlichen Blick auf das Elbtal sowie auf die Neustadt, hinter der sich hangweit die Dresdener Heide ausbreite. Ursprünglich sei die Terrasse Bestandteil des Altstädter Festungsrings gewesen. Die Festungsanlage sei von 1519 bis 1529 unter Herzog Georg dem Bärtigen entstanden. Es seien zunächst vier Bastionen und ein erstes Ziegeltor gebaut worden. In den Jahren 1546 bis 1555 seien die Festungsanlagen erneuert worden. Unter anderem sei ein neues Ziegeltor errichtet worden. 1559 sei der Grundstein des Zeughauses gelegt worden. Das Grundstück, auf dem das Zeughaus gestanden habe, sei später anders genutzt worden. Auf den Grundmauern des Zeughauses sei das Albertinum gebaut worden. Heute beherberge das Albertinum die Galerie Neue Meister. Von 1589 bis 1592 sei eine neue Bastion gebaut worden, die den Namen “Jungfernbastion” erhalten habe. In dieser Zeit sei auch die erste Belvedere entstanden. (Laut Duden kann es sich bei Belvedere neben einem Aussichtspunkt auch um ein Schloss mit schöner Aussicht handeln) In jenen Jahren sei auch die Festung “Neu Dresden” vollendet worden. Interessant finde ich, dass 1707 in den Gewölben der Jungfernbastei ein Labor für Johann Heinrich Böttger eingerichtet worden sein soll. In diesem Labor sei später das erste europäische Porzellan erfunden worden. Durch den Fortschritt der Waffentechnik habe das Festungsbauwerk zu Beginn des 18. Jahrhunderts seine Bedeutung verloren. Der Sachsenherrscher Kurfürst Friedrich August II. (In Polen August III.) habe daher die Wälle seinen nächsten Beamten zur Nutzung überlassen. Auf diese Weise habe Graf Heinrich von Brühl, der unter August dem Starken eine beachtliche Karriere vom Pagen bis zum mächtigen Premierminister durchlaufen habe, das gesamte Festungsgelände zwischen Schlossplatz und Jungfernbastei erhalten. Auf diesem Areal habe Graf Brühl eine rege Bautätigkeit initiiert. Für jene Fülle großer und kleiner Baulichkeiten habe unter der Bevölkerung der Name “Brühlsche Herrlichkeiten” kursiert. Für seine umfangreichen Bauvorhaben habe Graf Brühl den Baumeister Johann Christoph Knöffel verpflichtet. Unter dessen Aufsicht sei am Schlossplatz ein prachtvolles Palais errichtet worden, dem das Lusthaus am Rande der kleinen Bastion sowie die zweigeschossige, zweiundsechzig Meter lange Bibliothek gefolgt seien. In dieser Bibliothek seien 62.000 Druckerzeugnisse verwahrt worden. Hieran habe sich die Bildergalerie mit ihren neunzehn hohen Bogenfenstern angeschlossen. Die Bildergalerie sei auch “Doublettensaal” genannt worden, weil dorthin Kopien der von Bernardo Bellotto für den Herrscher gefertigten Stadtansichten Dresdens gebracht worden seien. Zu dem Ensemble von Gebäuden hätten ferner ein Privattheater und ein neues “Belvedere” gehört. Gartenanlagen und ein Delphinbrunnen seien ebenfalls Bestandteil der “Brühlschen Herrlichkeiten” gewesen. Die Lebensdauer dieser Anlage sei allerdings nur kurz gewesen. Sachsen sei in kriegerische Auseinandersetzungen mit Preußen verwickelt worden. Der Preußenkönig Friedrich II. habe Brühl als seinen persönlichen Feind betrachtet. Er habe aus Rachsucht die meisten Gebäude der “Brühlschen Herrlichkeiten” zerstören lassen. Anschließend seien die Gärten verwahrlost.

09.12.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (19)

In meinem Beitrag vom 11.11.2013 habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung Zwinger auf das Mittelalter zurückgehen soll. In jener fernen Zeit sei ein zwischen äußerer und innerer Festungsmauer gelegener Festungsteil Zwinger genannt worden. Mit dem Bau dieses heute unter der besagten Bezeichnung bekannten Komplexes sei 1709 begonnen worden. Schon damals habe das für das Bauvorhaben vorgesehene Areal keine entsprechende Funktion mehr erfüllt. Es seien zunächst eine Orangerie, ein Festsaal zu Repräsentationszwecken und ein Garten geschaffen worden. Hinzu seien Pavillons gekommen, die reich verziert gewesen seien. Der unter dem Namen August der Starke bekannte Kurfürst Friedrich August I. sei für eine entschiedene Prachtentfaltung empfänglich gewesen. Das unter dem Namen “Zwinger” kursierende Ensemble sei daher reich mit Balustraden, Skulpturen, Reliefs, Vasen und anderem schmückenden Beiwerk ausgestattet gewesen. Diese Ausgestaltung des Bauvorhabens wird von dem Autor einer von mir geöffneten Website mit dem Machtanspruch des Herrschers in Verbindung gebracht. Ich las, dass der Zwinger nach dem ursprünglichen Konzept des Kurfürsten als Vorhof eines neuen Schlosses vorgesehen war. Dieses Schloss hätte den Platz bis zur Elbe einnehmen sollen. Daher sei der Zwinger zunächst zur Elbseite hin mit einer Mauer abgeschlossen worden. Die besagten Planungen seien jedoch nicht ausgeführt worden. Nach dem Tod Friedrich August I. sei das Projekt Schlossbau gänzlich aufgegeben worden. Mithin klaffte an der bestimmten Stelle für eine lange Zeit eine Baulücke. Die Anfang des 18.Jahrhunderts praktizierte Nutzung des Areals war nicht mehr so anspruchsvoll. Zunächst seien hier noch höfische Feste gefeiert worden. Darauf sei auf diesem Platz ein hölzerner Theaterbau errichtet worden, der auch volkstümlicher Erbauung gedient habe. Später sei das Areal gar als öffentlicher Verkehrsraum genutzt worden, der auch von Kutschen befahren worden sei. Im Jahre 1876 sei dann eine Neuanlage des Gartens mit Rosen und Clematis geschaffen worden. Von 1924 bis 1936 seien Restaurierungsarbeiten im Sinne Pöppelmanns durchgeführt worden.

Die Planungen Pöppelmanns seien nämlich in einem vom Kupferstecher Christian Friedrich Boetius aus dem Jahr 1729 stammenden Grundriss überliefert worden. Bei meinen Recherchen fand ich die folgende Beschreibung: “In der Mitte des Zwingerhofs liegt ein kleiner Platz, den vier flache Bassins umsäumen. Zwischen ihnen verlaufende Wege betonen die Achsen vom Kronentor zum Durchgang durch die Sempergalerie sowie vom Wall zum Glockenspielpavillon. Hinter den Bassins liegen jeweils Grasflächen, genauso vor der Sempergalerie, den Langgalerien sowie vor den Bogengalerien zum Glockenspielpavillon hin”. In dem erwähnten Text wird darauf hingewiesen, dass in den ursprünglichen Planungen keine Rasenflächen hinter den Bassins vorgesehen waren. Hier hätte vielmehr ein so genanntes Broderieparterre entstehen sollen. Bei Wikipedia fand ich hierzu die folgende Erläuterung:”Broderieparterre ist die typische Form französischer Gartenkunst des Barocks. Es zeichnet sich durch symmetrische Durchstrukurierung der Beete und zugeschnittenen Buchsbaumhecken aus. Die Ziermuster ergeben so genannte Broderie. Auch die Anordnung der Blumen ist genau auf ein harmonisches Farbspiel hin ausgelegt”. Der besagte Begriff soll vom französischen Wort “broderie” kommen, das Stickerei bedeute. Im Wörterbuch Langenscheid fand ich als weitere Bedeutungen die Wörter Verzierung und Ausschmückung.

11.11.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (18)

Nach meiner Erinnerung wurde ich auf den Zwinger während meiner Schulzeit in der Mittelstufe durch ein Schulbuch aufmerksam. Es hatte sich mir im Zusammenhang mit dem Zwinger der Name Daniel Pöppelmann eingeprägt. Leben und Wirken des Mannes Pöppelmann ist nach meiner Einschätzung in dem Werk “Das moderne Lexikon” des Verlags Bertelsmann aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kurz und prägnant skizziert. Dort heißt es : “Pöppelmann, Matthias Daniel, Baumeister, geboren Mai 1662 Herford, gestorben 17.1.1736 Dresden; seit 1686 im Dienst des sächsischen Hofes, später Oberlandbaumeister; gab den Ideen August des Starken künstlerische Form in einem vom Barock zum Rokoko überleitenden graziösen und zugleich kraftvollen Stil; Meister sorgfältig abgehobener Verhältnisse und wirkungsvoller Gruppierung der Massen; baute in Dresden unter anderem den Zwinger, das Japanische Palais; die Schlösser Pillnitz, Großredlitz; in Warschau das Königliche Schloss und das Sächsische Palais”. Auch über den Begriff “Zwinger” in baulicher Bedeutung gibt das besagte Lexikon Auskunft. Danach ist der Zwinger bei mittelalterlichen Befestigungen das von Ringmauern eingeschlossene, oft mit Tiergehegen ausgestattete Gelände, auf dem mit Vorliebe ritterliche Spiele ausgetragen wurden. Danach benannt sei der Dresdner Zwinger, ein weiter, für höfische Festlichkeiten bestimmter Platz, den von Pavillonbauten unterbrochene Galerien umrahmten. In diesem 1711 bis 1722 im Auftrag August des Starken von Daniel Pöppelmann als Architekt und Balthasar Permoser als Bildhauer geschaffenen Meisterwerks verbänden sich aufs schönste Architekturformen und figürliche Plastik. Im Februar 1945 durch Luftangriffe schwer beschädigt, sei der Dresdner Zwinger inzwischen wieder aufgebaut worden. Über den zuvor erwähnten Bildhauer enthält das Bertelsmann Lexikon einen kurz gefassten Eintrag. Dieser lautet: “Permoser, Balthasar, Bildhauer, getauft 13.8.1651 Otting, gestorben 20.2.1732 Dresden; seit 1675 in Italien, wurde 1689 als Hofbildhauer nach Dresden berufen; vermittelte Schönheitsideale der italienischen Barockplastik nach Deutschland. Neben mittelmäßigen Werken hervorragende Skulpturen am Dresdner Zwinger, außerdem Standbilder von barocker Bewegtheit”. Im Internet und in mehreren Reiseführern habe ich mir viele Abbildungen des Komplexes “Zwinger” angesehen. Sehr gut gefiel mir eine fürs Internet bearbeitete Luftaufnahme. Bei einer bestimmten Handhabung der Maus erschienen auf dem Bild Schriftzüge, die gewisse Gebäude bezeichneten. So konnte ich feststellen, dass der Zwinger von markanten Bauwerken und Plätzen eingerahmt wird. Im Norden nahm ich die Semperoper, den Theaterplatz und das Italienische Dörfchen wahr, im Nordosten die Hofkirche. Im Osten erblickte ich das Dresdner Residenzschloss, das Taschenbergpalais und das Haus am Zwinger. Im Süden erkannte ich den Postplatz, das Staatsschauspiel, das Haus der Dresdner Kaufmannschaft sowie das Stadthaus. Bei meiner Tagesreise nach Dresden im Jahr 2008, die in erster Linie der Galerie Alte Meister galt, betrat ich nach dem Besuch des in der Sempergalerie gelegenen Kunstmuseums durch das Kronentor den Zwingerhof. Dieses Tor wird auf einer Website als der bekannteste Zugang in den Zwinger bezeichnet. Seine Architektur lehne sich an den italienischen Hochbarock an. Auf der Turmspitze trügen vier polnische Adler die Nachbildungen der polnischen Königskrone. Ich ging im Zwingerhof umher und sah mir die vielgerühmten Bauten und Anlagen an. Überwältigt war ich zwar nicht, aber doch immerhin beeindruckt von der Vielschichtigkeit dieses in einer Quelle als Gesamtkunstwerk gerühmten Projektes. Während der bewussten Tagesreise konnte ich die Bestimmung der einzelnen Bauten und sonstigen Anlagen nur zum Teil benennen, weil ich nicht zu einer vertieften Beschäftigung mit dem Komplex Zwinger gekommen war. Nach Sichtung diverser Unterlagen halte ich folgende Bestandteile für bemerkenswert: Außer der Galerie Alte Meister die ebenfalls in der Sempergalerie gelegene Rüstkammer, den Deutschen Pavillon, den Porzellanpavillon mit der Porzellansammlung, das bereits zuvor erwähnte Kronentor, die Wallgrabenstücke, den Mathematisch - Physikalischen Salon, den Französischen Pavillon und das Nymphenbad. Hinzu kommen noch die Bogengalerien und Langgalerien sowie die Gartenanlagen im Zwingerhof.

03.06.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (17)

In meinem Beitrag vom 27.05.2013 habe ich bereits über die bei Wikipedia veröffentlichte Erkenntnis berichtet, dass die Galerie Alte Meister in Dresden die größte Cranach Sammlung weltweit beherbergt. Inzwischen habe ich hierzu weitere Recherchen durchgeführt. Hierbei stieß ich auf ein ins Internet gestelltes Bildarchiv der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Ich betrachtete sämtliche Abbildungen von Werken Lucas Cranach des Älteren und Lucas Cranach des Jüngeren sowie von Produktionen, die den Werkstätten der beiden Maler zugeschrieben waren, und war beeindruckt. Von Lucas Cranach d.Ä., der von 1472 bis 1553 gelebt habe, habe ich mir folgende Gemälde notiert: Herzogin Katharina von Mecklenburg, Heilige Katharina, Heilige Barbara, Eva, Adam, Herzog Heinrich der Fromme, Christus segnet die Kinder, Paradies, Kurfürst Johann der Beständige mit Nebelkranz, Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel, Christus als Schmerzensmann an der Säule, Christus am Ölberg, Geburt Christi, Der bethlehemitische Kindermord, Christi Abschied von Maria, Nacktes Knäblein, Schmerzensmann zwischen Engeln, Ausstellung Christi, Philipp Melanchthon, Martin Luther. Hinzukommt der in vielen Quellen erwähnte Katharinenaltar. Auf dieses Werk ist Otto Benesch im Bildband “Die Deutsche Malerei-Von Dürer bis Holbein-” eingegangen. Zunächst schreibt Benesch, dass sich zu Beginn der Wittenberger Zeit des Malers der gewaltige malerische Schwung und das hohe Pathos der Wiener Frühwerke fortsetzen. Ein Martyrium der hl. Katharina im Museum zu Budapest sei eine Komposition von vielen Figuren, die einen dramatischen Wirbel bilden. Sodann fährt Benesch wie folgt fort: “Auch der Katharinenaltar der Dresdener Galerie ist von verwandtem Pathos erfüllt. Hier hat der Künstler zahlreiche Bildnisse und in die Landschaftshintergründe Ansichten eingefügt. Neu ist in diesem Werk eine eigentümliche Freilichtmodellierung der Köpfe, für die der Maler Studien nach den Dargestellten in bestimmten Lichtverhältnissen verwendete. Das erforderte einen Aufbau in schwebenden Farbflächen, die dunkle, sonore Töne mit hellen verbinden. Natur und Landschaft mit ihrer Lichtwirkung greifen aufs stärkste in die Figurenkomposition ein”. Cranach d.Ä. sei im Frühjahr in Wittenberg eingetroffen, um dort bei Friedrich dem Weisen die Position eines Hofmalers einzunehmen. Benesch mutmaßt, dass dieses über Dürers Empfehlung geschehen sei. In mehreren Quellen wird Cranach d. Ä. eine Bekanntschaft mit Dürer nachgesagt. Er soll sogar in dessen Werkstatt gearbeitet haben. Die Universitätsstadt Wittenberg hätte sich zur wichtigsten Pflegestätte der Reformation entwickelt. Cranach d. Ä. habe mit der gelehrten Welt in Verbindung gestanden und sei später mit Luther und Melanchthon befreundet gewesen. Er habe Ansehen und sozialen Rang gewonnen, sei Bürgermeister geworden und habe außer Friedrich dem Weisen zwei weiteren sächsischen Fürsten gedient, nämlich Johann dem Beständigen und Johann Friedrich dem Großmütigen. Mit diesen drei Fürsten sei er eng befreundet gewesen. Benesch schätzt Sachsen zu dieser Zeit als kunstarmen Boden ein. Es sei im 16. Jahrhundert noch ein halbes Kolonialland gewesen. Die Elite der Gelehrten und Künstler sei von auswärts berufen worden. Cranach sei ganz auf sich gestellt gewesen. Der gewaltige Schwung der Wiener Bilder habe sich unter diesen Umständen nicht durchhalten lassen. Der Künstler habe für seine Herren nicht nur Altäre und Bildnisse, sondern auch Schmuck für Schlösser, mythologische Aktdarstellungen, Kostümentwürfe, Wappen und Embleme liefern müssen. In dem Buch “Malerei des Abendlandes-Renaissance-” des Verlags Bertelsmann wird die Auffassung vertreten, dass sich Cranachs Stil mit der Niederlassung in Wittenberg grundlegend änderte. Eine Reise in die Niederlande im Jahr 1508 habe dazu geführt, dass sich der Künstler nicht nur mit der dortigen Malerei, sondern auch mit dem Formengut der italienischen Renaissance auseinandergesetzt habe. Cranachs Liebe zum sorgfältig ausgeführten Detail sei ebenso gewachsen wie die intellektuelle Durchdringung des Bildbaus. Allerdings verliere sich im gleichen Maße die hinreißende Spontaneität der Frühwerke. Cranachs Stil habe sich im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts bei Beteiligung einer wachsenden Werkstatt zunehmend in Richtung auf das Preziöse und Manierierte entwickelt.

Die meisten in der Galerie Alte Meister verwahrten Werke Cranachs stammen nach meiner Wahrnehmung aus dieser Periode. Ein Frühwerk befindet sich nach meinen Erhebungen nicht in dieser Sammlung.

27.05.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern

Wikipedia stellt als Schwerpunkt der “Galerie Alte Meister” in Dresden italienische Werke der Renaissance sowie niederländische und flämische Maler des 17. Jahrhunderts heraus. Aber auch Gemälde von Rang altdeutscher und altniederländischer Maler gäben dieser Sammlung ihr besonderes Gepräge. Betont wird auch, dass in Dresden die größte Cranach - Sammlung weltweit zu besichtigen ist. Auf mehreren von mir gelesenen Websites wird ein Wort Goethes zitiert, der in jungen Jahren diese sächsische Sammlung, die seinerzeit noch im Johanneum untergebracht gewesen sei, gesehen habe. Die betreffende Aussage wird wie folgt wiedergegeben: “Meine Verwunderung überstieg jeden Begriff”. Zu Goethes Zeit, in der das Museumswesen im Vergleich zu heute noch wenig ausgebaut war, dürfte die im Johanneum ausgestellte Sammlung in ihrer Fülle und Qualität ein seltenes Erlebnis für einen Kunstfreund gewesen sein, zumal das Reisen damals bekanntlich sehr beschwerlich war. In der heutigen Zeit mit vielen Museen mit umfangreichen Sammlungen weltweit und den modernen Verkehrsmitteln können Kunstfreunde ihrer Leidenschaft viel intensiver nachgehen. Ein solch emphatischer Ausspruch wird daher heute eher selten zu vernehmen sein.

Einen weiteren Hinweis verdanke ich Wikipedia hinsichtlich der farblichen Gestaltung der Schauräume. Danach haben die Räume mit Gemälden italienischer Maler rote Wände. Die Kabinette, in denen Werke niederländischer und flämischer Maler gezeigt werden, hätten grüne Wände, während Räume, in denen Bilder des 17. Jahrhunderts französischer und spanischer Maler zu sehen sind, einen grauen Grund hätten. Bei meinem Besuch der Sempergalerie im Jahr 2008 war mir zwar die unterschiedliche farbliche Gestaltung der verschiedenen Kabinette aufgefallen, ich hatte jedoch nicht realisiert, dass damit eine bestimmte Systematik verbunden ist.

Nach meiner Beobachtung dürften die von Bernardo Bellotto geschaffenen Stadtansichten Dresdens einem breiteren Publikum bekannt sein. Dieser Maler ist jedoch vor allem unter seinem Künstlernamen Canaletto bekannt. Diesen Namen trug bereits sein Onkel Antonio Canal, der als Vedutenmaler mit Ansichten Venedigs einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben soll. Fällt der Name Canaletto, weiß man nicht auf Anhieb, welcher der beiden Maler gemeint ist. Antonio Canal soll schon früh das Talent seines Neffen Bernardo Bellotto erkannt haben und diesen zu Arbeiten in seiner Werkstatt herangezogen haben. Mit 14 Jahren habe Bellotto eine Lehre bei seinem Onkel angetreten. Nach beendeter Ausbildung habe er sich ebenfalls der Vedutenmalerei zugewandt und unter anderem Ansichten von Verona gefertigt. Außerdem habe er so genannte Capricci gemalt, bei denen es sich um Architekturphantasien handeln soll. Bellotto habe sich dann entschlossen, Venedig zu verlassen. Durch Protektion sei er 1747 nach Dresden gekommen und dort als Hofmaler mit einem Jahresgehalt von 1750 Talern angestellt worden. Er habe sich dort einer hohen Wertschätzung erfreut. Zu Bellottos Hauptwerken aus seiner ersten Zeit in Dresden zählten ein Zyklus von 14 Dresdner Ansichten. Ich habe mir kürzlich im Internet zahlreiche Veduten Bellottos angesehen. Hierzu zählen unter anderem folgende Werke :” Dresden vom rechten Elbufer aus gesehen, unterhalb der Augustusbrücke”, “Die Frauenkirche in Dresden” von 1751, “Der Zwingerhof in Dresden” von 1751/1752, “Dresden vom linken Elbufer aus gesehen, unterhalb der Festungswerke” von 1748, “Der Neumarkt in Dresden, von der Moritzstraße aus gesehen” von 1750, “Die ehemaligen Festungswerke in Dresden” von 1749/1750 und “Der Altmarkt in Dresden, von der Seegasse aus gesehen”. In einem weiteren Zyklus habe Bellotto 11 Ansichten von Pirna geschaffen. 1756 begann bekanntlich der Siebenjährige Krieg, in den auch Sachsen verwickelt war. Zu den Kriegsgegnern Sachsens gehörte auch Preußen, das in Sachsen beträchtliche Zerstörungen anrichtete und das Land auch besetzte. Im Krieg sei Bellottos Haus zerstört worden. Es seien auch Kunstwerke und Druckplatten vernichtet worden. Ihm sei ein Schaden von 50.000 Talern entstanden. 1759 sei Bellotto aus Dresden geflohen und nabe Aufnahme in Wien gefunden. Auch hier sei ihm Aufmerksamkeit bei Hofe zuteil geworden. Für Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen Maria Theresia habe er 13 Ansichten von Wien gefertigt. 1761 habe Bellotto noch in München gewirkt. 1762 sei dann seine Rückkehr nach Dresden erfolgt. Hier habe er noch 5 Veduten der Festung Königstein im Elbsandsteingebirge gefertigt. Im Jahre 1763 seien seine Gönner König August III. und Graf Heinrich von Brühl gestorben. In Dresden sei er als Professor für Perspektive angestellt worden. Seine Bezüge seien jedoch auf 600 Taler jährlich gekürzt worden. Aufträge für Veduten habe er in Dresden nicht mehr erhalten. Er habe sich daher wieder auf Capricci verlegt und diese Architekturphantasien mit vielen Personen bevölkert. Bellotto habe in Dresden für sich keine Perspektiven mehr gesehen und sei 1764 nach Warschau gegangen. Dort habe er am Hof des polnischen Königs Stanislaw II. August einen neuen Wirkungskreis gefunden. Am polnischen Königshof hätten sich bereits eine ganze Anzahl italienischer Maler befunden. Den Rang eines Hofmalers habe Bellotto jedoch nicht erhalten. Neben vielen anderen Werken habe er etliche Ansichten der Stadt Warscheu geschaffen. Er habe 16 Jahre in Warschau gelebt. 1780 sei er an einem Schlaganfall gestorben.

06.05.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (15)

Meinen Ausführungen über die “Galerie Alte Meister” zu Dresden im Artikel vom 29.04.2013 möchte ich noch einige Ergänzungen hinzufügen. In diesem Artikel habe ich bereits den Ankauf von Gemälden des Herzogs von Modena erwähnt. Hierbei habe es sich um ein Konvolut von 100 Gemälden gehandelt. Zu den Erwerbungen hätten zahlreiche Bilder gezählt, die den Hauptwerken der besagten Galerie zuzurechnen seien. In den von mir hinzugezogenen Quellen sind folgende Gemälde hervorgehoben: “Das Opferung Isaaks” von Andrea del Sarto, “Der Zinsgroschen” und “Die Dame in Weiß” von Tizian, “Das Bildnis des Morette” von Hans Holbein d. J., “Der Heilige Hieronymus” von Rubens, und “Der Lautenschläger” von Carracas. Außerdem ist die Rede von vier Tafeln von Correggio, drei Gemälden von Velasquez sowie weiteren Bildern von Giulio Romano, Tintoretto und Guido Reni.

Als weiteres markantes Jahr für Erwerbungen von Werken für die Galerie wird 1853 genannt. In jenem Jahr seien sechzehn Gemälde spanischer Maler aus dem Nachlass des Bürgerkönigs Louis Philippe angekauft worden. Zuvor hätten schon 1753 “Die Schwestern” von Palma il Vecchio und 1746 “Das Schokoladenmädchen” von Liotard der Sammlung hinzugefügt werden können. Nach meiner Wahrnehmung nimmt “Das Schokoladenmädchen” einen besonderen Platz im öffentlichen Bewusstsein ein. Bei meinem Rundgang in der “Galerie Alte Meister” habe ich wegen dessen Bekanntheitsgrad wiederholt vor diesem Bild gestanden. Ich fand dieses Genrebild ganz originell und gefällig. Auch kann ich nachvollziehen, dass dieses Bild vielen Mitmenschen gefällt. Einen besonderen Eindruck hat dieses Gemälde bei mir nicht hinterlassen. Dazu ist das Thema zu schlicht.

Zwischen 1857 und 1868 seien weitere Gemälde italienischer Maler in die Sammlung genannt. In meinen Quellen wird besonderes Gewicht auf die Gemälde “Maria mit dem Kinde” von Lorenzo di Credi und “Aus dem Leben des heiligen Zenobius” von Sandro Botticelli gelegt. Dargestellt sind im Bild von Botticelli die Heilung eines von einem Fuhrwerk überfahrenen Kindes und die Vorankündigung seines eigenen Todes. Werke der Frührenaissance zählen generell nicht zu den von mir besonders geschätzten Bildern. Dieses Bild sagt mir nun gar nicht zu. Es ist aus meiner Sicht völlig überfrachtet. Die Komposition wirkt auf mich zerfahren. Die einzelnen Figuren sind für mich zu wenig realistisch dargestellt. Mir ist der hohe Stellenwert, den Botticelli in der Kunstgeschichte genießt, wohlbekannt. Dennoch habe ich beim Betrachten dieses Bildes die Produkte naiver Kunst vor Augen und kann mich nur schwer von entsprechenden Vergleichen lösen. In den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts seien wiederum Bilder italienischer, aber auch niederländischer Meister den Beständen zugefügt worden. Im Jahre 1873 habe der Sächsische Landtag den Beschluss gefasst, bedeutende Summen für den Kauf von Kunstwerken zur Verfügung zu stellen. Ich las, dass der Dresdner Hof Mittel aus Reparationen Frankreichs als Folge des verlorenen Kriegs für weitere Anschaffungen zur systematischen Ergänzung der Bestände einsetzte. Dazu hätten “Die Heilige Familie” von Mantegna und “Der heilige Sebastian” von Antonello da Messinas gehört. Diese Maßnahmen seien zwischen 1873 und 1884 getroffen worden. Die “Gemäldegalerie Alte Meister” soll Kabinettsausstellungen unter dem Motto “Das restaurierte Meisterwerk” durchführen. Im Jahr 2006 sei Andrea Mantegnas Gemälde “Die heilige Familie” Gegenstand einer solchen Ausstellung gewesen. Auf einer Website mit der Bezeichnung “Kunstaspekte” wurde zu diesem Ereignis unter anderem wie folgt Stellung genommen: ”Am Ende des 15. Jahrhunderts sahen sich Maler wie Andrea Mantegna vor die Aufgabe gestellt, dass Andachtsbilder nicht nur mehr kultisch verehrt, sondern zunehmend auch in ihrem ästhetischen Wert beurteilt wurden. Damit bereitete sich gerade in dieser Gattung die Autonomie der Kunst besonders deutlich vor. Humanistisch gebildete Kunstkenner bewunderten die Andachtsbilder vorrangig als Kunstwerke, das Innovative der Komposition wurde zum Kriterium. Auch in diesem Kontext erweist sich Mantegnas “Heilige Familie” als ein Meisterwerk”.

29.04.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (14)

Bei den Luftangriffen der Alliierten auf Dresden im Februar 1945 habe die Sempergalerie schwere Schäden erlitten. Sprengbomben hätten den Westflügel zerstört, der Ostflügel sei ausgebrannt. Kurz nach Kriegsende sei die Ruine gegen einen weiteren Verfall gesichert worden. Im Jahr 1955 hätte der Wiederaufbau der Sempergalerie begonnen. Am 03.06.1956 sei die Galerie im wiederhergestellten Ostflügel eröffnet worden. Die Wiedereröffnung des Museums sei zur 750 - Jahr - Feier Dresdens geschehen. Der von Sempers Plänen abweichende Innenausbau hätte eine neue Art der Präsentation der Gemälde ermöglicht. Im Jahr 1960 sei dann auch der Westflügel fertiggestellt worden. Zwischen 1988 und 1992 habe die Sempergalerie eine umfassende Restaurierung erfahren. Nach diesen baulichen Maßnahmen soll die Gemäldegalerie Alte Meister nun wieder mehr Sempers Gestaltungsplänen entsprechen. Auf einer Website wird berichtet, dass die seit dem Wiederaufbau im Südflügel untergebrachte Rüstkammer inzwischen in das Residenzschloss umgezogen sei. Diese Maßnahme hätte im September 2012 stattgefunden. Meine Erinnerung an die Innenausstattung der Galerie ist nicht sehr ausgeprägt. Ich war daher gezwungen, mich im Internet und in mir zur Verfügung stehenden Reiseführern umzusehen. Meine Recherchen waren wenig erfolgreich, so dass ich mich an in erster Linie an Wikipedia halten muss. Das Erdgeschoss auf der Ostseite sei als eine Säulenhalle mit schlanken ionischen Säulen von schwarzem Marmor und steil ansteigenden Gewölbegurten gestaltet. Im oberen Teil des Treppengeländers hätten sich auf den grau in grau gemalten Wandfeldern die allegorischen Gestalten der Malerei und der Saxonia befunden. Diese Kunstwerke seien vom Maler R. Rolle geschaffen worden. Auf der Westseite werde das Treppenhaus durch das Vestibül aufgenommen. Dieses sei mit Kreuzgewölben versehen, die sich auf korinthischen Säulen von poliertem grauen sächsische Granit stützten. Die Kapitelle bestünden aus Sandstein. Sie seien weiß bemalt und mit einer Goldverzierung versehen. Die beiden Seitenhallen seien mit Tonnengewölben ausgestattet. Sie zeigten zierliche Rosetten in den Kasetten. Die Mittelsäle im Obergeschoss seien mit einem Oberlicht versehen. Die dekorativen Malereien im Innern seien verlorengegangen. Sie seien grau in grau, auf mattgrauem oder gelblichem Grund gehalten. An den Wänden der Seitenhalle seien Friese und Gipsreliefs angebracht gewesen, die die Geschichte der italienischen, deutschen und niederländischen Malerei gezeigt hätten. Nach dem Urteil des Verfassers des besagten Artikels sind bei der Rekonstruktion der Sempergalerie die ursprünglichen Malereien stark vereinfacht dargestellt worden.

Bei meiner Sichtung der Quellen stellte ich fest, dass man sich in fürstlichen Kreisen Sachsens schon früh kunstsinnig zeigte. Bereits 1560 sei es zur Gründung der kurfürstlich - sächsischen Kunstkammer gekommen. Eine systematische Sammlertätigkeit sei allerdings erst seit August dem Starken zu verzeichnen gewesen. Dieser habe 1754 die Sixtinische Madonna erworben. Noch eifriger in seiner Sammelleidenschaft sei sein Sohn, August III. gewesen. Damals hätten Agenten in ganz Europa Meisterwerke des 16. sowie des 17. und 18. Jahrhunderts erworben. Hervorgehoben wird ein Ankauf aus dem Jahr 1746. In jenem Jahr seien 100 als hochrangig bezeichnete Bilder erworben worden, die aus dem Besitz des Herzogs Francesco III. von Modena gestammt hätten. Die Bilder seien 1747 im zur Gemäldegalerie umgebauten kurfürstlichen Stallgebäude am Neumarkt untergebracht gewesen. Seit dem Jahr 1855 hätte diese Sammlung dann in der neu errichteten Sempergalerie präsentiert werden können. Dort seien sie auch in den folgenden Jahrzehnten verblieben. Während des Zweiten Weltkriegs sei der Hauptbestand der Gemälde ausgelagert worden. Dieser Teil der Sammlung sei unbeschädigt geblieben. Dennoch seien 206 Gemälde zerstört worden. 450 Gemälde gelten als vermisst. Nach Kriegsende seien die Bilder dann allerdings von der Roten Armee nach Moskau und Kiew geschafft worden. Die Sowjetunion hatte damals bekanntlich etliche Kunstwerke aus deutschem Besitz zur Kompensation für durch Kriegseinwirkung zerstörte und von Nationalsozialisten geraubte russische Kunstwerke requiriert. Die aus Dresden stammenden Kunstwerke seien in den Jahren 1955 und 1956 zurückgegeben worden.

22.04.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (13)

Ziel meines Kurzbesuchs in Dresden im Jahr 2008 war die Sempergalerie. Diese Institution beherbergt bekanntlich die in Publikationen gepriesene Sammlung alter Meister. Meine Erinnerung an dieses Gebäude ist noch nicht gänzlich verblasst. Ich kann mich nicht entsinnen, mich damals durch intensive Recherchen im Internet und gedruckten Veröffentlichungen auf diesen Besuch vorbereitet zu haben. Damals hielt ich nicht viel von theoretischen Abhandlungen, vielmehr verließ ich mich vor allem auf die eigene sinnliche Wahrnehmung. Als ich dann vor der Sempergalerie stand, beeindruckte mich das Gebäude schon. Die Länge dieses Bauwerks fand ich schon bemerkenswert. Ich las kürzlich auf einer Website, dass die Galerie 127 m lang ist. Die Breite wird mit nur 29 m angegeben. Im Vergleich mit anderen Museen waren mir die Ausstellungsräume als sehr schmal vorgekommen. Diesen Umstand empfand ich in Anbetracht der hohen Besucherzahlen als wenig glücklich. Bei meinen Erhebungen für diesen Artikel stieß ich auf einen Beitrag, in dem festgestellt wird, dass die Sempergalerie heutigen Anforderungen an Museumsbauten in mehrfacher Weise nicht mehr gerecht wird. Es seien daher umfangreiche Umbauten erforderlich, die sich über mehrere Jahre erstreckten. Dabei bleibe jeweils die Hälfte der Ausstellungsräume geschlossen. Bisher seien von den umfangreichen Beständen 700 Werke gezeigt worden. Hierbei handele es sich um 40 Prozent der Sammlungen. Der Rest habe im Depot bleiben müssen. Nunmehr könnten infolge der Umbauarbeiten entsprechend weniger Bilder präsentiert werden. Diese Entwicklung bedaure ich sehr. Weitere Besuche der Sempergalerie in absehbarer Zeit werden daher immer mit Einschränkungen verbunden sein. Die Website einer regionalen Fremdenverkehrseinrichtung bezeichnet das besagte Gebäude als ein zweistöckiges Bauwerk im Stil der italienischen Hoch - Renaissance mit Anklängen an die Fassade des Louvre in Paris. Der Zentralbau erinnere mit seiner Kuppel an die Uffizien in Florenz. Die Elbseite des Zwingers sei bis 1847 nur mit einer Mauer verschlossen gewesen. Die von August dem Starken für das Gelände bis zur Elbe geplante Barockschlossanlage, der der Zwinger als Vorhof habe dienen sollen, sei nicht mehr verwirklicht worden. Der Architekt und Professor der Kunstakademie Gottfried Semper habe vom Sächsischen Hof 1838 den Auftrag erhalten, dieses Gelände repräsentativ zu bebauen. Mit seinem Forumsplan habe er sich jedoch bei der sächsischen Administration nicht durchsetzen können. Bei Wikipedia ist übrigens davon die Rede, dass König Friedrich August II. eine Galeriekommission eingesetzt habe. Dieses Gremium war nach meiner Einschätzung mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet. Nach Ablehnung seiner ursprünglichen Planungen habe Semper einen neuen Entwurf vorgelegt, nach dem die Elbseite des Zwingers mit einem Galeriegebäude zu schließen wäre. Der für die erwähnte Einrichtung des Fremdenverkehrs tätige Autor vertritt die Auffassung, dass einem Elbflügel des Zwingers der Stil des Barocks oder Neobarocks angemessen gewesen wäre. Gottfried Semper hingegen sei der Neorenaissance - Architektur verhaftet gewesen. Damals habe auch ein Galerietyp als modern gegolten. Hierfür führt der betreffende Autor die von Leo von Klenze geschaffene Alte Pinakothek in München an. Die Theaterplatz - Fassade der Gemäldegalerie hätte auch gut zu Sempers “Erstem Hoftheater” von 1841 passen sollen. So habe Gottfried Semper den Stil der italienischen Hoch - Renaissance für die Gemäldegalerie gewählt. Die Zwingerhof - Fassade des Galeriegebäudes zeige Sempers Bemühen um eine vorsichtige Annäherung an das barocke Umfeld. Er habe eine Terrasse davorgesetzt, das oberste Stockwerk zurückgenommen, eine zweite Balusstrade eingefügt, die Fenstergestaltung des Zwingers wiederholt und die dreieckigen Fenstergiebel weggelassen. Der im Stil eines römischen Triumphbogens gebaute Mittelteil zeige ebenfalls eine gewisse Annäherung an die anderen Tordurchgänge des Zwingers. Nach Ansicht des erwähnten Autors wirkt die Sempergalerie dennoch vom Zwingerhof gesehen inmitten der Barockbauten etwas befremdlich. Diese Ansicht teile ich. Ich empfand die Sempergalerie beim Verweilen im Zwingerhof als gewissen Fremdkörper. Auf der Zwingerhofseite seien christliche und auf der Theaterplatz antike Themen dargestellt. Ich kann mich an Einzelheiten des Figurenschmucks nicht mehr erinnern. Hierüber gibt jedoch Wikipedia Aufschluss. Danach sollen sich 120 Sandsteinskulpturen an der Außenfassade befinden. Aufgeführt werden 12 Statuen, 16 Reliefs, 20 Medaillons und 72 Zwickelfiguren. Unter anderem sollen Zeus, Moses, Michelangelo und Goethe dargestellt sein. Über dem Haupteingang der Gemäldegalerie sei auf einem Relief das Thema “Amor und Psyche” behandelt worden.

Die Grundsteinlegung sei 1847 erfolgt.Gottfried Semper habe 1849 bei revolutionären Umtrieben in Dresden eine bedeutende Rolle gespielt und sei nach deren Niederschlagung aus der Stadt geflohen. Zu diesem Zeitpunkt sei der Bau nur bis zum Erdgeschoss erstellt gewesen. Mit der Fertigstellung des Bauwerks seien die Architekten Bernhard Krüger und Karl Moritz Haenel betraut worden. Haenel habe in Abweichung von Sempers Plänen eine flache, den Zwinger weniger hoch überragende Kuppel für den Galeriebau gewählt.

25.03.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (12)

Bei der Begehung des weiträumigen Theaterplatzes in Dresden fiel mir ein Reiterstandbild von beachtlicher Größe auf. Es soll König Johann von Sachsen darstellen, der von 1854 bis 1873 regiert habe. Dieser König werde als Gelehrter auf dem Sächsischen Thron bezeichnet. Er sei Sprachwissenschaftler und ausgebildeter Jurist gewesen. Ein von ihm besonders geschätztes Gebiet sei die Dante - Forschung gewesen. Vor seinem Regierungsantritt habe er Dantes “Göttliche Komödie” übersetzt. Ich las, dass es sich bei diesem Werk der Bildhauerkunst um eine Arbeit aus Bronze mit einem hohen Sockel handelt, die mit einem künstlerisch wertvollen Relief geschmückt sei. Das Standbild sei von Johannes Schillling konzipiert worden. Man habe es 1899 aufgestellt. Schilling habe übrigens bei manchen der historischen Bauten Dresdens mitgewirkt. Aus den von mir genutzten Quellen schließe ich, dass König Johann ein erfahrener Verwaltungsfachmann gewesen ist, der sich um zahlreiche Einzelheiten der Staatsgeschäfte gekümmert hat. Er habe unter anderem eine Justizreform auf den Weg gebracht, für die Erweiterung der Eisenbahn und die Einführung der Gewerbefreiheit gesorgt. Vor allem habe er jedoch das Schul - und Hochschulwesen gefördert.

Auf jenem Platz ist ferner ein Denkmal zu besichtigen, dem nach meiner Wahrnehmung ebenfalls eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dieses Denkmal ist dem Komponisten Carl Maria von Weber gewidmet. Entworfen sei es vom Bildhauer Ernst Rietschel. Dieser sei Lehrer des oben erwähnten Karl Schilling gewesen. Das besagte Denkmal sei eine überlebensgroße Bronzeskulptur. Beide Werke finde ich als Zeugnisse ihrer Zeit ganz interessant.

Als weitere Sehenswürdigkeit des Theaterplatzes wird in den von mir bemühten Quellen die Altstädter Wache genannt, die auch unter der Bezeichnung Schinkelwache bekannt sei. Als Architekt dieses Bauwerks wird Josef Thürmer angegeben. Es gehe auf einen Entwurf Schinkels zurück. Gebaut sei die Altstädter Wache von 1830 bis 1832. Auch dieses Gebäude sei dem Luftangriff vom Februar 1945 zum Opfer gefallen. Der Wiederaufbau habe bereits in den Jahren 1955/56 stattgefunden. Die Wache wird als klassizistisches Sandsteinbauwerk nach dem Vorbild eines ionischen Tempels geschildert. Das Gebäude habe einen Portikus mit sechs Säulen und auffällig geschmückte Giebelfelder. Es wurde nunmehr einer zeitgemäßen Nutzung zugeführt, indem es eine Touristikinformation und die Vorverkaufsstelle für die Semperoper beherbergt.

Der in manchen Quellen vertretenen Auffassung, dass der Theaterplatz durch die Semperoper dominiert wird, kann ich mich anschließen. Im Reiseführer Baedeker für Sachsen wird hervorgehoben, dass der Bau als ein Meisterwerk des 19. Jahrhunderts gilt. In ihm habe Gottfried Semper seine Idee von der Einheit von Form und Zweck zu hoher Blüte geführt. Er habe auch die gesamte Innengestaltung entworfen und die Prospekte für die Ausmalung angefertigt. Ausführung und Bauleitung hätten Sempers Sohn Manfred oblegen. Der zweigeschossige Arkadenbau in Form eines Bogens mit Seitenflügeln werde durch die Exedra mit der bronzenen Quadriga von Johannes Schilling besonders betont. - Im Duden wird Exedra mit halbrunder Nische erläutert. In meinem alten Lexikon des Bertelmann Verlags wird die Exedra als halbrunder Stufenbau mit Bank in der antiken Architektur erklärt. - In den Seitennischen der Fassade befänden sich Skulpturen der Dichter Shakespeare, Sophokles, Molière und Euripides. Auf den Seitenflügeln stünden Skulpturen bekannter Dramen - und Operngestalten. Den Eingang der Oper flankierten Skulpturen von Goethe und Schiller, beide geschaffen von Ernst Rietschel. Im Reiseführer “Dresden” des Lingen Verlags, Köln, fand ich unter dem Stichwort “Semperoper” folgende Aussage:”Längst wagt niemand mehr zu bestreiten, dass dieses Opernhaus mit seiner festlichen Fassade und der genialen Akustik zu den schönsten Musiktheatern Europas zählt”. Ergänzend zu den Erläuterungen im Baedeker heißt es auf einer von mir aufgerufenen Website:”Die ersten beiden Geschosse des Bauwerrks sind gestaltet in Form eines Segmentbogens. Das dritte Geschoss, das zum Bühnenhaus überleitet, ist etwas zurückgesetzt”. Das Gebäude sei im gemischten Stil aus Neoklassik und Neorenaissance errichtet worden. Mit dem Wiederaufbau der Semperoper sei 1977 begonnen worden. Am 13.02.1985, genau 40 Jahre nach der Zerstörung Dresdens sei der rekonstruierte Bau mit dem “Freischütz” wieder eröffnet worden.

18.03.2013

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (11)

Ich entsinne mich noch, dass ich bei meinem Kurzbesuch Dresdens im Jahr 2008 beim Durchschreiten der Schlossstraße auch einen Blick auf die Frauenkirche warf. Ich war von diesem mit viel Aufwand wieder errichteten Sakralbau durchaus beeindruckt. Da mein damaliger Besuch jedoch der Gemäldegalerie Alte Meister galt, nahm ich mir vor, mich mit dieser Kirche und dem Neumarkt bei einem späteren Besuch der Stadt zu beschäftigen. Hierzu ist es jedoch bisher nicht gekommen. Bei meinem Gang zur besagten Galerie befand ich mich auf einmal auf dem Theaterplatz. Von diesem Platz hatte ich schon gehört. Ich sah mich daher hier ein wenig um. Mir war zunächst nicht bewusst, dass ich mich nunmehr bereits in der Nähe der Elbe befand. Ich hatte gelesen, dass sich der Theaterplatz nicht innerhalb des historischen Stadtkerns befindet. Ferner war ich darüber informiert worden, dass es hier wenig so genannte bürgerliche Bebauung geben sollte. Bei der Begehung des Platzes konnte ich mich von der Richtigkeit dieser Aussage überzeugen. Mir kam er weiträumig und relativ leer vor. Ich stand dann vor einem Gebäude mit dem seltsamen Namen “Italienisches Dörfchen”. In diesem Gebäude wird ein Restaurationsbetrieb unterhalten. Ich stellte fest, dass es im klassizistischen Stil errichtet wurde. Dort, wo jetzt dieser repräsentative Bau steht, habe sich einst ein “Gewirr aus 32 verwinkelten Wohnhäuschen” befunden. Die Wohnstätten seien im Zusammenhang mit dem Bau der Katholischen Hofkirche entstanden. Den Auftrag hierfür hätte Friedrich August II , Sohn August des Starken, dem italienischen Baumeister Gaetano Chiaveri erteilt. Chiaveri habe bei diesem Bauvorhaben, das in der Zeit von 1739 bis 1754 durchgeführt worden sei, eine Anzahl von Landsleuten verschiedener Berufe beschäftigt. Die Italiener seien in jenen Häuschen untergebracht worden. Im Volksmund sei die Siedlung “Italienisches Dörfchen genannt worden. In den Häuschen hätten später auch bekannte Persönlichkeiten gelebt. Zum Beispiel hätte hier Karl Maria von Weber 1817 seine erste Dresdner Wohnung bezogen. Beim Bau des ersten Hoftheaters, das von Semper entworfen worden sei, seien die Häuschen der Siedlung bis auf einige wenige, in denen Gaststätten betrieben worden seien, abgebrochen worden. Der Name “Italienisches Dörfchen” sei von einer Gaststätte übernommen worden, die sich unmittelbar über dem Landeplatz der Dampfschiffe der Meißener Linie befunden habe. Der Stadtbaurat Hans Erlwein sei um 1850 damit beauftragt worden, die Elbseite des Theaterplatzes mit einem repräsentativen Neubau zu schließen. Er habe das Gebäude flach angelegt, damit es die Ansicht der historischen Gebäude am Theaterplatz nicht allzu sehr versperrte. Auf der Website “Reiseführer Dresden” wird die Auffassung vertreten, auch der zurückhaltende klassizistische Stil der Fassade sorge dafür, dass das Ensemble der Barock- und Renaissance-Bauten am Theaterplatz nicht gestört werde. Bei dem Luftangriff der Alliierten im Februar 1945 sei auch dieser Bau von Bomben getroffen und so stark zerstört worden, dass nur eine Ruine übriggeblieben sei. Obwohl nach meiner Wahrnehmung in der DDR für den Wiederaufbau zerstörter historischer Gebäude nicht allzu viel Mittel zur Verfügung gestellt wurden, sei bereits 1956 damit begonnen worden, das “Italienische Dörfchen” wieder zu errichten. 1994 sei eine gründliche Restaurierung in Angriff genommen worden. Diese Maßnahme habe auch zur Wiederherstellung der historischen Wand-und -Deckenbemalung geführt.

Die oben erwähnte Hofkirche habe ich ebenfalls nicht besichtigt, sondern nur einen Teil von ihr von außen betrachtet. Aus den von mir herangezogenen Quellen habe ich den Schluss gezogen, dass im 18. Jahrhundert auch auf Seiten der Protestanten, die sich nach meiner Wahrnehmung heute sehr um die Ökumene bemühen, die erforderliche Toleranz für Andersgläubige nicht sehr ausgeprägt war. So habe man Prozessionen der Katholiken im Freien abgelehnt. Außerdem habe man sich nicht mit dem Läuten der Glocken der katholischen Kirche anfreunden können. Jener Baumeister Chiaveri habe für sein schwieriges Werk die nötige Unterstützung durch Dresdens Bürger und Institutionen vermisst, so dass er bereits 1749 die Stadt verlassen habe. Sein Werk sei dann nach einander von den Architekten Wetzel, Knoffel und Schwarze fortgesetzt worden. Der Baustil der Hofkirche wird als Römischer Spätbarock bezeichnet. Es soll der letzte bedeutende Barockbau Dresdens sein. Die Hofkirche sei im Jahr 1980 durch ein Dekret des Papstes Johannes Paul II zur Kathedrale St. Trinitatis des Bistums Dresden-Meißen erhoben worden. Die Kirche verfüge über eine Grundfläche von 4.800 Quadratmetern. Sie sei die größte Kirche Sachsens. Es seien mit ca. 1.041.000 Talern sehr hohe Baukosten entstanden. Diese Kosten seien dreimal so hoch wie die der 1743 vollendeten evangelischen Frauenkirche. Hierzu hätten die lange Bauzeit, die beträchtliche Grundfläche und der reiche Gebäudeschmuck beigetragen. Den Auftrag für den Skulpturenschmuck der Hofkirche habe der italienische Bildhauer Lorenzo Mattielli erhalten. Die Arbeiten seien durch seinen Sohn Francesco zum Abschluss gebracht worden. Bei der Hofkirche handele es sich um eine dreischiffige Basilika mit einem überhöhten Mittelschiff. Dieses sei 52.5 m lang und 32 m hoch. Vom Mittelschiff getrennt sei der 85,3 m hohe Turm. Das Gebäude enthalte eine Scheitelkapelle und vier Seitenkapellen. Die Fassaden wiesen eine reich gegliederte plastische Struktur auf. Die Fassadennischen und Balustraden schmückten 78 aus Sandstein gehauene 3,50 m hohe Heiligenfiguren. Der Glockenturm sei im Stil eines Campanile konzipiert. Im Inneren der Kirche sei ein 3,50 m breiter Prozessionsumgang um das Mittelschiff gelegt. Das Altargemälde, das Christi Himmelfahrt darstelle, stamme von Anton Raphael Mengs. Unter der Orgelenpore zu Seiten des Haupteingangs stünden die Figuren des heiligen Ambrosius und des heiligen Augustinus. Diese Skulpturen seien vom Bildhauer Balthasar Permoser geschaffen worden. Die Kirche habe einst ein Deckengemälde von Franz Anton Maulbertsch geziert, das bei dem besagten Luftangriff zerstört worden sei. Über dem Hauptportal erhebe sich die zwischen 1750 und 1754 gebaute Silbermannorgel. Die Hofkirche sei ebenfalls früh wieder aufgebaut worden. Mit dem Wiederaufbau sei 1946 begonnen worden. Vollendet sei diese Baumaßnahme jedoch erst 1987.

12.11.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern

Auf meinem Weg zur Galerie Alte Meister in Dresden im Juni 2008 kam ich auch an einem Werk der heutigen Kulturgattung Kunst am Bau vorbei. Es handelt sich um das großflächige Wandbildnis “Fürstenzug”. Es wurde an die Fassade des zum Stallhof gehörenden “Langen Ganges” angebracht. Mithin befindet es sich in der Augustusstraße, östlich neben dem Georgenbau. Mit seiner Länge von 102 Metern wird es als größtes Porzellanbild der Welt bezeichnet. Es soll nämlich aus 23.000 Fliesen aus Meißener Porzellan zusammengesetzt sein. Diese Fliesen würden quadratisch sein und 20,5x20,5 Zentimeter messen. Die Höhe dieses Wandbilds wird mit 10,51 Meter angegeben. Die besagten Fliesen seien auf einer Fläche von 968 Quadratmetern “verlegt” worden. Das Kunstwerk sei mit folgendem Motto versehen worden: “Ein Fürstenstamm, dess Heldenlauf reicht bis zu unsern Tagen, in grauer Vorzeit ging er auf mit unseres Volkes Sagen”. Es sollen insgesamt 93 Persönlichkeiten dargestellt worden sein. Hiervon würden 35 ehemalige Herrscher Sachsens sein. Diese hätten als Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige regiert. Der Zug würde vom Markgrafen von Meißen, Konrad dem Großen, angeführt, der seine Herrschaft von 1123 bis 1156 ausgeübt habe. Ihm folgten die Markgrafen Otto der Reiche (1156 - 1190) und Albrecht der Stolze, dessen Regierungszeit nur von 1190 bis 1195 gedauert habe. Als letzter Herrscher wurde König Georg abgebildet, der lediglich von 1902 bis 1904 regiert habe. Er sei jedoch nicht der letzte König von Sachsen gewesen. Dieses Schicksal sei Friedrich August III beschieden. Friedrich August III sei aber nicht mehr in den Reigen der Herrscher aufgenommen worden, weil die Arbeiten am Kunstwerk bei seinem überraschenden Regierungsantritt bereits im Wesentlichen abgeschlossen gewesen seien.Mit dem Tod seines Vorgängers zu einem so frühen Zeitpunkt hätte man nämlich nicht gerechnet. Von den blaublütigen Herrschern Sachsens hatten sich mir besonders August der Starke (1694 - 1733) sowie die Kurfürsten Friedrich der Weise (1486 - 1525) und Johann der Beständige (1525 - 1529) eingeprägt. Friedrich der Weise wurde bereits in meiner Schulzeit im Zusammenhang mit Martin Luther und der Geschichte der Reformation ausführlich erwähnt. Auf Johann den Beständigen wurde ich durch ein von Lukas Cranach d. J. geschaffenes Porträt aufmerksam, das ich in der Hamburger Kunsthalle sah. Bei Durchsicht der Namen der abgebildeten Herrscher fiel mir auf, dass man einige dieser Regenten mit mir kurios erscheinenden Beinamen bedacht hatte. Folgende Namen fielen mir besonders ins Auge: Dietrich der Bedrängte, Albrecht der Entartete und Friedrich der Gebissene. Wie bereits angedeutet, wurde auch Untertanen die Ehre zuteil, auf dem monumentalen Werk abgebildet zu werdn. Neben Geistesgrößen wurden auch Künstler in den Zug aufgenommen. Mir fiel in diesem Zusammenhang vor allem der Maler Ludwig Richter aus der Zeit der Romantik auf. Ich hatte nämlich vor geraumer Zeit eine dem Werk dieses Malers gewidmete Ausstellung in Hannover gesehen. Ich nahm mit Erstaunen zur Kenntnis, dass man ehedem diesem Maler eine so große Wertschätzung entgegengebracht hatte. Es werden aber auch Vertreter des arbeitenden Volks gezeigt. Hierunter befinden sich ein sächsischer Bauer und ein sächsischer Bergmann.

Die 23.000 Meißener Porzellanfliesen seien von 1904 bis 1907 an der Fassade des “Langen Ganges” angebracht worden. Die Idee für den Festzug stamme vom Historienmaler Wilhelm Walther. Dessen Entwurf habe bei einer Ausschreibung des Jahres 1865 den Zuschlag erhalten. Zur würdigen Ausgestaltung der Feierlichkeiten zu Ehren des Fürstehauses der Wettiner habe ein monumentales Kunstwerk in Gestalt eines Wandbildes geschaffen werden sollen. Für das Wandbild habe man sich für die Sgrafittotechnik entschieden. Hierbei würde es sich um eine Putzkratztechnik handeln. Mit Hilfe dieser Technik sei das Wandbild von 1872 bis 1876 hergestellt worden. Es sollen schwarz-weiße Bilder gefertigt worden sein. Diese Malerei habe sich jedoch nicht als wetterbeständig erwiesen. Bereits um das Jahr 1900 seien gravierende Schäden festzustellen gewesen. Die Verantwortlichen hätten daher nach einem beständigeren Verfahren Ausscheu gehalten und als Material die Meißener Porzellanfliesen favorisiert. Mit dem Material sei auf eine neue Weise umgegangen worden. Die Fliesen seien zunächst bei 1380 Grad Celsius scharf gebrannt, sodann mit einer Farbschicht überzogen und nochmals gebrannt worden. Nach diesen Arbeitsvorgängen hätten Porzellanmaler das Bild auf die Fliesen übertragen. Danach seien die Fliesen nochmals im Scharffeuer gebrannt worden. Dieses Verfahren habe sich sogar in der Ausnahmesituation des Luftangiffs 1945 bewährt. Das Wandbild sei trotz der Gluthitze weitgehend erhalten geblieben. Lediglich 212 Fliesen seien zerstört, weitere 442 beschädigt worden, so dass sie hätten ersetzt werden müssen.

Der Historienmaler Wilhelm Walther, dessen Motive auch beim Porzellanbild verwendet worden seien, ist übrigens auch im Fürstenzug abgebildet.

29.10.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (9)

Bei meinem Fußmarsch zur “Galerie Alte Meister” in Dresden im Juni 2008 hatte ich nunmehr den einst so prächtigen Neumarkt erreicht. Dieser wurde, wie auch andere Plätze Dresdens, ein Opfer des Luftangriffs im Februar 1945. Gruppen von Bürgern Dresdens würden sich mit großem Engagement darum bemühen, dass der Neumarkt sein historisches Aussehen in seiner Erscheinungsform vor dem besagten Luftangriff wieder erhält. Das einzige historische Gebäude, dass bei jenem Ereignis nicht gänzlich zerstört wurde, soll nach meinen Recherchen das Johanneum sein. Dieses Gebäude halte ich für besonders interessant. Es sei wiederholt umgebaut und auf vielfältige Weise genutzt worden. Es sei im Auftrag des Kurfürsten Christian I. von 1586 bis 1590 vom Architekten Paul Buchner erbaut worden. Das Bauwerk sei in die Nähe des Residenzschlosses gesetzt worden. Es würde an den schon früher geschaffenen Stallhof grenzen. Man habe es durch den so genannten Langen Gang mit dem Residenzschloss verbunden. Ich las, dass dieses Bauwerk vor allem als Stallgebäude genutzt werden sollte, in dem die Pferde und Kutschen des Kurfürsten unterzubringen gewesen seien. Über den im Erdgeschoss installierten Pferdestall sei die “Kurfürstliche Rüst - und Harnischkammer” untergebracht worden. August der Starke habe sich mit der seinerzeitigen Beschaffenheit des Gebäudes nicht begnügen wollen. Er habe daher den Architekten von Fürsthoff beauftragt, ein weiteres Stockwerk zu schaffen. Bei diesen in den Jahren 1730 und 1731 durchgeführten Bauarbeiten seien außerdem die Renaissance - Giebel entfernt worden. Auch sei eine doppelläufige Englische Treppe gebaut worden. Diese Treppe habe ins Obergeschoss geführt, das ebenfalls Änderungen unterzogen worden sei. In diesem Bereich seien dann Feste veranstaltet und Gäste beherbergt worden. Zwischen 1731 und 1733 sei der erwähnte Lange Gang neu ausgestattet worden. Von diesen Maßnahmen unberührt seien die Stallungen geblieben. Diese hätte man im Erdgeschoss belassen. Mit dem Jahr 1747 sei eine gänzlich neue Nutzung des Gebäudes zu verzeichnen. Ins Obergeschoss seien die Sammlungen der Gemäldegalerie verbracht worden. Die Sammlungen seien dort bis 1855 verblieben. Diese neue Nutzung sei wiederum mit Umbauarbeiten verbunden gewesen. Hier seien vor allem die großen Rundbogenfenster hervorzuheben.

Während der Märzrevolution des Jahres 1849 sei das Gebäude beschossen worden, wodurch starke Beschädigungen eingetreten seien. Bei den Revolutionswirren seien auch etliche Gemälde durch Geschosse beschädigt worden. Der als kunstsinnig bezeichnete König Johann habe zwischen 1872 und 1876 abermals Umbauarbeiten veranlasst. Mit der Realisierung der Baumaßnahmen sei Karl Moritz Haenel betraut worden. Hierbei sei unter anderem die Außenfassade neu gestaltet worden. Auch sei eine Überbauung des Hofes erfolgt. Bei seiner Gestaltung habe Haenel auf Stilelemente der Neorenaissance zurückgegriffen. Das Gebäude habe nunmehr als Kulturhistorisches Museum gedient, bei dem Militaria Bedeutung beigemessen worden seien. Dem Bauherrn der Umgestaltung sei eine besondere Ehre zuteil geworden. Das Gebäude sei fortan “Johanneum” genannt worden. 1876 sei die Porzellansammlung in drei Räumen des Obergeschosses untergebracht worden. Bestände aus dem Bereich “Historisches Museum” seien den dortigen Sammlungen hinzugefügt worden. In dem langen Zeitraum von 1914 bis 1927 sei der Umbau der Ost - und Westhalle durchgeführt worden. Hierbei sei das Glasdach im Lichthof bis zur Höhe des 2. Obergeschosses angehoben worden. Bei fortlaufenden Arbeiten, die bis 1935 angedauert hätten, sei der ursprüngliche Renaissancecharakter der Stechbahn und der Arkaden wiederhergestellt worden.

In den folgenden zehn Jahren verzeichnen die von mir herangezogenen Quellen keine das “Johanneum” betreffende Aufzeichnungen. Erwähnung findet erst wieder das Jahr 1945 mit jenem Luftangriff. In einer Quelle ist lediglich angemerkt, dass das Bauwerk ausbrannte und stark beschädigt wurde. In einer anderen Quelle ist von einer fast völligen Zerstörung die Rede. Reste im Innern sowie die Außenmauern seien teilweise erhalten geblieben. Über die von den Verantwortlichen anschließend getroffenen Maßnahmen konnte ich ebenfalls wenig in Erfahrung bringen. In einer tabellarischen Aufstellung ist aufgeführt, dass 1955 Sicherungsarbeiten durchgeführt und anschließend der Ausbau vonstatten gegangen sei. In einer anderen Website wird mitgeteilt, dass der Wiederaufbau des Gebäudes 1950 begann. Als markantes Jahr wird dann 1960 genannt. In jenem Jahr sei im Johanneum ein Verkehrsmuseum eröffnet worden. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts habe das “Johanneum” mit der Restaurierung der Aussenfassade das heutige Aussehen erhalten. Für 1993 wird die Rekonstruktion des zentralen Lichthofes nebst der Freilegung der Renaissancefenster gemeldet. 1995 habe die Sanierung der Englischen Treppe abgeschlossen werden können. Seit 2007 befinde sich im Langen Gang die Schifffahrtsausstellung des Museums. Ich habe mir übrigens die Website des Verkehrsmuseums angesehen. Von dem Museumskonzept und den gezeigten Exponaten war ich durchaus angetan. Dieses Museum ist meines Erachtens einen Besuch wert. Eine Notiz auf einer Website gibt darüber Aufschluss, dass das Sächsische Kulturninisterium in einer Neuordnungsstudie der Dresdner Museen den Auszug des staatlichen Verkehrsmuseums aus dem “Johanneum” vorgesehen hat.

22.10.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (8)

Nachdem ich das Rundkino verlassen hatte, gelangte ich an einen weiteren markanten Punkt der Prager Straße. Es handelt sich hierbei um “Das Haus des Buches”. In dem kleinen Reiseführer “Dresden” der Helmut Lingen Verlag GmbH & Co KG, 50679 Köln, aus dem Jahr 2009 wird die besagte Institution als das größte Buchhaus im deutschen Osten bezeichnet. Es sei unbedingt einen Besuch wert, wenn man Bücher über Dresden suchen würde. Einer Website entnahm ich, dass “Das Haus des Buches” nunmehr eine Filiale der Thalia Buchhandlung beherbergt. In Hamburg gelegene Filialen dieses Unternehmens suche ich gern auf. Hier halte ich mich besonders gern in der Filiale Spitalerstraße auf. Jene im Haus des Buches in Dresden untergebrachte Filiale soll sich über vier Etagen auf insgesamt 2.800 Quadratmetern erstrecken. Es würde ein Vollsortiment mit 100.000 Büchern unterhalten. Ich habe es damals leider versäumt, mich in dieser Buchhandlung umzusehen. Ich habe lediglich einen Blick in die Schaufenster geworfen. Ich hatte nunmehr das Ende der Prager Straße erreicht und die Waisenhausstraße zu überqueren. Die Prager Straße sei zwischen 1851 und 1853 erbaut worden. Hier hätten alsbald Großbürger ihren Wohnsitz errichtet. Die Prager Straße habe sich schnell zu einer bedeutenden Einkaufsstraße entwickelt. Auch in diesem Straßenzug sei es im Zweiten Weltkrieg zu verheerenden Zerstörungen gekommen. Auf einem Foto aus dem Jahr 1949 sah ich, dass die von Trümmern geräumte Fläche rund um die Prager Straße riesig war. Aus den mir zur Verfügung stehenden Quellen ersah ich, dass mit dem Wiederaufbau erst relativ spät begonnen wurde. Es war von einem 1962 veranstalteten Architekturwettbewerb die Rede. Besonders interessant finde ich ein in der Zeit von 1966 bis 1970 errichtetes Ensemble. Zu diesem Ensemble gehören zunächst drei zwischen 1967 und 1970 errichtete Hotelbauten. Diese seien nach Felsen im Elbsandsteingebirge benannt worden. Sie hätten die Bezeichnungen “Lilienstein”, “Königstein” und “Bastei” erhalten. Die Hotels seien in Kammstellung zur Prager Straße erbaut. Sie verfügten jeweils über zwölf Geschosse. Zweigeschossige Flachbauten mit Läden würden die Hochhäuser verbinden. Der Komplex sei in Plattenbauweise erstellt sowie mit einer horizontalen Fassadengliederung und Betonbrüstungen mit Glas - Keramik - Mosaik ausgestattet. Bestandteil des besagten Ensembles ist ferner ein 250 Meter langes Wohngebäude. Es sei das zweitlängste Wohnhaus Deutschlands. Es sei von 1966 bis 1969 mit 614 Kleinwohnungen auf der östlichen Seite der Prager Straße erbaut worden. Nach der Wende sei dieses Wohngebäude umgebaut und heutigen Erfordernissen angepasst worden. Nachdem ich als weitere Querstraße den Dr. Külz - Ring überquert habe, nähere ich mich auf der Seestraße, bei der es sich um die Verlängerung der Prager Straße handelt, der Altmarkt - Galerie. Die Altmarkt - Galerie sei am 18.09.2002 eröffnet worden. Zu diesem Zeitpunkt habe sie über eine Verkaufsfläche von 26.000 Quadratmetern verfügt. Sie weise täglich 30.000 Besucher auf. Über hundert Unternehmen der Branchen Einzelhandel und Restaurationsbetriebe hätten sich in ihr niedergelassen. Dieses sei auch noch während meines Besuchs der Stadt Dresden im Jahr 2008 der Fall gewesen. Inzwischen sei diese Galerie jedoch noch beträchtlich erweitert worden. Setzte sie sich seinerzeit aus drei mit Kalkstein verkleideten Blöcken zusammen, so seien es heute fünf. Damals verlief nur ein einziger Gang in Nord - Süd - Richtung. Die Altmark - Galerie sei schon mehrfach als schönstes neues Einkaufscenter in den Neuen Bundesländern bezeichnet worden. Sie sei auch schon wiederholt mit Preisen ausgezeichnet worden. Eine anlässlich einer Preisverleihung ausgesprochenen Huldigung enthielt die folgende Passage: “Die Altmarkt - Galerie weist inmitten einer steinernen innerstädtischen Bebauung eine Grüngestaltung auf, die den historischen Bezug des zentral gelegenen Ortes mit seiner Geschichte und Architektur aufgreift. Die Begrünung der Freiflächen und des Daches ist mustergültig in die bestehende Bebauung mit ihren historischen Bezügen eingepasst. Zudem ist es gelungen, den Erwartungen der Kunden und der Beanspruchung aufgrund der hohen Besucherzahlen auf originelle Weise mit einer nutzungsgerechten Aufteilung, hochwertiger Materialien und der Einbeziehung von Kunst gerecht zu werden. Die attraktiven Ruheplätze und grünen Oasen fügen sich hervorragend in die Umgebung ein. Gleichzeitig werden ökologische Gesichtspunkte berücksichtigt“.

Nach Überqueren der Wilsdruffer Straße gelangte ich in die verkehrsberuhigte Schloßstraße. Hier fiel mein Blick auf den 1969 eröffneten Kulturpalast. Er sei im Stil der Bauhaus - Moderne errichtet und habe einen quaderförmigen Baukörper. Der 103 Meter lange und 72 Meter breite Palast sei zunächst als optischer Kontrapunkt zum nahen Schloss geplant gewesen. Bei diesem Bau würde es sich um einen multifunktionalen Festsaal mit bis zu 2435 Plätzen handeln. Durch das besondere Kippparkett sei er in einen komplett mit festen Sitzreihen und Überhöhung bestuhlten Zuschauerraum oder in einen Bankettsaal mit ebenem Boden im Bereich des Parketts vor der Bühne verwandelbar. Neben dem großen Saal würde der Kulturpalast ein Studiotheater mit 192 Sitzplätzen, Seminar-, Proben - und Einspielräume, Foyerebenen, Bürotrakte sowie ein Restaurant mit Tagesmöglichkeit besitzen. Im Zusammenhang mit dem Kulturpalast wird in Veröffentlichungen das 30 Meter mal 10 Meter große Wandbild erwähnt, das sich an der Westseite des Gebäudes befinden würde. Diesem Wandbild sei der Titel “Der Weg der roten Fahne” gegeben worden. Seit 2001 sei es als Kulturdenkmal ausgewiesen. Es sei 1969 von Gerhard Bondzin und der Arbeitsgemeinschaft der Hochschule für bildende Künste Dresden geschaffen. Es würde aus Farbglas auf Betonplatten bestehen, die elektrostatisch beschichtet worden seien. Auf einer Abbildung im Internet erkenne ich am linken Bildrand Marx und Engels. In der Bildmitte ist Ernst Thälmann am Rednerpult zu sehen, aber auch Walter Ulbricht wurde auf der rechten Bildseite im weißen Mantel abgebildet. Des weiteren mache ich Werktätige verschiedener Berufe sowie Revolutionäre mit Gewehren aber auch Kinder aus. Ein roter Stern sowie Hammer und Zirkel sind ebenfalls ins Bild gerückt. Ferner reckt im Vordergrund eine großformatige Frauenfigur die Faust.

15.10.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (7)

Bevor ich meine Tagesreise nach Dresden im Jahr 2008 antrat, hatte ich mir anhand eines Stadtplans des Zentrums der Stadt, der Bestandteil eines Taschenkalenders war, den Weg zur Gemäldegalerie Alte Meister eingeprägt. Nach Verlassen des Bahnhofsgebäudes befand ich mich schon bald in einer verkehrsberuhigten Zone. Zum Erreichen meines Ziels musste ich mich auf der vielgepriesenen Prager Straße fortbewegen. Ich passierte den Wiener Platz, von dem ich auch schon gehört hatte. Hier sollte sich das 2005 fertig gestellte Kugelhaus befinden. In diesem Bereich hätten sich zahlreiche Geschäfte angesiedelt. Ich habe mir jedoch dieses Haus nicht angesehen. Nach Passieren des Wiener Platzes schritt ich rüstig voran. Ich bestaunte die Breite der Prager Straße und nahm Notiz von schattigen Baumreihen und einer imposanten Anlage mit voluminösen Springbrunnen. In dieser verkehrsberuhigten Zone fühlte ich mich als Fußgänger wohl. Sodann kam ich an einem Hotelhochhaus mit Namen Pullmann Dresden Newa sowie mehreren Kaufhäusern vorbei. Es soll sich bei der besagten Beherbergungsstätte um das größte Hotelhochhaus Dresdens handeln. Bald schon befand ich mich in Höhe des ein wenig abseits von der Prager Straße gelegenen UFA - Kristallpalastes. Dieses Gebäude sei von 1996 bis 1998 von der Architektengruppe Himmelb(l)au in dekonstruktivistischem Stil erbaut worden. Die betreffende Architektengruppe sei 1968 in Wien gegründet worden und seither in den Disziplinen Architektur, Stadtplanung, Design und Kunst tätig. Sie habe außerdem Ateliers in Los Angeles, Paris und Frankfurt am Main. Zum Begriff Dekonstruktivismus fand ich bei Wikipedia unter anderem folgende Erläuterungen: ”Dekonstruktivismus ist eine architektonische Stilrichtung, die den Anspruch einer Ablösung der Postmoderne erhebt. In Anlehnung an die Dekonstruktion Jaques Derridas sollen in der Architektur Struktur und Form simultan einer Destruktion und einer neuen Konstruktion unterzogen werden. Es geht nicht um die De - Konstruktion von Architektur, sondern um das Deutlichmachen des architektonischen Moments dieser Bauten“. Die besagte Website enthält zum Thema Dekonstruktivismus folgendes Zitat des Architekten Mark Wigley: “Ein dekonstruktiver Architekt ist nicht jemand, der Gebäude demontiert, sondern jemand der den Gebäuden inhärente Probleme lokalisiert. Der destruktive Architekt behandelt die reinen Formen der architektonischen Tradition wie ein Psychiater seine Patienten - er stellt die Symptome einer verdrängten Unreinheit fest. Diese Unreinheit wird durch eine Kombination von sanfter Schmeichelei und gewalttätiger Folter an die Oberfläche geholt. Die Form wird verhört”. Das aus Glas und Stahl gefertigte Gebäude erstreckt sich mit einer Schräge in die Höhe. Der Kristallpalast soll in acht Sälen Plätze für 2.668 Zuschauer bereithalten. Dieses Bauwerk entbehrt nach meinem Empfinden nicht einer gewissen Originalität, nach meinem derzeitigen Bewusstseinsstand kann ich mich für derartige Gebäude jedoch nicht begeistern. Ich muss mich wohl noch mehr mit zeitgenössischer Architektur beschäftigen. Ganz in der Nähe des UFA - Kristallpalastes liegt das Rundkino. Bei Wikipedia wird es als ein markantes Bauwerk Dresdens bezeichnet. Es habe einen Durchmesser von fünfzig Metern und eine Höhe von zwanzig Metern. Durch seine Architektur und den Großen Saal mit 898 Sitzplätzen sei das Rundkino eines der bedeutendsten Bauwerke der Nachkriegsmoderne in Dresden. Ich las, dass der Bau einen Kontrast zu den quaderförmigen Gebäuden in der Umgebung bilden sollte. Es wurde auch geäußert, dass es einem UFO ähnelt. Der Grundstein sei 1969 gelegt worden, die Eröffnung habe 1972 stattgefunden. Das Erdgeschoss sei von außen rundherum mit Glas ausgestaltet, eingefasst von poliertem schwarzen Naturstein. Darüber befinde sich ein hervorstehendes Segment, das mit Stabwerk - Ornamenten aus Stahl ausgestaltet sei. Der etwas schmale Hauptzylinder, der den Großen Saal beherberge, sei mit emaillierten Aluminiumplatten in vertikaler Anordnung verkleidet. Der Zylinder sei aus Ortbeton in Gleitbauweise errichtet worden. Bei dem Dach würde es sich um eine Seilnetzhängekonstruktion handeln mit Druck - und Zugring aus 96 radial gespannten Stahlseilen. In diese seien Fertigteile aus Beton eingehängt, die mit Ortbeton verfügt worden seien. Die Dachkonstruktion sei begehbar. Nach der Wende sei es zu mehreren Eigentümerwechseln gekommen, die wiederholt zu vorübergehenden Schließungen des Kinos geführt hätten. Auch seien bei einigen der wechselnden Eigentümer Insolvenzen zu verzeichnen gewesen. Das Gebäude würde heute nicht nur als Kino mit fünf Sälen genutzt. Es diene außerdem der Technischen Hochschule Dresden bei großen Veranstaltungen als Hörsaal. Ferner sei in ihm ein Puppentheater untergebracht, das zum Theater “Junge Generation” gehöre. Für bemerkenswert erachte ich, dass dieses Gebäude 2003 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Dieses Gebäude finde ich als Zeugnis der Architektur zu DDR - Zeiten ganz interessant. Meinen Geschmack trifft es allerdings nicht.

08.10.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (6)

Anfang Juni 2008 entschloss ich mich, die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden im Wege einer Tagesreise mit der Deutschen Bahn AG aufzusuchen. Als Reisetag wählte ich einen Samstag. Für diesen Tag gab es ein relativ günstiges Angebot der Bahn. Als Zug wählte ich den EC 173, der den Bahnhof Altona um 6.15 Uhr verlassen sollte. Dieser Zug sollte um 10.52 Uhr in Dresden Hbf ankommen. Der Eurocity führte Waggons verschiedener Nationen. Die Wagen der 2. Klasse waren in der Mehrheit recht schlicht. Ich fand diesen Zug dennoch recht interessant. Der Zug war zunächst sehr schwach besetzt. Für diesen Umstand nachte ich die frühe Abfahrtszeit und den Wochentag verantwortlich. An Wochenenden kann man ja bekanntlich mit dem Schönen-Wochenend-Ticket zumal mit mehreren Personen sehr günstig mit Regionalzügen reisen. Ich wunderte mich jedoch, dass sich dieser Zustand in Berlin schlagartig änderte. Auf dem Bahnsteig drängte sich eine große Menschenmenge. Eine Dame aus einer Gruppe reiferer Spanierinnen fragte mich, ob der Platz neben mir noch frei war, was ich bejahte. Auf den beiden Plätzen mir gegenüber hatte sich bereits vor einiger Zeit eine kleinwüchsige, sehr junge Frau, die ich der Kategorie Rucksacktouristen zurechnete, hingelegt. Sie holte dort offensichtlich den versäumten Nachtschlaf nach. Obwohl der Zug inzwischen sehr gut besetzt war, und mehrere Fahrgäste den Wagen durchquerten und nach einem Sitzplatz Ausschau hielten, ließ der die Fahrkarten kontrollierende Zugbegleiter sie erwartungsgemäß gewähren. Die Gruppe der Spanierinnen hätte diesen Sitzplatz bestimmt gern für sich reklamiert, weil eine Unterhaltung durch die gegebene Konstellation erschwert war, ich hatte nämlich den Außenplatz in Fahrtrichtung eingenommen, um mich jederzeit ohne umständliche Maßnahmen von meinem Platz entfernen zu können. Während der Fahrt las ich im Roman “Der Vetter Pons” von Balzac. Dennoch bekam ich einige Passagen der Unterhaltung der Spanierinnen mit,worüber ich mich freute, weil ich eigentlich schon lange mit meinen Spanischkenntnissen unzufrieden bin. Die Fahrt von Berlin nach Dresden nahm mehr als zwei Stunden in Anspruch, obwohl die Entfernung nur 190 km beträgt. Ich war froh den, den Zug nach gut viereinhalb Stunden verlassen zu können. Der Hauptbahnhof Dresden beeindruckte mich sehr. Er soll 1897 erbaut worden sein. In einem kleinen Reiseführer der Helmut Lingen Verlag GmbH&Co KG fand ich hinsichtlich dieses Bahnhofs folgende Notiz : “Schon bei seiner Entstehung im wilhelminischen Deutschland war die imposante Eisenkonstruktion der drei großen Hallenbögen eine kühne Leistung der Bauingenieure. Im Mittelschiff (Spannweite 50 Meter) endeten die Nahverkehrszüge, in den beiden Seitenschiffen (je 30 Meter breit) hielt und hält der Durchgangsverkehr an Hochbahnsteigen“. Der Hauptbahnhof sei nach sechs Jahren intensiver Bautätigkeit wieder weitgehend instand gesetzt und modernisiert worden. Dieses sei bei weiter laufendem Zugverkehr geschehen. Bei dem Hochwasser des Jahres 2002 mit einem Pegelstand von 9,40 Metern sei das Erdgeschoss des Hauptbahnhofs völlig überflutet gewesen. Hier habe der Pegelstand zeitweilig 1,50 Meter betragen. Der durch das Hochwasser verursachte Schaden am Hauptbahnhof sei mit 42 Millionen Euro beziffert worden. Für die Maßnahmen der Instandsetzung und des Umbaus seien bis November 2006 ca. 250 Millionen Euro ausgegeben worden. Hiervon würden auf die Empfangshalle allein 55 Millionen Euro entfallen. Ich las, dass die Umbauarbeiten bis heute noch nicht abgeschlossen sind. Unter anderem sollen noch die Flächen der Nord - und Südhalle ausgebaut werden. Die energetische Sanierung sei hingegen beendet. Für die Umbauten sei der amerikanische Architekt Norman Foster hinzugezogen worden. Nach dessen Entwürfen sei ein neues Membrandach aus äußerst reißfestem Teflon - Gewebe errichtet worden. Dieses Gewebe sei weiß und lasse das Tageslicht je nach Sonnenstand mit unterschiedlichen Effekten durchscheinen. Über den eisernen Hallenbögen würde das zeltartige Dach durch schmale Schlitze den direkten Blick zum Himmel freigeben. Die Kosten für das Membrandach hätten sich auf 85 Millionen Euro belaufen. Die beiden Ecktürme der Hauptfassade seien aus Gründen der Denkmalspflege erneut hinzugefügt worden. In den von mir genutzten Unterlagen wurde auch der Königspavillon erwähnt. Bei diesem handele es sich um ein im Neobarock errichtetes Bauwerk. Der Pavillon habe im Königreich Sachsen zum Empfang von Staatsgästen gedient. Auch im Dritten Reich habe man ihn für repräsentative Zwecke verwendet. Zu DDR - Zeiten wurde in ihm ein Kino betrieben. Diese Nutzung sei erst 2000 aufgehoben worden. Nunmehr soll er voraussichtlich Anlaufpunkt für Reisende des Zentralen Omnibusbahnhofs werden.

Bei meiner Tagesreise nach Dresden war mir nicht bewusst, dass es sich bei dem Hauptbahnhof Dresden offensichtlich um ein Gebäude von besonderer architektonischer Bedeutung handelt. Dieser Bahnhof habe 2007 den “Renault Traffic Future Award” für besondere Verkehrsarchitektur erhalten. 2008 sei das Hallendach mit dem “Brunel Award”, einem Preis für Eisenbahndesign ausgezeichnet worden.

01.10.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (5)

Im Sommer 2008 suchte ich erneut Rostock auf. Die Fahrt fand mit der Deutschen Bahn AG statt. Ziel meines Ausflugs war die Kunsthalle Rostock. Dort wurden Werke aus einer expressionistischen Sammlung gezeigt. Es handelte sich hierbei um Graphiken. Wenn die Ausstellung auch relativ klein war, so gefiel sie mir dennoch. Soweit ich mich entsinne, wurden in anderen Räumlichkeiten des Hauses großformatige Skulpturen aus der Jetztzeit gezeigt. Die Kunsthalle liegt etwas außerhalb. Vom Hauptbahnhof Rostock fuhr ich mit der S- Bahn zur Kunsthalle Rostock. Ich stieg an der Haltestelle Bramow aus und hatte noch einen für mich kleinen Fußweg zurückzulegen. Hierbei musste ich die Hamburger Straße überqueren. Ich stellte fest, dass in diesem Bezirk auch die Straßenbahn verkehrte. Ich erinnere mich, dass auch in Hamburg noch bis zum Jahr 1978 Straßenbahnen fuhren, und ich dieses Verkehrsmittel gern benutzt hatte. Obwohl Straßenbahnen heute für mich etwas Besonderes darstellen, nahm ich dennoch nicht die Gelegenheit wahr, mich von einer solchen Bahn befördern zu lassen. Auch für die Rückfahrt von der Kunsthalle wählte ich wiederum die S - Bahn. Bei der Kunsthalle handelt es sich um einen Zweckbau aus DDR - Zeiten von eher bescheidenen Ausmaßen, der 1969 errichtet worden sein soll. Sie wird umsäumt von einer Grünanlage mit ausgedehnten Rasenflächen, die den Namen Schwanenteichpark trägt. In ihrer unmittelbaren Nähe befindet sich das Gewässer, nach dem der besagte Park benannt wurde. Bei meinem Besuch im Juli 2008 wurde die Kunsthalle nur schwach frequentiert. Eintritt wurde nicht erhoben. Es konnte aber gespendet werden, was ich dann auch tat. Nach meinen Recherchen ist auch heute noch der Eintritt frei. Dieses gilt nach neueren Informationen jedoch nicht für Sonderausstellungen. Für diese Veranstaltungen wird jedoch im Verhältnis zu Hamburg und anderen Großstädten in den Alten Bundesländern ein bescheidener Eintrittspreis verlangt. Websites geben darüber Aufschluss, dass die Kunsthalle Rostock inzwischen renoviert wurde. Dieses geschah offensichtlich mit einem großen Aufwand, denn es ist von Entkernungen die Rede. Erfreulich ist, dass das Cafè weiterhin besteht. Dieses habe ich bei meinem ersten Besuch der Kunsthalle aufgesucht und dort gegessen. Das Preisniveau war nach für Hamburg gültigen Maßstäben günstig. Das Essen sagte mir durchaus zu.

Ebenfalls im Sommer 2008 unternahm ich vier Wochen später eine weitere Tagesreise mit der Deutschen Bahn AG nach Rostock. Dieses Mal besuchte ich nicht nur die Kunsthalle, sondern auch das Kulturhistorische Museum. In der Kunsthalle wurden Bilder von Roy Liechtenstein aus seinem Spätwerk gezeigt. Bilder aus dieser Epoche des Künstlers waren mir nicht geläufig, wenn ich auch nicht ausschließen kann, dass ich diese zuvor bereits irgendwo gesehen hatte. Es waren vor allem großformatige Gemälde, die besonders aus einiger Entfernung wirkten. Es war wiederum eine verhältnismäßig kleine Ausstellung. Ich machte mehrere Rundgänge durch die Ausstellungsräume und verharrte jeweils lange vor den einzelnen Kunstwerken. Die Ausstellung gefiel mir. Ich nahm dieses Mal davon Abstand, das von mir geschätzte Café zu betreten. Aus Dankbarkeit für das Kunsterlebnis hinterließ ich in diesem Haus wiederum eine Spende. Nun galt es, die zweite Kulturstätte aufzusuchen. Hierzu fuhr ich zunächst mit der S - Bahn zum Hauptbahnhof Rostock. Von hier aus wollte ich das Kulturhistorische Museum zu Fuß erreichen. Ich hatte mir bereits vor meiner ersten Tagesreise nach Rostock einen Stadtplan besorgt, den ich ausgiebig studiert hatte. Ich fand mich daher im Zentrum gut zurecht. Ansteuern musste ich den Klosterhof. Hierzu ging ich die Hermannstraße hoch und fand dann sofort die Straße Klosterhof. Mit hohen Erwartungen betrat ich das Museum, musste jedoch feststellen, dass wegen Renovierungsarbeiten nur ein kleiner Teil des Museums für Besucher zugänglich war. Ich hatte von der umfangreichen Sammlung niederländischer Malerei gehört. Diese Sammlung wurde jedoch nicht gezeigt. Meine Enttäuschung war daher groß. Auf der Website des Museums ist zu den erwähnten Kunstwerken zu lesen: “Herausragend ist die Sammlung des Kulturhistorischen Museums Rostock zur niederländischen Kunst des 16. bis 19. Jahrhunderts. Sie gehört nicht nur zu den wichtigsten Norddeutschlands, sondern ist einmalig im Nordosten. Die umfangreichen Gemäldebestände mit Namen wie Jan Breughel, Rachel Ruysch oder Wilhelm Kalff ergänzt eine große Sammlung von Grafiken, in der unter anderem auch Rembrandt und van Dyck vertreten sind“. Generell heißt es auf der Website zu den im Haus verwahrten Werken der bildenden Kunst: “Die Kunstsammlung umfasst ungefähr 1.600 Gemälde, 12.000 Grafiken sowie Plastiken vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Neben dem Staatlichen Museum Schwerin, dem Pommerschen Landesmuseum und der Neubrandenburger Kunstsammlung zählt sie zu den größten und bedeutendsten des Landes Mecklenburg - Vorpommern“. Auf der besagten Website stellt sich das Institut übrigens wie folgt vor: “Das Kulturhistorische Museum Rostock ist als eine der umfangreichsten Sammlungen Mecklenburg - Vorpommerns eines der wichtigsten Zentren für die Dokumentation bürgerlicher Kulturgeschichte im Land. Das 1859 gegründete Museum zählt nicht nur zu den ältesten Museen Norddeutschlands, sondern beherbergt mit seinen reichen Kultur - und kunstgeschichtlichen Beständen von Malerei über Grafik bis zum Kunsthandwerk, Münzen, Möbeln, Militaria, Alltagskultur und Archäologie zugleich eine der bedeutendsten Sammlungen des Bundeslandes. Einmalig sind die reichen Kollektionen zur Geschichte und Kultur Rostocks vom Mittelalter bis zur Neuzeit“.

Nach mehr als vier Jahren ist meine Erinnerung an die einzelnen Exponate verblasst. Besonders erinnere ich mich an Gemälde der Klassischen Moderne und anderer Richtungen der so genannten Modernen Malerei, die ich intensiv betrachtete. Außerdem entsinne ich mich an Möbel aus unterschiedlichen Epochen. Wenn auch meine hohen Erwartungen wegen der Schließung wichtiger Bereiche nicht erfüllt worden sind, hinterließ ich dennoch eine Spende. Nach Verlassen des Museums flanierte ich noch durch die Altstadt und stellte fest, dass sich hier extrem viele junge Menschen aufhielten. Dieses hängt wohl mit den in Rostock ansässigen Hochschulen zusammen. Aus Beiträgen des Radiosenders NDR Kultur hatte ich vernommen, dass sich die nach der Wende gegründete Musikhochschule offensichtlich einer großen Beliebtheit erfreut und auch von vielen Studierenden aus Osteuropa besucht wird. Wegen mangelnder Perspektiven sollen aber viele junge Menschen, die aus Rostock stammen, die Stadt verlassen haben, um in den Alten Bundesländern einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

24.09.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (4)

Eine weitere Stadt in den Neuen Bundesländern, in der ich mich wiederholt aufgehalten habe, ist Rostock. Mein erster Aufenthalt in dieser Stadt fand im Jahr 1993 anlässlich eines Betriebsausflugs zur Internationalen Gartenbauausstellung statt, an dem ich mich angeschlossen hatte. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich im Rahmen der Altersteilzeit mit Blockzeitbildung gerade noch in der Freistellungsphase. Dieser Ausflug wurde mit einem Bus durchgeführt. Nach meinem Empfinden zog sich die Busfahrt hin. Obwohl ich aufmerksam aus dem Fenster sah, kann ich heute die Fahrtroute nicht mehr beschreiben. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, bei Fahrten durch die Neuen Bundesländer die Landschaft eingehend zu betrachten, weil ich möglichst viel über diese mir immer noch fremde Region erfahren möchte. Bei Fahrten durch Mecklenburg - Vorpommern kommt mir dieses Bundesland stets als relativ dünn besiedelt vor. Meine Wahrnehmung wird durch die medial verbreiteten Daten bestätigt. Der Sommer des Jahres 2003 war extrem heiß und trocken. Just an jenem Ausflugstag kam es jedoch zu einem Wetterumschwung mit ergiebigen Regenfällen. Nach meiner Erinnerung bekam ich an jenem Tag von der Innenstadt Rostocks wenig mit. Ich meine mich entsinnen zu können, dass die Busfahrt auf Rostocker Stadtterrain weitgehend durch Randgebiete führte. Das Ausstellungsgelände der IGA lag wohl etwas außerhalb. Da es mehrere große Ausstellungshallen gab, die üppig mit Pflanzen bestückt waren, konnte ich Zeiten mit starken Niederschlägen durch den Aufenthalt in diesen Räumlichkeiten überbrücken. Es war jedoch auch zwischenzeitlich möglich, sich im Freien aufzuhalten. Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für Pflanzen und gärtnerische Anlagen. Ich habe stets gern in Gärten gearbeitet. Gartenbauausstellungen finden daher in der Regel auch mein Wohlgefallen. So gefiel mir auch die IGA in Rostock. Architektonisch waren mir auf der Zufahrt zum Ausstellungsgelände zahlreiche Plattenbauten aufgefallen, die aus meiner Sicht nicht gerade zu den Glanzlichtern der Baukunst gehören. Der besagte Ausflug hatte als zweite Station Warnemünde zum Ziel. Dort wurde auch in einem Restaurant ein Essen eingenommen. Ich stellte fest, dass man auch hier inzwischen gastronomische Standards erreicht hatte, die gegenüber denen in den Alten Bundesländern keineswegs zurückstanden. Die Speisen, Getränke und den Service empfand ich als ausgezeichnet. Vor dem Restaurantbesuch war eine Besichtigungsfahrt auf dem Breitling genannten Mündungsgebiet der Warne mit einem stattlichen Ausflugsschiff vorgesehen. Fahrten dieser Art schätze ich besonders. Eine Rundfahrt durch den Hamburger Hafen hatte ich zuvor 1999 anlässlich einer betrieblichen Gemeinschaftsveranstaltung erlebt. Wie auch bei Rundfahrten im Hamburger Hafen, wurden auch in Warnemünde von einem hierzu abgestellten Bediensteten des Schifffahrtsunternehmens ausführliche Erläuterungen gegeben. Hiervon hat sich allerdings nicht viel in mein Gedächtnis eingeprägt. Der Breitling erschien mir recht ausgedehnt zu sein. Die Fahrt führte auch an Werftanlagen vorbei, in die nach meiner Erinnerung mit Zustimmung der Europäischen Union bereits reichlich Subventionen geflossen waren. Nach meiner Kenntnis hatten die Werftbetriebe für die Region Rostock eine immense Bedeutung. Auch passierten wir einige Seeschiffe verschiedener Kategorien, die jedoch gegenüber den damals bereits den Hamburger Hafen anlaufenden Containerschiffen bescheidenere Ausmaße hatten. Die Kreuzschiffahrt war meines Wissens 2003 im Ostseegebiet noch nicht entfernt so umfangreich und bedeutend für diese Küstenregion wie heute. Einen kleinen Eindruck von Warnemünde gewann ich schon auf einem Fußmarsch durch diesen Vorort Rostocks zum Landungssteg des Ausflugsschiffs. Das Stadtbild mit renovierten Gebäuden aus der Vorkriegszeit sagte mir durchaus zu. Nach der auf Warne und Breitling wollte ich meine Eindrücke von den städtebaulichen Gegebenheiten Warnemündes noch vertiefen. Hieran hinderten mich jedoch äußerst starke Regenfälle. Ich konnte nur noch mit einer Kollegin eine Kirche besichtigen.

17.09.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (3)

Obwohl der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland nahezu zweiundzwanzig Jahre zurückliegt, habe ich das Gebiet der Neuen Bundesländer für einen so langen Zeitraum doch relativ selten betreten. Schwerin ist in der Tat der Ort, an dem ich mich noch am häufigsten aufhielt. Ich las, dass es sich bei Schwerin um die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands handelt. Diese Stadt soll weniger als 100.000 Einwohner haben und zählt somit nicht einmal zu den Großstädten. Was ich von Schwerin sah, machte auf mich einen angenehmen Eindruck. Zuletzt habe ich mich im Sommer 2008 kurz in Schwerin aufgehalten. An dem bewussten Tag stattete ich Berlin einen Besuch ab, um dort die Gemäldegalerie aufzusuchen. Die Hinfahrt legte ich mit Regionalzügen in der 1. Klasse zurück, um mehr von der Landschaft zu sehen. Von Hamburg aus wird jedoch die Hauptstrecke nach Berlin nicht durchgehend von Regionalzügen bedient. Ich stieg daher zunächst in die Regionalbahn nach Rostock. Diesen Zug verließ ich in Schwerin, um mit der von Wismar Luckenwalde in Brandenburg ansteuernden Regionalbahn, die auch in Bahnhöfen Berlins hält, weiterzufahren. Einen direkten Anschluss gab es nicht. Vielmehr hatte ich in Schwerin einen Aufenthalt von über einer halben Stunde. Diesen Aufenthalt nutzte ich für einen morgendlichen Marsch durch die Stadt. Zu dieser frühen Stunde konnte ich noch keine rege Betriebsamkeit in den von mir durchschrittenen Straßen feststellen. Ich bemerkte jedoch, dass man gegenüber meinem vorigen Aufenthalt vor zehn Jahren gut mit den Renovierungsarbeiten vorangekommen war. Der triste Anblick der frühen Nachwendezeit war verschwunden. Ich stellte fest, dass hier in Infrastruktur und Gebäude investiert worden war. Über allzu viele markante Gebäude verfügt Schwerin offensichtlich nicht. Entsprechende Websites weisen auf ein aus dem Jahr 1698 stammendes Fachwerkhaus in der Altstadt hin. Mir war dieses Gebäude bei meinen Gängen durch Schwerin nicht aufgefallen. Vielleicht bin ich achtlos daran vorbeigegangen. Des weiteren wird auf ein denkmalgeschütztes Hauptpostamt aufmerksam gemacht. Als besonderes Gebäude wird auch der Schweriner Marstall vorgestellt. In ihm soll die Staatskanzlei ihren Sitz haben. Ferner wird das Arsenal am Pfaffenteich in den Blickpunkt gerückt. Dieses soll das Innenministerium des Landes Mecklenburg - Vorpommern beherbergen. An all diese Gebäude habe ich keine Erinnerung. Dieses gilt jedoch nicht für das Schweriner Schloss, dem Stolz der Stadt und des Landes Mecklenburg - Vorpommern. Seitens des Landes soll man sogar schon bei den entsprechenden bundesrepublikanischen Stellen vorstellig geworden sein, damit für das Schloss der Status als Unesco Welterbe beantragt wird. Das Schloss soll übrigens dem Romantischen Historizismus zuzurechnen sein. Ich muss bekennen, dass mir eine solche Stilrichtung bisher unbekannt war. Ich las von der bewegten Vergangenheit dieses Schlosses. Seine jetzige Gestaltung soll es im 19. Jahrhundert erfahren haben. Etliche Architekten sollen hieran mitgewirkt haben. Es werden genannt: Georg Adolf Demmler, Gottfried Semper, Friedrich August Stuler und Ernst Friedrich Zwirner. Von diesen Baumeistern war mir bisher nur Gottfried Semper durch sein Wirken in Dresden bekannt. Beeindruckt hat mich, was über Georg Adolf Demmler veröffentlicht wurde. Dieser Herr sei sehr um das Wohl der ihm unterstellten Arbeiter besorgt gewesen. So habe er sich für Maßnahmen der Krankenfürsorge und Unfallfürsorge für diesen Personenkreis eingesetzt. Ferner habe er für Lohnerhöhungen der Arbeiter gesorgt. Politisch habe Demmler den Sozialdemokraten nahe gestanden und deren Ziele unterstützt. Er sei unabhängiger Abgeordneter des Reichstags gewesen. Sein politisches Engagement habe den Unwillen der herrschenden Klasse erregt. Er sei von seiner Funktion als verantwortlicher Architekt für den Umbau des Schlosses abgelöst worden. Aufträge staatlicher Institutionen habe er nicht mehr erhalten. Bei dem Umbau des Schweriner Schlosses hätten französische Schlösser als Vorbild gedient. Zahlreiche Details seien vom Schloss Chambord übernommen worden. Im Jahr 1913 habe ein verheerender Brand große Zerstörungen angerichtet. Zu DDR - Zeiten sei das Schloss für unterschiedliche Zwecke genutzt worden. Von 1952 bis 1981 sei in ihm eine Pädagogische Schule zur Ausbildung von Erzieherinnen für Kindergärten betrieben worden. Bis 1993 sei im Burgseeflügel des Schlosses ein Museum für Ur - und Frühgeschichte eingerichtet gewesen. Von 1961 bis 1994 sei in der Orangerieanlage ein Polytechnisches Museum installiert gewesen. Im Herbst 1990 hat das Schloss eine völlig neue Bestimmung erhalten. Es ist seither Sitz des Landtags von Mecklenburg - Vorpommern.

20.09.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (2)

In den späten neunziger Jahren des 20.Jahrhunderts beschloss ich, mein Programm, Kunstausstellungen in benachbarten Städten zu besuchen, zu erweitern. Bisher bezog sich dieses Programm weitgehend auf die Städte Braunschweig, Bremen, Hannover, Kiel und Lübeck. Da Schwerin von Hamburg aus ohne großen zeitlichen und finanziellen Aufwand zu erreichen ist, war seinerzeit für mich der Besuch von Ausstellungen im dortigen Staatlichen Museum naheliegend. Dieses Haus beherbergt unter der Bezeichnung Staatsgalerie wesentliche Bestandteile der Sammlungen des Landes Mecklenburg - Vorpommern. Ich machte mich darüber kundig, dass der Großherzog Christian Ludwig II, der von 1683 bis 1756 lebte, ein begeisterter Kunstfreund war, der sich mit großem Elan dem Sammeln von Kunstwerken widmete. Sein besonderes Interesse galt offensichtlich der niederländischen und flämischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts. Ich hatte in etlichen Museen Europas schon viele Bilder dieser Art gesehen, war jedoch überrascht über den Umfang und die Qualität der Schweriner Sammlung. In dieser Sammlung sind auch Rembrandt, Frans Hals und Rubens vertreten. Von den Werken aus anderen Epochen sind mir Bilder von Caspar David Friedrich und ein Gemälde von Thomas Gainsborough, das eine Dame aus dem mecklenburgischen Hochadel darstellt, in Erinnerung geblieben. Ich kann mich an zwei Ausstellungen des Staatlichen Museums Schwerin erinnern. Die eine Ausstellung war Carl Hofer gewidmet, in der anderen Ausstellung wurden Werke Pablo Picassos gezeigt. Die Ausstellungen waren jeweils auf relativ wenige Exponate beschränkt. Dieses mindert sie aus meiner Sicht jedoch keineswegs herab, schätze ich es jedoch, mich bei Ausstellungen mit wenigen Werken intensiv zu beschäftigen. Für beide Ausstellungen gab es gut ausgestattete Kataloge, die ich dann auch erwarb. Ausstellungen mit Werken Picassos hatte ich schon in mehreren Städten recht zahlreich gesehen, hatte aber zuvor noch keine Ausstellung besucht, bei der ausschließlich Produkte Carl Hofers gezeigt wurden. Ich freute mich daher, im nahen Schwerin die Gelegenheit erhalten zu haben, Carl Hofers Bilder im Rahmen eines Ausstellungskonzepts im Zusammenhang zu betrachten.

Das Gebäude des Staatlichen Museums Schwerin erkannte ich als ein Werk des Klassizismus. Wenn auch Gebäude aus dieser Zeit nach meinem Empfinden sich nicht gerade durch Originalität auszeichnen, so erregen sie dennoch nicht mein Missfallen. Ich respektiere sie als Zeugnisse einer bestimmten Epoche. Bei meinen Besuchen dieses Hauses im Jahr 1998 war die Fassade noch schmutzig dunkelgrau. Auf Abbildungen im Internet sah ich, dass der schmutzige Grauton mittlerweile verschwunden ist. Die Fassade zeichnet sich nunmehr durch einen hellen Farbton aus. Die betreffende Abbildung gibt außerdem darüber Aufschluss, dass zum Zeitpunkt ihres Entstehens weitere Renovierungsarbeiten am Gebäude des Staatlichen Museums durchgeführt wurden. So wurde zum Beispiel an dem mir als pompös erscheinenden Eingangsportal gearbeitet. Bei meinen Besuchen im Jahr 1998 machte das Haus sowohl außen auch als in einigen inneren Bereichen auf mich einen tristen Eindruck. Dieses bezieht sich nicht auf die Schauräume. Diese Räumlichkeiten unterschieden sich hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes nicht wesentlich von Sälen und Kabinetten in Museen der Alten Bundesländer. Ich nehme an, dass jetzt alles im neuen Glanz erstrahlt. Ich habe mir weitere Besuche dieses Hauses vorgenommen. Bei meinen Besuchen im Jahr 1998 fielen mir die niedrigen Eintrittspreise auf. Außerdem habe ich noch in Erinnerung, dass ein junger Mann aus den Reihen des Museumspersonals mich aufforderte, meine Lederjacke an der Garderobe abzugeben. Ich sagte ihm jedoch, dass ich dieses Kleidungsstück anbehalten wollte. Er bestand hierauf jedoch nicht weiter auf seinem Ansinnen. Ich wertete das Verhalten des jungen Mannes damals als Ausdruck einer obrigkeitsstaatlichen Gesinnung. Aus meiner heutigen Sicht mag diese Einschätzung falsch gewesen sein.

Das Staatliche Museum Schwerin liegt übrigens neben dem Staatstheater als Bestandteil einer historischen Platzanlage. Ich las, dass es 1882 im Auftrag von Großherzog Friedrich Franz II von Mecklenburg - Schwerin errichtet wurde. Entworfen habe es der im mecklenburgischen Staatsdienst stehende Architekt Willebrand. Hervorgehoben wird auf Websites im Internet das markante Eingangsportal mit ionischen Säulen und einer großen Treppe.

03.09.2012

Eindrücke in den Neuen Bundesländern (1)

Vor einiger Zeit las ich in einem Zeitungsartikel, dass ein beträchtlicher Anteil der Bewohner der Alten Bundesländer noch nie in den Neuen Bundesländern war. Von dieser Mitteilung fühlte auch ich mich irgendwie ertappt. Auch ich hatte nach dem Fall der Mauer zunächst keine Initiative entwickelt, um mich auf das Gebiet der DDR beziehungsweise nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland auf das Territoriun der Neuen Bundesländer zu begeben. Dieses lag nicht an einer Interesselosigkeit meinerseits. Es lag wohl daran, dass ich in dieser Zeit anderweitig beschäftigt war und mich nicht gern Unbequemlichkeiten aussetzen wollte, die ich bei einem Besuch dieser Region erwartete. Meine Neugier beschränkte sich daher auf die Erzählungen von Personen, die schon dort waren, und auf Berichte der Medien. Die Neuen Bundesländer betrat ich erst im Sommer 1992 anlässlich eines Betriebsausflugs meiner Verwaltung. Dieser Ausflug führte zunächst nach Schwerin. Dort wurde das Schloss besichtigt. Veranstaltungen dieser Art gefallen mir, zumal die Führung sachkundig war. Sodann fand noch auf dem dortigen See eine Fahrt mit einem Ausflugsschiff statt. Fahrten mit Schiffen jeder Art sagten mir von jeher besonders zu. Mich störte keineswegs, dass der Service des gastronomischen Personals weit entfernt von westlichen Standards war. Ich fand die Begegnung mit ehemaligen DDR - Bürgern sehr interessant. In den Jahrzehnten vor der Wende waren mir nur wenige Menschen dieser Art begegnet. Jener Betriebsausflug fand übrigens mit einem Bus statt. Von Schwerin ging es dann über Wismar weiter ins Ostseebad Boltenhagen. Bei der Fahrt durch Wismar fielen mir die vielen grauen Häuserfassaden auf. Wie auf der bisherigen Fahrt über Land, nahm ich auch hier deutliche Unterschiede gegenüber den vertrauten Bildern von ländlichen Gebieten in den Alten Bundesländern wahr. Der dort dominierende Überfluss war hier nur vereinzelt festzustellen. Vieles wirkte bescheiden, manches aber auch schäbig und heruntergekommen. Die Einrichtungen des Ostseebades Boltenhagen kamen mir schlicht vor,

einiges erinnerte mich gar an die frühe Nachkriegszeit. Ich fühlte mich in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Die ganze Atmosphäre war mir nicht unsympathisch. Ich fühlte mich hier durchaus wohl. In einem nicht gar so vollen gastronomischen Betrieb der einfacheren Kategorie, den ich mit einigen Kollegen aufgesucht hatte, kam es dann doch noch zu einem Zwischenfall. Ein in Berlin tätiger Mitarbeiter der Verwaltung berichtete über gewisse Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen und Institutionen der Neuen Bundesländer. Der Bericht war durchaus sachlich und in keiner Weise herabwürdigend. Dennoch missfiel er einem im Lokal befindlichen Gast, bei dem es sich offensichtlich um einen ehemaligen DDR - Bürger handelte. Dieser mischte sich sehr emotional und lautstark ein. Den Inhalt der Tirade dieses Mitmenschen habe ich vergessen. Ich hatte gehört, dass manche Bürger der Neuen Bundesländer sehr empfindlich auf Äußerungen von “Westlern” über Zustände im “Beitrittsgebiet” reagieren, war jedoch von der Heftigkeit der Reaktion dieser Person überrascht. Dieser Vorfall trübte schon für mich die Stimmung ein wenig, und auch den Kollegen war eine gewisse Betroffenheit anzumerken.

09.07.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (37)

In der von mir in anderen Beiträgen zum Thema Altonaer Museum wiederholt erwähnten Publikation dieses Instituts aus dem Jahr 1989 wird auch eine Beziehung des Schriftstellers und Kunstsammlers Lothar Günther Buchheim zum Altonaer Museum herausgestellt. Dieser nach meiner Kenntnis dem Kulturleben eng verbundene Bürger soll sich über ein ihm vorschwebendes Museum in der Weise geäußert haben, dass er “alles viel lebendiger, pulsierender, attraktiver - als Augenfest, als Feuerwerk, als sinnliche Entfaltung” sähe. Diese Forderungen sollen mit der ausdrücklichen Erwähnung des Altonaer Museums als positivem Beispiel verbunden gewesen sein. Der Autor der betreffenden Passage in jenem Werk vertrat die Auffassung, man sollte diese Forderungen ernst nehmen. Der Besucher werde vom Museum zunächst durch die sinnliche Wahrnehmung fasziniert und erst anschließend durch die historische Interpretation. Hierdurch könne er unter Umständen sodann durch Belehrung befriedigt werden. Das bedeute allerdings auch die Notwendigkeit, auf Sehgewohnheiten des Publikums Rücksicht zu nehmen und Museum zu inszenieren. Das bedeute ebenso, Museum nicht nur dem Schulunterricht inklusive Erwachsenenbildung zuzuordnen, sondern auch der Freizeit. Das Altonaer Museum müsse ein Ort werden, von dem man sich angezogen fühle, in dem man sich gern aufhalte. Der Besuch müsse Vergnügen bereiten, sei es intellektuelles, ästhetisches oder emotionales Vergnügen. In der besagten Schrift werden Überlegungen darüber angestellt, wie “eine maximale Wirksamkeit des Museums zu erreichen ist“. Hierzu sei es nicht allein erforderlich, die ständigen Sammlungen durch Führungen, audiovisuelle Mittel, Leseangebote und Sonderausstellungen zu begleiten und aktualisieren. Vielmehr müssten auch andere Möglichkeiten genutzt werden. In diesem Zusammenhang wurden Vorträge, Filmvorführungen, Handwerksdemonstrationen, Konzerte, Theater oder Angebote zu eigener handwerklicher Betätigung genannt. Als Voraussetzung für ein so weit gefächertes Angebot wurde zunächst ein ausreichend großes Raumangebot angeführt. Sodann wurde auch als Bedingung hierfür eine hinreichend große finanzielle und personelle Ausstattung für erforderlich gehalten.

Nach meiner Kenntnis konnten dieses weitgehende Konzept zu keiner Zeit im Altonaer Museum realisiert werden, weil es stets an den hierzu erforderlichen finanziellen Mitteln fehlte. Aber immerhin sind die Museen inzwischen fester Bestandteil der Eventkultur geworden. Zu diesem Punkt ist nach meiner Einschätzung in erster Linie “Die lange Nacht der Museen” zu nennen. Dieses Ereignis fand am 28. April 2012 zum zwölften Mal statt. Das Altonaer Museum war wiederum an dieser Veranstaltung beteiligt. Kulinarisches wurde bis 24 Uhr in der “Vierländer Kate” geboten. Außerdem war an anderer Stelle des Hauses noch eine Cocktail - Bar eingerichtet worden. Außer den damals laufenden Ausstellungen wurde noch ein Programm mit mehreren Darbietungen veranstaltet, wobei mehrere Nummern dem Bereich Schauspiel im weiteren Sinne zuzurechnen waren. Ich las, dass es hierbei auch um Seemannsgarn ging. Auf einem im Internet veröffentlichten Beitrag des Hamburger Abendblatts wurde das Altonaer Museum mit seinem Programm jedoch nicht lobend erwähnt. Zur langen Nacht der Museen in Hamburg kommen immerhin 30.000 Besucher. Der Kartenpreis für diese Veranstaltung ist mit 12 EUR aus meiner Sicht nicht überhöht, zumal mit der Eintrittskarte auch die Bahnen und Busse des Verkehrsverbundes unentgeltlich benutzt werden konnten. Es beteiligten sich insgesamt 50 Einrichtungen an diesem Spektakel. Den Charakter eines Events dürften mittlerweile auch etliche Kunstausstellungen haben, die sich eines erstaunlich großen Zulaufs erfreuen. Eine Ausstellung dieser Art fand meines Wissens in den letzten Jahren im Altonaer Museum nicht statt.

Den oben erwähnten Lothar - Günther Buchheim habe ich vor allem als Kunstsammler geschätzt. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts habe ich mehrere Ausstellungen gesehen, die mit seinen Bildern bestückt waren. Buchheim ist ja bekanntlich als Sammler der Werke des deuschen Expressionismus hervorgetreten, wobei die Produktionen der Maler der Künstlergemeinschaft “Die Brücke“ überwiegen. Es hatte sich mir jedoch nicht eingeprägt, dass Buchheim sich besonders in jungen Jahren als Maler und Zeichner betätigt hat, wober er offensichtlich den konventionellen Stil gepflegt hat, weil seine Erzeugnisse im “Dritten Reich” ausgestellt wurden. Nach dem Krieg war er als Unternehmer erfolgreich. Bereits 1951 gründete er in Frankfurt einen Kunstbuchverlag. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er durch den Film “Das Boot” bekannt, dem ein Stoff von Buchheim zugrunde liegt. Von ihm erschien 1973 ein Roman mit demselben Titel. Den Film habe ich im Fernsehen gesehen. Den Roman habe ich ebenso wenig wie ein weiteres Werk dieses Autors mit dem Titel “Die Festung” gelesen. Ich kann mich noch entsinnen, dass über einen langen Zeitraum nach dauernden Ausstellungsräumen für Buchheims Sammlung gesucht wurde. Zunächst war das Lehmbruck - Museum in Duisburg als Standort ausersehen worden. Die Verhandlungen mit der Stadt Duisburg scheiterten jedoch ebenso wie mit etlichen anderen Städten und Museen. Nach meiner Erinnerung war sogar einmal Hamburg im Gespräch. Dann hatte Buchheim seine späte Wahlheimat Bayern im Visier. Ein Museum sollte auf dem Gelände der Villa Maffei in Feldafing entstehen. Diese Pläne wurden jedoch durch einen Bürgerentscheid vereitelt. Schließlich konnte das “Museum der Phantasie” genannte Kunsthaus am 23.05.2001 in Bernried am Starnberger See eröffnet werden. Entworfen wurde es vom Architekten Günther Behnisch, nach dessen Plänen unter anderem das Münchener Olympiastadion gebaut wurde. Das Museum soll eine Fläche von 4000 Quadratmetern haben und einem Schiff nachempfunden sein. Außer der Expressionistensammlung werden auch das malerische und zeichnerische Werk Buchheims sowie dessen Sammlungen in Sachen Volkskunde und Völkerkunde verwahrt und ausgestellt. Hinsichtlich des Konzepts des 2007 verstorbenen Buchheim fand ich auf der Website des “Museums der Phantasie” folgende Passage: “Ich will Zusammenhänge und Zusammenklänge nicht etwa mit den üblichen verquasten Reden, sondern direkt deutlich machen. Ich dachte eben weniger an steißtrommlerische Systematik als an Feste fürs Auge. Die Museumsbesucher wieder aktiv sehen lehren, ihnen Seherlebnisse verschaffen - darauf soll es mir mehr ankommen als auf Belehrung.

02.07.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen

In der Publikation des Altonaer Museums aus dem Jahr 1989 nimmt der betreffende Autor ausführlich Stellung zu den Aufgaben des Museums. Seine Ausführungen beginnen mit folgendem Satz: “Das Altonaer Museum versteht sich als kulturgeschichtliches Museum”. Bei dieser Zuordnung erscheint es als unumgänglich, dass sich der Autor mit dem Kulturbegriff auseinandersetzt. Er bezieht sich auf die Definition des Begriffs Kultur in Band 6 des “Großen Brockhaus” von 1955. Diese Definition findet sein Wohlgefallen. Danach sei Kultur die “Summe der Bestrebungen einer Gemeinschaft, die Grundbedürfnisse der menschlichen Natur nach Nahrung, Kleidung, Obdach, Schutz, Fürsorge und Zusammenhalt unter Meisterung der natürlichen Umwelt zu befriedigen und untereinander auszugleichen”. Es wird ausgeführt, dass die Ausstellungsobjekte die so genannten Kulturgüter sind. Diese seien Hilfsmittel zu diesen (Kultur) - Leistungen und ihr objektiver Ertrag in den Techniken der Nahrungsgewinnung, der gewerblichen Arbeit, der Behausung, des Transports und Verkehrs, in Geräten, Zeichen, Wissenselementen, sittlichen, religiösen und politischen Ordnungen und Institutionen. Ausstellungsziel aber sei letztlich die Geschichte von Lebensformen und Lebenserfahrungen. Nach dem Verständnis des Autors der besagten Schrift von Kulturgeschichte umfasst diese die politische Historie, die Wirtschafts - und Sozialgeschichte sowie Technik - und Kunstgeschichte unter Berücksichtigung der naturräumlichen Voraussetzungen. Aufgabe des Altonaer Museums sei es, Kulturgeschichte Norddeutschlands in dem oben beschriebenen Gebiet darzustellen. Diese Aufgabe bestehe nicht allein darin, räumliche Differenzierung darzustellen und zu deuten bzw. regionalgebundene Phänomene regionalübergreifenden Phänomenen gegenüberzustellen, sondern es sei insbesondere zu verdeutlichen, dass es historische Schichtungen gäbe. Die Vermittlung historischer Prozesse sei bisher in den Ausstellungen des Museums zu kurz gekommen. Beispielsweise müsse der Besucher erfahren, dass es im volkskundlichen Bereich nicht allein eine Gliederung vorindustriell/industriell gäbe. Vielmehr seien die Verhältnisse, die bis zu Beginn der Industriealisierung bestanden hätten, unter zum Teil gravierendsten Veränderungen ebenso historisch gewachsen, wie sich eine historische Entwicklung in der industriellen Phase angeschlossen habe. Nach Auffassung des Autors der Publikation aus dem Jahr 1989 vollzieht sich Kulturgeschichte nicht deterministisch, sondern werde in hohem Maße durch wechselvolles, durchweg politisches Handeln geprägt. Er postuliert, dass museale kulturgeschichtliche Darstellung versuchen sollte, dieses zu verdeutlichen. Die Sammlungen des Altonaer Museums eigneten sich vorzüglich aufzuzeigen, welchen gravierenden Einfluss neben naturräumlichen und gegebenenfalls auch ethnischen Gegebenheiten wechselnde administrative beziehungsweise politische Grenzen gehabt hätten. Außerdem könnten die Sammlungen verdeutlichen, welche große Bedeutung politischen Verträgen, Wirtschaftskonjunkturen und Erfindungen auf technischem, chemischen und künstlerischem Sektor zukommen würde.

Die regionale Beschränkung habe den Vorteil, dass der Besucher die Landschaft, auf die sich die Ausstellung beziehe, durchweg wenigstens in groben Zügen kenne. Historische Phänomene brauchten daher nicht zu stark generalisiert zu werden. Das große Regionalmuseum habe die Chance aufzuzeigen, wie stark naturräumliche oder menschlich -politische Phänomene großräumige Entwicklungen abwandeln können, ohne dabei auf deren Darstellung verzichten zu müssen.

25.06.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (35)

In einer Publikation des Altonaer Museums aus dem Jahr 1989 werden noch aus meiner heutigen Sicht sehr anspruchsvolle Ziele verfolgt. Nach den Darlegungen in dieser Schrift waren schon damals die personelle und finanzielle Ausstattung des Hauses unzureichend. Soweit ich mich entsinnen kann, stand im Jahr 1989 die Kulturpolitik der Freien und Hansestadt Hamburg noch nicht unter den extremen Sparzwängen der Jetztzeit. Meines Wissens wurde in jener Zeit für die Kultureinrichtungen Hamburgs im Verhältnis zum Gesamthaushalt noch ein beachtlicher Betrag zur Verfügung gestellt. Priorität hatten schon damals nach meiner Kenntnis die Einrichtungen auf dem Gebiet der Musik. Hier wurde besonders die Staatsoper mit üppigen Mitteln bedacht. Zu jener Zeit wurde jedenfalls von keinem in der Verantwortung stehenden Politiker zur Einsparung von Haushaltsmitteln in Erwägung gezogen, ein Museum zu schließen. Vom Autor eines Beitrags in der besagten Schrift, in dem auch das Thema Forschung abgehandelt wird, wird die Erkenntnis hervorgehoben, für die Forschungsaufgaben des Altonaer Museums gelte grundsätzlich dieselbe regionale Bestimmung wie für die Sammlungen und Ausstellungen, weil sich die Forschung am Museum an den Sammlungen und den Ausstellungsabsichten orientieren müsse. Regionale Begrenzungen seien allerdings auch hier nicht sinnvoll, wenn die Forschung überregional verbreiteten Objekten gelte, wie das etwa bei der populären Druckgraphik der Fall sei. Speziell für die Archiv - und Feldforschung müsse allerdings enge Abstimmung mit den benachbarten Museen stattfinden, um Aufgabenteilung zu erzielen und doppelte Arbeit zu vermeiden. Für ein aktives kulturgeschichtliches Museum, das seine Ausstellungen problemorientiert aufbauen und Gegenwartsbezüge herstellen soll, sei diese Archiv- und Feldforschung unumgänglich. Wolle man Gegenwartsbezüge herstellen, müsse man die Gegenwart jener Gebiete oder jener Wirtschaftszweige kennen, um die es gehe. Selbstverständlich sei es nicht möglich, historische Entwicklungen kultureller Phänomene anhand von Materialien aufzuzeigen, über deren tatsächlichen Verbreitung und deren tieferen Hintergrund man nichts wisse. 1989 war man in Kreisen des Altonaer Museums noch der Auffassung, Mitarbeiter dieses Hauses könnten Forschungen zur Fischerei und Schifffahrt betreiben. Ein derartiges Unterfangen würde eine entsprechende Personalausstattung erforderlich machen. Bei derartigen Forschungen sei davon auszugehen, dass diese unbedingt mit der Teilnahme an Fangreisen und Handelsschiffreisen zu verbinden seien. Forschungen zur ländlichen Kultur seien nur in Verbindung mit Archivstudien und Feldforschungen zwecks Inventaraufnahme und teilnehmender Beobachtung oder mit Einsammelaktionen möglich.

Mich interessiert besonders die Stadtgeschichte Altonas. Auch auf diesem Gebiet waren in der besagten Schrift Forschungen durch Mitarbeiter des Altonaer Museums für erforderlich gehalten worden. Hierbei hätte man sich jedoch eng mit dem Museum für Hamburgische Geschichte abzustimmen. Der Gemäldesammlung des Altonaer Museums habe ich stets meine Aufmerksamkeit geschenkt. Für diese Sammlung sei vor allem unter den Aspekten norddeutsche Landschaft und Volksleben Forschungsarbeit aufzunehmen.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob und inwieweit es am Altonaer Museum in den letzten zwei Jahrzehnten zu umfangreichen Forschungen auf den genannten Gebieten gekommen ist. Der beschriebene Geldmangel des Hauses macht eine solche Entwicklung aus meiner Sicht jedoch eher unwahrscheinlich.

18.06.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (34)

Für die Verantwortlichen eines Museums ist selbstredend auch die Frage von Bedeutung, wo die Besucher herkommen. Hierüber hat man offensichtlich in Kreisen des Altonaer Museums bereits vor geraumer Zeit nachgedacht. In einer von der Museumdleitung herausgegebenen Publikation aus dem Jahr 1989, die ich bereits in früheren Beiträgen wiederholt erwähnt habe, wird dieses Thema aus meiner Sicht relativ ausführlich behandelt. Es wurde in dieser Schrift darauf hingewiesen, dass zum damaligen Zeitpunkt ausreichendes statistisches Material zu dem besagten Thema nicht vorgelegen habe. Es könne davon ausgegangen werden, dass die Besucher des Altonaer Museums zum weitaus größten Teil aus Hamburg bzw. dem Großraum Hamburg kommen würden. Nach Auffassung des Autors der betreffenden Studie hätten unter diesen Besuchern diejenigen aus dem ehemals schleswig - holsteinischen Westen der Stadt selbst 1989 noch einen beachtlichen, wenn nicht den größten Anteil dargestellt. Damals sei für viele Bewohner des Bezirks Altona das Altonaer Museum noch immer “ihr” Museum gewesen, zu dem sie sich besonders hingezogen fühlten und an dessen Wirken sie besonders Anteil nähmen. Das gelte keineswegs nur wegen der Stadtgeschichtlichen Abteilung, die ja immer nur eine kleine Abteilung gewesen sei. Hier würden vielmehr seit der Existenz des Museums entstandene Traditionen wirken, die durch die Einbeziehung der Museumsausstellungen in die Schularbeit und in das so genannte freie Bildungswesen der ehemaligen Stadt Altona wesentlich verstärkt worden seien. Einzelne Abteilungen wie besonders die Abteilungen Schifffahrt und Fischerei sowie Spielzeug - früher auch die Naturwissenschaftliche Abteilung - hätten darüber hinaus eine besondere Anziehungskraft auf die Kinder aus der unmittelbaren Umgebung des Museums ausgeübt.

Im Jahr 2010 wollte die von der CDU und der GAL gebildete Koalition strukturelle Einsparungen im Haushalt des Landes Hamburg von 510 Millionen EUR vornehmen. Hierzu sollte der Kulturetat 7 Millionen EUR beisteuern. Um diese Summe zu erreichen, verfiel der Senat auf die Idee, das Altonaer Museum zu schließen. Durch diese Maßnahme sollten angeblich jährlich 3,5 Millionen EUR eingespart werden können. Als Datum der Schließung war der 01.01.2011 vorgesehen. Nunmehr erwies es sich jedoch, dass die in der besagten Studie von 1989 herausgestellte Verbundenheit der Bevölkerung Altonas mit ihrem Museum tatsächlich bestand. Es wurde die Volksinitiative “Altonaer Museum bleibt”gegründet, die nach meinen Recherchen im Internet recht rührig gewesen sein soll. Über die beabsichtigte Schließung wurde seinerzeit in zahlreichen Medien ganz Deutschlands berichtet. Im August 2010 soll die betreffende Initiative ein Solidaritätsfest für das Altonaer Museum veranstaltet haben. An diesem Fest hätten 6.000 Besucher teilgenommen. In die Listen der Initiative für den Erhalt des Museums hätten sich 25.000 Bürger eingetragen. Es hätten sich auch Stimmen vernehmen lassen, dass die rechtlichen Gegebenheiten die Museumsschließung gar nicht zuließen. Schützenhilfe hätten die engagierten Bürger auch aus der Politik erhalten. So soll sich der im Wahlkreis Altona direkt gewählte Bundestagsabgeordnete, der heute das Amt des Ersten Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg bekleidet, besonders für den Fortbestand des Altonaer Museums eingesetzt haben. Der 2010 amtierende Senat nahm noch in jenem Jahr von seinem Plan, das Altonaer Museum zu schließen, Abstand. Ich las, dass der damalige Erste Bürgermeister Christoph Ahlhaus es sich nicht habe nehmen lassen, die Entscheidung über den Erhalt des Altonaer Museums selbst zu verkünden.

In der Publikation des Museums aus dem Jahr 1989 wird dargelegt, dass es in jener Zeit unter den Besuchern auch starke Anteile aus Schleswig - Holstein gegeben habe. Hierbei seien Personen aus dem südlichen Holstein besonders stark vertreten gewesen. Der betreffende Personenkreis sei vor allem wegen der kulturgeschichtlichen Sammlungen aus diesem Raum gekommen. Der Autor des besagten Werks vertrat die Auffassung, hier wirke das Bewusstsein fort, dass das Altonaer Museum einmal das führende kulturgeschichtliche Museum der ehemaligen Provinz gewesen sei. Aus heutiger Sicht erscheint mir diese Einschätzung als sehr gewagt. Ein so ausgeprägtes historisches Bewusstsein dürften in meinen Augen nur sehr wenige Besucher haben. Des weiteren wird in der erwähnten Schrift kundgetan, dass unter den Touristen, die das Museum besucht hätten, Dänen vorgeherrscht hätten. Dieses resultiere aus der jahrhundertealten Verbindung Schleswig - Holsteins und damit auch Altonas mit Dänemark. In Dänemark gelte das Altonaer Museum weiterhin als eine Institution, die einen wesentlichen Teil der Kulturentwicklung im dänischen Gesamtstaat sichtbar werden lasse. Ich kann mich nicht entsinnen, dass mir bei meinen bisherigen Besuchen des Altonaer Museums Leute aus Dänemark besonders aufgefallen sind. Ich beabsichtige daher, bei künftigen Besuchen diesem Aspekt mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

11.06.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (33)

Ich gehe davon aus, dass man sich von jeher in Museumskreisen über die Zielgruppen Gedanken gemacht hat. Eine Publikation des Altonaer Museums aud dem Jahr 1989 enthält auch ein Kapitel mit dem Titel “Konzept für eine Neuaufstellung”. Dieses Kapitel weist unter anderem den Untertitel “Zielgruppen” aus. Danach sei dieses Kulturinstitut stets als ein “Museum für die ganze Familie” angesehen worden. Besonders Kinder und Jugendliche bis zu einem Alter von etwa 13/14 Jahren sowie Erwachsene von einem Alter von etwa 30/35 Jahren an hätten sich stark angezogen gefühlt. Das entspräche auch der Gruppe “Eltern mit Kindern”. Eine gewisse Reduzierung des Interesses kleinerer Kinder sei allerdings nach Abgabe der Naturwissenschaftlichen Abteilung zu beobachten gewesen. Die hier geschilderten Beobachtungen wurden vor mindestens 23 Jahren gemacht. Inzwischen ist der demographische Wandel fortgeschritten. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen ist in Deutschland weiter zurückgegangen. Personen, die damals als Kinder das Museum besucht haben, befinden sich heute im Elternalter. Ich muss gestehen, dass ich bei meinen Aufenthalten im Altonaer Museum nicht besonders auf die Zusammensetzung der Besucher geachtet habe. Mir ist jedoch aufgefallen, dass die Gruppe der Seniorinnen und Senioren stets stark vertreten war. Bei Kunstaustellungen im Altonaer Museum waren im Verhältnis zu den anderen Besuchern stets relativ viele junge Frauen erschienen. Dieses Phänomen ist mir auch bei Kunstausstellungen in anderen Häusern begegnet. In dieser Personengruppe scheint es nach meiner Wahrnehmung eine beachtliche Zahl von Kunstinteressierten zu geben. Es bleibt zum Wohle der Museen zu hoffen, dass dieses Interesse anhält. Nach wie vor sehe ich im Altonaer Museum eine stattliche Zahl von professionellen Erziehungspersonen mit den ihnen anvertrauten Zöglingen. Das Interesse der Zöglinge für die Schaustücke ist nach meinem Eindruck sehr unterschiedlich. Während ich Kinder öfter von dem Gezeigten nahezu gefesselt erlebe, vermitteln junge Menschen in der Pubertät zuweilen einen eher desinteressierten Eindruck. Die besagten Erziehungspersonen haben in vielen Fällen meine volle Anerkennung, spüre ich doch häufig bei ihnen ein ausgeprägtes Engagement in Sachen Kulturvermittlung.

In der erwähnten Publikation wurde auch das Thema Schulklassenbesuch behandelt. Zum damaligen Zeitpunkt seien Hauptinteressenten die Klassen der Grundschule sowie untere Klassen der Haupt - und Realschulen, aber auch der Gymnasien gewesen. Die oberen Klassen sämtlicher Schulzweige seien weniger vertreten gewesen. Dieses hätte besonders für die Gymnasien gegolten. Berufsschulklassen hätten sich ebenfalls eingefunden. Diese seien durch fachspezifische Fragestellungen insbesondere im Schiffahrtsbereich angezogen worden. Weiterhin wurde dargelegt, dass die älteren Schüler mehr zum Besuch der Kunstausstellungen neigten. Dieses trifft nach meinen Erfahrungen auch noch heute zu. Von den damals handelnden Museumsleuten wurde hervorgehogen, dass alle Altersstufen gleichermaßen angesprochen werden müssten. Ohne an Attraktion für die Familien mit Kindern durch eine gewisse Einsichtigkeit und Verständlichkeit einzubüßen, müsse angestrebt werden, auch ältere Jugendliche und jüngere Erwachsene zu interessieren. Von diesen Altersgruppen wurde angenommen, dass sie zu schärferer kritischer Distanz neigten. Sie seien für den Museumsbesuch nur dann zu gewinnen, wenn die Ausstellungen ihnen nicht nur Möglichkeiten direkten, eher gefühlsbezogenen Erlebens bieten, das auch mit der eigenen Erinnerung verbunden sein könne, sondern Möglichkeiten geistiger Auseinandersetzung, bezogen auch auf die eigene Person. Dieses ließe sich erreichen durch stärkere Problematisierung und durch augenfälliges Herausarbeiten der historischen Dimension sowie das Einbinden regionaler Phänomene in größeren Zusammenhängen.

Über diese Auffassung kann ich mir eigentlich kein Urteil erlauben. Ich bezweifle jedoch, ob hiermit in der heutigen Zeit viele Personen der betreffenden Altersgruppen erreicht werden können.

Abschließend wurde im erwähnten Kapitel der Schrift aus dem Jahr 1989 noch angemerkt, dass Verschulung und aufdringliche Lehrhaftigkeit besucherabschreckend wirke und unbedingt zu vermeiden sei.

04.06.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen

Bei dem im Beitrag vom 21.05.2012 erwähnten Großbrand des Altonaer Museums am 30.05.1980 sei auch das Fotoatelier verloren gegangen. In diesem Atelier seien auch das Negativarchiv und die Diapositivsammlung des Museums untergebracht gewesen. Aus dem Schutt hätten jedoch Teile der Glasnegative sowie der alten Schwarzweiß - Glasdiapositive geborgen werden können. Diese Sammlungsstücke würden im wesentlichen den Bestand an historischem Material darstellen. Zu beklagen sei jedoch der Verlust des Filmnegativbestands und des Farbdiapositivbestands. Hierbei habe es sich um die Unterlagen für die Sammlungsdokumentation des Museums sowie für die wissenschaftliche und pädagogische Vermittlungsarbeit bei Vorträgen und anderen Veranstaltungen gehandelt. Der damals amtierende Museumsdirektor habe die Auffassung vertreten, dass die geborgenen Glasplatten mit entsprechenden Restaurierungsmitteln zu sichern seien. Die Fotodokumentation der Sammlungsobjekte sowie der Diapositivsammlung würde sich mit Hilfe von Sondermitteln erneut erstellen lassen. Damals sei die laufende Arbeit des Museums erheblich erschwert gewesen, es hätte aber auch zum Teil auf den Bestand der unbeschädigt gebliebenen Positivabzüge zurückgegriffen werden können. Die Museumsleitung sei daher zum Schluss gekommen, dass der Verlust ausgleichbar sei, und für die künftige Arbeit bei entsprechender Mittelzuweisung keine schwerwiegenden Lücken verbleiben würden. Es sei jedoch auch festgestellt worden, dass durch den Brand sowie den Wasserschaden ein Großteil der Ausstellungsvitrinen, des Mobilars in den Arbeitsräumen der Mitarbeiter sowie des Werkstattinventars in Mitleidenschaft gezogen worden sei. Teilweise sei auch in diesem Bereich Totalschaden eingetreten. Hier sei der Schaden ebenfalls als nicht so gravierend angesehen worden, weil bei Bereitstellung angemessener Mittel Ersatz ohne weiteres möglich wäre. Von der Museumsleitung sei sogar geäußert worden, dass durch die Notwendigkeit der Neubeschaffung Neukonzeptionen erleichtert würden, weil die Rücksichtnahme auf vorhandene Ausstattungsgegenstände weitgehend entfalle.

Bei dem besagten Ereignis seien der Dachraum und und das 2. Obergeschoss des Nordwesttraktes von 1914 mit der Silberkammer, dem Fotoatelier, dem Hörsaal und dem foyerartigen Rauchzimmer abgebrannt. Gleichfalls ein Opfer der Flammen seien der Dachraum und und das 2. Obergeschoss des großen mittleren Hallenbaus von 1898/1901 über der Vierländer Kate sowie Teile des Dachraums des südwestlichen Hallenbaus von 1914 über den Bauernstuben geworden. Schwere Wasserschäden hätten alle Räume unter den genannten Brandschadensbereichen davongetragen. Mehr oder weniger starke Wasserschäden seien auch in den meisten angrenzenden Räumen zu verzeichnen gewesen. Teils überholungsbedürftig, teils zu ersetzen sei die gesamte Medienversorgung gewesen.

04.06.2012

Schuldenbremse und Länderfinanzen (4)

In einer Aufstellung der am höchsten verschuldeten Bundesländer mit dem Stand 2010 nimmt Berlin nach Bremen mit 17.381 pro Kopf der Bevölkerung nach Bremen den zweiten Platz ein. Hinsichtlich des Verschuldungsgrades ist jedoch gegenüber der Ziffer von Bremen mit 27.129 EUR schon ein beachtlicher Abstand festzustellen. So beträgt der Schuldenstand Berlins 64,5 % von dem Bremens. Obwohl mit unterschiedlicher Wirtschaftskraft ausgestattet, ist der Verschuldensgrad der drei Stadtstaaten im Verhältnis zu den Flächenländern insgesamt ziemlich hoch. Denn auch für Hamburg ist in der mir vorliegenden Aufstellung noch ein Wert von 14.119 EUR pro Kopf der Bevölkerung aufgeführt. Ich kann mich entsinnen, dass Hamburg im Lauf der Jahrzehnte häufig den reichsten Regionen Europas zugerechnet wurde. Aber auch Bremen weist eine beachtliche Wirtschaftskraft auf. Der kleine Stadtstaat wird als wichtiger Industriestandort bezeichnet. Hier werden in erster Linie die Automobil - und die Schiffbauindustrie sowie die Stahl - und Elektronikindustrie genannt. Ebenfalls wird die bedeutende Luftfahrt - und Weltraumtechnologie hervorgehoben. So habe sich in den letzten Jahren an der Universität der Freien Hansestadt Bremen einer der größten deutschen Technologieparks entwickelt. Hier würden rund 6.000 überwiegend hochqualifizierte Menschen Beschäftigung finden. Die Endmontage der Airbusflügel finde in Bremen statt. Bei Unternehmen der EADS und OHB - Technology - Gruppe würden Module und Bauteile für weltraumtaugliche Laboratorien, Trägerraketen und Satellitensysteme entstehen. Die Unternehmen Rheinmetall und Atlas Elektronik würden in Bremen Elektronik für militärische und zivile Anwendungen entwickeln. Außerdem würden sich im Stadtteil Sebaldbrück ein Mercedes - Werk und ein großes Bahnwerk der Deutschen Bahn AG befinden. Das Werk von Mercedes - Benz habe 13.500 Beschäftigte. Es sei das zweitgrößte Werk des Konzerns in Europa. Außerdem seien hier 600 Kfz - Zulieferer ansässig. Auch ist Bremen ein Standort für Biotechnologie und Logistik. Eine führende Position nähme dieses Bundesland auch in der Lebensmittelbranche ein. Die Unternehmen Beck und Co, Kellogs und Kraft Food hätten hier Niederlassungen, Vitakraft, Nordmilch und Hachez ihren Hauptsitz. Die Tabakverarbeitung spiele ebenfalls noch eine wesentliche Rolle. Im verarbeitenden Gewerbe seien 2010 45.259 Personen beschäftigt gewesen. In jenem Jahr sei ein Umsatz von 20,5 Milliarden EUR erzielt worden. Das mir bei einem Besuch vor einigen Jahren gegenüber der Stadt Bremen zurückgeblieben erschienene Bremerhaven habe für das Land Bremen in wirtschaftlicher Hinsicht eine wichtige Bedeutung. Es soll nämlich der weltweit größte Umschlagplatz für Automobile sein. 2011 seien 2 Millionen Fahrzeuge verschifft worden. Insgesamt sei die Hafenwirtschaft für dieses Bundesland von immenser Bedeutung. Im vorigen Jahr seien Güter von 80 Millionen Tonnen umgeschlagen worden. Bereits 2007 habe sich der Umschlag von Containern auf 6 Millionen Einheiten belaufen. Es seien übrigens 86.000 hafenabhängige Arbeitsplätze zu verzeichnen. Bemerkenswert finde ich, dass das Bundesland Bremen mit 660.000 Einwohnern über 300.000 Arbeitsplätze verfügen soll. 44,7 % der Beschäftigten seien im Dienstleistungssektor, 26,4 % im Handel tätig. Im produzierenden Gewerbe würden 28,9 % der Beschäftigten arbeiten, in der Landwirtschaft 0,1 %. Im Jahr 2005 sei Bremen das Gütesiegel “Stadt der Wissenschaft” verliehen worden.

Nach meiner Auffassung stellt Bremen bei seiner Wirtschaftsstruktur keineswegs das wirtschaftliche Schlusslicht der Bundesrepublik Deutschland dar. Bremens Einnahmen aus Steuern und Gebühren sollen jährlich nur 3 Milliarden EUR betragen, dennoch würde das Land jährlich 4 Milliarden EUR ausgeben. Es habe in jedem Jahr der letzten zwei Jahrzehnte höhere Kredite aufgenommen als Investitionen getätigt. Es versteht sich von selbst, dass die erwähnten 300.000 Arbeitsplätze Bremens keineswegs nur von seinen Bürgern besetzt werden. 2011 hätten 42,2 % der in Bremen Beschäftigten außerhalb der Landesgrenze gewohnt. Hierbei habe es sich folglich um rund 124.000 Personen gehandelt. Es habe aber auch 39.867 Auspendler gegeben. Die von den Einpendlern zu zahlende Einkommenssteuer kommt jedoch bekanntlich nicht Bremen zu Gute, denn die Steuerertragshoheit liegt ja jeweils in dem Bundesland, in dem der Steuerpflichtige seinen Wohnsitz hat. Von der Einkommenssteuer entfallen übrigens 15 % auf die Gemeinde und jeweils 42,5 % auf den Bund und das Land. Da weitaus die meisten Einpendler aus Niedersachsen stammen, profitiert dieses Land mithin beträchtlich von Bremen. Die vom Stadtstadt zu tätigenden Maßnahmen für die Infrastruktur geschehen hingegen auch zum Wohle der Einpendler, die jedoch zu deren Bestreitung keinen Beitrag leisten. Hier sollte meines Erachtens eine irgendwie anders geartete Regelung getroffen werden.

21.05.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (31)

Im Jahr 1978 wurde Prof. Dr. Gerhard Kaufmanns als Direktor des Altonaer Museums eingesetzt. Er war bereits seit 1964 im Hause tätig. 1967 wurde er Stellvertreter des langjährigen Direktors Gerhard Wietek. Nach meinen Beobachtungen ist ein Wechsel an der Museumsspitze meist mit einer Änderung der Konzeption verbunden. Dieses war auch mit dem Wechsel zu Prof. Dr. Kaufmanns der Fall. Dieser hielt es für erforderlich, die einzelnen Sammlungen stärker aufeinander zu beziehen. Dieses soll auch für die Landschaftsgalerie gegolten haben. Kulturgeschichte sollte unter eingehenderer Berücksichtigung der Naturlandschaft, der politischen Historie sowie der Wirtschafts - und Sozialgeschichte dargestellt werden. Ich las in einer Publikation des Altonaer Museums aus dem Jahr 1989, dass zunächst allerdings finanzielle und personelle Engpässe weiterhin allen Aktivitäten enge Grenzen gesetzt hätten. Im Laufe der Jahrzehnte musste ich vergleichbare Nachrichten öfter zur Kenntnis nehmen. Ich kann mich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass das Altonaer Museum bei Kulturpolitikern der Freien und Hansestadt Hamburg stets nur eine geringe Bedeutung hatte. Nach dem Wechsel in der Führung des Museums sei der Sonderausstellungsraum hergerichtet worden. Ferner sei der Umbau der naturwissenschaftlichen Räume im Südflügel des Museums zur Pädagogischen Abteilung in Angriff genommen worden. Auch hätte ein Altenwerder Gemischtwarenladen im Anschluss an die obere Folge der Bauernstuben aufgestellt werden können. Aus dieser Zeit ist als erfreuliche Entwicklung zu vermelden, dass die Räumlichkeiten der Uhrmacherschule in das Altonaer Museum eingegliedert werden sollten. Es hätten lediglich gewisse Probleme bei der Umbaufinanzierung einer endgültigen Zuweisung entgegengestanden. In der Ära der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung der Jahre 1969 bis 1982 wollte man in vielen Bereichen “mehr Demokratie wagen”. Die Gewerkschaften drängten auf Mitbestimmung der Arbeitnehmervertreter in allen Bereichen. In der von Sozialdemokraten dominierten Politik Hamburgs war man offen für derlei Bestrebungen. Am 1.8.1979 wurde die Mitbestimmung probeweise in den Hamburger Museen eingeführt. Durch diese Maßnahme wurde die Befugnis für alle wichtigen Entscheidungen vom Direktor auf einen aus den wissenschaftlichen Abteilungsleitern und gewählten Gruppenvertretern gebildeten Museumsrat verlagert.

Für das Altonaer Museum stellte für die Nachkriegszeit der Brand des Hauses am 30. Mai 1980 eine gravierende Zäsur dar. Dieses als Großbrand bezeichnete Ereignis unterbrach jegliche geordnete Museumsarbeit. Zunächst waren die Aktivitäten auf die Bergung und Sicherung des Sammlungsguts gerichtet. Mir hatte sich als ähnliches Ereignis, bei dem ein museales Gebäude betroffen war, der Brand des Glaspalastes in München vom 6.Juni 1931 eingeprägt. Bei diesem Vorfall wurden 3.000 Kunstwerke vernichtet. Hierunter befanden sich auch sämtliche 110 Gemälde der Ausstellung “Deutsche Romantiker”. Die besagte Ausstellung war bestückt mit Werken von Caspar David Friedrich, Karl Blechen, Ludwig Richter, Philipp Otto Runge und Carl Rottmann. Ich finde es besonders bedauerlich, dass durch die Katastrophe aus dem Jahr 1931 das ohnehin schmale Werk Runges reduziert wurde. In der erwähnten Publikation des Altonaer Museums von 1989 wird berichtet, dass beim Großbrand von 1980 besonders die Sammlung der so genannten Volkslebenbilder geschädigt wurde. Siebenundzwanzig Stücke dieser Sammlung seien im völlig ausgebrannten Hörsaal ausgestellt gewesen. Dreizehn dieser Bilder seien verloren. Von zehn weitgehend beschädigten Exemplaren wurde angenommen, dass sie sich lediglich noch zu dokumentarischen Zwecken würden restaurieren lassen. Nur vier hätten als relativ gut restaurierbar gegolten. Seinerzeit sei aus Museumskreisen angenommen worden, dass mit entsprechendem finanziellen Aufwand wohl Ersatz zu beschaffen wäre, doch wären die Lücken, die der Verlust für den gesamten überlieferten Bestand derartiger Gemälde bedeute, nicht wieder zu schließen sein. In der besagten Publikation wurde die Auffassung vertreten, dass vor allem die verlorenen Werke der mir unbekannten Maler Oluf Brarens, Carl Ludwig Jessens und Rudolf Jordans für die Kunst - und Kulturgeschichte Norddeutschlands einen gravierenden Verlust bedeuten würden.

Völlig abgebrannt sei damals die Silberkammer. Diese habe sich im 2. Obergeschoss des Nordwesttraktes von 1914 befunden. Der Schaden an Silberobjekten aus ehemals bäuerlichem Besitz wurde aus Museumskreisen unter finanziellen Gesichtspunkten als beträchtlich bezeichnet. Es wurde jedoch auch vorgetragen, dass sich die entstandenen Lücken mit entsprechenden Mitteln ohne große Schwierigkeiten wieder schließen lassen würden. Der Verlust betreffe keine unersetzlichen Unikate. Beklagenswert sei lediglich, dass ein Teil der verlorengegangenen Objekte relativ gut dokumentiert gewesen sei. Bei Neuerwerbungen aus dem Handel würden meistens exakte Herkunftsnachweise fehlen.

Alle übrige Sammlungsobjekte hätten mit Ausnahme von zwei Zeichnungen und einigen Stickmustertüchern, die im Fotoatelier verbrannt wären, bewahrt werden können. Der Wasserschaden sei in einigen Bereichen beträchtlich gewesen. Es wurde jedoch die Zuversicht geäußert, dass er sich bei entsprechender Mittelzuweisung für die Restaurierung ohne wesentliche bleibende Folgen würde beheben lassen können. Ein beträchtlicher Wasserschaden sei übrigens bei den Bauernstuben, einigen Möbeln, bei einiger Graphik, bei mehreren Bernsteinobjekten und wenigen Gemälden festgestellt worden. Es wurde jedoch geäußert, dass der überkommene Sammlungsbestand für die Neukonzeption de facto unvermindert zur Verfügung stehen würde.

14.05.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (30)

In einer Publikation des Altonaer Museums aus dem Jahr 1989 las ich, dass sich der Bau der City-S-Bahn negativ auf das Museum ausgewirkt hat. Die Bauarbeiten sollen in zwei auseinander liegenden Zeiträumen Schäden verursacht haben. Bei dem ersten Zeitraum habe es sich um die erste Hälfte des Jahres 1974 gehandelt. Der zweite Zeitraum beträfe das Winterhalbjahr 1978/1979. Bei dem Störfaktor habe es sich um Rammarbeiten gehandelt. Vor dem Altonaer Museum sei eine Baugrube eingerichtet gewesen. Die Rammarbeiten hätten zu außerordentlich starken Erschütterungen des Museumsgebäudes geführt. Hierdurch seien erhebliche Beeinträchtigungen der Ausstellungen in den Vitrinen sowie etliche Schäden an Sammlungsobjekten und am Gebäude zu verzeichnen gewesen. In diesem Zusammenhang sei der Zusammenbruch des in der Geologischen Abteilung platzierten Riesenhirsches besonders auffällig gewesen. Der Vorfall habe sich 1974 zugetragen. Für den Schaden sei die Deutsche Bundesbahn aufgekommen. Im übrigen hatte man für den Verzicht, umfangreiche Schadenersatzansprüche durchzusetzen, offensichtlich Beweisschwierigkeiten ins Feld geführt. In der erwähnten Publikation ist davon die Rede, dass “die schweren Erschütterungen nur schwer überprüfbar gewesen seien“. Maßnahmen zur Erweiterung des Öffentlichen Personennahverkehrs werden als im öffentlichen Interesse liegend angesehen. An den Kosten beteiligt sich der Bund in der Regel beträchtlich. Die Deutsche Bundesbahn war rechtlich gesehen ein Sondervermögen des Bundes.

In den Jahren 1972 bis 1979 hatten sich Regionalpolitiker noch intensiv in das Leben der Hamburger Museen eingemischt. Nach einem Beschluss des Senats aus dem Jahre 1972 waren alle Bestände der Freien und Hansestadt Hamburg zur Vor - und Frühgeschichte dem Helms - Museum zuzuführen. So wurden in jenem Jahr die seit 1933 in der Vor - und Frühgeschichtlichen Abteilung angelegten Sammlungen abgegeben. Bei verschiedenen Museumsleuten hätte sich schon seit langem die Auffassung gebildet, dass sich ein solcher Bestand unter den gegebenen Umständen nicht wirklich in die Sammlungen integrieren lasse. Die Abgabe dieser Bestände, die mein Interesse gefunden hätten, wurde folglich von gewissen Museumsleuten nicht als Verlust empfunden. In den durch die Abgabe leer stehenden Räumen sei eine Spielzeugabteilung eingerichtet worden. Auch hätten die Schausammlungen zu den Themen zu den Themen Textilien und Keramik erweitert werden können. Auf Grund eines weiteren Senatsbeschlusses, der 1976 gefasst wurde, waren die Sammlungsstücke der Naturwissenschaftlichen Abteilung, die vor allem ins Fach Zoologie fielen, an das Zoologische Institut und Museum der Universität Hamburg abzugeben. Diese Abgabe sei im Sinne des für die Bildende Kunst empfänglichen Museumsdirektors Wietek gewesen. Andere Museumsleute hingegen hätten die Abgabe durchaus bedauert. Diese hätten eine Integration in die kulturgeschichtlichen Sammlungen sinnvoll gefunden. Man hätte zum Beispiel Bezüge von der Natur zur Kultur aufzeigen können. Hierbei hätten die Veränderungen der Lebensbedingungen für die Tierwelt durch den Menschen und die Rückwirkungen dieser Veränderungen auf die Kultur sichtbar gemacht werden können. Durch diese Abgabe hätte jedoch Raum für die Etablierung einer Museumspädagogischen Abteilung sowie für die Präsentation weiterer, bisher magizinierter kulturgeschichtlicher Bestände geschaffen werden können.

23.04.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (29)

Bemerkenswert finde ich, dass sich nach Abschluss der dritten Wiederaufbauphase des Altonaer Museums, die in den Jahren von 1964 bis 1967 stattfand, der Umfang für Schausammlungen gegenüber dem Vorkriegsstand um circa 2.000 m² oder 28 % vergrößert hatte. Als weniger erfreulich beurteile ich hingegen den Umstand, dass der Raum für Werkstätten, Verwaltung und Magazine nicht erweitert werden konnte, sind doch nach meiner Einschätzung Werkstätten und Magazine für ein Museum eminent wichtig. Von der Vergrößerung der Ausstellungsfläche profitierten unter anderem die Bereiche Vierländer Kate, Schiff und Kunst, Spielzeug, Landschaftsgalerie und Sonderausstellungen. Insgesamt soll jedoch auch weiterhin über eine drückende Raumnot geklagt worden sein. Etliche kulturgeschichtliche Sammelkomplexe hätten auch weiterhin gar nicht oder nur sehr unvollständig ausgestellt werden können. Außerdem sei es nicht möglich gewesen, viele neu erworbene Sammlungen angemessen zu präsentieren. Ferner hätte man Neuaufstellungen mit erweiterter kulturgeschichtlicher Fragestellung unter Hinzuziehung neuer Ausstellungstechniken nicht realisieren können. Auch hätten eigene Räume für spezielle museumspädagogische Arbeit nicht zur Verfügung gestanden.

Am 16.04.1974 hätte es dann einen Senatsbeschluss über die Namensänderung für das Museum gegeben. Die vollständige Bezeichnung dieser Kultureinrichtung lautete damals “Altonaer Museum in Hamburg - Museum für Landschaft, Volkstum und Seefischerei”. Der besagte Zusatz hätte sich schon seit längerer Zeit als einseitig, missverständlich und schwerfällig erwiesen. Besonders der Begriff Volkstum hätte in jener Zeit der Politisierung großer Teile der Gesellschaft in bestimmten Kreisen zu Fehldeutungen und Irritationen führen können. Diese Einschätzung kann ich ohne weiteres teilen, war doch damals manch einer schnell bereit, seinen Mitmenschen der Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut zu verdächtigen. Der Begriff Volkstum war nun infolge seines Missbrauchs durch die Nationalsozialisten bei vielen Zeitgenossen nicht positiv besetzt. Noch heute zeiht man in der politischen Auseinandersetzung konservative Kräfte gern der Volkstümelei. Mögliche fatale Assoziationen seien jedoch durch die Ausstellungen selbst in keiner Weise gerechtfertigt gewesen. Der in einem früheren Beitrag bereits erwähnte Museumsdirektor Gerhard Wietek hätte daher den besagten Zusatz bereits kurz nach seiner Amtsübernahme fallengelassen. Andererseits führe der Name “Altonaer Museum in Hamburg” ohne jeden Zusatz ebenfalls zu Missverständnissen. In der nicht informierten Öffentlichkeit, vor allem auch außerhalb Hamburgs, sei das Kulturinstitut allgemein als stadtgeschichtliches Museum bzw. als Stadtteilmuseum angesehen worden. Hierdurch seien sowohl die Werbung für das Haus als auch die Erwerbungs-und Ausstellungspolitik behindert worden. Es sei sogar die Befürchtung gehegt worden, dass ein solches auf fehlende Informationen beruhendes Image Stifter und Leihgeber hätte abschrecken können. Für optimal sei der Zusatz “Norddeutsches Landesmuseum” befunden worden. Der Begriff “Landesmuseum” sei damals bereits eingeführt gewesen. Ich kann mich entsinnen, ihn bei meinen Besucher deutscher Museen in unterschiedlichen Regionen häufiger vorgefunden zu haben. Im Fall des Altonaer Museums habe zum Ausdruck gebracht werden sollen, dass sich das Haus der Kulturgeschichte Norddeutschlands als kulturgeographische Einheit im Sinne des länderkundlichen Schemas widme.

In den Jahren 1974/75 und 1977 seien Versuche zur räumlichen Erweiterung unternommen worden. Hierbei habe man sich bemüht, die in der Palmaille 73-79 gelegenen vier so genannten Offiziershäuser für das Museum zu gewinnen. Die Offiziershäuser sollen gegenüber dem Altonaer Rathaus liegen. Es sei beabsichtigt gewesen, sie vor allem für die Stadtgeschichtliche Abteilung sowie für Ausstellungen zu nutzen. Dieses Vorhaben sei jedoch daran gescheitert, dass die erforderlichen finanziellen Mittel nicht hätten eingeworben werden können. Erneute Bemühungen, die Räume der Uhrmacherschule für das Museum zu nutzen, hätten ebenfalls nicht zum Erfolg geführt.

02.04.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (28)

Nach den von mir erschlossenen Quellen begannen die vorbereitenden Handlungen zur Errichtung eines Museums in der Stadt Altona in den Jahren 1862 und 1863. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Altona noch zum dänischen Staatsverband und war nach Kopenhagen die zweitgrößte Stadt dieses Königsreichs. 1862 habe die Konstituierung einer privaten Museumsgesellschaft stattgefunden. Der Vorstand habe sich aus “bekannten Altonaer Persönlichkeiten” zusammengesetzt. Unter diesen Persönlichkeiten soll sich Pastor Georg Schaar hervorgetan haben. Ziel der Gesellschaft sei die Gründung eines “öffentlichen Museums” gewesen. Der Aufbau eines solchen Instituts könnte als Gegenpol zu Privatmuseen gedacht gewesen sein. Einrichtungen dieser Art habe es damals bereits in Altona gegeben. 1834 habe die Bankiersfamilie Donner bereits ein Museum unter der Bezeichnung “Donner-Museum” errichtet. Außerdem habe es Schulmuseen gegeben. Im Rahmen dieser Gattung seien die Sammlungen der Altonaer Sonntagsschule hervorzuheben. Im Falle der Auflösung dieser Sammlungen sollten diese an die Stadt Altona übergehen. Am 11.10.1863 sei das “Öffentliche Museum in Altona” im angemieteten Gartenhaus des Grundstücks Palmaille 112 eröffnet worden. 1866 sei dann der Umzug in den ersten Stock des Vorderhauses erfolgt. Eine aus dem Jahr 1988 stammende Aufnahme gibt annähernd Aufschluss über die dem Museum zur Verfügung gestellte Fläche. Auf dem besagten Foto erkenne ich fünf relativ dicht nebeneinander gesetzte Sprossenfenster von geringer Breite. Offensichtlich hatte dieses Museum sehr bescheidene Ausmaße. Ziel der Sammlungen und deren Präsentation sei es gewesen, Anschauungsmaterial für die Allgemeinbildung zu geben. Nach den damaligen Vorstellungen seien hierzu möglichst vielseitige naturkundliche, geographisch-ethnographische und regionalhistorische Kenntnisse vonnöten gewesen. Die Akzente hätten daher auf naturhistorischen und ethnographischen Sammlungen von durchweg überlokaler Bedeutung sowie auf “vaterstädtischen und vaterländischen” Münzen und Medaillen gelegen. Der Grundstock hierfür habe neben Schenkungen aus der Altonaer Sonntagsschule gestammt. Kulturgeschichtliche Objekte seien zunächst nur nebenher und unsystematisch gesammelt worden.

1866 seien dann die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an Preußen gefallen. Dieses Ereignis habe zu einer Änderung der bisherigen Konzeption geführt. Es sei eine Sammlung zum Deutsch- Dänischen Krieg von 1854 angelegt worden. Diese sei um Materialien zur Schleswig-Holsteinischen Erhebung des Jahres 1848 ergänzt worden. 1876 habe die Stadt Altona dem Museum erstmalig Subventionen gewährt, die ihm anschließend jährlich zugeflossen seien. Auch die für das Museum Verantwortlichen seien sich der Tatsache bewusst gewesen, dass die bisherigen Räumlichkeiten für eine derartige Institution völlig unzureichend waren. Schon 1873 habe man daher erwogen, ein städtisches Museum zu errichten. 1888 habe dann die Stadt Altona das Museum übernommen. Interessant finde ich, dass sich der damalige Oberbürgermeister Adickes für das Museum sehr eingesetzt haben soll. Er habe eine Museumskommission ins Leben gerufen, deren Vorsitz er sich vorbehalten habe. Die Leitung des Museums sei dieser Kommission übertragen worden. Die für das Museum erforderlichen Arbeiten seien weiterhin durch ehrenamtliche Kräfte ohne museumsspezifische Kenntnisse geleistet worden. In dieser Zeit seien die Aufgaben des Museums neu formuliert worden. Hierzu habe gehört, dass das Verständnis für die Natur-und Kulturentwicklung der weiteren und engeren Heimat zu entwickeln und zu beleben sei. Diesem Konzept folgend seien die kultur-und stadtgeschichtlichen Sammlungen erweitert worden. Gleichzeitig sei eine Neuausrichtung des Bestands vorgenommen worden. Die Sammlungsstücke seien einer naturwissenschaftlichen und einer kulturgeschichtlichen Abteilung zugeordnet worden. Die Museumskommission habe sich auch der Planung eines Museumsbaus unter Einbeziehung eines Kaisersaals bzw. einer Ruhmeshalle mit einem Kaiser-Wilhelm-Denkmal gewidmet.

26.03.2012

Einlassungen zu Altona und Ottensen (27)

Ich kann mich nicht mehr entsinnen, wann ich das Altonaer Museum zuerst aufgesucht habe. Auch habe ich keine Erinnerung daran, ob jener erste Besuch allein oder in Begleitung geschah. Nach meiner Einschätzung habe ich dieses Haus jedenfalls nicht im Rahmen einer Schulveranstaltung betreten. Sicher bin ich mir in diesem Punkt jedoch nicht. Ich las, dass das Haus im Jahr 1945 durch eine Luftmine zu 65 Prozent zerstört worden ist. Eine erste Wiederaufbauphase soll von 1945 bis 1950 stattgefunden haben. Gebäudeschäden sollen in dieser Zeit größtenteils provisorisch behoben worden sein. Wo immer es möglich gewesen sei, wären die Sammlungen erneut wie zuvor an ihrem alten Platz präsentiert worden. Dieses habe die Sammlungen Geologie, Hausmodelle, Bauernstuben und Nordseefischerei betroffen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, so habe ich mir bereits in frühen Knabenjahren die Hausmodelle, die Bauernstuben und die zum Komplex Nordseefischerei gehörenden Schiffsmodelle mit Interesse angesehen. Dieses trifft auch für die Vierländer Kate zu. An eine nur notdürftig reparierte Fassade kann ich mich jedoch nicht erinnern. Wie ich auf Fotos gesehen habe, war der Eingangsbereich früher nur über eine recht stattliche Anzahl von Treppenstufen zu erreichen. Nach Abschluss der zweiten Wiederaufbauphase hatte der Museumsbau ein völlig anderes Gesicht. Es sei die Ruine der zentralen Eingangshalle und des Nordflügels an der Museumsstraße endgültig aufgegeben worden. An ihre Stelle sei ein als funktional konzipierter Zweckbau mit einem Flachdach getreten. Dieser Neubau sei 1955 fertig gestellt worden. Er habe die über zwei Geschosse reichende Eingangshalle mit dem darüberliegenden Zunftsaal sowie vier übereinanderliegende Ausstellungsgeschosse enthalten, die über das alte Zentraltreppenhaus und ein neues Nebentreppenhaus in der Braunschweigerstraße verbunden gewesen seien. Gegenüber dem Bau von 1898/1901 habe man die Eingangshalle erheblich verkleinert. Diese Konzeption sei darauf zurückzuführen, dass man lediglich mit 30.000 bis 50.000 Besuchern im Jahr gerechnet habe. Der Hauptzugang zur Straße sei äußerst zurückhaltend ohne Windfang in die Südecke des Mitteltraktes gerückt worden. Das Gebäude habe zwar äußerlich den Anschein erweckt ohne “Schwelle” einer Treppenanlage erreichbar gewesen zu sein, doch die Eingangstreppe sei lediglich nach innen verlegt worde. Die neue Eingangshalle habe im Niveau sogar höher als die alte Eingangshalle gelegen. Als äußerst hinderlich hätten sich vielfach wechselnde Stockwerkhöhen erwiesen, die das Gebäude für Behinderte praktisch unzugänglich gemacht hätten. Als weitere wichtige Baumaßnahme aus dieser Zeit wird das Einziehen einer Zwischendecke zwischen einem Ausstellungsraum, der noch 1989 als Trachtensaal genutzt wurde, und der Vierländer Kate bezeichnet. Ich muss einräumen, dass meine Erinnerung an die Beschaffenheit des Museumsgebäudes zur damaligen Zeit stark verblasst ist.

Eine dritte Wiederaufbauphase fiel in die Jahre 1964 bis 1967. In diesem Zeitraum wurde ein viergeschossiger Gebäudetrakt an der Braunschweiger Straße errichtet. Dieser hatte die Aufgabe verschiedene Teile des Museums miteinander zu verbinden. Der neue Trakt beherbergte unter anderem die Landschaftsgalerie für die Gemälde zur norddeutschen Landschaft sowie einen Sonderausstellungsraum. Die Landschaftsgalerie habe ich in späteren Jahren häufiger besucht. Dieses geschah im Zusammenhang mit Besuchen von Sonderausstellungen aus dem Bereich der bildenden Kunst. Der 1959 zum Museumsleiter berufene Prof. Dr. Gerhard Wieteks wird in einer Publikation des Altonaer Museums als ein Mann mit einer besonderen Affinität zur modernen Kunst vorgestellt. Er habe erkannt, dass mit den bescheidenen finanziellen und personellen Resourcen des Museums Kunstausstellungen eher in schneller Folge zu erarbeiten seien als komplexere kulturgeschichtliche Ausstellungen. Diese Erkenntnis habe zu einem wachsenden Gewicht der bildenden Kunst in der Arbeit des Altonaer Museums geführt. Diese Tendenz werde dadurch bestärkt, dass die Medien durchweg engagierter und ausführlicher auf Kunstausstellungen reagieren würden. Aber auch bei weiten Teilen der traditionell Museen besuchenden Bevölkerung stünde das Thema Kunst höher im Kurs als Kulturgeschichte. Unter Wieteks Leitung, die bis 1967 angedauert habe, seien auch erfolgreiche kulturgeschichtliche Ausstellungen veranstaltet worden. In dieser Ära hätten die Besucherzahlen erheblich gesteigert werden können. Bei Wieteks Amtsantritt hätten 50.000 Personen im Jahr das Museum besucht. Gegen Amtsende seien jährlich 200.000 Besucher gezählt worden.

Ich habe seinerzeit von dieser Entwicklung nicht profitieren können, weil ich in jenen Jahren kein eifriger Museumsbesucher war. Dieses war erst später wieder der Fall. Da aber auch Wieteks Nachfolger sein Konzept weiterführten, konnte ich ab 1979 viele Kunstausstellungen im Altonaer Museum besuchen.

16.01.2012

Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen (5)

Im Jahr 1880 vermachte Schliemann seine trojanische Sammlung dem “Deutschen Volke”. Die Sammlung wurde im “Vorgeschichtlichen Museum” in Berlin untergebracht. Er bestand darauf, dass die Räumlichkeiten, in denen die Exponate ausgestellt wurden, den Namen “Schliemann-Säle” trugen. In jenem Jahr wurden die Grabungen in Orchomenos wieder aufgenommen. Diese wurden unter der Leitung seiner Ehefrau Sophia durchgeführt. Es wurde das so genannte Schatzhaus des Minyas entdeckt. 1881 wurde Schliemann Ehrenmitglied der “Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte”. Außerdem wurde er Ehrenbürger der Stadt Berlin. 1882 wurde er Ehrenmitglied der “Bayerischen Akademie der Wissenschaften”. Für die “Sechste Grabungskampagne” auf dem Berg Hissarlik konnte er den Architekten Wilhelm Dörpfeld gewinnen, der bereits Verdienste als Leiter der Ausgrabungen in Olympia erworben hatte. 1883 wurde Schliemann Ehrendoktor der Universität Oxford. In jenem Jahr kehrte er kurzfristig zu seinen Ursprüngen zurück. Er fand sich mit seiner Familie zu einem vierwöchigen Sommerurlaub in Ankershagen ein. Auch wurde ein weiteres Buch unter dem Titel “Troja. Ergebnisse meiner neuesten Ausgrabungen” in London und Leipzig veröffentlicht. 1884 war das Jahr einer weiteren besonderen archäologischen Unternehmung. Schliemann nahm gemeinsam mit Dörpfeld die Ausgrabung des Palastes auf der Burg von Tyrins in Angriff. Ferner musste er sich mit einem Widersacher auseinandersetzen. Hierbei handelte es sich um den Hauptmann a. D. Ernst Bötticher. Dieser brachte die Ausgrabungen von Schliemann und Dörpfeld nicht mit dem homerischen Troja in Verbindung. Vielmehr hielt er die Ausgrabungsstätte am Berg Hissarlik für eine Feuernekropole. 1885 wurde Schliemann eine weitere bemerkenswerte Ehre zuteil. Ihm wurde die “Große Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft” durch Königin Victoria in London verliehen. Aber er war auch noch mit 63 Jahren extrem rastlos. Er unternahm eine Reise nach Mittelamerika und Kuba. Dieses Unterfangen dürfte 1885 nicht ohne Strapazen vonstatten gegangen sein. Ich las, dass er sich in Kuba einen Überblick über seine dort getätigten Investitionen im Eisenbahnwesen verschaffen wollte. In jenem Jahr trat er wiederum als Autor in Erscheinung. In Leipzig, Paris, London und New York wurde seine Schrift “Tiryns” herausgegeben. 1886 zog es ihn erneut nach Orchomenos, um sich dort gemeinsam mit Dörpfeld Ausgrabungen zu widmen. Inzwischen war Schliemanns Gesundheit angegriffen. Er wollte sich daher auf einer Nilreise, die nach meinen Erhebungen bis ins Jahr 1887 hineinging, Erholung verschaffen. 1988 war er dann wieder so weit, sich einer weiteren archäologischen Unternehmung zuzuwenden. Hierbei handelte es sich um Grabungen in der ägyptischen Stadt Alexandria. Er wollte das Grab Alexanders des Großen finden. Virchow begleitete ihn bei dieser Unternehmung. 1889 wurde dann die “Erste Trojakonferenz” in Hissarlik veranstaltet. Es sollen “hochrangige Gutachter” sowie der Schliemann-Kritiker Bötticher anwesend gewesen seien. Für Schliemann verlief diese Veranstaltung erfolgreich. Seine Sicht der Dinge bezüglich Trojas wurde bestätigt. In den Monaten März bis Juli des Jahres 1890 fand die “Siebte Grabungskampagne” auf dem Berg Hissarlik statt. Hieran nahmen auch Dörpfeld und Virchow teil. Im März kam es zur “Zweiten Internationalen Trojakonferenz” in Hissarlik. Im April brach er mit Virchow zu einer Reise durch die Troas auf, bei der der Berg Ida und die Quellen des Skamander aufgesucht werden sollten. Bei dieser Reise zog er sich eine Erkältung zu, die er offensichtlich nicht auskurierte. Als Folge dieser Erkrankung soll Schliemann nahezu taub geworden sein. Erst am 13. November unterzog er sich in Halle/Saale einer Ohrenoperation. Er hörte jedoch nicht auf den behandelnden Arzt, sondern verließ nach vier Wochen eigenmächtig die Klinik. Auf der Rückreise nach Athen suchte er am 24. Dezember Pompeji auf. Bereits zwei Tage später starb er in Neapel. Sein Tod soll in einem ursächlichen Zusammenhang mit der erwähnten Operation stehen. Die Beisetzung fand am 04.01.1891 im Beisein des griechischen Königs auf dem Athener Zentralfriedhof statt. Am 01.03.1891 wurde eine Gedächtnisfeier im Berliner Rathaus begangen, bei der Virchow die Trauerrede hielt. In seinem Testament hatte Schliemann die Errichtung eines Mausoleums verfügt. Dieses wurde vom Architekten Ziller im Stil eines antiken Heroentempels konzipiert. In dieses Mausoleum wurde der Leichnam Schliemanns 1892 umgebettet.

09.01.2012

Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen (4)

Schliemanns nach russisch-orthodoxen Ritus mit Jekaterina geschlossene Ehe “stimmte” offensichtlich in den späten sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr, denn er beabsichtigte, sich scheiden zu lassen. Dieses war jedoch weder in Russland noch in einem europäischen Land möglich. Als Staatsbürger der USA konnte Schliemann jedoch die Scheidung von seiner russischen Ehefrau erreichen. Er nahm daher 1869 die Staatsbürgerschaft der USA an und betrieb das Scheidungsverfahren. Das Verfahren ging in seinem Sinne aus. Schliemann strebte nunmehr die Ehe mit einer Griechin an. Von einem befreundeten griechischen Bischof soll er sich eine Liste entsprechender Heiratskandidatinnen vorgelegt haben lassen. Seine Wahl fiel auf die siebzehnjährige Sophia Engastromenos. Die Ehe kam zustande. Die Feierlichkeiten wurden in Kolonos begangen, der Geburtsstadt des Sophokles. Der Ehe entsprossen die Kinder Andromache und Agamemnon. 1870 verlegte Schliemann seinen Wohnsitz nach Athen. Er ließ sich ein prächtiges Haus in der Nähe des Syntagmaplatzes bauen. Dieses Haus bezog er 1880.

Obwohl er die Erlaubnis der zuständigen Behörden noch nicht hatte, führte Schliemann 1870 erste Probegrabungen am Berg Hissarlik durch, der an der Nordwestspitze Kleinasiens liegt. 1871 begann dann die erste offizielle “Grabungskampagne” am Berg Hissarlik. Hier ließ er den großen Nord-Süd-Graben anlegen, der heute den Namen Schliemann-Graben trägt. Bei diesen Grabungen entdeckte er sieben Siedlungsschichten. 1872 fand die “Zweite Grabungskampagne” am Berg Hissarlik statt, wo er meinte, das homerische Troja entdeckt zu haben. In der “Dritten Grabungskampagne” am besagten Ort stieß er auf ein Stadttor, von dem eine breite Straße zu einem Haus führte. Dieses Haus war für ihn der Palast des Priamos. Hier fand er einen Goldschatz. Diesen nannte er den “Schatz des Priamos”. Er schaffte den Schatz illegal außer Landes. Die Türkei strengte jedoch einen Prozess auf Rückgabe des Fundes an. Das Verfahren wurde mit einem Vergleich beendet. Mit der Zahlung von 50.000 Francs wurde Schliemann Eigentümer des Schatzes.

1874 führte Schliemann erste Ausgrabungen in Mykene durch. An dieser von Touristen gern aufgesuchten Stätte fand auch ich mich 1961 und 1980 ein. Im Jahr 1875 begab sich Schliemann auf eine Vortragsreise durch Europa. Ferner leitete er Ausgrabungen im italienischen Alba Longa. Diese Stadt soll dereinst von Askanius, dem Sohn des Aeneas, gegründet worden sein. Die mythische Figur des Aeneas spielt ja in den Werken von Homer und Vergil eine bedeutende Rolle.

In den frühen Jahren seiner archäologischen Aktivitäten fand Schliemann nicht die rechte Anerkennung bei den deutschen Vertretern dieser Wissenschaft. Vor allem Ernst Curtius soll seinem Wirken mit Skepsis begegnet sein. Dafür wurde ihm in Großbritannien Ehre erwiesen. Er wurde 1876 Ehrenmitglied der “Society of Antiquaries” in London. Ein weiterer Erfolg wurde ihm in jenem Jahr bei Ausgrabungen in Tiryns zuteil. Er entdeckte fünf Schachtgräber aus der Zeit um 1600 v. Ch. Diese waren mit reichen Grabbeigaben ausgestattet. Hierunter befand sich die so genannte Maske des Agamemnon.

Mit dem berühmten und einflussreichen Arzt Rudolf Virchow verband Schliemann eine Freundschaft. Virchow sorgte dafür, dass Schliemann 1877 Mitglied der Anthropologischen Gesellschaft wurde. Im selben Jahr stellte dieser seine “Troja-Sammlung” in London aus. Schliemann veröffentlichte außerdem noch eine Schrift über Mykene. Die Schrift enthielt ein Vorwort des britischen Politikers William Ewart Gladstone, der wiederholt das Amt des Premierministers innehatte. Sie wurde in mehreren Ländern in verschiedenen Sprachen publiziert. In den USA wurde das Werk “Mykenae” 1878 sogar zum Buch des Jahres. Seine Erfolge führten jedoch nicht dazu, dass Schliemann in seinem Grabungseifer nachließ. In den Jahren 1878 und 1879 war er wieder auf dem Hügel Hissarlik tätig. Die besagten Aktivitäten wurden als “Vierte Grabungskampagne” bezeichnet. Begleitet wurde er von Emile-Louis Búrnou, der Direktor des Französischen Archäologischen Instituts in Athen war, sowie von Rudolf Virchow. 1880 kam ein weiteres Buch Schliemanns unter dem Titel “Ilios. Stadt und Land der Trojaner” heraus. Das Vorwort stammte von Rudolf Virchow. Eingeleitet wurde dieses Buch mit autobiographischen Passagen des Verfassers, die von einigen Kritikern nicht günstig aufgenommen wurden. Es wurde der Vorhalt gemacht, dass die entsprechenden Passagen zahlreiche Legenden um die Person des Autors enthielten. Hierzu zählt vor allem die Behauptung, dass er schon im Alter von acht Jahren beschlossen hätte, dereinst Troja auszugraben. Das Buch wurde jedoch ein Verkaufserfolg.

02.01.2012

Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen (3)

Der Aufenthalt Schliemanns in den Niederlanden war nach meiner Einschätzung für seine weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Im Alter von 20 Jahren begann er hier noch einmal ganz von vorn. 1842 erhielt er eine Anstellung als Kontorbote bei der Fa F. C. Quien in Amsterdam. Bei Wikipedia ist übrigens als Arbeitgeber die Fa. Hoyack u. CO vermerkt. In dieser Zeit erweiterte er seine Englischkenntnisse beträchtlich und lernte autodidaktisch Französisch, Spanisch, Portugiesisch und naturgemäß Niederländisch. 1844 wechselte er in das Kontor Amsterdam des Handelshauses Schröder und Co über. Bei diesem Unternehmen wurde Schliemann als Korrespondent und Buchhalter beschäftigt. Er lernte autodidaktisch Russisch. Die Aneignung dieser Sprache dürfte seinem weiteren beruflichen Werdegang sehr förderlich gewesen sein. Er wurde nämlich bereits 1846 von dem Handelshaus Schröder und Co nach Russland entsandt, um in St. Petersburg eine Niederlassung dieses Unternehmens zu gründen, deren Leitung ihm übertragen wurde. Hier fand sein Aufstieg zum erfolgreichen Kaufmann und Geschäftsmann statt. Im Jahre 1847 gründete er ein eigenes Handelshaus in St. Petersburg. Im selben Jahr erwarb er die russische Staatsbürgerschaft. 1850 unternahm Schliemann eine Reise nach Amerika und wurde auch dort unternehmerisch tätig. In Sacramento gründete er eine Goldgräberbank. In jenen Jahren wurde in Nordamerika ein Eisenbahnnetz aufgebaut. Hierfür waren immense Mittel erforderlich. Schliemann legte Kapital im Eisenbahnbau an. Hierdurch konnte er sein Vermögen verdoppeln. 1852 kehrte er nach Russland zurück. In diesem Jahr heiratete er die Kaufmannstochter Jekaterina Petrowna Lyshina. Die Eheleute hatten drei Kinder, denen sie die Namen Sergej, Natalja und Nadeschda gaben. Im Jahr der Eheschließung gründete Schliemann eine Handelsfiliale in Moskau. Ferner wurde er zaristischer Hoflieferant. In den Jahren 1853 bis 1856 war er außerdem Lieferant der zaristischen Armee im Krimkrieg. Er lieferte vor allem Blei, Schwefel und Salpeter. In dieser Funktion soll er ein enormes Vermögen erworben haben. Er wurde übrigens Mitglied der Großkaufmannsgilde zu St. Petersburg. In seiner Tätigkeit als Kaufmann sah Schliemann keinen Neigungsberuf. Vielmehr fühlte er sich zu den Wissenschaften hingezogen. Er unternahm daher bereits 1856 den Versuch, seine Tätigkeit als Kaufmann stark zu reduzieren und sich in erster Linie mit wissenschaftlichen Studien zu beschäftigen. Zunächst lernte er Altgriechisch und Latein sowie Neugriechisch. Später kamen noch Hebräisch und Sanskrit hinzu. Zur Diversifizierung seiner Vermögenswerte verlegte er sich auf den Erwerb von Land. Im Jahr 1859 brach er zu Reisen in europäische Länder und den Orient auf. Ein Rechtsstreit mit einem Schuldner führte jedoch dazu, dass er nach St. Petersburg zurückkehrte. Hier nahm er seine Geschäfte wieder auf. Er gewann 1861 den besagten Rechtstreit. Der Prozessgegner zahlte seine Schuld in Raten ab. Nachdem dieser die letzte Rate beglichen hatte, liquidierte Schliemann 1864 sein Handelshaus endgültig und verließ Russland. Nunmehr unternahm er ausgedehnte Reisen. Diese führten ihn nach Ägypten, Indien, China, und Japan sowie Nord - und Mittelamerika. In Russland wurden Schliemann etliche Ehren erwiesen. So wurde er 1861 für drei Jahre zum Richter am St. Petersburger Handelsgericht gewählt. 1864 wurde er gemeinsam mit seiner Frau zum erblichen Ehrenbürger Russlands ernannt.

1866 nahm Schliemann seinen Wohnsitz in Paris. In dieser Stadt erwarb er Mietshäuser im Wert von 1.7 Millionen Francs. Als Mann im gesetzten Alter, er wurde in jenem Jahr 44 Jahre alt, begann er ein Studium an der Sorbonne. Sein Bildungsbemühen galt Sprachen, der Literatur und der Altertumskunde. Seine Studienfächer wurden auf einem Portal im Internet außer mit Literatur auch mit Philologie und Philosophie angegeben. An der Sorbonne studierte er, von Bildungsreisen unterbrochen, bis 1870. So unternahm er 1868 eine größere Studienreise nach Griechenland und Kleinasien. Stationen dieser Reise waren unter anderem Ithaka, der Peleponnes, Konstantinopel und die Troas. Er brachte ja bekanntlich den in der Türkei gelegenen Hügel Hissarlik mit Homers Troja in Verbindung und führte dort erste archäologische Erkundungen durch. 1867 wurde das erste Buch dieses vielseitigen Mannes veröffentlicht. Der deutsche Titel lautet “Reise durch China und Japan“. 1869 folgte sein zweites Buch, das in seiner deutschen Version den Titel “Ithaka, der Peleponnes und Troja” trägt. Für diese Studie wurde ihm von der Universität Rostock der Doktorgrad zuerkannt.

19.12.2011

Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen (2)

Die ins Internet gestellten Bilder der Museumsanlage in Ankershagen vermitteln mir den Eindruck einer gepflegten Einrichtung. Es wurden offensichtlich genügend Mittel bereitgestellt, um die aufwändige Renovierung zu realisieren. Die Dauerausstellung scheint mir durchaus ambitioniert zu sein, wenn auch naturgemäß bei den Schaustücken auf Repliken zurückgegriffen wird. Das bereits in meinem ersten Beitrag erwähnte Holzpferd ist aus meiner Sicht eine Bereicherung des architektonischen Ensembles. Ziel der Daueraustellung sei es, Leben und Wirken Heinrich Schliemanns nach dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Schliemann- und der Troja-Forschung darzustellen und zwar kritisch, objektiv, seine Verdienste würdigend, auf seine Irrtümer und Fehler hinweisend. Ein besonderes Anliegen sei es, durch Forschungsarbeit einen eigenständigen Beitrag zur objektiven Beurteilung des in Mecklenburg geborenen Archäologen zu leisten.

Ich vernahm, dass im Eingangsbereich des Museums eine Heinrich Schliemann darstellende Büste aufgestellt ist. Die Präsentation eines derartigen Schaustücks ist üblich und nach meiner Einschätzung für den Besucher eines solchen Hauses hilfreich. Des weiteren sei im Eingangsbereich eine Zeittafel zu Leben und Werk des Bewunderers der homerischen Gesänge angebracht. Außerdem werde hier eine Chronik des Museums geboten, mit der auch die Museumsarbeit dokumentiert werde. Ferner werde im Eingangsbereich ein Stammbaum der Familie Schliemann präsentiert. Nach dieser Vorbereitung kann der Besucher mit Grundkenntnissen ausgestattet Raum 1 des Museums betreten. Dieser Raum wurde mit dem Motto versehen “Altertumsforscher und Ausgräber in der Türkei und in Griechenland”. In Raum 1 sollen vor allem die ersten Grabungen in Hissarlik behandelt werden, wo nach Schliemanns Vermutungen einst Troja stand. Es werde die Schichtenfolge von Hissarlik abgebildet, wodurch über die Besiedlungsgeschichte des besagten Hügels informiert werden solle. Außerdem solle vermittelt werden, welch immense Schwierigkeiten bei der ersten Ausgrabung zu bewältigen waren. In einem Modell sei die Akropolis des vermeintlichen Troja nebst der Unterstadt abgebildet. Es werden auch Repliken aus dem so genannten Schatz des Priamos ausgestellt. Ebenfalls thematisiert werden Schliemanns Ausgrabungen in Mykene, Ochomenos und Tiryns in diesem Raum. Die an den Wandtafeln in Text und Bild gehaltenen Informationen würden ergänzt durch die Modelle der Akropolis von Mykene und Tiryns sowie die Nachbildungen von Gefäßen und Prunkwaffen aus Edelmetallen. Hierunter soll sich auch die so genannte Totenmaske des Agamemnon aus den Grabungen von Mykene befinden.

Raum 2 des Museums wurde mit folgendem Titel versehen: “Kindheit und Jugend in Mecklenburg 1822-1841”. Diesen Zeitraum möchte ich mit einer Wortschöpfung unterlegen, die ich bei Heinrich Mann fand. Sie lautet: “Ein ernstes Leben”. Ebenso passend ist der Untertitel des Erstlingsromans von Thomas Mann, nämlich “Zerfall einer Familie”. Hier ist zunächst der Tod der Mutter Heinrich Schliemanns aus dem Jahr 1831 anzuführen. Diese starb im Alter von 38 Jahren bei der Geburt ihres neunten Kindes. Sodann las ich auf einer Website, dass der Vater des Protagonisten bei Mitgliedern der Kirchengemeinde Ankershagen wegen angeblich unmoralischen Lebenswandels geächtet wurde. Bei weiteren Recherchen wurde ich auf einem anderen Portal darüber unterrichtet, dass Ernst Schliemann als eines der schwarzen Schafe unter den Pastoren Mecklenburgs gilt. Seiner Wahl zum Pastor der gut dotierten Pfarrstelle in Ankershagen soll er durch Bestechung von Gemeinemitgliedern nachgeholfen haben. Im Jahr 1837 habe Ernst Schliemann sein Amt niederlegen müssen. Die Zeit nach der Amtsniederlegung wird als rastlos eingestuft. Zunächst habe er eine Büdnerei in Gehlsdorf bei Rostock erworben. Danach sei er 1842 Gutsbesitzer auf Jamielnik bei Radomno im Kreis Löbau in Westpreußen geworden. Nach dieser Episode habe er sich als Gasthausbesitzer in Deutsch-Eylau im Kreis Rosenberg in Westpreußen etabliert. Während dieser Zeit wurde Ernst Schliemann von seiner zweiten Frau geschieden. Hierbei handelt es sich um die Weberstochter Sophia Behnke, die er 1838 geheiratet hatte. Diese Ehe war mit zwei Kindern gesegnet. Insgesamt hatte Heinrich Schliemann mithin zehn Geschwister. 1860 habe sich Ernst Schliemann als Pächter zu Omulle bei Löbau in Westpreußen niedergelassen. Er erreichte das für die damalige Zeit biblische Alter von 90 Jahren.

Der am 06.01.1822 in Neubuckow geborene Heinrich Schliemann sei 1832 in die Familie seines Onkels Friedrich Schliemann gekommen, der Pastor in Kalkhorst bei Grevesmühlen gewesen sei. Dieser Wechsel soll vollzogen worden sein, um Heinrich auf das Gymnasium vorzubereiten. 1833 kam er dann auf das Gymnasium in Neustrelitz. Infolge familiären Geldmangels habe er das Gymnasium verlassen müssen und habe dann die hinsichtlich des Schulgeldes günstigere Realschule besucht. Zu Ostern des Jahres 1836 habe er die Realschule verlassen und sei eine Lehre als Handelsgehilfe in einem Krämerladen in Fürstenberg eingegangen. Nach der Lehre habe er in diesem Unternehmen bis einschließlich 1841 als Handlungsgehilfe gearbeitet. Wegen eines Lungenleidens sei er aus diesem Unternehmen ausgeschieden. 1841 habe er sich zunächst in Rostock aufgehalten und dort Kenntnisse in Englisch und Buchführung erworben. Anschließend habe er sich zur Arbeitssuche nach Hamburg begeben. Er habe jedoch dort keine Arbeit erhalten, wodurch er in Existenznot geraten sei. Er habe dann den Entschluss gefasst, nach Venezuela auszuwandern. Das von ihm hierzu bestiegene Schiff erlitt jedoch vor der Insel Texel Schiffbruch. Aus seiner Auswanderung wurde nichts. Er blieb vielmehr in den Niederlanden.

12.12.2011

Heinrich Schliemann-Museum Ankershagen

Bei meinen Recherchen über die Müritz- Region stieß ich auf das Schliemann -Museum in Ankershagen. Obwohl ich mich bereits seit meiner späten Kindheit für Archäologie und das Wirken Heinrich Schliemanns interessiere, war mir nicht bekannt, dass es in Mecklenburg eine Stätte gibt, an der das Gedenken an Heinrich Schliemann gepflegt wird. Auch die Beziehung dieses Mannes zu Mecklenburg war mir entfallen. Nach meiner Erinnerung wurde ich auf Schliemann durch das Buch “Götter, Gräber und Gelehrte” des Autors C.W. Ceram aufmerksam. Dieses Buch erfreute sich zu Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einer großen Beliebtheit. Ich las dieses Buch damals mit Begeisterung und fühlte mich vor allem von der Schilderung über Schliemanns Leben und Wirken angesprochen. In den Printmedien wurde dieser Enthusiast Trojas und des archaischen Griechentums hin und wieder erwähnt. Im Fernsehen war er gar Protagonist einer ganzen Serie. Mir hatte sich Schliemann auch als Großkaufmann eingeprägt, der als zaristischer Hoflieferant im Krimkrieg ( 1853-1856 ) ein gewaltiges Vermögen erwarb. Ich war der Ansicht, dass er als “Kapitalist”, Helfer des monarchischen Systems und “Kriegsgewinnler” im “sozialistischen Lager” nicht allzu beliebt war. Ich war daher überrascht, dass Schliemann sich in Mecklenburg sogar in Zeiten der DDR großer Beliebtheit erfreute. Es wurde nämlich 1980 in dem im Müritzkreis gelegenen Dorf Ankershagen eine Schliemann-Gedenkstätte im Elternhaus dieses “Erfolgsmannes” eingerichtet. Bei dem Elternhaus handelt es sich um ein Pfarrhaus aus dem 18.Jahrhundert. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche stellte im Pfarrhaus Ausstellungsräume zur Verfügung. In diesem Haus verbrachte Heinrich Schliemann von 1823 bis 1831 acht Jahre seiner Kindheit. Es wird berichtet, dass er bereits als Junge von acht Jahren den Entschluss gefasst haben will, Troja auszugraben. Auch vernahm ich, dass viele von Schliemann in seiner Autobiographie beschriebenen “Wunder” des Ortes noch heute erhalten sind. Hierzu sollen die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert, das bronzezeitliche Hügelgrab am Glockenberg sowie das Raubritterschloss des Henning Bradenkierl gehören.

1985 sollen von der Gedenkstätte nahestehenden Personen die Forschungsarbeiten zum Themenkreis “Schliemanns Beziehungen zur mecklenburgischen Heimat” aufgenommen worden seien.

!986 sei dann die Umwandlung der Gedenkstätte in ein hauptamtlich geleitetes Museum erfolgt. 1990 nahmen Vertreter dieses Museums am Internationalen Schliemann-Kongress in Athen teil. 1991 war das Jahr, in dem der Heinrich-Schliemann-Förderverein Ankershagen e.V. gegründet wurde. Dieser Verein wurde später umbenannt in Heinrich-Schliemann-Gesellschaft Ankershagen e.V. Es wurde auch ein Schliemannarchiv eingerichtet, das in der Folgezeit ausgebaut wurde. 1994 wurde die institutionelle Förderung des Museums durch das Land Mecklenburg-Vorpommern als Memorialmuseum von nationaler Bedeutung verfügt. Im Jahr 1996 wurde eine Nachbildung des Trojanischen Pferdes im Außengelände aufgestellt. Ferner wurden die Arbeiten zur elektronischen Archivierung der Schliemann-Sammlung aufgenommen. Gleichzeitig wurde mit den Sanierungsarbeiten zur baulichen Erhaltung des denkmalgeschützten Elternhauses von Heinrich Schliemann begonnen. 1998 konnte die dem Leben, Wirken und Gedenken Heinrich Schliemanns gewidmete Dauerausstellung, die zuvor inhaltlich neu konzipiert und räumlich erweitert worden war, im umfassend sanierten Museumsgebäude eröffnet werden. 2000 konnte das Haus seit seiner Eröffnung immerhin auf 150.000 Besucher zurückblicken. Im Jahr 2003 konnte ein Höhepunkt verzeichnet werden. Durch den Staatsminister in seiner Funktion als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien wurde das Museum als “Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung” eingestuft.

28.11.2011

Müritzeum (3)

Der Gründer des Naturhistorischen Museums, Hermann Freiherr von Maltzan, lebte von 1843 bis 1891. Er war in erster Linie Rittergutsbesitzer, wird aber auch als Sammler und Naturforscher vorgestellt. Die von ihm gegründete Einrichtung war das erste öffentliche naturkundliche Museum im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Zu diesem Zeitpunkt war er 23 Jahre alt. Schon früh kaufte Herr von Maltzan naturkundliche Sammlungen auf. Auch führten ihn in jungen Jahren Bildungsreisen ins europäische Ausland. Sein Anliegen hat er mit folgenden Worten geschildert: “Das Ergebnis der Forschungen dem Freunde der Natur in verständlicher Weise zu zeigen und ihn dadurch zu einem tieferen Studium unserer heimischen Natur zu veranlassen, dem neueren Forscher aber einen gewünschten Überblick zu gewähren, welchen die systematische Aufzählung der seither gemachten Entdeckungen nur nach einer Seite hin geben kann.” Herr von Maltzan erlebte noch, dass mit Hilfe der Stadt Waren 1884 ein Museumsgebäude errichtet wurde. Sieben Jahre später verstarb er jedoch bereits im Alter von nur 47 Jahren. Jenes Museumsgebäude wurde im Jahr 1919 verkauft. Über einen Zeitraum von zehn Jahren mussten die Sammlungen an verschiedenen Orten provisorisch untergebracht werden. Die Situation verbesserte sich entschieden, als 1929 die Sammlungen im Gebäude der ehemaligen Neuen Schule untergebracht werden konnten.

Bei meinen Recherchen stieß ich noch auf eine andere Persönlichkeit, die sich um die naturkundlichen Sammlungen Mecklenburgs besonders verdient gemacht hat. Es handelt sich um den Verwaltungsmann Karl Bartels, der von 1884 bis 1957 lebte. Er arbeitete zunächst bei der Post, dann im gehobenen Dienst bei der Finanzbehörde. Karl Bartels wird als Ornithologe und Naturschützer der ersten Stunde bezeichnet. Ab 1929 betreute er “ehrenamtlich” die Vogelsammlung. Er setzte sich bei den Behörden Mecklenburgs für den Schutz der im Raum Müritz lebenden Seeadler und Fischadler ein.

Die naturkundlichen Sammlungen sind im alten Backsteinbau untergebracht. Dort wird auch die Dauerausstellung “Natur im Sammlungsschrank” präsentiert. Im Foyer dieses Hauses ist ausgestopfter Rothirsch zu sehen, der vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickte. Bemerkenswert ist auch der 7 m hohe Bohrkern mit maßstabsgetreu angeordneten Segmenten. Dieses Schaustück gibt Aufschluss über die Erdzeitalter Trias, Jura, Kreide, Tertiär und Quartär.

Bestandteil dieser Sammlungen ist zunächst ein Herbar ( Sammlung getrockneter und gepresster Pflanzen), sodann eine geologische Sammlung. Außerdem werden eine Insektensammlung, eine Vogelsammlung und eine Molluskensammlung verwahrt. Die Pflanzensammlung umfasst Farne, Blütenpflanzen, Moose, Algen, Pilze und Sondersammlungen wie Samen oder Holzproben. Das Herbar hat einen Umfang von 35.000 Pflanzenbelegen. Die geologische Sammlung umfasst mehr als 25.000 Gesteine, Mineralien und Fossilien. Die Insektensammlung hat einen Umfang von 175.000 Belegen. Den größten Anteil haben hierbei die Käfer, Schmetterlinge und Hautflügler. Die Molluskensammlung hat 7.000 Belege zu verzeichnen. Den Schwerpunkt bilden die Belege aus Mecklenburg-Vorpommern. Es ist aber auch ein kleinerer Bestand an tropischen Landmollusken sowie marinen Schnecken und Muscheln vorhanden. Hinsichtlich der Vogelsammlung ist zu vermelden, dass diese durch Neupräparation und die Übernahme von Sammlungsgut ständig erweitert wird. Bereits seit 1869 wurden etliche Sammlungen übernommen. Im 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts unterstützten vor allem Ornithologen aus dem Verein der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg die Arbeit des Museums. Heute verfügt die Vogelsammlung über mehr als 3.000 Standpräparate und Bälge, rund 4000 Gelege, mehr als 11.000 Eier, ca. 670 Rupfungen und ungefähr 270 Skelette.

Ein wesentlicher Bestandteil des Museums ist die Bibliothek. Sie hat 16.000 Buchbände und 102 Zeitschriftenreihen aufzuweisen. Hierbei handelt es sich in erster Linie um naturkundliche Fachliteratur. Es werden aber auch “Mecklenburgica” bereit gehalten. Das älteste Buch stammt aus dem Jahr 1588.

Ich vernahm, dass Waffen, Musikinstrumente und andere ethnologische Sammlungsstücke aus Afrika in den Museumskomplex gelangten. Dieses trifft auch für Archivarien, Gemälde, Fotoalben und besondere Jagdtrophäen zu. Auf der Website des Müritzeums ist zu lesen, dass sich aus Briefen Lebensläufe erschließen, Bilder von Expeditionen und Sammelreisen berichten, Handschriften, Manuskripte, Zeichnugen, Kataloge und Bücher die akribische Arbeitsweise der Naturwissenschaftler belegen.

Der interessierte Besucher kann in der naturkundlichen Museumsanlage noch spezielle Erfahrungen machen. Im Forscherkabinett kann er nämlich sämtliche Werkzeuge in die Hand nehmen. Außerdem kann er die digitale wissenschaftliche Spezialbibliothek am PC erkunden. Ferner wird gezeigt, wie präpariert wird.

Einer Erwähnung wert ist meines Erachtens ebenso die historische Landkartensammlung. Als herausragendes Exemplar wird eine “Brouillon-Karte” von 1766/67 genannt. Diese “Entwurfskarte” ist 4,70 m x 3,00 m groß. Zu ihrer Erhaltung bedurfte es besonderer konservatorischer Maßnahmen.

14.11.2011

Müritzeum (2)

Die Entwürfe für das Müritzeum stammen von einer schwedischen Architektin. Es wurde mit dem Landesbaupreis 2007 von Mecklenburg-Vorpommern bedacht. Da ich dieses Bauwerk nur aus Abbildungen kenne, kann ich mir noch kein Urteil über die Architektenleistung erlauben. Dem ersten Anschein nach kann ich ihm eine gewisse Imposanz nicht absprechen. Das Gebäude macht auf mich einen unkonventionellen Eindruck. Es wirkt auf mich bizarr. Auf der Website des Müritzeums ist zu lesen, dass die Fassade aus verkohlten Lärchenbrettern auf elegante Weise archaische Natürlichkeit mit technischer Modernität verbindet. Das Gebäude füge sich harmonisch in seine Umgebung mitten in der Altstadt von Waren ein. 720 Kubikmeter Beton würden allein in der 1.200 Quadratmeter großen Bodenplatte stecken. Die schrägen, um 60 Grad geneigten Wände seien aus Sichtbeton gegossen. Eine eingekerbte Fassadentreppe auf der Westseite führe auf die 312 Quadratmeter große Holzterrasse, die einen herrlichen Blick über die Müritz biete. Das Haus sei mit 20.000 Metern angesengten Holzbohlen verkleidet worden. Bei dieser Maßnahme sei auf die regionale Tradition des Teeschwelens zurückgegriffen worden. Von den für den Landesbaupreis bestellten Juroren sei das besagte Gebäude unter anderem wie folgt gewürdigt worden: “Die Materialwahl aus abgeflammter Holzverschalung deutet beim näheren Herantreten auf den nachhaltigen Umgang mit heimischen nachwachsenden Erzeugnissen hin und macht auf selbstverständliche Weise auf das Innere neugierig. Es ergeben sich partielle räumliche Zusammenhänge, die sich besonders spannend beim Aufeinandertreffen des Aquariums mit dem Herrensee erweisen. Damit gelingt sowohl die Einbindung des Herrensees als auch die neue Begrüßung der historischen Altstadt“. Bei der Würdigung der Juroren war folglich von einer außergewöhnlichen Architektur die Rede.

Nach meiner Einschätzung setzen die Betreiber des Müritzeums in besonderem Maße auf “Eventtouristen”. Bei der Vorstellung der Anlage wird deren Charakter als Erlebniszentrum hervorgehoben. Ein bestimmter Bereich des Hauses hat die Bezeichnung “Welcome-Center” erhalten. In dieser Einrichtung erhalte der Besucher Aufschluss über das Müritzeum und die Mecklenburgische Seenplatte. Als ein Schaufenster der Region könne das “Forum” bezeichnet werden. Dieses habe eine Höhe von 7 Metern und einen Durchmesser von 17 Metern. Von großen Leinwänden herab würden “quirlige Gewässer prasseln und Bäume geheimnisvoll flüstern“. In dieser Erlebniswelt komme dem Herrensee als 1 Hektar großem Naturgewässer eine besondere Bedeutung zu. Ein abwechslungsreicher Park, der direkt an die Warener Altstadt grenze, sei ein gern genutzter Erholungsraum. Im Park würde eine 150 Jahre alte Rosskastanie stehen, die 26 Meter hoch sei und einen Umfang von 3,90 Meter habe. Auch sei ein Erlebnispfad angelegt worden, auf dem sich der Besucher mit einheimischen Gehölzen und Stauden vertraut machen könne. Ferner sei hier eine Behausung von Bienen zu betrachten. Außerdem werde an die Kinder der Gäste gedacht. Für diese sei ein Abenteuerspielplatz eingerichtet worden. Es würde auch einen Museumsshop und ein Restaurant geben, das den Namen “Blaue Perle” trage.

Hinsichtlich der musealen Ausrichtung der um das Müritzeum geschaffenen Erlebniswelt wird betont, dass Moor, Tierwelt und Wald anschaulich dargestellt werden. Dieses gelte auch für eine Zeitreise zur letzten Eiszeit, die die Entstehungsgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns veranschauliche. Auch der Steinzeit würde die Ihr gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Die erwähnte Zeitreise vernachlässige außerdem nicht die Ära, in der die Slawen in Mecklenburg dominierten. Ebenso würde das Mittelalter behandelt. Die Zeitreise führe den Besucher schließlich bis in die Jetztzeit. Grundlage für die heute vorhandenen 280.000 Exponate seien die Sammlungen des Naturhistorischen Museums für Mecklenburg, das 1866 von Hermann Freiherr von Maltzahn gegründet worden sei.

07.11.2011

Griechische Verhältnisse

Ich kann mich nicht entsinnen, dass sich die deutschen Medien vor Ausbruch der so genannten griechischen Finanzkrise in den letzten Jahrzehnten intensiv mit Hellas beschäftigt hätten. Ich habe mich auch nicht besonders um die griechische Politik gekümmert. Aufgefallen war mir, dass sich nach meinem Empfinden Sozialdemokraten und Konservative relativ häufig nach nur kurzer Zeit in der Regierungsverantwortung abwechselten. Hierbei spielten nach meiner Wahrnehmung zwei Politikerfamilien eine bedeutende Rolle. Auf Seiten der Sozialdemokraten war dieses die Familie Papandreou, während bei den Konservativen die Familie Karamanlis dominierte. Es hatte sich mir nämlich eingeprägt, dass die Ministerpräsidenten Griechenlands oft die Namen Papandreou und Karamanlis trugen. Früher wurde in den Medien auch noch über die griechische Königsfamilie berichtet. Nach meiner Erinnerung war die Mutter des Königs Konstantin II, Friederike, in besonderem Maße Gegenstand medialer Aufmerksamkeit. Sie soll meines Wissens eine expansive Persönlichkeit mit großem Einfluss gewesen sein. Von Konstantin II ist in meinem Gedächtnis haften geblieben, dass er den Segelsport exzessiv betrieb und für sein Land aktiv an Olympischen Spielen teilnahm. Über das Schicksal dieses Königs weiß ich nahezu nichts. Ich habe nur behalten, dass er seinen Status als König von Griechenland verloren hat und irgendwo als Privatier lebt. Beeindruckt hat mich seinerzeit der Putsch griechischer Militärs des Jahres 1967. Diesen Putsch und die anschließende Militärdiktatur verbinde ich mit den Namen Papadopoulos und Pattakos. Soweit ich mich erinnere stand damals Papadopoulos der Junta vor. Es war die Rede von gnadenloser Unterdrückung politischer Gegner, die auch grausamen Folterungen durch die Schergen der Junta ausgesetzt waren. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, konnte sich die Junta beachtlich lange an der Macht halten. In diesen Zeiten des Kalten Krieges machten nach meinem derzeitigen Kenntnisstand die Westmächte keine Anstalten, das diktatorische Regime zu stürzen. Die Junta bestand ja aus Antikommunisten. Dieser Umstand reichte anscheinend den Westmächten für die Tolerierung einer Diktatur aus. Griechenland befand sich in einer Region, in der die Nachbarländer mit Ausnahme der Türkei westlichem Einfluss entzogen waren. Im Norden grenzte es an das Ostblockland Bulgarien, das als besonders treuer Verbündeter der Sowjetunion galt. Auch hatte es eine lange Grenze mit Albanien, wo der Diktator Enver Hodscha, angelehnt an China, eine strenge Form des Kommunismus pflegte. Im Jahr 1986 verbrachte ich Urlaubswochen auf der Insel Korfu, die bekanntlich in unmittelbarer Nähe Albaniens liegt. Eine spezielle Touristenattraktion bestand darin, von einer Anhöhe aus einen Blick auf das jenseitige Ufer zu werfen, wo das unheimliche Albanien lag. Auch grenzte Griechenland an die blockfreie Sozialistische Republik Jugoslawien, die sich wegen ihres politischen und wirtschaftlichen Systems auch keiner allzu großen Beliebtheit bei den Westmächten erfreute. Ich habe nicht vergessen, dass griechische Kommunisten dereinst, zumal im Norden des Landes, großen Einfluss hatten und dort auch an der Macht gewesen waren. Vielleicht vermuteten gewisse Kreise in den westlichen Demokratien wegen dieser Vergangenheit bei griechischen Bürgern eine gewisse Anfälligkeit für kommunistisches Gedankengut. Dieses könnte ihre Haltung gegenüber der griechischen Militärdiktatur beeinflusst haben.

Ich habe um 1970 herum aus der Reihe “ro ro ro aktuell” ein Taschenbuch mit dem Titel “Schwarzbuch der Diktatur in Griechenland” erworben. Ich dürfte wohl einige Passagen dieses Buches gelesen haben. Meine Erinnerung an diese Schrift ist jedoch völlig verblasst. Ich habe vor, mich nunmehr intensiv mit diesem Buch zu beschäftigen.

07.11.2011

Müritzeum (1)

Auf das in Waren gelegene Naturmuseum “Müritzeum” wurde ich erst spät aufmerksam. Dieses geschah, als ich auf den Artikel “Von Bären und Bullen” in der Frankfurter Rundschau vom 02.07.2011 stieß. Dort wird diese Einrichtung wie folgt dargestellt: “Wie ein altersschwarzes Holzschiff liegt das Naturerlebniszentrum am Herrensee, zwei Stockwerke hoch ragt das Aquarium mit einem Schwarm silberner Maränen. In verschiedenen Becken tummeln sich nicht nur die wohlbekannten Hechte, Barsche und Forellen, sondern auch eher seltene Flossenträger wie Döbel, Zährte und Zope, Moderlieschen und Schlammmpeitzger. In den Räumen rundherum dreht sich alles um die Müritz als Lebensraum: Was spielt sich um die Wurzeln einer umgekippten Kiefer ab? Wodurch unterscheiden sich Versumpfungs-, Kessel- und Durchströmungsmoor? Wie finden junge Fischadler eigentlich ganz allein nach Afrika?” Diese wenigen Worte weckten meine Neugier und ich begann im Internet zu recherchieren. Ich hatte mich ja im Jahr 1998 kurz in Waren aufgehalten, von einem dort befindlichen Aquarium und naturkundlichen Sammlungen hatte ich jedoch nichts gewusst. Das Müritzeum wurde zwar erst am 02.08.2007 eröffnet, aber es gab auch schon damals ein bedeutendes Aquarium aus DDR-Zeiten und umfangreiche naturkundliche Sammlungen. In Waren wurde nämlich am 24.06.1982 das Müritz-Aquarium eröffnet. Auf einer Grundfläche von 200 Quadratmetern entstanden seinerzeit 16 Aquarien mit insgesamt 25.000 Litern Fassungsvermögen. Hier wurden 20 einheimische Fischarten gezeigt. Aus Gründen der Kostenersparnis wurde in dieser Anlage keine Heizung installiert. Den Mitarbeitern des Müritz-Aquariums soll diese Situation gar nicht gefallen haben. Die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen sollen jedoch einen großen Vorteil für die Haltung einheimischer Kaltwasserfische darstellen. Es wird berichtet, dass der natürliche biologische Jahresrhythmus auch bei seltenen und gefährdeten Arten zu Zuchterfolgen führt. In den neunziger jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Anlage durch mehrere Kleinaquarien erweitert. Seit der Eröffnung des Müritzeums ist aber das Müritz-Aquarium für Besucher geschlossen. Prunkstück dieses Hauses ist das neue große Aquarium, das 100.000 Liter Wasser fasst. Es weist eine 27 cm dicke Glasscheibe auf. Diese Scheibe hat eine Größe von 6x6 Metern. Es soll sich bei ihr um die größte jemals in Europa hergestellte Scheibe handen. Das neue Haus verfügt über eine Klimaanlage. Nach der Website des Müritzeums sollen in dem besagten Becken 600 Maränen leben. Zur gesamten Anlage gehören 24 Becken, in denen 40 einheimische Fischarten, Krebse, Sumpfschildkröten und Wasserpflanzen zu besichtigen sind. Mittlerweile wird die Nachzucht in den Anlagen des Müritzeums forciert. Hierzu werden die Becken der unter der Bezeichnung Müritz-Aquarium bekannten Einrichtung genutzt. Interessant finde ich vor allem, dass die in Deutschland selten gewordenen Flussbarben nachgezogen werden. Diese werden sogar in Gewässern Brandenburgs ausgewildert. Der Verfasser des erwähnten Artikels in der Frankfurter Rundschau hat bereits eine Reihe mir nicht unbedingt geläufiger Fischarten aufgezählt. Auf der Website desMüritzeums fand ich jedoch noch eine Anzahl von Fischarten vor, von denen ich nicht behaupten kann, dass sie sich tief in mein Gedächtnis eingegraben haben. Es sind dies Aland, Bitterling, Blei, Giebel, Gründling, Güster, Hasel, Ostseeschnäpel, Quappe, Rapfen, Schmerle, Sterlet, Ukelei und Waxdick. An Elritze, Karausche und Plötze kann ich mich unterschiedlich schwach erinnern. Ich möchte dieses zum Anlass nehmen, meine bescheidenen Kenntnisse der Ichthyologie ein wenig zu erweitern.

31.10.2011

Bärenwald-Müritz (2)

Der Bärenwald-Müritz liegt in der Gemeinde Bad Stuer am Südende des Plauer Sees. Zu ihm gehört eine Fläche von 16 Hektar. Auf dieser Fläche wurden drei unterschiedlich große Gehege eingerichtet. Auf der Homepage des Bärenwaldes ist davon die Rede, dass diese Einrichtung den Bären einen Lebensraum bietet, der ihren natürlichen Anlagen entspricht. Im Bärenwald sei eine abwechslungsreiche Landschaft anzutreffen mit Mischwald, Wiesenflächen, Hanglagen und einem natürlichen Wasserlauf. Dieses seien optimale Voraussetzunge für Braunbären, ihr natürliches Verhalten wiederentdecken und ausleben zu können. Eine massive Zaunanlage mit Alarmsystem und Notstromaggregat gewährleiste hohe Sicherheitsstandards. Bären in Gefangenschaft könnten nicht ausgewildert werden - sie seien zu abhängig vom Menschen und könnten in freier Wildbahn nicht überleben. Hier sei für die Bedürfnisse der Bären gesorgt worden. Sie könnten ihrem Bewegungsdrang nachkommem, sich zurückziehen, Höhlen graben und Winterruhe halten. Zur Zeit würden zwölf Braunbären in der Anlage leben. Durch die Erweiterung im Jahr 2011 sei Platz für weitere Bären geschaffen worden. Besucher könnten die Bären auf einer Wanderung durch den Wald erleben und an einzelnen Stationen mehr über diese interessanten Wildtiere erfahren. Spielplätze, ein Bistro und ein Shop würden das attraktive Angebot abrunden. Jene auf der Website erwähnten Stationen wurden jedoch nicht näher erläutert. Erst durch zeitraubende Recherchen im Internet konnte ich in Erfahrung bringen, dass zu den besagten Stationen eine so genannte Bärengalerie gehört. Diese soll in einem ausrangierten Zirkuswagen eingerichtet worden sein. Hier sollen “Hintergrundfotos” Aufschluss über das Schicksal der Tiere geben. Als eine weitere Station kommt eine auf einem der Spielplätze aufgestellte Wippe in Betracht. Durch dieses Gerät könne festgestellt werden, wie viele Personen benötigt werden, um einen Bären aufzuwiegen. Mehrere Beiträge berichten von einer Art Tunnel, der unter Anlegung einer am Eingang ausgegebenen Augenbinde betreten werden soll. In dieser Vorrichtung sei Peitschengeknalle zu hören und eine laute menschliche Stimme, die eines Dompteurs, mit folgendem Ausruf zu vernehmen sein: “Steh still! Auf deinen Platz! Zeig, was du kannst“! Durch diese Inszenierung werde nach dem Eindruck des Verfassers des Artikels “Von Bären und Bullen” in der Frankfurter Rundschau vom 02.07.2011 die Panik eines Tieres, das mit verbundenen Augen Kunststücke vorführen soll, fast körperlich erfahrbar. Auf einer Website war zu lesen, dass der Besucher sich auch in eine Bärenhöhle begeben könne. Über die Länge des Besucherrundwegs gibt die Website des Bärenwaldes keine Auskunft. Es wird lediglich behauptet, dass ein Rundgang zwei Stunden in Anspruch nimmt. Eine Besucherin, die eine Bewertung des Bärenwaldes-Müritz abgegeben hat, hat sich dahingehend geäußert, dass trotz intensiven Verweilens an den markanten Punkten der Anlage der Rundgang mit ihrer Familie schon nach einer Stunde beendet war. Dieses dürfte eine nicht unangemessene Verweildauer sein, denn auf einer anderen Website wurde bekundet, dass der besagte Besucherweg nur eine Länge von einem Kilometer hat. Die Besucherin gab im großen und ganzen ein positives Urteil über den Bärenwald Müritz ab. Die Einrichtungen des Bärenwaldes einschließlich der sanitären Anlagen machten auf die Dame einen sauberen und gepflegten Eindruck. Sie hob die Eingangshalle hervor, die auf sie hell und freundlich wirkte. Auch die Spielplätze und die weiteren für eine Rast vorgesehenen Stätten mit Tischen und Bänken gefielen ihr. Negativ fiel ihr auf, dass überall auf dem Rundgang Spendenaufrufe angebracht waren. Den Eintrittspreis für eine aus zwei Erwachsenen und zwei Kindern bestehende Familie von 15,50 Euro empfand sie für einen einstündigen Rundgang als zu hoch. Auch hätte sie gern mehr zoologisch fundierte Informationen über die Spezies Bär erhalten. Die gegebenen Informationen hätten fast nur das Schicksal der dort verwahrten Tiere behandelt und würden allzu sehr an das Mitleid appellieren. Sie berichtete übrigens, dass sie sämtliche Bären gesehen hätte. Der erwähnte Redakteur der Frankfurter Rundschau hatte fünf Bären gesehen. Aber im Internet wurde auch darüber unterrichtet, dass manche Besucher erst beim zweiten oder dritten Rundgang einen Bären zu Gesicht bekommen hätten.

Ein offensichtlich entschiedener Naturschützer hatte einige Kritikpunkte auzumerken. Aus seiner Sicht hat der Bärenwald-Müritz mehr den Charakter eines Gnadenhofs oder Altersruhesitzes für Bären. Ein forstlich ungepflegtes Stück Wald sei noch lange kein Urwald, und zu einer artgerechten Haltung gehöre mehr als ein großer Auslauf. Auch gehöre es zum Naturschutz, dass sich die Tiere vermehren können.

Ich habe im vorigen Beitrag schon angeführt, dass Bären Einzelgänger sind. Sie würden nur zur Paarung für kurze Zeit einen Partner suchen. Der Nachwuchs dieser Allesfresser komme meist im Winter zur Welt. Hierbei handele es sich um ein bis drei Junge. Zwei bis drei Jahre nach der Geburt lockere sich die Mutter-Kind-Beziehung. Das Längenwachstum sei nach sechs Jahren, das Breitenwachstum nach acht Jahren abgeschlossen. Für den Winterschlaf soll sich der Bär eine isolierende Fettschicht zulegen. Er reduziere auch seinen Energieverbrauch. Seine Körpertemperatur sinke um fünf Grad. Sein Herz würde statt 40 mal nur noch 8 mal pro Minute schlagen.

24.10.2011

Bärenwald-Müritz (1)

Von der Existenz des Bärenwaldes-Müritz habe ich durch den Artikel “Von Bären und Bullen” in der Frankfurter Rundschau vom 02.07.2011 erfahren. Dieser Artikel weckte meine Neugier, zumal ich mich für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern besonders interessiere. Der besagte Artikel enthielt auch einen Hinweis auf den Betreiber des Bärenwaldes. Hierbei handelt es sich um die Tierschutzorganisation “Vier Pfoten”. Diese Organisation war mir auch gänzlich unbekannt. Sie bezeichnet sich als eine internationale Tierschutzorganisation mit Hauptsitz in Wien. “Vier Pfoten” setze sich seit 1988 für den Schutz der Tiere ein. Für die Ziele der Organisation würden Projekte und Kampagnen ins Leben gerufen. Es würde Informations-und Lobbyarbeit geleistet. Es sollten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Veränderungen zum Wohle der Tiere erreicht werden. “Vier Pfoten” arbeite unabhängig von Regierungen, politischen Parteien und wirtschaftlichen Interessengruppen. Die Organisation sei Ansprechpartner für Medien, Verbraucher, Wirtschaft und Politik. Ihre Kampagnen würden Missstände in der Tierhaltung aufdecken und Alternativen zeigen. “Vier Pfoten” fordere artgerechte Lebensbedingungen für Nutztiere und “Heimtiere“, ein Ende von Tierversuchen sowie ein Verbot der privaten Wildtierhaltung. Die Projekte der Organisation würden Tieren in Not direkt und nachhaltig helfen. Ihre Bärenwälder in Österreich Bulgarien und Deutschland böten Braunbären aus schlechter Haltung einen natürlichen Lebensraum. Hier könnten sie Instinkte wiederentdecken und ihr natürliches Verhalten ausleben. Ein Grundsatz aller Bärenprojekte von “Vier Pfoten” sei, dass die Tiere nicht zur Schau gestellt werden. Der Kontakt zum Menschen werde auf ein Minimum beschränkt. Der Braunbär solle die Möglichkeit haben, sich seinen eigenen Tagesablauf zu schaffen. Wie in freier Wildbahn würden die Bären der Organisation den Großteil des Tages mit der Nahrungsaufnahme verbringen. Ich las, dass Bären in freier Wildbahn täglich im Durchschnitt sechzehn Stunden auf Nahrungssuche sind. Die Tierpfleger der Bärenwälder von “Vier Pfoten” würden das Futter im Gehege verstecken und laufend neue Beschaffungsmöglichkeiten entwickeln. Futterspiele würden Anforderungen an die Intelligenz und das Geschick der Bären stellen. Erfahrene Tierpfleger und Wildtierärzte würden die Bären individuell betreuen, um Verhaltensänderungen der durch falsche Haltung traumatisierten Tiere zu erreichen. Das Verhalten der Bären werde beobachtet und dokumentiert. Die Organisation arbeite eng mit Wissenschaftlern und Universitäten zusammen, die ihre Projekte begleiten würden. In ihren Bärenwäldern betreibe sie keine Nachzucht von Wildtieren in Gefangenschaft. Alle männlichen Bären seien kastriert. Ein Bär habe Ansprüche an seinen Lebensraum, die in Gefangenschaft nur schwer realisiert werden könnten. Der Bärenwald-Müritz biete den Tieren Lebensbedingungen, die denen in freier Wildbahn ähneln würden. Außerdem würden Tiertherapien durch Beschäftigungsmaßnahmen durchgeführt. Bei ihrer Ankunft im Bärenwald würden die Tiere medizinisch versorgt. Sie kämen zunächst in ein Eingewöhnungsgehege. Sie müssten vor allem an Bewegungsfreiheit gewöhnt werden und bekämen Gelegenheit, das Gelände zu erkunden. Bei einem bestimmten Stadium der Eingewöhnung werde die Verbindung zu den Nachbargehegen geöffnet, damit die Neuankömmlinge die im Bärenwald lebenden Artgenossen kennenlernen könnten. Obwohl Braunbären in freier Wildbahn Einzelgänger seien, “vergesellschafte” die Organisation diese in ihren Bärenschutzzentren. Die Tiere blieben in kleinen Gruppen zusammen. Dieses wirke sich positiv auf ihr Verhalten aus. Durch den Sozialkontakt und die Beschäftigung miteinander nähmen auch Verhaltungsstörungen schneller ab. Ferner würde der Lebensraum der Bären bereichert und ihr natürliches Verhalten gefördert. Auch das Ausleben saisonaler Verhaltensweisen spiele eine große Rolle. Das natürliche Geländeprofil erlaube den Tieren, sich für die Winterruhe eigene Höhlen zu graben.

17.10.2011

Müritz-Nationalpark (2)

Das Gründungsdatum des Müritz-Nationalparks ist der 01.10.1990. Die Gründung dieses Reservats war eine der letzten Handlungen der politischen Gremien der DDR. Der Müritz-Nationalpark ist auch ein besonderes Schmuckstück der neuen Bundesrepublik. Er hat eine Gesamtfläche von 322 km². Das Teilgebiet Müritz umfasst eine Fläche von 260 km², während sich das Teilgebiet Serrahn über 62 km² erstreckt. 72% des Nationalparks bestehen aus Wäldern. Die Seen machen 13% der Fläche aus, auf waldfreie Moore entfallen 8%. Der Anteil des Grünlands beträgt 5%, der der Äcker 2%. Gänzlich unbesiedelt ist der Nationalpark jedoch nicht. Es befinden sich auf ihm immerhin 17 Gemeinden. Mit 53 Einwohnern pro Quadratkilometer kann die Region, in der der Nationalpark liegt, als dünn besiedelt bezeichnet werden. Bemerkenswert finde ich, dass im Nationalpark 107 Seen liegen, deren Größe einen Hektar übersteigt. Außerdem gibt es hier noch viele kleinere Gewässer. Die Müritz ist mit einer Fläche von 117 Quadratkilometern der größte See Norddeutschlands. Es wurde aber nur ein relativ kleiner Teil der Uferregion in den Nationalpark einbezogen. Hierbei handelt es sich im Bereich des Ostufers um einen 500 m breiten und 10 km langen Abschnitt. 75 % der Waldgebiete des Nationalparks bestehen aus Kiefernwäldern. Im Teilgebiet Serrahn kommt jedoch dem legendären Bestand an Buchen eine besondere Bedeutung zu. Hinsichtlich der Flora sind die großen Schneidriedflächen hervorzuheben, die sich von Muritzhof bis zum Specker See erstrecken. Auch das Wollgras und die Weiße Seerose sind markante Erscheinungen der dortigen Pflanzenwelt. Was die Tierwelt anbetrifft, so sind der Rothirsch und der Moorfrosch zwei signifikante dort lebende Arten. Auf dem Areal des Nationalparks sind auch einige Erhebungen zu verzeichnen. Vielleicht bieten diese dem Besucher einen guten Ausblick. Im Bereich des Teilgebiets Müritz stellt der Kätlingsberg mit 100,3 m die höchste Erhebung dar. Der Teilbereich Serrahn weist gleich zwei Hügel auf, die erheblich höher sind als der Kätlingsberg. Es sind dieses der Hirschberg mit 143,7 m und der Warsberg mit 143,2 m. Eine Abwechselung im Landschaftsbild bieten auch in diesem Teil des Nationalparks die Seen. In erster Linie ist hier der Fürstenseer See zu nennen.

Diese Region wurde ebenfalls vom eiszeitlichen Wirken geprägt. Es sind Endmöränen auszumachen, die bis zum Quellgebiet der Havel anzutreffen sind. Diese Endmoränen befinden sich vor allem im Nordosten des Müritz-Nationalparks. Südlich der Endmoräne wurden Sander abgelagert. Dieses geschah nach der letzten Eiszeit vor 15.000 Jahren. Eine weitere Besonderheit in dieser Gegend sind so genannte Binnendünen. Diese sind häufig sogar bewaldet. Die Binnendünen sind dadurch entstanden, dass beim Abtauen der Eismassen am Ende der letzten Eiszeit Schmelzwasserströme großflächig Sand ablagerten. Durch die Kraft des Windes wurde der lockere Sand zu beachtlichen Dünen aufgetürmt. Diese Dünen erreichen teilweise eine Höhe von 5 m.

Erstaunlich finde ich, dass jährlich lediglich 500.000 bis 1 Million Personen den Müritz-Nationalpark besuchen. Dieser liegt doch nicht gar so weit entfernt von den Metropolen Berlin und Hamburg und ist doch mit dem Auto relativ gut zu erreichen.

10.10.2011

Müritz-Nationalpark (1)

Vor einigen Wochen stand der Müritz-Nationalpark im Blickpunkt der Medien. Dieses ist wohl darauf zurückzuführen, dass ein Bestandteil dieses Nationalparks, der Serrahner Buchenwald, gemeinsam mit anderen deutschen Buchenwäldern den Status eines Weltnaturerbes erhielt. Der Serrahner Buchenwald ist übrigens von dem an die Müritz grenzenden weitaus größeren Teil des Nationalparks räumlich getrennt. Zwischen diesen beiden Teilen liegt die Stadt Neustrelitz. Ich habe den Müritz-Nationalpark noch nicht aufgesucht, bin ihm aber schon sehr nahe gekommen. Ich bin nämlich einmal am Ufer der Müritz, von Waren kommend, gewandert. Dieses geschah im Jahr 1998 anlässlich eines Betriebsausflugs, bei dem ich die freie Zeit dazu nutzte, die Landschaft südlich von Waren ein wenig zu erkunden. Hierbei nahm ich den Weg am See, machte aber auch einen Abstecher in den Wald. Diese Landschaft sagte mir zu. Zum Programm des Betriebsausflugs gehörte eine sehr interessante Fahrt mit einem Motorschiff, die in Waren endete. Nach meiner Erinnerung begann diese Fahrt in Plau am See. Sie führte über den Plauer See, den Fleesensee und den Kölpingsee in die Müritz. Diese Seen sind durch Kanäle miteinander verbunden. Ich verbrachte diese mir recht lang erscheinende Fahrt stehend an Deck. So konnte ich mich mit Ausnahme der Zeiten, in denen ich in Gespräche verwickelt wurde, voll auf die Landschaft konzentrieren. Mich beeindruckten die Weite und die Naturbelassenheit. Spuren menschlichen Treibens waren an diesem Werktag hier ziemlich selten auszumachen. Wenn mir auch bekannt war, dass Mecklenburg nicht besonders volkreich ist, so erschien mir diese Region für deutsche Verhältnisse als extrem dünn besiedelt. Während der Fahrt sah ich Vögel aller Art. Da meine Kenntnisse im Fach Ornithologie begrenzt sind, fiel es mir schwer, sie zu bestimmen. Nach meinen Recherchen sind in dieser Region folgende Vogelarten anzutreffen: Kranich, Höckerschwan, Graugans, Stockente, Blessralle, Haubentaucher, Rohrdommel, Seeadler, Mäusebussard, Habicht, Waldkauz, Waldohreule, Kolkrabe, Eichelhäher, Schwarzspecht, Grünspecht, Mittelspecht, Buntspecht, Kleiber und Baumläufer. Jene Schifffahrt führte auch vorbei am Wisente Schaugehege. Dieses liegt auf einer in den Kölpinsee hineinragenden Halbinsel. Auf meinem Pocketatlas Deutschland ist das Schaugehege vermerkt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich damals von dieses Einrichtung Notiz genommen hätte. In mein Bewusstsein geriet das Schaugehege vor allem durch den Artikel “Von Bullen und Bären” in der Frankfurter Rundschau vom 02.07.2011. Der betreffende Artikel stand im Reiseteil dieser Zeitung. In Beiträgen dieser Art wird es selten versäumt, auf entsprechende Attraktionen hinzuweisen. So gab es auch einen Hinweis auf die Website der “Wisentinsel”. Ich vernahm, dass das Areal, auf dem die Wisente leben, Damerower Werder heißt. Das Areal ist 320 ha groß. Es ist fast vollständig bewaldet. Hier lebt eine Herde von Wisenten in freier Wildbahn zwischen Rehen, Hirschen, Füchsen und Wildschweinen. Über ihre Zahl wurden verschieden Werte veröffentlicht. Eine Quelle sprach davon, dass 30 bis 35 Tiere in freier Wildbahn leben. Nach einer anderen Quelle lebt eine Herde von 15 erwachsenen Tieren in freier Wildbahn, während 8 erwachsene Tiere in zwei Schaugehegen gehalten werden. Hier wurden bereits 1957 Wisente angesiedelt. Die Anregung zu diesem Unterfangen kam aus Polen, wo man schon früh bemüht war, diese Tiere zu erhalten und sie wieder einem natürlichen Lebensraum zuzuführen. Wisente lebten nämlich viele Jahrzehnte vor allem in Zoologischen Gärten. Einst hatten sich polnische Könige um die Erhaltung der Wisente verdient gemacht. Diese Tierart hatte im Bialowieza Urwald einen Schutzraum. Dort sorgten sich sogar angestellte Wildhüter um die Tiere. Aber im Zuge der mit dem Ersten Weltkrieg einhergehenden Verwerfungen ging es den Wisenten auch im Bialowieza Urwald schlecht. Sie waren bei Soldaten und Wilderern als Fleischlieferanten begehrt. 1921 waren die sich dort frei bewegenden Tiere ausgerottet. 1929 wurden wieder Wisente in diese Region gebracht. Zunächst waren sie in einer Zuchtstelle untergebracht. 1952 konnten sie sich im gesamten Urwald bewegen. Polen schenkte der DDR sowohl ein weibliches als auch ein männliches Tier. Dieses Geschenk führte in Mecklenburg zu einem beachtlichen Zuchterfolg. Während frei lebende Wisente in westeuropäischen Ländern schon frühzeitig ausgerottet waren, haben sie sich auf deutschem Boden noch relativ lange gehalten. Zuletzt lebten sie noch in Sachsen in freier Wildbahm. Dieses geschah bis 1762.

08.08.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen

Auf seiner Website hat der Museumshafen-Oevelgönne e.V. eine stattliche Anzahl von Segelschiffen unterschiedlicher Gattungen aufgeführt. Hierzu zählen auch mehrere Schiffe, die aus der Schiffbautradition der Niederlande stammen. Unter der Rubrik “Eigner” ist jeweils privat eingetragen. Dieses gilt auch für andere dort aufgelistete Segelschiffe. Die Beziehung dieser Fahrzeuge zum oben aufgeführten Verein dürfte daher nur sehr lose sein. Diese besteht meines Erachtens nur in der gemeinsamen Nutzung des Liegeplatzes. Der Museumshafen-Oevelgönne e.V. ist hingegen für drei Schiffe als Eigner verzeichnet. Hierbei handelt es sich um den Hochseekutter “Präsident Freiherr von Maltzahn”, den Besamewer “Moewe” und das Fischerboot “Schanze”. Eigner des Ewers “Elfriede” ist das Altonaer Museum. Für diesen Ewer hat der Verein die Funktion des Betreibers.

Eine besondere Rolle für den Verein spielt nach meiner Wahrnehmung der Hochseekutter “Präsident Freiherr von Maltzahn”,der ursprünglich zur Gattung der Finkenwerder Fischkutter zählte. Dieses Fahrzeug wurde 1928 auf der Sietas-Werft in Cranz für zwei verschwägerte Finkenwerder Fischer gebaut, die es auch gemeinsam betrieben. Die besagten Fischer übernahmen folglich das Schiff noch vor Eintritt der im Jahr 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise. Benannt wurde es nach dem Präsident des Fischereiverbandes Rügen. Jener Freiherr von Maltzahn war bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Den verhängnisvollen Flug hatte er zur Wahrnehmung dienstlicher Belange angetreten. Bereits im Jahr 1933 kam es zu einer Zwangsversteigerung dieses Schiffes. Ich vermute, dass ein Zusammenhang mit den durch die Weltwirtschaftskrise ausgelösten Verwerfungen besteht. Der Cuxhavener Seeschiffer Jonny Lohse ersteigerte den Kutter. Dieser Seeschiffer war offensichtlich wirtschaftlich erfolgreicher als die Vorbesitzer. Er blieb fast drei Jahrzehnte der Eigner. Noch 1933 bekam das Schiff einen neuen Motor. Ich wurde auf der Website des Vereins darüber unterrichtet, dass 1936 die “Bünn” dichtgemacht wurde. Unter diesem Begriff konnte ich mir nichts vorstellen. Ich konnte mit Hilfe von Google in Erfahrung bringen, dass es sich bei der “Bünn” um einen seewasserdurchspülten Fischkasten mitten im Schiff handelt, mit dem die Kutter ihren Fang lebend zum nächsten Hafen transportierten, um dort frische Ware anzulanden. Als neue Erungenschaft sei ein Eisraum eingebaut worden.

Im Zweiten Weltkrieg sei der Kutter samt Besatzung zur Marine eingezogen worden. Dort sei er zur Minenbekämpfung in der Ostsee eingesetzt worden. Zum Zeitpunkt der Kapitulation des Nationalsozialistischen Regimes habe sich das Schiff auf einer Werft in Cuxhaven befunden. Es sei nicht von der britischen Besatzungsmacht zu Reparationszwecken beschlagnahmt worden, sondern habe alsbald wieder zum Fischfang eingesetzt werden können. In den späten fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sei es angeblich für den Fang von Thunfisch im Seegebiet der Nordsee verwendet worden. 1961 sei der Seeschiffer Jonny Lohse gestorben.

In den kommenden Jahren begann der Niedergang dieses stolzen Hochseekutters. Zwei Jahre nach Jonny Lohses Tod wurde der Kutter vom Wischhafener Yachtklub übernommen. Die erdverwachsenen Niedersachsen gaben ihn vielleicht als Notopfer Berlin an Spree Segler weiter. Diese Landratten versagten dem Traditionsschiff eine würdige Handhabung. Es blieb nicht dabei, dass sie den Pitchpine-Mast absägten und den Loskiel entfernten. Sie schlachteten das Schiff sogar einschließlich des Mahagonilogis aus. Dann waren sie offensichtlich mit ihrem Latein und ihren Finanzen am Ende. Über weitere Taten der Spree Segler wird nämlich nicht berichtet. Drei Jahre später, folglich 1966, habe der Kutter wieder in Wischhafen gelegen, augenscheinlich jedoch an einer ungünstigen Stelle. Bei Ebbe sei er “umgefallen” und später dann voll gelaufen. Ein der Werftindustrie verbundener Bürger aus Friedrichskoog äußerte die Absicht, das Schiff auf seine Kosten wieder instand zu setzen. Hieraus wurde jedoch nichts. Der Rumpf verkam weiter.

1983 erbarmte sich der Museumshafen-Oevelgönne des Torsos. Er kaufte den einem Wrack ähnelnden Restbestand des Kutters für 5000 DM. Dieser wurde zur Behrens Werft nach Finkenwerder verbracht. Dort wurde er unter Aufsicht von Herrn Joachim Behrens wieder aufgebaut. Die praktischen Arbeiten verrichteten ABM-Kräfte und Vereinsmitglieder. Alle Überwasserplanken, alle Decksbalken und das gesamte Deck mussten erneuert werden. Außerdem wurde eine gespendete Motorenanlage eingebaut. Ferner wurden die Decksaufbauten wiederhergestellt. “Die Präsident Freiherr von Maltzahn” soll als ursprünglicher Motorsegler untertakelt und ohne Mittelschwert gewesen sein. Bei der Restaurierung seien entsprechende Änderungen getroffen worden. Hierzu seien auch “anderthalb” Masten eingebaut worden. Am 15.04.1989 sei der Kutter wieder vom Stapel gelaufen. Dieses sei pünktlich zum 800. Hafengeburtstag geschehen.

Der Rumpf hat eine Länge von 22,80 m und eine Breite von 6,80 m. Der Tiefgang beträgt 3,60 m. Die Takelung des Schiffs fällt unter die Bezeichnung Gaffelketch. Die Segelfläche am Wind beläuft sich auf ca. 320 qm.

01.08.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (25)

Von der beträchtlichen Flotte des Museumshafens Oevelgönne e.V. haben mich einige Exemplare besonders beeindruckt. Über diese Fahrzeuge werde ich einige Anmerkungen machen. Die Daten stammen von der Website des Vereins. Wenn auch mein technisches Verständnis nicht sehr ausgeprägt ist, und meine Kenntnisse auf dem Gebiet der Technik gering sind, so haben mich dennoch vor allem die in der Kategorie “Dampfschiffe” geführten Fahrzeuge fasziniert. Manche dieser Schiffe waren aus meiner Sicht vor noch gar nicht so langer Zeit im Gebiet des Hamburger Hafens und der Unterelbe im Einsatz. Ich stelle mir vor, dass ich diese Schiffe damals bei ihrem Einsatz gesehen haben könnte. Diese Vorstellung weckt in mir gewisse nostalgische Gefühle.

Zunächst komme ich auf einen wahren Oldtimer zurück. Hierbei handelt es sich um den Dampfschlepper “Tiger” mit dem Baujahr 1910. Dieses Fahrzeug hatte einst die Aufgabe, Schuten und kleinere Seeschiffe zu schleppen und zu bugsieren. Dieses tat er bis 1965. Sein Rumpf hat eine Länge von 17,38 m und eine Breite von 5,26 m. Er ist aus Stahl und genietet. Der Tiefgang beträgt 2,30 m. “Tiger” ist mit einer Dampfmaschine aus dem Jahr 1940 ausgestattet, die über 240 PS verfügt. Der Museumshafen Oevelgönne e.V. hat das stillgelegte Schiff 1978 erworben. Der Erwerb wurde mit Spendenmitteln bestritten. Bei der Restaurierung wirkten Helfer unentgeltlich mit. Aber es wurden auch entsprechende Unternehmen hinzugezogen. Durch den Einsatz dieser Kräfte gelang es “Tiger” 1979 wieder fahrtüchtig zu machen. Dieses Fahrzeug ist übrigens Hamburgs letzter mit Kohle befeuerter Dampfschlepper.

Mein spezielles Interesse fand ebenfalls der Dampfschlepper “Klaus D” , der vom Alter her “Tiger” kaum nachsteht. “Klaus D” wurde nämlich 1913 fertig gestellt. Dieser Schlepper kam seiner Bestimmung sogar bis 1984 nach. Diese bestand im Schleppen von Schuten und Leichtern für verschiedene Hafenunternehmen. Ich vernahm auf der besagten Homepage, dass er außerdem zum Bugsieren und Dampfgeben für die Tankschifffahrt verwendet wurde. Er wurde im Hamburger Hafen und auf der Unterelbe eingesetzt. Im selben Jahr, in dem er außer Dienst gestellt wurde, wurde “Klaus D” dem Verein geschenkt. Der Verein teilt mit, dass der Schlepper technisch und optisch restauriert und als ein einsatzbereites Fahrzeug allen Hamburgern als Zeugnis historischer Schiffahrt und Technologie erhalten bleiben soll. Er soll dann auch für Fahrten gebucht werden können. “Klaus D” ist auf den Rumpf bezogen 17,76 m lang und 5,25 m breit. Er hat einen Tiefgang von nur 0,65 m. Sein Rumpf besteht aus Stahl und ist genietet. Ihm wurde eine ebenfalls aus dem Jahr 1913 stammende 2 Zylinder-Verbunddampfmaschine gegeben. Sie weist 220 PS auf.

Um einen Schiffstyp ganz anderer Art handelt es sich bei der Dampfbarkasse “Otto Lauffer”. Sie wurde 1928 auf der Stülckenwerft in Hamburg gebaut und fand Verwendung bei der Hafenpolizei Hamburg. Sie stand bis zu ihrer Ausmusterung 1968 im öffentlichen Dienst und führte zuletzt den Namen “Wasserschutzpolizei VI”. Die Dampfbarkasse wurde dann Eigentum des Museums für Hamburgische Geschichte. Diese Institution verlieh ihr den Namen “Otto Lauffer”. Diesen Namen trug einst der erste Direktor des Museums. Das Schiff wurde 1984 auf der Werft Blohm und Voss umfangreich restauriert. Zur Zeit liegt es auf einer Werft in Harburg. Dort sollen der Schiffsrumpf und die Ausrüstung gründlich überholt werden. Vor allem muss der Dampfkessel ersetzt werden. Offensichtlich fehlt es dem Verein für diese Maßnahmen an Geld. Es wird nämlich darauf hingewiesen, dass Unterstützung erforderlich ist. Spenden werden entgegengenommen. Hinsichtlich der Rumpflänge kann es “Otto Laufer” mit den zuvor beschriebenen Dampfschleppern durchaus aufnehmen. Diese beträgt immerhin 17 m. Die Rumpfbreite beläuft sich auf 3,88 m. Der Tiefgang ist mit 1.65 m angegeben. Der Rumpf ist aus Stahl und genietet. Die Barkasse ist mit einer Zweizylinder-Verbundmaschine ausgerüstet, die 174 PS zu bieten hat.

25.07.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (24)

Der Museumshafen Oevelgönne e.V. unterhält eine aus meiner Sicht sehr gelungene Website, auf der er die interessierten Bürger umfassend über seine Aktivitäten informiert. Ausführlich werden die vom Verein betreuten Wasserfahrzeuge vorgestellt. Hierbei hat mir besonders das reichhaltige Bildmaterial gefallen. In Erstaunen versetzt hat mich die Anzahl der Fahrzeuge, die von den nur dreihundert Mitgliedern betreut werden, wobei ich unterstelle,dass nicht jedes Mitglied über die praktischen Fertigkeiten verfügt, um tatkräftig bei der Instandsetzung und Wartung der “Flotte” anzupacken. Das dem Verein zur Verfügung stehende Budget wird als gering bezeichnet. Die weitaus meisten dem handwerklichen Bereich zuzuordnenden Arbeiten würden von den Mitgliedern ausgeführt. Allerdings gäbe es auch Sponsoren, die zuweilen mit finanziellen Mitteln und praktischer Hilfe einsprängen, wenn gewisse spezielle Arbeiten die Kräfte der Vereinsmitglieder überstiegen. Ich habe 14 Dampfschiffe, 10 Segelschiffe und 2 Kräne gezählt, die vom Verein betreut werden. Bei aller Hochachtung vor dem Engagement der Miglieder kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich der Verein mit der Betreuung so vieler Fahrzeuge übernommen haben könnte.

Auf seiner Website stellt der Verein kategorisch folgendes fest: “Wir sind kein Museum”. Es wird plausibel dargelegt, dass dem Verein hierfür alle Voraussetzungen fehlen. An die Bezeichnung Museumshafen sei zunächst nicht gedacht worden. Es seien andere Benennungen im Gespräch gewesen. Erst durch den Hinweis auf die geplante Zusammenarbeit mit hamburgischen Museen habe sich der Begriff Museumshafen durchgesetzt.

Unter der Rubrik “News” der Homepage des Vereins wird auf die Instandsetzungsarbeiten am Schwimmkran HHLA 1 “Karl Friedrich Steen” Bezug genommen. Es wird vorgetragen, dass der seit 1986 im Museumshafen Oevelgönne beheimatete Schwimmkran von seinem Stammliegeplatz an die Innenkante des Anlegers im westlichen Hafenteil verholt und ein beeindruckender Werbeturm von 40 Metern errichtet worden sei. Der Schwimmkran HHLA 1 “Karl Friedrich Steeen” sei 1927/1928 gebaut worden und bis 1984 als erster selbst fahrender Schwimmponton mit Wipp-Drehkran in Ergänzung zu landfesten Kaikränen im Hamburger Hafen im Einsatz gewesen. In Dienst gestellt für die Hafenverwaltung und später von der Hamburger Hafen-und Lagerhaus AG (HHLA) übernommen, habe der Kran Lasten bis zu 30 t heben und schwenken können. 1986 sei die Übergabe an das Museum für Hamburgische Geschichte als schwimmendes Denkmal für Hafenumschlagstechnik und Industriegeschichte mit Liegeplatz im Museumshafen Oevelgönne erfolgt. 2006 sei dieses museale Gerät vom Museumshafen Oevelgönne als Betreiber übernommen worden.

Auf der Website wird außerdem ausgeführt, dass der Wipp-Drehkranausleger auf dem Schwimmkran nach über 30 Jahren einen Korrosionsschutzanstrich von Fachfirmen erhält. Ferner wird berichtet, dass zwischen dem Museum für Hamburgische Geschichte und dem privaten Verein Museumshafen Oevelgönne e.V. seit 2006 ein Dauerleihgabevertrag besteht, in dem sich der Verein auch ohne regelmäßige finanzielle Zuwendung durch die Stadt Hamburg dazu verpflichtet hat, für den Erhalt dieses Museumsschwimmkrans im städtischen Eigentum Sorge zu tragen. Angesichts der Situation der öffentlichen Haushalte und der bescheidenen finanziellen Mittel des Vereins gäbe es derzeit nur die Finanzierungsmöglichkeit auf Basis eines Werbesponsorings. Die Werbeeinnahmen dienten unmittelbar der dringend erforderlichen Restaurierungsmaßnahme an diesem Kulturgut.

18.07.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (23)

Als eine besondere Attraktion Altonas gilt der Museumshafen Oevelgönne. Mir hatte sich diese Einrichtung bisher als Museumshafen Neumühlen eingeprägt. Bei meinen Wanderungen im Bezirk Altona, bei denen ich mich in erster Linie am Elbufer aufhalten wollte, betrat ich auch zuweilen den Anleger Neumühlen/Övelgönne. Hier war nicht nur an Sonn-und Feiertagen mächtiger Betrieb. Wenn auch dieser Anleger seine Bedeutung früherer Jahrzehnte verloren haben dürfte, so verkehrt hier doch immer noch ein Linienschiff der HADAG. Heute ist der Museumshafen Ziel eines vielschichtigen Publikums. Schulklassen werden von ihren Lehrkörpern hierher geführt. Unternehmenslustige Rentnergruppen finden sich auf dem Anleger ein. Aber auch Familien suchen hier Zerstreuung und Belehrung. Mich hatte immer das hier liegende Feuerschiff Elbe 3 beeindruckt. Ich hatte einst gelernt, dass Feuerschiffe für die Seeschiffahrt wichtig waren. Sie spielten auch eine Rolle in Filmen, Fernsehsendungen und literarischen Erzeugnissen. Bei meinen Recherchen im Internet erfuhr ich, dass das Feuerschiff Elbe 3 bereits 1888 gebaut wurde. Es soll zuerst auf der Weser eingesetzt gewesen sein. Bis zu seiner Ausmusterung im Jahr 1977 bezog es in der Elbmündung Position als Feuerschiff Elbe 3. 1979 wurde es dann vom Museumshafen Oevelgönne e.V. erworben. Dieser Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Feuerschiff im Originalzustand der Nachwelt zu erhalten. Besucher können noch heute an Fahrten mit dem Feuerschiff teilnehmen. Die Dauer der Fahrten beträgt drei Stunden. Die Besatzung wird aus Mitgliedern des besagten Vereins rekrutiert. Es wird für Erwachsene ein so genannter Kostenzuschlag von 25 EUR erhoben. Kinder können ohne Kostenbeitrag mitfahren. Für 2011 sind fünf Fahrtermine vorgesehen.

Der Museumshafen Oevelgönne wird als Liegeplatz für Museums-und Traditionsschiffe und historische Boote in privater Trägerschaft in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins betrieben. Er ist der älteste Museumshafen Deutschlans und gilt als Vorbild für ähnliche Einrichtungen an der Nordsee-und Ostseeküste. Der Verein wurde 1976 gegründet und hat ungefähr 300 Mitglieder. Es wurden folgende Ziele formuliert: “Außer Dienst gestellte Wasserfahrzeuge aus der Berufsschifffahrt, die für die Schiffahrtsgeschichte der norddeutschen Küstenregion kennzeichnend sind und Denkmalcharakter haben, sollen erworben, restauriert und in Fahrt gehalten werden. In Hamburg-Altona soll der Museumshafen weiter betrieben und unterhalten werden, um die vorstehend bezeichneten Wasserfahrzeuge einem breiten Publikum zugänglich zu machen“.

04.07.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (22)

Ich möchte noch nachtragen, dass bei dem Umbau des ersten Altonaer Bahnhofs zu einem Rathaus Ende des 19. Jahrhunderts im Ostflügel eine Dienstwohnung für den Oberbürgermeister geschaffen wurde. Der bei diesen Baumaßnahmen errichtete Kollegiensaal dient schon seit geraumer Zeit der Altonaer Bezirksversammlung als Plenarsaal. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde dieses Gebäude Sitz des Bezirksamts Altona. Der Südflügel des Altonaer Rathauses bildete das Empfangsgebäude des 1844 in Betrieb genommenen Bahnhofs. In diesem Südflügel befindet sich heute ein Standesamt. Es soll aufgrund des als ansehnlich bezeichneten Gebäudes und seiner Lage oberhalb der Elbe ein beliebter Ort für Eheschließungen sein. Ich las, dass im Hintergrund der Erdgeschossloggia jenes Südflügels ein großer Bogen erkennbar ist. Durch diesen Bogen seien einst die Züge ein-und ausgefahren.

Vor der Nordseite des Rathauses befindet sich in zentraler Position das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. An diesem Standort war ursprünglich ein Bismarck-Denkmal geplant. Das Denkmal für den Kaiser ist ein wahres Ensemble aus verschiedenen Statuen. Mittelpunkt dieses Ensembles ist das Reiterstandbild des Kaisers. Das Standbild zeigt den Kaiser, der einen Helm trägt, als General. Mit der linken Hand hält er die Zügel des Pferdes. Vor dem Sockel des Standbildes sind drei weitere Statuen auszumachen. In der Mitte dieser Gruppierung erhebt sich ein weitgehend unbekleideter antiker Krieger. Dieser soll ein Sinnbild für die deutsche Wehrkraft sein. Zu beiden Seiten des Kriegers wurde jeweils die Statue eines weiblichen Wesens platziert. Diese Wesen, die sich an den Händen halten, werden in den Rang von Genien erhoben. Sie sollen die Herzogtümer Schleswig und Holstein symbolisieren. Hinter dem Reiterstandbild sind weitere Skulpturen zu betrachten. Diese Skulpturen wurden zu beiden Seiten des Reiterstandbilds auf eigenen Sockeln aufgestellt. Die eine Skulptur stellt einen Schmied dar. Dieser soll Sinnbild für Industrie und Gewerbe sein. Die auf dem anderen Sockel ruhende Gestalt ist als Fischer zu erkennen. Diese Gestalt soll Handel und Schiffahrt versinnbildlichen. Das vorstehend von mir beschriebene Werk der Bildhauerkunst wurde von Gustav Eberlein geschaffen. Dieser Künstler war als Bildhauer, Maler und Schriftsteller tätig. Er gehörte der im 19. Jahrhundert aktiven Berliner Bildhauerschule an. Er soll besonders erfolgreich auf dem Gebiet des Porträts und der Kleinplastik gewesen sein. Seine Werke werden in vielen deutschen Museen gezeigt. Auch aus dem Ausland erhielt er Aufträge. Er hat sogar das Nationaldenkmal Argentiniens und den kolossalen “Deutschen Brunnen” in Santiago de Chile gestaltet. Das Goethe- Denkmal in Rom ist ebenfalls ein Werk Eberleins. Von den zahlreichen in Deutschland errichteten Denkmälern dieses Künstlers möchte ich das Richard-Wagner-Denkmal und das Lortzing-Denkmal in Berlin-Tiergarten hervorheben. In seiner Geburtsstadt Hann. Münden ist das Monumentalwerk “Gottvater hauchte Adam den Atem ein” zu bewundern.

Gustav Eberlein soll ein kritischer Zeitgenosse gewesen sein, der sich gegenüber neuen Strömungen in der Bildhauerei aufgeschlossen zeigte. So verehrte er Rodin und Meunier und eiferte ihnen auch nach. Ferner wandte er sich gegen das die Freiheit der Kunst einschränkende “Lex Heinze”. In diesem Gesetz waren Zensurmaßnahmen verankert. Es war die öffentliche Darstellung so genannter unsittlicher Handlungen untersagt. Außerdem setzte er sich für den Frieden zwischen Frankreich und Preußen ein.

Das Altonaer Denkmal zu Ehren Kaiser Wilhelms I wurde am 18.06. 1898 in Anwesenheit des Kaiserpaares eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt regierte bekanntlich Kaiser Wilhelm II. Gustav Eberlein befand sich noch im Gnadenstand. Später fiel er jedoch bei Kaiser Wilhelm II in Ungnade. Dieses mag mit dem kritischen Geist und der freiheitlichen Gesinnung Gustav Eberleins zusammenhängen. Aber auch dessen Hang zu neuem künstlerischn Ausdruck gefiel dem Kaiser offensichtlich nicht. Dieser soll persönlich im Jahre 1900 die Entfernung bestimmter Werke Eberleins aus einer Kunstausstellung in Berlin veranlasst haben.

Gustav Eberlein wurde am 14.07.1847 geboren und starb am 05.02.1926.

27.06.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (21)

Am Altonaer Rathaus am Platz der Republik bin ich in vielen Jahrzehnten oft vorbeigekommen. Vor langer Zeit war in diesem Gebäude sogar noch das Einwohnermeldeamt. Folglich habe ich dieses Haus in Erfüllung gesetzlicher Meldepflichten bereits im Jahr 1963 aufgesucht. Nach meiner Erinnerung war die Ausstattung der Amtsräume entsprechend der damaligen Zeit noch sehr bescheiden. Zuletzt habe ich die Amtsräume in Meldesachen im März 1992 betreten. Damals war die Ausstatung der Räumlichkeiten nach meiner Einschätzung auf der Höhe der Zeit. Ich war von der Modernität des Interieurs beeindruckt. Als ich später wieder einmal das ehrwürdige Haus für die Erledigung gewisser Obliegenheiten aufsuchen wollte, war die für mich zuständige Dienststelle bereits ausgelagert. Die neuen Amtsräume befinden sich bis heute in einem schlichten Gebäude der Nachkriegszeit in der Nähe des alten Hauses. Ich habe seither das Altonaer Rathaus nicht mehr betreten. In den letzten Jahren stellte ich bei meinen Gängen, die mich in die Nähe dieses imposanten Gebäudes führten,fest, dass Teile der Außenwände eingerüstet und mit Planen verdeckt waren. Mir erschien das Altonaer Rathaus daher schon als ständige Baustelle. Heimatkundliche Ambitionen, die sich auf dieses Gebäude beziehen, habe ich nicht verfolgt. Ich habe nur die an ihm angebrachten Informationstafeln gelesen. Allerdinge wusste ich schon früh, dass hier einst ein Bahnhof stand, der später umgebaut wurde.

Das ehemalige Bahnhofsgebäude gehörte einst der Altona-Kieler-Eisenbahn-Gesellschaft. Dieses Unternehmen wurde 1840 auf Betreiben von Kaufleuten aus Altona und Kiel in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft gegründet. Die Betreiber versprachen sich durch die Verbindung von Nord-und Ostsee eine Verbesserung der Transport-und Absatzmöglichkeiten ihrer Waren. Altona und Kiel gehörten damals zum Herzogtum Holstein, das staatsrechtlich eine Personalunion mit dem Königreich Dänemark bildete. Schon zu jener Zeit führte die Trasse über Elmshorn und Neumünster. Die Bahnlinie wurde 1844 eröffnet. Es handelte sich um die erste Bahnlinie unter dänischer Hoheit. Die erste Fahrt von Altona nach Kiel dauerte drei Stunden.

In den folgenden Jahrzehnten war in der Region eine beträchtliche Erweiterung des Eisenbahnwesens zu verzeichnen. Das bisherige Bahngelände erwies sich jedoch nicht als ausbaufähig. Es wurde daher einige hundert Meter nördlich ein neuer Bahnhof gebaut, der 1898 als Altonaer Hauptbahnhof in Betrieb genommen werden konnte. In jenem Jahr gehörten Holstein und Altona seit mehr als drei Jahrzehnten zu Preußen. Bereits 1891 war damit begonnen worden, das alte Bahnhofsgebäude umzubauen. Zwischen 1896 und 1898 wurde in Anlehnung an barocke Schlossarchitektur ein vierflügeliges Gebäude errichtet. Im ersten Obergeschoss des Nordflügels entstand der Kollegiensaal, der für die Belange der Stadtverordnetenversammlung genutzt wurde. An der Nordseite des Gebäudes befindet sich der Haupteingang. Hierzu fand ich im Internet folgende Anmerkung: “Die Säulen und das auf ihnen liegende an einen griechischen Tempel erinnernde Tympanon sind Stilelemente des Klassizismus. Allerdings werden sie in ihrer Wirkung durch beispielsweise Bauchbinden um die Säulen und einen insgesamt etwas verschwenderischen Umgang mit Dekor aller Art sehr beeinträchtigt. Auch die ursprünglich im echten Klassizismus errichteten Gebäudeteile wurden dem neuen Stil angepasst”. Meines Erachtens hat der Verfasser dieses Beitrags den Begriff des Tympanons nicht richtig angewendet. Bei dem Tympanon handelt es sich um das Bogenfeld über dem Türsturz eines Portals. Ein solches kleines Bogenfeld ist direkt über der Eingangstür vorhanden, es liegt aber nicht auf den Säulen. Auf diesen liegt vielmehr das gewaltige Giebelrelief. Dieses Werk der Bildhauerkunst soll Altona als Boot in stürmischen Wellen, von einem Schutzengel behütet, zeigen. Ich las, dass das Giebelrelief ein Werk von Karl Garbers und Ernst Barlach ist.

20.06.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (20)

Ich hatte mir vorgenommen, mich ein wenig um die Altonale13 zu kümmern und einige Veranstaltungsstätten in Augenschein zu nehmen. Hieran hinderte mich jedoch eine Erkrankung, so dass sich meine Erkenntnisse über das Projekt Altonale13 auf Recherchen aus dem Internet beschränken. Von der Fülle der Initiativen und der Anzahl der beteiligten Einrichtungen war ich schon beeindruckt. Besonders bemerkenswert fand ich, dass sich sogar der NDR mit einer Bühne am Spritzenplatz an der Veranstaltung beteiligte. Auf dieser Bühne wurde eine öffentliche Versteigerung im Rahmen des Altonaer Kunstmarktes durchgeführt. Diese Versteigerung hätte mich schon interessiert, obwohl ich nicht beabsichtige, irgendwelche Kunstwerke käuflich zu erwerben. Auf einer Website wurde vermeldet, dass der Altonaer Kunstmarkt eine große Auswahl an Gemälden, Druckgraphiken, Photographien und Skulpturen anbot. Mehr als 60 Künstler hätten ihr Erscheinen angekündigt, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Insgesamt waren auf dem doch recht ausgedehnten Veranstaltungsgelände acht Bühnen errichtet worden. Eine Bühne befand sich sogar im Innenhof des Altonaer Rathauses. Dort wurden auch aus den Bereichen Theater, Tanz und Musik Programme für Kinder geboten. Die Bühne der Kulturen war in dem in der Bahrenfelder Straße gelegenen Metropolis Club eingerichtet worden. Dieser Club ist mir unbekannt. Ebenso kenne ich nicht das Tanzstudio Billies, das auf der Altonale13 mit Darbietungen vertreten war. Dieses Tanzstudio soll in einer ehemaligen Dosenfabrik in der Stresemannstraße neue Räumlichkeiten bezogen haben. Eine andere Bühne war auf dem Gelände, wo der Goetheplatz an die Neue Große Bergstraße grenzt, errichtet. Auf dieser Bühne sollte der Altonale Bandwettbewerb stattfinden. Die Fabrik hatte geplant, eine Bühne in der Friedensallee zu installieren. Ihre eigenen Räumlichkeiten waren nach meiner Wahrnehmung ebenfalls in die Aktivitäten der Altonale eingebunden. So konnte auch ich als unmittelbarer Nachbar indirekt am Fest teilhaben. Ich wurde in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 2011 bis vier Uhr beschallt.

Eine kulturelle Veranstaltung, die auch mir hätte gefallen können, möchte ich noch hervorheben. Für diese wurde der Titel “Mauer Reste - eine Supergaudi”gewählt. Hier war von Liedern von Eisler bis Rio Reiser und von Texten von Brigitte Reimann bis Christa Wolf die Rede.

Das Kulturzentrum Motte und die Serviceagentur Anschluss Handwerk der Handwerkskammer Hamburg hatten zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Bezeichnung “Handwerkerwelt” eingeladen. Als Veranstaltungsort war der so genannte Kemal Altun Platz vorgesehen. Dieser inzwischen ansehnlich hergerichtete Platz befindet sich in der Großen Brunnenstraße in Höhe der Ottenser Hauptstraße. Zu dieser Veranstaltung war angemerkt, dass zahlreiche Altonaer Handwerksbetriebe ihre Türen zu einem Tag der offenen Werkstatt öffnen und Einblicke in ihr Schaffen bieten. Angesprochen werden sollten vor allem Jugendliche, herrscht doch bereits heute im Handwerk ein beträchtlicher Fachkräftemangel. Ferner können in vielen Handwerksbetrieben Lehrstellen nicht besetzt werden.

In der heutigen Zeit wird in Deutschland allerorten auf ökologische Gesichtspunkte hingewiesen. So stand auch eine Ökomeile in der Großen Bergstraße auf den Veranstaltungsplan. Hier sollten entsprechend produzierte Nahrungsmittel aber auch “ökologische” Kleidung angeboten werden. Außerdem war die Einrichtung einer Beratungsstelle vorgesehen, in der über die Modernisierung von Gebäuden und den Einsatz erneuerbarer Energien informiert werden sollte.

06.06.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (19)

Seit 1999 wird in meiner unmittelbaren Nähe die Veranstaltung “Altonale” begangen. Obwohl auch ein umfangreiches Kulturprogramm Bestandteil dieser Veranstaltung ist, bin ich der “Altonale” bisher mit Desinteresse begegnet. Ich war bisher der Auffassung, dass zu viele Straßenfeste im Bereich der Ottenser Hauptstraße begangen werden, die mit übermäßigem Lärm und alkoholischen Exzessen verbunden sind. Auch die vielen Menschen, die sich auf bestimmten Straßen von Altona-Altstadt und Ottensen drängten, erlebte ich als arge Belästigung, durch die mein gewohnter Alltag gestört wurde. Zu den Höhepunkten der Straßenfeste mied ich bestimmte Gassen und Plätze, um nicht mit den von den Veranstaltern der “Altonale” euphemistisch als Vergnügungssüchtige bezeichneten Leuten zusammenzutreffen. Zuweilen schlenderte ich dennoch durch Straßen, die für das volkstümliche Treiben umgewidmet waren, und gewann einen flüchtigen Eindruck von manchen Aktivitäten. Hierbei fand ich die folkloristischen Umzüge mit Menschen aus anderen Weltregionen in bunten Kostümen ganz interessant. Weniger angenehm empfand ich jedoch die für meine Ohren viel zu laute Musik. Hier sind aus meiner Sicht die eingesetzten Verstärkeranlagen völlig fehl am Platz.

Um mehr über die “Altonale” zu erfahren bemühte ich das Internet. Dort wurde die “Altonale” als Stadtteil-Kulturfest im Hamburger Bezirk Altona bezeichnet. Dieses Fest habe bis zu 600.000 Besucher. Höhepunkt der zwei Wochen dauernden Veranstaltung mit einem dreitägigen Straßenfest sei bis 2009 die Spaßparade am Abschlusstag gewesen. Diese sei 2010 ausgegliedert worden. Eine Vorläuferveranstaltung habe 1998 aus Anlass des hundertjährigen Bestehens des Altonaer Rathauses stattgefunden. Diese Veranstaltung habe sich auf Verkaufsstände in der Ottenser Hauptstraße beschränkt. Sie habe angeblich in der Bevölkerung keinen Anklang gefunden. Dann habe der Verein für stadtteilbezogene Kultur-und Sozialarbeit “Motte” die Sache in die Hand genommen. Vereine, gemeinnützige Organisationen und Unternehmen hätten sich angeschlossen. Zu dieser Veranstaltung, die später “Altonale 1” genannt wurde, seien bereits 100.000 Besucher gekommen. Die “Altonale” des Jahres 2000 hätten 300.000 Menschen besucht. Dann sei es stetig aufwärts gegangen. Schon 2002 hätten sich 130 Institutionen an der Organisation des Festes beteiligt. Hierzu hätten politische Organisationen und Initiativen, Trägereinrichtungen, Schulen und bis zu 100 Geschäfte gehört. Erneut seien 300.000 Besucher erschienen. An der “Altonale” hätten sich auch europäische Partnerländer beteiligt. 2006 sei dieses Polen gewesen. 2007 habe sich Norwegen beteiligt, 2008 Finnland. 2010 sei Österreich Partnerland gewesen. Bei der jetzt laufenden “Altonale 13” sei die Wahl auf die Türkei gefallen.

30.05.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (18)

Von einer anderen von den Verantwortlichen der Motte ins Leben gerufenen Kuriosität erfuhr ich durchs Internet. Hierbei handelt es sich um die von dieser Institution betriebenen Imkerei. Die Betriebsstätte befindet sich auf dem Dach des in der Eulenstraße gelegenen Gebäudes der Motte. Die Imkerei wird dort seit 25 Jahren mit 4 bis 8 Bienenvölkern gepflegt. Nach den Bekundungen auf der Website der Motte fliegen die Bienen mehr als 3km weit. Sie erreichten das Elbufer, das Villenviertel in Othmarschen, den Volkspark und Planten und Blomen. Befürchtungen, der Honig sei mit Schadstoffen belastet, werden als unbegründet bezeichnet. Die städtische Natur sei nahezu frei von Pestiziden. Die Belastung der Luft mit schädlichen Substanzen habe abgenommen. Die Bienen würden den gesammelten Nektar reinigen, und das Wachs der Honigbienen entziehe dem Honig die fettlöslichen Schadstoffe. Untersuchungsergebnisse würden die geringe Belastung des Motte-Honigs belegen. Es wird darauf hingewiesen, dass das kleine Kontingent des Motte-Honigs schnell ausverkauft ist. Gleichwohl werden Bezugsquellen benannt. Schrifttum über Imkerei in der Stadt wird erwähnt. Dereinst habe man in Kreisen der Aktivisten der Motte Befürchtungen gehegt, dass die in der Imkerei wohnende Bevölkerung ihren Unmut über diese Einrichtung äußern könnte. Diese Befürchtung habe sich jedoch als unbegründet erwiesen. Vielmehr seien aus der Bevölkerung Zustimmung und Bewunderung für das Projekt Imkerei festzustellen gewesen.

Am 28.05. 2011 besuchte ich wieder einmal die Website der Motte. Hierbei las ich, dass wegen umfangreicher Baumaßnahmen sämtliche Werkstätten in der Zeit vom 10.05.2011 bis 31.10.2011 geschlossen bleiben. Voraussichtlich würden diese ihre Arbeit wieder am 01.11.2011 aufnehmen.

In diesem Jahr feiert die Motte ihr fünfunddreißigjähriges Jubiläum. Die Fabrik begeht ihr vierzigjähriges Jubiläum. Beide Einrichtungen wollen im September gemeinsam feiern. Ich nahm zur Kenntnis, dass im Herbst 2011 das Projekt “Direkt nach Altona” fortgesetzt wird mit Videoinstallationen im Stadtteil, einem Film und einer Broschüre. “Neue Formen der Erinnerung” sei das Thema, das Jugendliche aus Altona und einer polnischen Stadt zusammenführen soll. Die internationalen Partnerprojekte mit Finnland sollen auch im Jubiläumsjahr durchgeführt werden. Der Jugendaustausch ist offensichtlich ein besonderes Anliegen der Verantwortlichen des Vereins für stadtteilbezogene Kultur-und Sozialarbeit e.V. Es bestehen Beziehungen mit einer beträchtlichen Anzahl von Ländern. Es wird berichtet, dass entsprechende Austauschprogramme häufig durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass 2009 der seit längerem gepflegte Jugendaustausch mit der israelischen Stadt Ashdvet und der türkischen Stadt Hakkura abermals stattfand. Mit Partnern in den Orten Ouagadougou und Hamele Burkina Fasos werden Fachkräfte ausgetauscht und Medienkooperationen organisiert. Für die zahlreichen Aktivitäten in Sachen Jugendaustausch und Völkerverständigung werden Projektgelder bereitgestellt. Diese kommen von der Europäischen Union, dem Bund und dem Land Hamburg. Ich las von Projektgeld in Höhe von 1 Million Euro. Hieraus schließe ich, dass die öffentliche Hand den besagten Projekten große Bedeutung beimisst.

Der Verein engagiert sich regelmäßig stark beim Stadtteilfest “Altonale”. Bei der “Altonale 12” des Jahres 2010 konnte die Motte wiederum internationalen Besuch empfangen. Es kamen unter anderem Gäste aus Japan, Finnland, Burkina Faso und der Türkei. Partnerland der für 2011 geplanten “Altonale 13” ist die Türkei. Mit ihr soll ein neuer “Länderschwerpunkt” aufgebaut werden. Hierbei ist es ein Hauptanliegen, maßgebliche Vertreter der türkischen Gemeinde in Hamburg einzubinden.

16.05.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (17)

Bei meinen Gängen durch Ottensen führte mich mein Weg auch öfter durch die Rothestraße. Hier kam ich an einem Grundstück vorbei, auf dem Hühner gehalten wurden. Ich wertete diese Erscheinung als eine spleenige Idee eines Außenseiters. Keineswegs brachte ich diese Hühnerhaltung mit der Motte in Verbindung. Diesen Zusammenhang bemerkte ich erst, als ich die Website der Motte betrachtete. Ich las, dass der Verein für stadtteilbezogene Kultur-und Sozialarbeit im April 1986 eine 400 qm große Brachfläche angemietet hatte, um dort einen Hühnerhof zu betreiben. Bei der Hühnerhaltung sollten ökologische Gesichtspukte beachtet werden. Beim Bau des Hühnerstalls wurde die Fachwerkbauweise angewendet. Es wurden Lehmwände errichtet. Außerdem wurde ein Gründach geschaffen. Dieses Dach war auch mir aufgefallen. Ich fand das begrünte Dach mitten in der Großstadt ganz originell. Ferner wurden auf dem Gelände auch Sträucher angepflanzt, die aus meiner Sicht durchaus den ökologischen Anspruch bekräftigen. Die Sträucher spendete ein Gartenbaubetrieb. Es wurde darauf hingewiesen, dass ein lokaler Politiker aus den Reihen der FDP die Hühner gestiftet hatte. Bereits im Jahr 1988 war jedoch ein bürgerfeindlicher Akt zu verzeichnen. Es wurden nämlich sämtliche Hühner entwendet. Nur der Hahn wurde zurückgelassen. Um diese Tat zu ermöglichen, war zuvor der den Auslauf einfriedende Drahtzaun mittels entsprechender Gerätschaften aufgeschnitten worden. Durch Spenden konnten neue Hühner angeschafft werden. Seither blieb der Hühnerhof der Motte vor weiteren ruchlosen Anschlägen verschont. Ich vernahm, dass zu Beginn der neunziger Jahre eine Bebauung des Geländes, auf dem sich der Hühnerhof befindet, geplant war. Hiervon wurde jedoch aufgrund bürgerlichen Engagements für die Erhaltung des Hühnerhofs Abstand genommen. Auf der Website der Motte wird angemerkt, dass es sich bei dem Hühnerhof nicht um einen Streichelzoo handelt. Dieser habe vielmehr den Charakter eines landwirtschaftlichen Produktionsbetriebes. Die Qualität der Eier sei hervorragend. Die Motte-Hühnersuppe sei legendär. Dem Hühnerhof wird von Aktivisten der Motte eine Bedeutung für die Sozialisation von Großstadtkindern beigemessen, weil diese der Landwirtschaft meist fernstehenden Wesen auf vielfältige Weise die Haltung des Federviehs erleben können. Kinder sollen sogar schon beim Rupfen der geschlachteten Hühner geholfen haben. In gewissen Abständen werden unter der Bezeichnung “Das Gelbe vom Ei” Veranstaltungen durchgeführt, bei denen Kinder unter Anleitung auf dem Hühnerhof malen können.

In diesem Jahr wird das 25jährige Jubiläum des Hühnerhofs begangen. Da die Anlage folglich in die Jahre gekommen ist, soll eine Grunderneuerung durchgeführt werden, bei der es nach Einschätzung der besagten Aktivisten an helfenden Händen nicht fehlen wird. Auch wird für diese Maßnahme Geld benötigt. Dieses sei nicht so leicht zu besorgen wie die Arbeitskraft freiwilliger Helfer. Dennoch hofft man, genug Spenden für die Grunderneuerung des Hühnerhofs zu erhalten.

09.05.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (16)

Besonders nah an den Bedürfnissen der Bevölkerung dürfte die Fahradwerkstatt der Motte sein, erfreut sich doch dieses durch Muskelkraft anzutreibende Fortbewegungsmittel seit über zwanzig Jahren wieder steigender Beliebtheit. Für die Aktivitäten dieser Werkstatt gilt das Motto “Hilfe zur Selbsthilfe”. Anwendung findet dieses Motto bei der Fahrradreparatur. Einige gebrauchte Ersatzteile sind in der Werkstatt vorhanden. Diese Einrichtung ist stets auf Spenden angewiesen. Diese sollen von Fahrradläden aus der Region, aber auch von der Bevölkerung kommen.

Der Verein für stadtteilbezogene Kultur-und Sozialarbeit hat aber auch eine Motorradwerkstatt eingerichtet. Es wird damit geworben, dass kompetente Unterstützung bei der fachgerechten Reparatur und Wartung von Motorrädern und Motorrollern angeboten wird. Außerdem sollen kommunikative Aspekte zur Geltung kommen. Ferner wird hier Geselligkeit gepflegt. Die Motorradgruppe der Werkstatt organisiert gemeinsame Wochenend-und Ferienfahrten.

Eine besondere Einrichtung ist die Mottenschau mit ihrem Motte- Jugendberich. Hier soll die bereits in einem anderen Beitrag erwähnte Medienkompetenz gefördert werden. Es ist die Rede von Projektarbeit, die den Jugendlichen auch berufsorientierende Erfahrungen vermitteln soll. Es wird dargelegt, dass die Mottenschau für Institutionen, Vereine, öffentliche und private Sender produziert.

Es sind in der Motte auch Aktivitäten in Sachen Photographie zu verzeichnen. Es gibt sogar noch ein Schwarz-Weiß-Labor, in dem Interessenten Abzüge vom Negativ individuell gestalten. Die Aktivisten der Motte geben eine “Technische Einführung” und sind auch in der Fortbildung auf diesem Gebiet tätig. Auf der Website dieses Vereins wird hervorgehoben, dass dokumentarische, inszenierte und künstlerische Aspekte des Mediums Photographie vermittelt werden. In Projekten werde zu Themenschwerpunkten gearbeitet und sich ausgetauscht. Ferner würden Ausstellungen veranstaltet. Zu den Arbeitsgebieten der Photogruppe zählten auch die digitale Photographie und die Bildbearbeitung.

In den Werkstätten der Motte wird auch der Siebdruck gepflegt. Dort können unter anderm T-Shirts, Aufkleber, Plakate, Kalender und Künstlerdrucke gestaltet und gedruckt werden. Die beschichteten Siebrahmen können eine Größe bis Din A1 an. Auch diese Gruppe wirkt in die Gesellschaft hinein. Sie arbeitet nämlich in Projekten mit. Außerdem organisiert sie eigene Ausstellungen und bietet Kurse an.

Nach meiner Einschätzung erfreut sich die Seidenmalerei besonders bei Frauen einer großen Beliebtheit. Es dürfte daher Frauen mit künstlerischen Ambitionen freuen, dass bei der Motte eine Seidenmalgruppe ins Leben gerufen wurde. Während ihrer als offen bezeichneten Termine wird in dieser Gruppierung Anleitung und Anregung für unterschiedliche Techniken und künstlerisch-handwerkliche Fertigkeiten der Seidenmalerei vermittelt. Auch auf diesem Gebiet werden bei Bedarf Kurse durchgeführt.

18.04.2011

Einlassungen zu Altona (15)

In meinem Beitrag vom 11.4.2011 habe ich angekündigt, über die Aktivitäten in den Werkstätten des Vereins für stadtteilbezogene Kultur-und Sozialarbeit, der besser unter der Bezeichnung “Die Motte” bekannt ist, zu berichten. Unter den Angeboten finde ich besonders bemerkenswert die Bereiche Keramik, Holz und Metall. Hierdurch können aus meiner Sicht viele Bürger aus unterschiedlichen Schichten und verschiedenen Altersgruppen angesprochen werden. Nach meiner Wahrnehmung erfreut sich vor allem die Arbeit mit Holz bei vielen Mitmenschen großer Beliebtheit. Hier wird dem Interessenten Hilfe zur Selbsthilfe versprochen. Diese Hilfen beziehen sich auf die Reparatur und die Anfertigung von Kleinmöbeln. Es sollen unterschiedliche Techniken im Umgang mit dem Werkstoff Holz erklärt werden. In der Werkstatt wird auch Kindern der Umgang mit Holz nahe gebracht. Kinder können hier bereits ab einem Alter von vier Jahren unter Anleitung basteln und werken. Außerdem wurde das Projekt Holzwerkstatt für Kinder und Väter ins Leben gerufen. Hieran sollen Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren beteiligt werden.

Zu den frühen handwerklichen Betätigungen der Menschheit gehört die Herstellung von Keramik. Auf diesem Gebiet wird von den verantwortlichen Kräften der Motte ein anspruchsvolles Programm formuliert. Auf der Website des Vereins ist von der Herstellung funktionaler und künstlerischer Produkte die Rede. Zu deren Schaffung würden der Gebrauch der Drehscheibe sowie verschiedener Aufbau,-Brenn- und Glasurtechniken vermittelt. Ein zusätzliches Angebot würde im Töpfern für Kinder bestehen. Für diesen Personenkreis werden aber auch spezielle Kurse angeboten. Die Kurse sind für Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren vorgesehen. Für die Teilnahme an diesen Kursen ist allerdings ein Beitrag in Höhe von 42 Euro zu entrichten. Den Kindern wird der Umgang mit Ton, Werkzeugen und Engobe vermittelt. Bei Engobe handelt es sich um eine Gussmasse zum Überziehen von Erzeugnissen, die aus unreinen Tonen hergestellt werden. Außerdem werden sie darin unterwiesen, verschiedene Methoden der Aufbaukeramik anzuwenden und Fertigkeiten in der Gestaltung zu erlangen.

Aus den Angaben auf der Homepage schließe ich, dass das Angebot, in der entsprechenden Werkstatt der Motte mit Metall zu arbeiten, reichhaltig ist. Auf diesem Sektor bieten sich Frauen besondere Entfaltungsmöglichkeiten. Es wurde das Projekt “Frauenwekstatt” auf den Weg gebracht. Hier spielt Schmuck eine bedeutende Rolle. Schmuck kann repariert werden. Es können aber auch individuelle Schmuckstücke hergestellt werden. Die Ausstattung mit Maschinen und Werkzeugen ermöglicht sowohl Arbeiten, die in das Schlosserhandwerk fallen, als auch Betätigungen in der Feinmechanik. Das Erlernen entsprechender Fertigkeiten wird durch die Anleitungen von Fachpersonal erleichtert. Das Fachpersonal lehrt auch den Umgang mit Maschinen und Werkzeugen. Der Experimentierfreude werden Freiräume zugebilligt. Die Frauen werden bei ihrem Tun von der freischaffenden Metallkünstlerin

Ja-El Jank begleitet. Die Arbeiten mit Metall werden in dieser Einrichtung unter das Motto “Metall trifft Flamme” gestellt. Vor allem Anfängerinnen in der Metallbearbeitung lernen das Treiben, Ziselieren, Flammen und Biegen. Das Recycling von Metallen steht ebenfalls auf dem Programm. Ein weiteres Projekt ist die “Offene Metallwerkstatt“. Die Teilnehmer können mit Edel-und Nutzmetall arbeiten. Sie können Kunstgegenstände nach eigenen Vorstellungen schaffen. Es wird lediglich eine kleine Werkstattbebühr erhoben. Für Materialkosten wird ein geringer Kostenbeitrag erwartet. Teilnehmen können Personen ab sechzehn Jahren. Ferner wird ein Metallbearbeitungskurs für Anfängerinnen und Anfänger veranstaltet. Der Kursus dauert vier Wochen. Hier können die Interessenten so manche Fertigkeiten im umgang mit Metall erwerben. Der Lehrplan beinhaltet das Drehen an der Metalldrehbank und manuelles Gewindedrehen. Geübt werden auch das Bohren, Fräsen und Feilen. Die Teilnehmer lernen, Gegenstände aus Stahl, Kupfer, Messing und Aluminium für den täglichen Bedarf herzustellen. Hierbei können sie von ihren schöpferischen Kräften Gebrauch machen. Zu den zu produzierenden Gegenständen gehören unter anderem Flaschenöffner und Kerzenständer. An diesem Kursus können wiederum Personen ab sechzehn Jahren teilnehmen. Es ist eine Gebühr zu entrichten.

11.04.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (14)

Bei meinen zahlreichen Fußmärschen durch Ottensen und Altona bin ich oft an der in der Eulenstraße 43 gelegenen “Motte” vorbeigekommen. Träger dieser Einrichtung, von der ich vernommen hatte, dass sie für den Stadtteil wichtig sein soll, ist der Verein für stadtteilbezogene Kultur und Sozialarbeit e.V. Viele Jahre nahm ich davon Abstand, mich für heimatkundliche Aspekte besonders zu interessieren. Ich wusste daher auch sehr wenig über “Die Motte”. Die Räumlichkeiten dieser Einrichtung habe ich bis heute nicht betreten. Ich beschloss daher, mein Desinteresse aufzugeben und zunächst einmal im Internet zu recherchieren. Hierzu lese ich besonders gern ins Internet gestellte Artikel von Zeitungen und Zeitschriften. Hier wurde ich aber bisher nicht fündig. Journalisten verstehen es in der Regel, anschaulich und flüssig zu schreiben. Diese Fertigkeit ist leider akademisch gebildeten Mitmenschen aus den Bereichen Soziologie und Politologie nicht immer zu eigen. Bei meinen Erhebungen geriet ich auf die Website des besagten Vereins für stadtteilbezogene Kultur und Sozialarbeit und wurde geballt mit Wortungetümen aus einer für Eingeweihte bestimmten Fachsprache und einer aus meiner Sicht abstrakten Beschreibung der Arbeit und Ziele dieser Institution konfrontiert. Hier las ich unter anderem folgendes: “Seit 1976 ist die Motte Ideenagentur und aktiver Kooperationspartner im Stadtteil. Interdisziplinäre und internationale Projekte werden in unterschiedlichsten Kooperationsverhältnissen umgesetzt. Der Fachbereich Kultur und Bildung entwickelt neue Kooperationsprojekte mit unterschiedlichen Partnern aus der Kulturellen Bildung und Schulen, führt sie durch und initiiert dabei neue Netzwerke für eine nachhaltige Strukturentwicklung“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Durchschnittsbürger von dieser Diktion angezogen fühlt. Auf der besagten Website wird ja gerade propagiert, dass die Verantwortlichen der Motte sich vor allem um die schwächeren Glieder der Gesellschaft, die auch als bildungsferne Unterschicht bezeichnet werden, kümmern will. Es wird hervorgehoben, dass die Förderung von Medienkompetenz und kultureller Bildung zu Schwerpunkten entwickelt wurden. Leider wird nicht erläutert, was nach der Konzeption der Motte unter Medienkompetenz zu verstehen ist. Ferner wird betont, dass sich die Veranstaltungs,-Kurs-und Werkstättenangebote an Kinder, Jugendliche und Erwachsene richten. Man will Menschen in Altona neugierig auf Kunst und Kultur machen. Die Verantwortlichen der Motte laden ein, sich an künstlerischen, kulturellen und qualitätsbezogenen Prozessen zu beteiligen. Diese Aussage klingt für mich sehr elitär und sich mehr an die Bildungsbürger als an den durchschnittlichen Bürger Altonas zu richten. Im Dunkeln bleibt meines Erachtens wiederum, was es mit den qualitätsbezogenen Prozessen auf sich hat. Mit folgenden weiteren Sätzen werden die Besucher der Website über die Arbeit der Motte unterrichtet: “In unseren theater,- musik-und medienpädagogischen Angeboten arbeiten wir mit unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen, wie zum Beispiel Schwarzlichttheater, Hörspiel und Film. Wir wollen Medienkompetenz stärken und “Know how” vernetzen. In der Motte können wir Medienerfahrung ermöglichen, kontinuierliche Angebote entwickeln, innovative Projekte auf den Weg bringen sowie Fort-und Ausbildung anbieten“. Diese weitgehend programmatischen Sätze vermitteln mir nur ein verschwommenes Bild darüber, was so im einzelnen in den Räumen der Motte eigentlich vor sich geht. Weiteren Mitteilungen habe ich entnommen, dass es in der Motte ein Tonstudio und eine kleine Werkstatt für Hochdruckverfahren gibt. Ich vernahm, dass die Buchdruck-Werkstatt 2010 aufgelöst wurde, und ein Teil der historischen Maschinen dem Museum für Arbeit überstellt wurde. Dann stieß ich auf der Website noch auf eine detaillierte Beschreibung verschiedener praktischer Aktivitäten in der Motte mitwirkender Personen. Diese Beschreibung vermittelt mir schon ein genaueres Bild über bestimmte Aktivitäten des Vereins für stadtteilbezogene Kultur-und Sozialarbeit. Hierüber werde ich in einem weiteren Beitrag berichten.

4.4.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (13)

Bei Streifzügen im Internet stoße ich zuweilen auf kulturelle Aktivitäten in Ottensen und Altona, von denen ich zuvor noch nichts gehört hatte. In diesem Zusammenhang finde ich die Welt des Theaters besonders interessant. Auf einer Anzahl von Websites wurde die Hamburger Theater Manufactur mit der Adresse Stresemannstraße 108, 22769 Hamburg erwähnt. Diese Adresse ist Altona-Nord zuzurechnen. Meine Recherchen ergaben, dass es sich bei der Hamburger Theater Manufactur um einen Zusammenschluss von Kulturschaffenden unterschiedlicher Kunstrichtungen handelt. Besonders hervorgehoben wurde auf bestimmten Websites das Wirken des Schauspielers Hans-Christoph Michel, der als Mitbegründer dieser Institution bezeichnet wird. Aus meinen Erhebungen schloss ich, dass die Hamburger Theater Manufactur in der Stresemannstraße über keine Räumlichkeiten verfügt, in denen Veranstaltungen für ein größeres Publikum stattfinden. Entsprechende Veranstaltungen werden in Räumen verschiedener Einrichtungen durchgeführt. Hierzu gehören das “Litcafe” des Gymnasiums Christianeum, der im Tannenweg 24 in Hamburg-Langenhorn gelegene Gemeindesaal der Glaubensgemeinschaft “Heilige Familie”, die Weinhandlung mit Bistro “Kühne Lage” in der Schützenstraße 39 in Hamburg-Bahrenfeld, aber auch das “Monsun Theater” in der Friedensallee in Hamburg-Altona. Für die Darbietungen der Hamburger Theater Manufactur wurden unter anderem folgende Bezeichnungen gewählt: “Schischipusch”, “E.E.Kisch”, “Peter und der Wolf”, “Johan vom Po”, “Michael Kohlhaas”, “Reineke Fuchs”, “Der kleine hässliche Vogel”, “Der Menschenfeind”. Folglich werden zu einem großen Teil anspruchsvolle Stoffe bekannter Autoren bearbeitet und für die Belange dieser Gemeinschaft Kulturschaffender genutzt. Im “Monsum Theater” wurde am 3.4.2011 “Satire im Salon” mit dem Untertitel “Literarisches Kabarett aus den letzten 100 Jahren” gegeben. Bei Michael Kohlhaas handelt es sich um eine szenische Rezitation für einen Schauspieler und einen Schlagzeuger. Wie schon aus der Anmerkung zu Michael Kohlhaas ersichtlich, wird für manche Produktionen neben dem rezitatorischen Element auch auf Ergänzungen aus dem Bereich der Musik zurückgegriffen. Ebenso stellen Personen aus den Schaffensgebieten Bühnengestaltung, Grafik und Kostümschneiderei ihre Fertigkeiten in den Dienst der Hamburger Theater Manufactur. Die aus meiner Sicht ganz originell gestaltete Website dieser Kultureinrichtung schmücken zwei Zitate von allgemein geschätzten Persönlichkeiten aus der Theaterwelt. Hierbei handelt es sich Äußerungen von Peter Brook und Alfred Kerr. Der Brite Peter Brook wirkte als Theaterregisseur. Er führte jedoch auch bei Filmen Regie. Ich las, dass er zu den wichtigsten Vertretern des zeitgenössischen europäischen Theaters gezählt wird. Berühmt seien seine Vorträge über modernes Theater. Diese Vorträge seien 1968 unter dem Titel “Der leere Raum” als Buch herausgegeben worden. Der Autor habe eine ganze Generation von Regisseuren beeinflusst. Das erwähnte Zitat lautet wie folgt: “Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht. Da ist alles, was zur Theaterhandlung nötig ist“.

Der noch heute in Publikationen kulturbeflissener Autoren gern erwähnte Theaterkritiker Alfred Kerr wird mit folgendem Zitat bemüht: “Der Kritiker hasst, was ihn wurmt. Er liebt, was ihn lockt. Und sagt es“.

Die zahlreichen türkischen Mitbürger des Bezirks Altona verfügen in der Hospitalstraße 111 in Altona ebenfalls über ein Theater. In dieser Spielstätte werden naturgemäß Stücke in türkischer Sprache aufgeführt.

Bei den Darstellern handelt es sich nach meinen Erkenntnissen um Laien. Aus den von mir eingesehenen elektronischen Unterlagen schließe ich, dass eine stattliche Anzahl Personen türkischer Herkunft bei diesem Theaterprojekt mitwirkt. Der Spielbetrieb wurde übrigens im Jahr 1989 aufgenommen. Mir fielen besonders die Titel zweier Produktionen auf. In deutscher Übersetzung wurden die Titel dieser Produktionen mit “Bilder einer Immigration” und “Grenze” wiedergegeben. Hieraus folgere ich, dass Begebenheiten, die sich auf Lebenserfahrungen türkischer Migranten beziehen, szenisch aufbereitet worden sind.  

7.3.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (12)
 

Seit einigen Jahren wird Hamburg von einigen Medien als Musicalstadt bezeichnet. Nach meiner Wahrnehmung begann es wohl vor etwa drei Jahrzehnten mit dem Musical Cats. Dieses Produkt der leichten Muse wurde über einen langen Zeitraum im ehemaligen an der Reeperbahn gelegenen Operettenhaus aufgeführt. Wenn auch dieses Spektakel den Beifall mehrerer Personen aus meinem damaligen Lebenskreis gefunden hatte, fühlte ich mich nicht veranlasst, mir diese Produktion anzuschauen. Ich kann mich nicht daran erinnern, je in meinem Leben ein Musical gesehen zu haben. Ich lehne diese Form der Unterhaltung nicht grundsätzlich ab, fühle mich aber auch nicht unbedingt von ihr angezogen. Bei meinen Fahrten mit Verkehrsmitteln und auf meinen Fußmärschen durch Hamburg komme ich oft an der Neuen Flora vorbei. Dieses Theater hat die Adresse Stresemannstraße 159, 22769 Hamburg. Es befindet sich folglich im Stadtteil Altona-Nord. Das Gebäude ist aus meiner Sicht nicht gerade ein Meisterwerk der Architektur, ich empfinde es aber auch nicht als Schandfleck. Ins Auge springt lediglich der Eingangsbereich mit seinem überdimensionierten vorgebauten Dach in Form eines Rechtecks, das vertikal eine beträchtliche Neigung aufweist. Die aus roten Ziegelsteinen bestehende Fassade sagt mir zu, gehört doch dieser Stein zu dem in Norddeutschland einst hauptsächlich verwendeten Baustoff.

In den von mir gesichteten Quellen wird die Neue Flora als eines der größten Musicaltheater Europas bezeichnet. Es wird dargelegt, dass das Theater im Baustil der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gestaltet wurde. In dieser Zeit war ja der Funktionalismus die vorherrschende Richtung in der Architektur. Die Gesamtfläche des Theaters soll 5686 qm betragen. Auf einer Website wurde ausgeführt, dass sie in fünf große Räume aufgeteilt ist. Hierbei soll es sich um den Theatersaal, das Foyer im Erdgeschoss, das Foyer im Obergeschoss, die Hanse Lounge und das Restaurant Cardoza’s handeln. Die Größe des Theatersaals ist mit 1530 qm vermerkt. Die Fläche des Foyers im Erdgeschoss ist mit 728 qm ausgewiesen, die des Foyers im Obergeschoss mit 115o qm. Über diesen Ebenen soll ein weiteres Foyer anzutreffen sein. An anderer Stelle las ich, dass sich das 2.500 qm große Foyer über vier Etagen erstreckt. Die Hanse Lounge und das Restaurant sollen sich jeweils über eine Fläche von 200 qm erstrecken. Auch über die Zahl der Sitzplätze des Theatersaals fand ich verschiedene Zahlen vor. Diese dürfte jedoch bei knapp 2.000 liegen. Neben dem Parkett verfügt der Theatersaal auch noch über einen Rang, der 550 Zuschauern Platz bieten soll. Über die Sitzplätze wird vermeldet, dass sie in Form eines klassischen Amphitheaters angeordnet sind. Dieses sei im Hinblick auf eine optimale Sicht und eine klangvolle Akustik geschehen. Die schwarz glänzende Bühne habe eine Größe von 240 qm. Es werde modernste Theatertechnik angewendet.

Erbaut sei das Theater Neue Flora in den Jahren 1988 bis 1990 für 80 Millionen DM. Betreiber dieses Hauses war zunächst die Stella AG. Es wurde das Musical “Das Phantom der Oper” präsentiert. Der Stoff des Musicals beruht auf einem Roman des französischen Journalisten und Schriftstellers Gaston Leroux. Der Stoff dieses typischen Schauerromans um den auch musikalisch hochbegabten Außenseiter Erik, der infolge einer Entstellung seines Gesichts die Mitmenschen weitgehend meidet, und die von ihm zur Sängerin ausgebildete Christine, erfreut sich weltweit bei vielen Leuten großer Beliebtheit. Dieser Roman wurde vor einigen Jahren in Auszügen im Radiosender NDR Kultur in vielen Folgen vorgelesen. Ich habe mir seinerzeit die Sendung angehört. Wenn dieser Roman auch nicht zu der Gattung von Literatur gehört, die mein Interesse weckt, so habe ich dennoch sämtlichen Folgen gelauscht. Der Roman ist meines Erachtens handwerklich nicht schlecht gemacht, der Autor hat es verstanden, Spannung aufzubauen und dem Leser das teils “phantastische” Schicksal der Protagonisten nahe zu bringen. Ich kann verstehen, dass diese Mischung aus Phantasie-und Kriminalroman, für die Bühne dramatisch und musikalisch aufbereitet, vielen Menschen gefällt. Die Premiere des Musicals “Das Phantom der Oper” fand am 29.9.1990 statt. Da die Betreiber der Neuen Flora sich den Zorn gewisser Kreise der Bevölkerung zugezogen hatten, waren 3.500 Polizisten zum Schutz der Veranstalter, deren Akteure und Gäste aufgeboten worden. 1.000 Demonstranten sollen ihren Unmut, nicht immer friedlich, kund getan haben. In der Neuen Flora fanden insgesamt 4.400 Aufführungen dieses Musicals statt. Zu diesen Aufführungen kamen 7 Millionen Besucher. Im Jahr 2002 musste die in ganz Deutschland tätige Stella AG Konkurs anmelden. Ein anderes Unternehmen nahm im Dezember 2002 mit dem Musical “Titanic” den Spielbetrieb wieder auf. Es folgten weitere Inszenierungen wie “Mozart” und “Dirty Dancing”. Zur Zeit läuft schon seit geraumer Zeit das Musical “Tarzan”.

Die Räumlichkeiten der Neuen Flora können übrigens auch gemietet werden, wobei vor allem an die Durchführung von Unternehmensveranstaltungen gedacht ist. Bei einem Stehempfang bietet der Foyerbereich 2.000 Gästen Platz. Die Hanse Lounge kann bei einem Stehempfang 150 Gäste aufnehmen. Bei einer Reihenbestuhlung sind es immerhin noch 100 bis 130 Gäste, bei einer Dinnerbestuhlung 80 Besucher.

21.2.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (11)

Von der Existenz des in der Friedensallee 20 in Ottensen gelegenen Monsun Theaters nahm ich vor geraumer Zeit auf einem meiner zahlreichen Gänge durch diesen Stadtteil Kenntnis. Ich kann mich nicht erinnern, etwas über dieses Haus in den Medien vernommen zu haben. Bei meinen Recherchen im Internet wurde ich jedoch darüber belehrt, dass Aufführungen des Monsun Theaters in den in Hamburg erscheinenden Zeitungen einer Erwähnung wert erachtet werden. Bei meinen Gängen durch Ottensen blieb ich zuweilen an der zu diesem Theater führenden Toreinfahrt stehen und warf einen Blick auf den dort befindlichen Aushang. Ich stellte fest, dass hier ein abwechslungsreiches Programm geboten wurde, zu dem auch Darbietungen auf dem Gebiet des Gesanges zählten. Auch betrat ich mehrfach den Hof und nahm das zum Theater gehörende Café kurz in Augenschein. Zu diesem Zeitpunkt war es sehr gut besetzt. Aber auch diese Kulturstätte habe ich bisher noch nicht besucht.

Ich las, dass das Monsun Theater die in der Friedensallee gelegenen Räumlichkeiten im Jahr 1979 bezog. Bei diesen zum Theater umgewidmeten Räumlichkeiten soll es sich um die ehemalige Lagerhalle einer Senffabrik gehandelt haben. Dieses privat geführte Haus wurde als erstes Off-Theater Hamburgs bezeichnet. Ich muss bekennen, dass mir dieser Begriff fremd war und, ich mich erst kundig machen musste. Nach meinen Erhebungen handelt es sich bei diesen Theatern um Einrichtungen, die hautnahe Theaterabenteuer vermitteln - “off mainstream”. Sie teilten mit ihren Zuschauern ein hohes Risiko. Sie seien begierig nach innovativen Kunsterlebnissen - “off establishment”. Sie seien dynamisch und flexibel, arbeiteten mit wenig Budget und viel Kreativität. Für die Off-Kultur sähe der Staatshaushalt Hamburgs insgesamt nur einen Betrag von 200.000 Euro vor.

Nach den von mir vorgefundenen Abbildungen ist der Theatersaal spartanisch eingerichtet und mit einfachen aus Holz und Metall gefertigten Stühlen ausgestattet, wie man sie häufig in Wartezimmern von Arztpraxen und Warteräumen von Behörden, Versicherungen, Bausparkassen und anderen Institutionen vorfindet. Es sollen 79 Sitzplätze vorhanden sein. Ich zählte allerdings auf einem Foto nur 50 Stühle.

Auf der Website venyoo.de wird darüber informiert, dass auf die Bühne des Monsun Theaters keine Massenware kommt. Vielmehr würden handgemachtes, modernes Sprechtheater, innovative Tanzproduktionen, skurriles Kabarett oder auch betörende Konzerte geboten.

Eine der Stadt Hamburg nahestehende Stelle weiß zu berichten, dass im Monsun Theater überwiegend moderne Stücke aufgeführt werden. Auch Liederabende, Gedichtabende oder One-Man-Comedy-Shows würden veranstaltet. Einen Schwerpunkt bilde das Kindertheater. Für die kleinen Besucher gäbe es Bewegungstheater, Kinderopern und Musiktheater. Märchen würden hier ebenso auf die Bühne gebracht wie Theaterstücke nach Kinderbüchern. Das Monsun Theater biete regelmäßig Seminare und Workshops an. Hier fänden unter anderem Schauspielunterricht, Gesangsunterricht, Tanzkurse und Autorenbörsen statt. Einmal im Monat würden eine Tango-Nacht und ein Literatursalon mit Lesungen klassischer oder zeitgenössischer Literatur veranstaltet. Im Theaterfoyer fänden regelmäßig wechselnde Kunstausstellungen statt. Mit seiner Debutbühne biete es jungen Schauspielern Auftrittsmöglichkeiten. Dieses Theater sei ein Ort von Begegnungen von verschiedenen Künstlern, Künsten und Kulturen. Wie bei anderen Theatern, können die Räumlichkeiten auch für Veranstaltungen gemietet werden.

Im Jahr 2010 wurde dem Monsun Theater für eine Eigenproduktion der Rolf Mares Preis der Hamburger Theater zuerkannt. Bei der besagten Eigenproduktion handelt es sich um das von der Regisseurin Nina Pichler inszenierte Stück “Die zweite Frau” von Nino Haratischwili. In der Hamburger Morgenpost soll dieses Werk wie folgt bezeichnet worden sein : “Ein männerfreies Stück ohne Tragik voller ausgeklügelter Boshaftigkeiten und schwarzem Humor”. Dieser Preis wurde dem Monsun Theater bereits 2006 für eine andere Eigenprodiktion zuerkannt.

Mit dem Rolf Mares Preis der Hamburger Theater hebe ich mich bisher nicht beschäftigt. Ich brachte in Erfahrung, dass die Hamburger Theater diesen Preis 2006 ins Leben gerufen haben. Er werde jährlich ausgelobt und solle auf außergewöhnliche künstlerische Leistungen auf Hamburger Bühnen innerhalb einer Spielzeit aufmerksam machen. Er werde in vier verschiedenen Kategorien vergeben. Hierzu gehörten außergewöhnliche Leistungen auf dem Gebiet der Inszenierung, aber auch außergewöhnliche Leistungen in den Bereichen Schauspielkunst, Gesang, Tanz sowie Bühnen - oder Kostümbild. In jeder Kategorie würden drei gleiwertige Preise vergeben, wobei auch die unterschiedlichen finanziellen, personellen und räumlichen Möglichkeiten der verschiedenen Hamburger Bühnen Berücksichtigung fänden. Die Preisträger würden von einer unabhängigen Jury ausgewählt. Die Theater hätten ein Vorschlagsrecht, mit dem sie der Jury den Besuch einer besonderen Vorstellung empfehlen könnten. Daneben gäbe es seit 2007 einen Sonderpreis für langjährige außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens. Von jeder verkauften Eintrittskarte zur Hamburger Theaternacht flössen ein Euro in den Preistopf. Namensgeber des Preises sei der 2002 verstorbene Professor Rolf Mares. Er sei Vorsitzender des Kulturausschusses der Hamburger Bürgerschaft gewesen. Zuvor sei er im Thalia Theater, im Deutschen Schauspielhaus, in der Hamburger Staatsoper sowie in der Komödie Winterhuder Fährhaus auf Direktionsebene tätig gewesen. Prof. Mares sei eine unabhängige und überparteiliche Persönlichkeit gewesen. Er habe sich engagiert für das Theater eingesetzt.

Am 18.2.2011 hatte das Stück “Tief im Loch und das Schwein sucht mit” von einem gewissen Jerome Olyslaegers Premiere. Es soll ein Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn behandelt werden, bei dem auch Drogenhandel eine Rolle spielen soll. In der Kurzbeschreibung wurden verschobene Selbstwahrnehmung und Gewalt hervorgehoben. Ich vernahm, dass das Drama “Othello” komplett umgeschrieben und auf die Bühne des Monsun Theaters gebracht wurde. Auch Elfriede Jelinek wurde in diesem Haus die Ehre erwiesen. Es wurde ihr Stück “Jackie und das blonde Fleisch” aufgeführt. Gemeint sind mit den im Titel genannten Personen Jaqueline Onassis, verwitwete Kennedy und Marilyn Monroe. “Der Menschenfeind” von Molière wurde als Einmann-Theater gegeben. Auch Büchners “Woyzeck” wurde in einer umgeschriebenen Version geboten. Zunächst wurde ein Liebespaar im 21.Jahrhundert gezeigt, sodann wurde das Geschehen in das Jahr 1836 zurückversetzt. Ein Kritiker bezeichnete die Aufführung als erschreckend aktuelle Familientragödie. Gespielt wurde übrigens von zwei Personen.

14.02.201

Einlassungen zu Altona und Ottensen (10)

Als das Thalia in der Gaußstraße im November 2008 eröffnet wurde, wohnte ich bereits achtdreiviertel Jahre in Altona. Dieses bemerkenswerte Ereignis war mir offensichtlich entgangen, denn ich kann mich hieran nicht mehr erinnern. Dieses mag auch daran liegen, dass ich schon damals die lokale Presse nicht regelmäßig las. Auf dieses Theater wurde ich auf einen meiner zahlreichen Spaziergänge, die mich häufig durch die Gaußstraße führten, aufmerksam. Bisher warf ich erst einmal einen kurzen Blick auf die weitläufigen Anlagen. Zu einem Theaterbesuch konnte ich mich bisher noch nicht aufraffen. Aus meinen Recherchen im Internet schließe ich, dass dieses Haus aus der Sicht der Theaterkritiker die bedeutendste Bühne in Altona ist. Eine eigene Website des Thalias in der Gaußstraße konnte ich nicht finden. Es wird jedoch auf der Website des Haupthauses mitbetreut. Nach meinem Empfinden ist die von mir entdeckte Präsentation im Internet unzureichend. Bei den mir zur Verfügung stehenden Unterlagen wird am Bildmaterial gespart, so dass ich keine Vorstellungen von der Beschaffenheit der Räumlichkeiten habe. Diverse Schilderungen deuten darauf hin, dass räumliche Enge ein Merkmal dieses Hauses ist. Es bietet nur 150 Besuchern Platz. Der Regisseur Andreas Kriegenburg, der sich in der Theaterwelt eines guten Rufs erfreuen soll, hat sich dahingehend geäußert, dass er es als Privileg erlebt hat, in der Gaußstraße zu inszenieren, weil man hier in einer anderen Nähe und Intimität zum Publikum arbeiten könne. Der frühere Intendant des Thalia Theaters, Ulrich Khuon, soll diese Spielstätte sogar den Ort genannt haben, wo wir uns am wohlsten fühlten.

Im Zuge meiner Bemühungen um Material über das Theater in der Gaußstraße stieß ich auf so manche Eloge. Ich vernahm die Stellungnahme, dass dieser Spielort in wenigen Jahren zu einer der ersten Adressen für zeitgenössisches Theater avanciert wäre. Erstaufführungen junger Autoren hätten hier ebenso wie Klassiker ihren Platz. An anderer Stelle heißt es, “Das Thalia in der Gaußstraße” sei eine gewachsene Spielstätte und ein Ort des Austausches und der Begegnung. Ferner las ich, dass “Die Gaußstrasse” eine sich stetig entwickelnde Baustelle sei. In den letzten zehn Jahren habe sie sich vom Fabrikgelände in ein Kreativzentrum mit dem Charme eines New Yorker Hinterhofs entwickelt. Die zweite Spielstätte neben der “Thalia Gauß” werde fortan die “Thalia Gauß Garage” sein, ein Ort mit Patina.

Die Website des Thalia Theaters enthält ein kurz gefasstes Statement zu den Aktivitäten dieser Sprechbühne in Altona. Hier wird vorgetragen, dass “Die Gaußstraße” eine Dependence des Thalia Theaters von Hamburg und Altona ist, gleichermaßen offen für alle aus dem Großraum Hamburg, aber mit starker Anbindung an den kreativen Melting Pot Altona aus Arbeitern, Künstlern, bürgerlichem Mittelstand und einer zunehmend interkulturellen Gesellschaft. Besonders dem multinationalen Zusammenhang trage das Programm des Theaters in der Gaußstraße verstärkt Rechnung. Dieses Theater sei gleichzeitig Kreativort für ungewöhnliche und junge künstlerische Aktivitäten.

Ich erfuhr weiter, dass das Thalia Theater die Frage nach dem Kosmopolitischem in der Spielzeit 2010/2011 im “Großen Haus” und in der “Gaußstraße” weiterführt. Das zentrale Thema wären die Auswirkungen des Terroranschlags vom 11.09.2001 auf unser politisches und kulturelles Bewusstsein. In der Gaußstraße würden gleich vier Produktionen um die Erinnerung um das Ereignis kreisen, das vor demnächst zehn Jahren von Hamburg ausgegangen sei. Auf sehr unterschiedliche würden die Autoren Tom Lanoye, Kornel Mundruczo, Don DeLillo und Peter Licht die Empfindung intensivieren, dass die Welt, in der wir gelebt haben, nach dem 11.9.2011 nicht mehr die gleiche sei.

Neben dem bereits erwähnten Andreas Kriegenburg wirkten an dieser Studiobühne die Regisseure Dimiter Gottscheff, Armin Petras und

Antu Romero Nunes. Der 1983 geborene Nunes wurde in der Kritikerumfrage der Zeitschrift “Theater heute” zum Nachwuchsregisseur des Jahres 2010 gewählt. Andreas Kriegenburg, dem die Aura des unkonventionellen und experimentierfreudigen Regisseurs umgibt, hat für die Studiobühne des Thalia Theaters die Dramen “Kurz vor dem Vergessen”, “Romeo und Julia” sowie “Der Menschenfeind” inszeniert. Von ihm heißt es, er habe frischen Wind in die Spielstätten des Thalia Theaters gebracht. Über die Inszenierung von “Romeo und Julia” brachte ich in Erfahrung, dass sich je vier weibliche und männliche Schauspielstudenten der Hamburger Hochschule für Theater und Musik gemeinsam die Geschichte von Romeo und Julia erzählen und dabei sowohl in Rollen der beiden Liebenden als auch in die der sie umgebenden Gesellschaft, die ihrer Vereinigung im Wege steht, springen.

Außer “Romeo und Julia” werden zur Zeit noch folgende Theaterstücke im Thalia in der Gaußstraße gespielt: “Axolotl Roadkill”, “Falling Man”, “Atropa. Die Rache des Friedens”, “Amerika”, sowie “Die Welt ist groß und Rettung lauert überall”.

Von diesem Programm interessiert mich vor allem die Bühnenfassung des Romans “Falling Man” von Don DeLillo. Auszüge aus diesem Roman habe ich bereits an mehreren Tagen im Rundfunk gehört. Die Lesung hat mir gefallen. Bisher kam ich jedoch noch nicht dazu, den Roman zu lesen. In diesem Werk wird das zentrale Thema des Jahres 2011 der besagten Studiobühne meines Erachtens gekonnt behandelt. Die Verstörung des von dem Anschlag betroffenen Protagonisten wird nach meiner Einschätzung eindringlich, jedoch stets sachlich und distanziert in angemessener Weise dargestellt.

Mit der Bühnenfassung des umstrittenen Romans “Axolotl Roadkill” der zum Zeitpunkt des Schaffensprozesses erst siebzehnjährigen Autorin Helene Hegemann wollte man in meinen Augen auf der Höhe der Zeit sein und sich neuen Strömungen bei der Schaffung literarischer Produkte öffnen. Helene Hegemann hat sich ja bekanntlich bei der Abfassung ihres Romans reichlich des geistigen Eigentums anderer Autoren bedient. Aber schon Brecht soll ja eine gewisse Laxheit bei der Verwertung des geistigen Eigentums anderer nicht als verwerflich empfunden haben. Ich kenne “Axolotl Roadkill” nur aus diversen Schilderungen und Bewertungen in den Medien. Ich stelle mir jedoch die drastische Schilderung des tabulosen Treibens jugendlicher Außenseiter durchaus interessant vor.

07.02.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (9)

Bei meinen Recherchen über Theater in Altona stellte ich fest, dass diese Kultureinrichtung hier durchaus Tradition hat. Bereits im Jahr 1783 wurde an der Palmaille ein Schauspielhaus eröffnet. 1876 konnte dann in der Königstraße ein repräsentatives Theatergebäude bezogen werden. In diesem Haus wurden auch zeitgenössische Stücke aufgeführt. Es sollen in diesem Theater bekannte Schauspieler aufgetreten sein. In diesem Zusammenhang wurde der Name Gustav Knuth genannt. Dieses Haus wurde 1943 bei einem Bombenangriff gänzlich zerstört. Nach Kriegsende füllten zunächst Gastspiele der Hamburger Kammerspiele und des Thalia Theaters die Lücke im Kulturleben Altonas. Am 1.9.1954 hatte dann Altona wieder sein eigenes Theater. Der Intendant des Harburger Theaters, Hans Fitze, übernahm das wieder ins Leben gerufene Altonaer Theater. Dieses spielte jetzt in der Aula des in der Museumsstraße gelegene Hauses der Jugend. Hans Fitze bot werkgetreue Interpretationen von Dramen an, wobei er klassischen Stücken den Vorzug gab. Dieses Konzept ging vierzig Jahre gut. 1994 musste dann Hans Fitze wegen Geldmangels aufgeben. Wie bereits im Beitrag vom 24.1.2011 dargelegt, kam es bereits 1995 an gleicher Stelle zu einer Wiedereröffnung des Altonaer Theaters unter neuer Leitung.

Über die im Haus Max-Brauer-Allee 76 errichtete Hamburger Kammeroper wusste ich vor meinen Erhebungen mit Hilfe des Internets nichts. Ich erfuhr, dass dieses Musiktheater schon im Jahr 1996 gegründet wurde. Die Kammeroper widmet sich schwerpunktmäßig dem Musiktheater des 18. Und 19. Jahrhunderts. Pro Spielzeit sollen dem Publikum zwei bis drei Produktionen geboten werden, wobei besonders selten gespielte Werke bekannter Komponisten berücksichtigt werden sollen. Diese Werke werden zuvor im eigenen Haus musikalisch bearbeitet und ins Deutsche übersetzt. Die Dauer der Vorstellungen wird auf zweieinhalb Stunden begrenzt. Ziel sei es, dem Publikum einen anspruchsvollen und unterhaltsamen Abend zu bereiten. Vorbild für die Gestaltung der Kammeroper sei das barocke Theater. Hierzu wird ergänzend an anderer Stelle noch folgendes mitgeteilt: “Ganz nach dem Vorbild des Barock soll ein Abend in der Hamburger Kammeroper zu einem Genuss rundum werden, zu einem Erlebnis nicht nur für Augen und Ohren, sondern auch für den Gaumen. Schließlich gehören Essen, Trinken und geselliges Beisammensein ebenso zur Kultur wie Musik und Theater.” Es wird daher ein Theatermenu im Preise von 26,50 Euro angeboten. Dieses kann zugleich beim Kartenkauf geordert werden.

Die Kammeroper lässt auf ihrer Website die Interessenten wissen, dass das direkt an den Zuschauersaal anschließende “BistroFOYER” 1996 entstanden ist. Die aus Glas und Aluminium geschaffene kühl-elegante Schöpfung bilde einen spannenden Kontrapunkt zum barocken Ambiente des Theaters. Die auf der Website gezeigten Bilder des Restaurationsbetriebes machen auf mich bei aller Schlichtheit des Interieurs durchaus einen gefälligen Eindruck, wenn auch das fehlt, was man gemeinhin unter Gemütlichkeit versteht.

Im Theatersaal, der für 215 Besucher ausgelegt ist, stehen sehr unterschiedliche Stühle. Der Kontakt zwischen Sängern und Publikum sei buchstäblich hautnah.

Die Plätze sind in drei Kategorien eingeteilt, für die unterschiedliche Preise verlangt werden. Die Spieltage sind wiederum in zwei Gruppen eingeteilt. Der Grundpreis wird für die Spieltage Mittwoch, Donnerstag und Sonntag erhoben, während für Freitag und Samstag ein Aufpreis fällig wird. Mir erscheinen die Eintrittspreise sehr zivil. In der Kategorie 3, die für die hinteren Stuhlreihen vorgesehen ist, beträgt der Grundpreis 20 Euro, der Aufpreis 22,50 Euro. In der Kategorie 2 werden 25 und 27,50 Euro gefordert. Besucher, die die Kategorie 1 und somit einen Platz in den vorderen Reihen gewählt haben, entrichten 30 bzw. 32,50 Euro. Ferner gibt es für bestimmte Personenkreise eine Ermäßigung.

Die Kammeroper kann bisher auf 23 Opernproduktionen zurückblicken. Hierfür werden gern junge Sängerinnen und Sänger eingesetzt. Nach den im Internet gezeigten Fotos machen diese optisch einen guten Eindruck. In der heutigen Zeit soll gutes Aussehen auch von Opernsängerinnen und Opernsängern verlangt werden.

Musikalischer Leiter der Hamburger Kammeroper ist Fabian Dobler. Dieser wurde als Pianist und Dirigent ausgebildet und soll in beiden Disziplinen nicht nur bundesweit Erfolge erzielt haben.

Bis einschließlich 31.1.2011 wurde in der Kammeroper die Operette “Die Fledermaus” von Johann Strauß aufgeführt. Für Ende Februar ist die Premiere der Oper “Carmen” von George Bizet geplant. Hierbei handelt es sich offensichtlich um ein ambitioniertes Unterfangen. Bei diesem Werk soll es sich um die meistgespielte Oper handeln, die regelmäßig auf den Spielplänen der renommiertesten Opernhäuser der Welt mit entsprechender Besetzung steht.

In den letzten Jahren wurden vor allem bekannte Opern in der Hamburger Kammeroper gegeben. Hierunter befanden sich Don Giovanni, Figaros Hochzeit sowie Cosi fan tutte von Mozart, Der Liebestrank und Don Pasquale von Donizetti, Orpheus und Eurydike von Gluck, Der Freischütz von Carl Maria von Weber und La Cerentola von Rossini.

24.01.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (8)

Das Altonaer Theater stand nie im Zentrum meines Interesses. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Aufführung dieses Theaters besucht zu haben. Sogar in Zeiten meiner Theaterbegeisterung, die mich im Laufe der Jahrzehnte in gewissen Abständen ergriff, habe ich offensichtlich die Angebote dieses Haus nicht wahrgenommen. In den bewussten Zeiten habe ich vor allem das Deutsche Schauspielhaus besucht. In manchen Spielzeiten kannte ich das gesamte Programm dieses Theaters. Aber auch die Vorstellungen des Thalia Theaters habe ich mir in jenen Zeiten des Enthusiasmus gern angesehen. Zuweilen kannte ich auch hier nahezu das gesamte Programm einer Spielzeit. Hierzu ergänzend fand ich mich auch zu Aufführungen der Hamburger Kammerspiele und des Ernst Deutsch Theaters, das vor geraumer Zeit Junges Theater hieß, ein. Zu Beginn der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fanden Gastspiele mit bekannten Schauspielern im Theater am Besenbinderhof statt. Auch hier war ich zuweilen zugegen. Vom Altonaer Theater wusste ich, dass vor langer Zeit auf dieser Bühne vor allem Klassiker gespielt wurden. Ich hatte hin und wieder den Besuch dieses Hauses in Aussicht genommen, weiß aber, wie bereits erwähnt, nicht mehr, ob es tatsächlich hierzu gekommen ist. Mir ist nur noch erinnerlich, dass ich einmal im Café des Altonaer Theaters war. Mir war auch gänzlich entgangen, dass dieses Theater im Jahr 1994 vorübergehend geschlossen war. Von der Wiedereröffnung dieses Hauses unter der Leitung junger Kräfte hatte ich ebenfalls nichts gehört.

Die Website des Altonaer Theaters hat mich beeindruckt. Ich habe mich zunächst mit dem Ensemble vertraut gemacht. Ich stellte fest, dass dieses aus zwölf Personen besteht, von denen fünf weiblichen und sieben männlichen Geschlechts sind. Diese mit ansprechenden Fotos vorgestellten Personen machen auf mich einen sympathischen Eindruck. Auch die leitenden Herren werden mit Lichtbildern präsentiert. Hierbei handelt es sich um den Intendanten Axel Schneider und den Geschäftsführer Holger Zebu Kluth. Beide Herren sind in derselben Funktion auch für das Harburger Theater und die Hamburger Kammerspiele tätig. Axel Schneider hat Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert. Er war in sehr jungen Jahren Regieassistent unter anderem bei Michael Bogdanov und Jeróme Savary sowie bereits seit 1990 Produktions-und Theaterleiter. Bei der Wiedereröffnung des Altonaer Theaters im Jahre 1995 wurde er achtundzwanzigjährig als jüngster Intendant Deutschlands bezeichnet.

Auf dem Spielplan des Altonaer Theaters stehen zur Zeit folgende Stücke:

“Tadellöser und Wolff” nach dem Roman von Walter Kempowski in der Fassung von Axel Schneider

“Jugend ohne Gott” nach Ödon von Horvath in der Fassung von Peter Bause und Axel Schneider

“Schillers sämtliche Werke…. Leicht gekürzt” von Michael Ehnert

Demnächst soll eine Bühnenfassung von Daniel Kehlmanns “Die Vermessung der Welt” aufgeführt werden.

Aus diesem Programm schließe ich, dass vor allem bewährte Stoffe auf die Bühne gebracht werden sollen, von denen erwartet wird, dass sie beim kulturell interessierten Publikum Anklang finden.

Auf der Homepage sind unter verschiedenen Rubriken eine Reihe von Kritiken in Kurzform veröffentlicht. Diese Texte geben darüber Aufschluss, dass die Inszenierungen von den Journalisten der unterschiedlichen Presseorgane und Rundfunkanstalten wohlmeinend aufgenommen worden sind. Manche dieser Beiträge drücken sogar Begeisterung aus.

Das Altonaer Theater wirbt mit zahlreichen Aktionen meines Erachtens geschickt um das Publikum. Jeden Mittwoch findet im Anschluss an die Vorstellung im Café die Veranstaltung “Nachklang” statt, bei der Nachgespräche mit Schauspielern aus der jeweiligen Produktion geführt werden können. Jeden Donnerstag steht “Vorspiel” auf dem Programm. Hierbei wird eine dramaturgische Stückeinführung geboten. Jeden Freitag wird nach der Vorstellung unter der Bezeichnung “AltonABEND” Live-Musik zu Gehör gebracht. Samstags wird in der Zeit von 10 Uhr bis 13 Uhr unter dem Titel “Ungeschminkt” eine öffentliche Probe veranstaltet. Hierzu ist eine telefonische Voranmeldung erforderlich. Alle diese Veranstaltungen sind kostenlos.

An Freitagen können junge Leute bis zu 27 Jahren, wenn sie die Voraussetzung für eine Ermäßigung erfüllen, Theaterkarten zu 5 Euro erhalten.

In Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen Situation von Privattheatern wurde die Fördereinrichtung “Freunde des Altonaer Theaters” ins Leben gerufen. Hier beläuft sich der Mindestbeitrag auf Jährlich 42 Euro. Junge Menschen bis zu 29 Jahren kommen unter bestimmten Voraussetzungen entsprechend der Zahl ihrer Lebensjahre zu einer Ermäßigung. Hier wird für jedes Lebensjahr nur 1 Euro verlangt.



17.01.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (7)

Bei meinen Spaziergängen durch Altona komme ich oft an Theatern vorbei. Besonders oft stehe ich vor dem Theater in der Basilika in der Borselstraße 14-16. Ich schaue dann durch die Fensterscheiben in das Foyer und mache mich mit dem Aushang vertraut. Nach meiner Wahrnehmung werden dort meist Stücke gegeben, die ich dem Boulevardtheater zurechne. Die meisten dort aufgeführten Stücke haben mich bisher nicht sonderlich interessiert. Dieses Haus muss sich jedoch einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Zuweilen werde ich auf der Straße von Passanten angesprochen, die mich nach dem Weg zu diesem Theater fragen. Hierunter befinden sich auch Personen, die bekunden, dass sie von außerhalb kommen. Das Theater in der Basilika verfügt aus meiner Sicht über eine anspruchsvolle und gut gestaltete Website. Auf dieser Website las ich, dass auf dem Gelände einer denkmalgeschützten ehemaligen Maschinenfabrik anspruchsvolle Komödien, Klassiker, modernes Theater und Jugendtheater geboten werden. Der Saal verfüge über 224 Sitze zur freien Auswahl. Für Feiern, Feste, Partys, Firmenveranstaltungen u.s.w. könnten die Räumlichkeiten gemietet werden. Die Eintrittspreise erscheinen mir als recht moderat. Von Sonntag bis Donnerstag betragen diese 12 Euro, am Freitag und Sonnabend ein wenig mehr. Zur Zeit wird dort “Macho Man” gespielt. Dieser Stoff ist mir unbekannt. Ich erfahre, dass er vom Grimmepreisträger Moritz Natanjakoh stammt. Dieser Autor ist mir ebenfalls unbekannt. Bei dem Verfasser soll es sich um einen der gefragtesten Comedy-Autoren handeln. Das Stück gebe auf ironische Weise Einblicke in deutsch-türkische Verhältnisse. Auf dem Spielplan steht ferner “Zweiohrküken” nach dem Film von Till Schweiger. Von diesem Stoff habe ich schon gehört. Ich muss jedoch bekennen, dass er bisher meine Neugier nicht geweckt hat. Des weiteren wird demnächst die Komödie “Männerhort” von Kristof Magnusson gegeben. Ich muss wiederum bekennen, dass mir weder der Autor noch das Stück bekannt sind. Auf der Website des besagten Theaters ist angemerkt, dass das Drama als eine der erfolgreichsten Komödien der letzten Jahre bezeichnet wird. Bei meinen Recherchen im Internet bringe ich in Erfahrung, dass “Männerhort” immerhin bereits im Theater am Kurfürstendamm in Berlin gespielt wurde. Die Online-Ausgabe der Zeitung “Die Welt” ist kurz auf diese Inszenierung eingegangen. Der entsprechende Journalist hat sich jedoch einer Bewertung dieses Stücks enthalten. Den kurz umrissenen Inhalt des Stücks habe ich so verstanden, dass durch das expansive Verhalten ihrer Ehefrauen frustrierte Männer sich in einem Heizungskeller einen Rückzugsraum geschaffen haben, in dem sie sich in einer reinen Männergesellschaft ohne sie gängelnde Frauen nach ihren Vorstellungen entfalten können. Ich habe jedoch den Verdacht, dass hier wieder einmal allzu gängige Klischees bedient werden, so dass ich mich von diesem Schauspiel nicht unbedingt angesprochen fühle. Dem Theater in der Basilika stehe ich nicht ablehnend gegenüber. Ich halte es daher nicht für ausgeschlossen, dass ich diesem Institut irgendwann einmal einen Besuch abstatte.

10.01.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (6)

In Altona hat sich eine beachtliche Anzahl kultureller Einrichtungen etabliert. Obwohl ich mich an kulturellen Angelegenheit als besonders interessiert betrachte, habe ich dieses Angebot bisher nicht in dem erforderlichen Maße wahrgenommen. In früheren Lebensabschnitten war ich in mehreren Zeiträumem ein begeisterter Theaterbesucher. Auch war ich in jungen Jahren zeitweilig fast ein Cineast. Geblieben ist lediglich mein starkes Interesse an Literatur und bildender Kunst. Meine Leidenschaft für das Theater beschränkt sich zur Zeit auf das Lesen von Dramen. Früher ließ ich selten eine Ausstellung in den einschlägigen Kunstinstituten aus. Heute beschränke ich mich auf einige mir interessant erscheinende Ausstellungen, wenn dieses nicht mit besonderem Aufwand verbunden ist. Noch vor einigen Jahren gab es im Altonaer Museum eine Reihe bemerkenswerter Kunstausstellungen. Diese habe ich jeweils mehrfach besucht. Ich kann mich vor allem an Ausstellungen mit Werken von Anne Ancher, Gurlitt, den Gebrüdern Achenbach, Wilhelm Busch und Jawlensky erinnern. Auch die in diesem Haus gezeigte Sammlung Ahlers expressionistischer Bilder hatte mich beeindruckt. Ich habe im Altonaer Museum im Laufe der Jahre noch eine beträchtliche Anzahl weiterer Ausstellungen gesehen. Vor geraumer Zeit brach die Serie mich interessierender Ausstellungen plötzlich ab. Hin und wieder wurde eine Kunstausstellung im Jenisch-Haus, das mit dem Altonaer Museum kooperierte, gezeigt. Ich habe mehrere Kunstausstellungen im Jenisch-Haus besucht. Hier gefiel mir besonders die Kunstschau mit Werken dänischer Maler des so genannten Goldenen Zeitalters. Diese Ausstellung habe ich mehrfach besucht. Aus dem Umstand der Kooperation beider Häuser schloss ich, dass der Ausstellungssektor mit Werken der Malerei nunmehr weitgehend vom Jenisch-Haus wahrgenommen wurde. Das Altonaer Museum verfügt im Rahmen der Schausammlung über ein beachtliches Konvolut von Gemälden mit norddeutschen Motiven und Werken norddeutscher Maler. Diese Bilder habe ich mir gern immer wieder angeschaut. Da der Eindruck inzwischen verblasst ist, habe ich mir fest vorgenommen, die entsprechende Abteilung des Altonaer Museums wieder einmal aufzusuchen. Von weiteren bemerkenswerten Aktivitäten in Sachen Kunstausstellungen im Zentrum Altonas oder in Ottensen habe ich bisher nichts mitbekommen. Ich werde in dieser Hinsicht noch weitere Recherchen durchführen.

29.11.2010

Einlassungen zu Altona und Ottensen (5)

Während des ersten Drittels der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts befürchtete ich, der Stadtteil Ottensen nebst eines Teils von Altona würde kippen und sich unaufhaltsam in einen Slum verwandeln. Die alten Häuser der von mir oft durchschrittenen Gaußstraße wirkten vernachlässigt und befanden sich in keinem guten Erhaltungszustand. Dieses traf ebenfalls auf andere Straßen des Quartiers zu. Die Bürgersteige waren mit leeren Flaschen und Bierdosen, Plastikteilen, alten Verpackungen sowie Papier zugemüllt. Außerdem waren sie stets durch Ansammlungen von Hundekot stark verschmutzt. Nicht nur hier, sondern auch in der Barnerstraße und anderswo stellten Mitbürger ausrangierte Möbel, elektronische Geräte und sonstigen nicht mehr benötigten Hausrat bedenkenlos am Straßenrand ab. Überall standen aus Supermärkten mitgenommene Einkaufswagen herum, die in bestimmten Gegenden mit leeren Bierdosen und Müll gefüllt waren. Im öffentlichen Verkehrsraum waren Skelette von ausgeschlachteten Fahrrädern zu besichtigen. Sogar alte demolierte Autos ohne Nummernschild waren auf Gehwege verbracht worden. Diesen Missstand nahm ich sogar in der verkehrsreichen Barnerstraße wahr. Nachts trieben offensichtlich Horden fehlgeleiteter Jugendlicher mit Farbsprühdosen ihr Unwesen. Hierbei handelte es sich keineswegs um Graffitikünstler oder Leute mit zumindest gewissen handwerklichen Fertigkeiten, die andernorts, zum Teil geduldet, farbenprächtige Gebilde anbringen, die auch aus meiner Sicht nicht gänzlich ungekonnt sind. Hier waren völlig talentfreie Geschöpfe am Werk, bei deren Sozialisation etwas schiefgegangen sein muss. Sie brachten nur ungelenkes Gekrakel hervor, das eine Beleidigung für alle jene darstellt, die meinen, sich in der Graffitiszene schöpferisch ausleben zu müssen. Auch die Wohnanlage, an der ich zu einem geringen Teil Miteigentümer bin und in der ich auch selbst lebe, war ständig von Schmierereien betroffen. Hieran hat sich übrigens bis heute nichts geändert. Wenn auch die Eigentümergemeinschaft, entsprechende Schmierereien ständig hat entfernen lassen, so wurden doch stets neue Verunzierungen produziert. Jene Herrschaften kultivierten das Spiel vom Hasen und dem Igel, so dass sich bisher alle Bemühungen um einen Gebäudekomplex ohne unerwünschte Farbaufträge als fruchtlos erwiesen. Die Eigentümer der Wohnanlage sind hierüber keineswegs amüsiert. Ich vernahm schon mehrfach emotional vorgetragene Unmutsäußerungen von Mitbewohnern. Inzwischen wurden viele alte Häuser im Sadtteil aufwändig renoviert und auch mit einem prächtigen Farbanstrich versehen. Sie könnten nunmehr wahre Schmückstücke sein, gäbe es nicht jene Buben, die das zunichte machen wollen, was anderen Menschen Wohlgefallen bereitet. Kaum erstrahlen die renovierten Fassaden im neuen Glanz, finden sich nachts jene Buben mit ihren Farbsprühdosen ein und beginnen mit ihrem Zersetzungswerk.

22.11.2010
Einlassungen zu Altona und Ottensen (4)

Bauliche Veränderungen, die den bisherigen Charakter Altonas verändern, erfreuen sich durchaus nicht immer der Zustimmung aller Bürger Altonas. Es bilden sich dann bald schlagkräftige Bürgerinitiativen, deren Mitglieder es verstehen, ihr Anliegen unter das Volk zu bringen. In den frühen neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Bau des Einkaufszentrums Mercado gewissen Mitmenschen ein Dorn im Auge. Sie machten gewaltig Stimmung gegen dieses Bauvorhaben. Auf dem Baugelände befand sich einst ein jüdischer Friedhof. Dieser Umstand war längst in Vergessenheit geraten. Er dürfte auch jüdischen Organisationen nicht mehr bekannt gewesen sein. Nach den Dogmen der jüdischen Glaubensgemeinschaft sind Friedhöfe für die Ewigkeit errichtet worden und dürfen nicht entfernt werden. Von dem besagten Bauvorhaben erhielten jüdische Organisationen dennoch Kenntnis. Es wurde kolportiert, dass Personen aus den Reihen der Gegner des Bauvorhabens die jüdischen Organisationen darüber unterrichtet hätten, dass auf einem ehemaligen jüdischen Friedhof gebaut werden sollte. Diesen Personen wurde unterstellt, dass sie weder religiöse noch ethische Motive geleitet hätten, Vielmehr hätten sie den Investoren des Einkaufszentrums Schwierigkeiten bereiten wollen. Die Argumente der Gegner des Einkaufszentrum sind mir nicht mehr geläufig. Häufig bringen Gegner von Bauvorhaben größerer Betriebe des Einzelhandels jedoch vor, solche Einrichtungen würden neue Verkehre mit Kraftfahrzeugen nach sich ziehen, die die Lebensqualität der dort wohnenden und arbeitenden Menschen stark beeinträchtigen würden. Bei meinen Gängen durch Altona stieß ich damals in der Ottenser Hauptstraße und der Bahrenfelder Straße auf eine Anzahl orthodoxer Juden, die an ihren Schläfenlocken und schwarzen Gewändern als solche zu erkennen waren. Mitmenschen dieser Art erblickte ich später nie wieder in Altona. Ich entsinne mich noch, damals erfahren zu haben, dass es zu einer Einigung mit Spitzenvertretern jüdischer Organisationen gekommen ist, und diese ihren Widerstand gegen das Bauvorhaben aufgegeben haben. Das Einkaufszentrum Mercado wurde gebaut und erfreute sich bald großer Beliebtheit.
Die frühere Berufsgenossenschaft für Fahrzeughaltungen, die jetzt den Namen Verkehrs-Berufsgenossenschaft trägt, plante dereinst den Bau eines Verwaltungsgebäudes in der Ottenser Hauptstraße. Auch gegen dieses Bauvorhaben regte sich Widerstand. Es wurde die Besorgnis gehegt, die Mitarbeiter dieses Trägers der gesetzlichen Unfallversicherung würden zu einem großen Teil mit ihren Kraftfahreugen zur Arbeit kommen und die engen Straßen verstopfen. Ich habe jedoch nie erlebt, dass zu bestimmten Zeiten ein besonders starker Autoverkehr in der Ottenser Hauptstraße herrscht. Die Mitarbeiter dieses Sozialversicherungsträgers dürften daher weitgehend das Angebot des Öffentlichen Personennahverkehrs nutzen und ihre Autos zu Hause lassen. Das Verwaltungsgebäude, das in ökologischer Bauweise erstellt sein soll, fügt sich meines Erachtens gut in das Ensemble der Ottenser Hauptstraße ein und stellt sogar gegenüber dem früheren Zustand eine Bereicherung dar.
Besonders stark war der Widerstand gegen die Absicht des Ikea-Konzerns, in der Großen Bergstraße ein Möbelhaus zu errichten. Hier kam es sogar zu einem Bürgerbegehren, bei dem die Befürworter des Projekts die Stimmenmehrheit erzielten. Die Gegner dieses Vorhabens brachten unter anderem wieder das Argument des wachsenden Verkehrs mit seinen Nachteil für die dortige Bevölkerung vor. Nun soll demnächst mit dem Abriss der extrem hässlichen Betonburg, in der einst Karstadt ein Kaufhaus unterhielt, begonnen werden. Die Eröffnung des neuen Möbelhauses ist meines Wissens für das Jahr 2013 vorgesehen. Ich kann diese Entwicklung nur befürworten, tritt sie doch der drohenden Verslumung der Großen Bergstraße entgegen.

15.11.2011

Einlassungen zu Altona und Ottensen (3)

Dereinst gab es in Altona einige Betriebe des Maschinenbaus. Dieses ist noch auf alten Inschriften und neuen Hinweistafeln zur Geschichte Altonas zu ersehen. Die alten Produktionsstätten wurden zum Teil umgebaut zu Gewerbehöfen, in denen sich unterschiedliche Betriebe zumeist des nichtproduzierenden Gewerbes angesiedelt haben. In diesem Zusammenhang fällt mir der zwischen der Borselstraße und der Völckersstraße gelegene Borselhof ein. Er erscheint mir als besonders gelungene Verbindung alter Bausubstanz mit Elementen neuerer Bauweise. Eine ähnliche Einrichtung befindet sich gleichfalls in der Völckersstraße. Auch hier wurden wesentliche Bestandteile der alten Bausubstanz erhalten und zu einem neuen geschmackvollen Ensemble umgestaltet. Auch hier entfalten mehrere Betriebe auf unterschiedlichen Gebieten ihre Aktivitäten. Mir war auf diesem Gelände ein Unternehmen aufgefallen, das in seinen Präsentationsräumen Stilmöbel zum Verkauf ausstellte. Die Präsentation in dieser sehr gemischten Gegend hatte mir gefallen. Bei einem vor kurzem durchgeführten Besichtigungsgang durch den besagten Gewerbehof musste ich jedoch feststellen, dass dieses Unternehmen dort nicht mehr anzutreffen war. Ich schließe daraus, dass die Völckersstraße wohl doch nicht der richtige Standort für ein Unternehmen war, das in Sachen Wohnkultur ambitioniert ist. Hier unterhält inzwischen ein anderes Unternehmen Geschäftsräume, das nach meiner Deutung irgendwie mit Werbung und Medien zu tun hat. Nach meiner Wahrnehmung hat sich die Werbebranche in sämtlichen dieser umgebauten Gewerbehöfe festgesetzt. Zu meiner Verwunderung haben auch sehr bekannte Architekten, die selbst mir als absolutem Laien im Architekturwesen ein Begriff sind, eine Niederlassung im Gewerbehof Völckersstraße errichtet. An diesem Ort haben sich, wie auch sonst häufig in Altona, Makler eingenistet. Dieser Berufsstand scheint gegenwärtig wieder einmal eine Blütezeit zu erleben. Ein Ingenieurbüro hat sich ebenfalls hier etabliert. An anderen Stellen im Raum Altona werden ebenfalls Ingenieur- und Architektenleistungen angeboten. Auch weisen manche Schilder darauf hin, dass Informatiker hier eine freiberufliche Tätigkeit ausüben. Ich mutmaße, dass Altona fast schon ein Technikzentrum geworden ist. Auf einem Schild lese ich, dass die einst auf dem jetzigen Gewerbehof Völckersstraße ansässige Maschinenfabrik dort noch im Jahr 1980 produziert hat. Diese Maschinenfabrik hatte einen Gleisanschluss. Die Schienen wurden auf dem Gelände belassen. Auch die einst auf dem Gelände des Borselhofs errichtete Maschinenfabrik verfügte über einen Gleisanschluss. Hier wurden die Schienen gleichfalls nicht entfernt. Mit dem ebenfalls noch erhaltenen Kopfsteinpflaster verleihen diese Gleisanlagen aus meiner Sicht den Gewerbehöfen ein besonderes Flair.

In der Planckstraße, bei der es sich um die Verlängerung der Völckersstraße handelt, wurden weitere ehemalige Produktionsstätten unter weitgehender Erhaltung der alten Bausubstanz zu neuen Betriebsstätten des Dienstleistungssektors hergerichtet. Hier hat sich der Privatsender “Klassik Radio” angesiedelt. Die Betriebsräume dieses Senders befinden sich in einem Gebäude, das ebenfalls alte Gemäuer in einen Neubau einbezogen hat. In diesen Straßenzügen wurde mithin nach meiner Einschätzung in großer Nähe zueinander eine interessante eigenständige Architektur entwickelt.

01.11.2010

Einlassungen zu Altona und Ottensen (2)

Aus den Tagen meiner Kindheit erinnere ich mich noch, dass es in Altona mehrere Fischräuchereien gab. In dieser Zeit war der Bückling noch ein in großen Teilen der Bevölkerung beliebtes Nahrungsmittel. Ich entsinne mich auch noch, im Rahmen einer schulischen Veranstaltung an der Besichtigung einer Fischräucherei teilgenommen zu haben. Altona war bis vor kurzem noch ein Standort der fischverarbeitenden Industrie. Noch zu Beginn des 21. Jahrhundert gab es auf einem zwischen der Borselstraße und der Völckerstraße gelegenen Areal eine Fischfabrik. Dieses Unternehmen unterhielt an der Borselstraße einen Fabrikverkauf. Auf meinen Gängen durch Altona kam ich oft an dem Verkaufsstand vorbei. Ich inspizierte zuweilen die Ware und fand das Angebot verlockend. Als ich mich endlich entschlossen hatte, hier regelmäßig Ware zu erwerben, war der Fabrikverkauf eingestellt worden. Einige Zeit danach wurde die Fabrik abgerissen. Heute steht hier ein recht ansehnlicher Gebäudekomplex, zu dem Wohnungen, Büros, Arztpraxen und Anwaltskanzleien gehören. Er erhielt die Bezeichnung Westend Ottensen. Nach meiner Deutung der Grenzen der Bezirke Hamburgs gehörte die in der Nähe des Fischmarkts gelegene alte Fischauktionshalle noch zu Altona. Ich habe diese Einrichtung seinerzeit mit meiner Klasse der Schule Osdorferweg besichtigt. Damals wurden die im Fischereihafen angelandeten Fische in dieser Halle versteigert. Eine Anlegestelle für Fischkutter befand sich in unmittelbarer Nähe der Auktionshalle. Das rege Treiben in diesem Gebäude mit den immensen Mengen Fisch erlebte ich als aufregendes Spektakel. Die Fischauktionshalle war an einer Stelle errichtet worden, die nicht allzu hoch oberhalb des Meeresspiegels lag. Bei Sturmfluten dürfte die Halle daher regelmäßig unter Wasser gestanden haben. Ich weiß nicht, wie die verheerende Sturmflut des Jahres 1962 diesem Gebäude zugesetzt hat. Wegen ihrer exponierten Lage dürfte jedoch ein kontinuierlicher Betrieb in der Fischauktionshalle nich gewährleistet gewesen sein. Auf jeden Fall muss diese Einrichtung ihre Funktion als Fischauktionshalle bereits vor geraumer Zeit verloren haben. Das alte Gebäude wurde schon vor mehreren Jahren aufwändig renoviert und zählt nunmehr zu den Sehenswürdigkeiten Altonas. Hier werden jetzt diverse Veranstaltungen durchgeführt.

Noch vor einigen Jahren gab es in diesem Stadtteil mehrere Fischläden. Diese Geschäfte wurden aufgegeben. Ich kenne nur noch einen kleinen Stand mit Fisch im Mercado. Auch an eine Fischbratküche in der Ottenser Hauptstraße kann ich mich erinnern. Diese wurde leider vor einigen Jahren aufgegeben. In der Wandelhalle des Bahnhofs Altona wurde eine Bar eröffnet, die Sushi zu entsprechend hohen Preisen feilbietet. Der Fisch hat mit den Jahren offensichtlich seine Funktion als günstiges Volksnahrungsmittel eingebüßt. Auch Altona ist inzwischen kein Standort mehr, der eine besondere Beziehung zur Verarbeitung, dem Vertrieb und dem Verzehr von Fisch hat.

25.10.2010
Einlassungen zu Altona und Ottensen (1)

Ich wohne jetzt schon achtzehneinhalb Jahre in Ottensen. Ich betrachte jedoch Altona-Altstadt und Ottensen als eine Einheit. Wo genau die Grenzen Ottensens liegen, habe ich bisher nicht eruiert. Von 1963 bis 1966 habe ich in Altona-Nord gelebt. In meiner Kindheit und frühen Jugend war ich neun Jahre in Groß-Flottbek wohnhaft. Insgesamt habe ich mithin dreißigeinhalb Jahre meines Lebens im großen Bezirk Altona verbracht. Ich kann daher für mich in Anspruch nehmen, ein Altonaer zu sein. Der Bezirk Altona ist von der Zusammensetzung der Bevölkerung recht heterogen. Altona-Altstadt, Altona-Nord und Ottensen haben einen großen Anteil von Ausländern und Einwohnern mit deutscher Staatsangehörigkeit, die einen Migrationshintergrund haben. In diesen Stadtteilen ist die Bevölkerung aus soziologischer Sicht stark gemischt. Neben Bürgern, die man der so genannten Unterschicht zurechnet, leben hier viele Personen, die der unteren Mittelschicht zugeordnet werden. Aber auch die obere Mittelschicht mit vielen Angehörigen akademischer Berufe ist hier ansehnlich vertreten. Angehörige der Oberschicht dürfte es mehr in Regionen des Bezirks Altona ziehen, die als gute Adresse gelten, und wo einkommensschwache Mitbürger kaum anzutreffen sind. Vor allem in Nienstedten und Blankenese wohnen viele einkommensstarke und vermögende Mitbürger. Aber auch Othmarschen und Groß-Flottbek haben zahlreiche Individuen dieser besonderen Art unter ihren Einwohnern aufzuweisen. 
Im Laufe der Jahrzehnte hat sich viel in Altona-Altstadt und Ottensen verändert. Nach meiner Erinnerung wurde Altona-Altstadt einst in besonderem Maße von seinem alten Bahnhof mit seiner Backsteinfassade und dem Bahnhofsvorplatz geprägt. Es entzieht sich meiner Kenntnis, welche Gründe die Verantwortlichen seinerzeit dazu veranlasst haben, dieses historische Gebäude gänzlich abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Dieser Betonklotz, der inzwischen abermals umgebaut wurde, stellt wahrlich keine architektonische Meisterleistung dar. Vor dem Bahnhof stand einst als ein Wahrzeichen Altonas der vom Bildhauer Paul Türpe geschaffene Stuhlmann-Brunnen. Diese imposante Anlage mit ihren Kentaurenskulpturen und Plastiken anderer mythologischer Wesen wurde immerhin aufwändig renoviert und in der Grünanlage des Platzes der Republik installiert. Ein anderes zu Altona gehörendes Gebäude mit einem gewissen Identitätscharakter konnte indessen nach Aussage der Verantwortlichen nicht erhalten werden. Es handelt sich um das dereinst am Hahnenkamp in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Altona errichtete Bismarckbad. Die Bausubstanz dieses Gebäudes soll stark angegriffen gewesen sein, so dass eine Renovierung mit sehr hohen Kosten verbunden gewesen wäre. Auch ich verbinde mit diesem Haus besondere Erinnerungen. In meiner Kindheit habe ich in diesem Schwimmbad viele Stunden verbracht. Hier wurde auch der Schwimmunterricht vieler Schulen des Bezirks Altona abgehalten. Auch die von mir besuchten Schulen Osdorfer Weg und Christianeum nutzten das Bismarckbad für den Schwimmunterricht. In dieser Badeanstalt legte ich die Prüfungen für den Erwerb des Freischwimmer-und-Fahrtenschwimmerzeugnisses ab. Als Kind tat ich mich mit dem Schwimmen zunächst schwer. Das Wasser erschien mir nicht sofort als freundliches Element. Der Schwimmunterricht bei einem Bademeister des im Volkspark gelegenen Freibades, das im Volksmund Stadion genannt wurde, behagte mir gar nicht. Aber mit zehn Jahren konnte ich plötzlich schwimmen und war fortan für viele Jahre ein begeisterter Schwimmer. Ich entwickelte mich mit den Jahren zu einem ausdauernden Schwimmer. Das besonders schnelle Schwimmen war jedoch nie meine Sache gewesen. Zu meinem Erstaunen war ich dazu ausersehen, bei im Bismarckbad ausgetragenen schulischen Schwimmwettkämpfen in der Staffel meiner Klasse der Schule Osdorferweg mitzuwirken. Wir schwammen den anderen Staffeln hinterher und belegten in unserem Wettkampf abgeschlagen den letzten Platz. Auch meine Leistung empfand ich als miserabel. Bei dieser Veranstaltung waren auch Angehörige von mir zugegen, und ich wurde nach dem Schluss dieses Ereignisses entsprechend aufgezogen. Ich habe den Abriss dieses Traditionsbades bedauert.
Ein anderer im Herzen Altonas gelegener Gebäudekomplex mit einer interessanten Architektur blieb jedoch erhalten und wurde einer anderweitigen Bestimmung zugeführt. Ich meine das ehemalige Allgemeine Krankenhaus Altona, dessen Haupteingang sich an der Max Brauer Allee befand. 

 

21.06.2010

Fußball, Masse und “Elite”

Zu Fußballweltmeisterschaften rücken die modernen Gladiatoren ins Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit. Sie beherrschen wochenlang die Medien. Begriffe der Fußballsprache werden nicht nur von Exponenten des politischen Lebens vermehrt innerhalb ihrer Welt angewendet. Diese offenbaren sich gar zu gern als Anhänger dieser Sportart und lassen sich auf den Tribünen von Sportstadien ins Fernsehbild rücken. Zu bestimmten Anlässen werden sogar Sitzungen verschoben, damit die Wähler Kenntnis davon erhalten, dass sich die Regierungsangehörigen kollektiv ein Länderspiel im Fernsehen anschauen.

Auch manche Vertreter des kulturellen Lebens entblöden sich nicht, ihre elitäre Spähre mit den Wonnen der Gewöhnlichkeit des Fußballs zu schmücken. In diesen Zeiten kann man sich volksnah gerieren. Hierzu werden besonders Auftritte in den elektronischen Medien genutzt. Diese Herrschaften haben latent im Hinterkopf noch immer ihren Faust. Der Osterspaziergang bietet ja den Satz an “Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“. So will auch manch Kulturschaffender am allgemeinen Wirgefühl teilhaben. Man kann jetzt vortrefflich menscheln und seine Verbundenheit mit den Kämpfern und dem gewöhnlichen Fan ausdrücken. Aber auch die Moderatoren des norddeutschen Rundfunksenders für das Bildungsbürgertum und kulturell Interessierte, die aus der Welt der schönen Künste berichten, haben sich auf das fußballerische Ereignis eingestellt. Die aus dem profanen Alltag geflohenen Hörer vernehmen ungewohnte Klänge und können auch hier nicht dem Gerede über Fußball entkommen. Die Hörer können nur noch den Seufzer ausstoßen “Freunde, nicht diese Töne”.

Der gewöhnliche Fan hat sich eingedeckt mit den Insignien der allgemeinen Verzückung. Er trägt das weiße Trikot mit dem Adler und dem Emblem der Mannschaft des Deutschen Fußballbundes. Sein Gesicht ist häufig mit drei schmalen Streifen in den Farben schwarz, rot und gold geschmückt. Er führt oft ein Fähnchen in eben diesen Farben mit sich. Ganz Verwegene hüllen sich gar in eine Fahne mit den erwähnten Farben ein. Mit dabei ist in vielen Fällen die Bierflasche. So ausgerüstet geht es zu einem Gemeinschaftserlebnis, das sich Public Viewing nennt. Hier kann man das tun, was in gewissen Kreisen “feiern” genannt wird.

Dabei ist stets die moderne junge Frau. Fußball ist schon längst keine reine Männersache mehr. Viele dieser modernen weiblichen Wesen haben sich mächtig herausgeputzt. Auch sie tragen auf ihren meist schlanken Leibern das Ehrenkleid der Nationalmannschaft. Neben anderer Schminke sind im Antlitz mehr oder weniger dezent die nationalen Farben aufgetragen. Hin und wieder haben diese Wesen sogar die Fingernägel mit den drei deutschen Farben lackiert. Abbildungen in den Medien zeigen sogar weibliche Geschöpfe, die spärlich gewandet sind und als Oberbekleidung nur den Büstenhalter angelegt haben. Dieses Kleidungsstück ist natürlich in schwarz-rot-gold gehalten. Eben diese Farben prangen auch auf der nackten Haut des Rumpfes. Mit ihnen ist auch “die zarte Gesichtshaut” bedeckt. Eine andere Frau trägt eine Art von Pluderhose in den nationalen Farben. Viele weibliche Fans identifizieren sich extrem mit den neuen Helden des globalisierten Zeitalters. Aus dem Munde von Sportreportern höre ich oft den Ausspruch, Fußball sei Emotion pur. Mir wollte es allerdings nie einleuchten, dass Menschen ihre Emotionen ausgerechnet auf diesem Randgebiet des Daseins ausleben sollen. Männer tun dies. Aber gerade Frauen, die ja von vielen Mitmenschen als die Gefühlswesen schlechthin bezeichnet werden, zeigen im Zusammenhang mit Fußballspielen vielfältige Emotionen. Ich sehe überschäumende Freude über ein erzieltes Tor der eigenen Mannschaft. Eine bis zum Entsetzen gesteigerte Betroffenheit bei einer ausgelassenen Torchance. Nach einer Niederlage fließen sogar Tränen. Mir fallen in diesem Zusammenhang Hamlets Worte ein, die er im Zusammenhang mit der Darbietung einer Schauspieltruppe äußerte. In Abwandlung dieser Worte möchte ich folgendes ausrufen: “Was ist ihr Schweinsteiger, was sie ihm, dass sie um ihn soll weinen”.

07.06.2010
Besucher in Krankenhäusern (4)

Ich erlebte die Rehabilitationsklinik Bad Bramstedt bei meinen mehreren Besuchen als eine gut geführte und ausgestattete Einrichtung, in der sich die dort eingewiesenen Patienten gut rekreieren konnten. Sie machte unserem Gesundheitssystem aus meiner laienhaften Sicht alle Ehre. Nach meiner Einschätzung war hier auch noch genügend Personal vorhanden, so dass die Patienten hinreichend versorgt wurden. Die Umgebung dieser Einrichtung mit Wäldern, Feldern und Gewässern hatte für mich einen hohen Erholungs- und Freizeitwert.
In guter Erinnerung habe ich auch die in der Martinistraße in Hamburg- Eppendorf gelegene Facharztklinik. Bei dieser Klinik handelt es sich um einen großzügigen Funktionsbau. Ich habe dieses Haus in den Jahren 2009 und 2010 wiederholt als Begleitperson und Besucher aufgesucht. Die große Empfangshalle und die geräumigen Flure erschienen mir fast als monumental. Das Treppenhaus war ebenfalls geräumig und von viel Außenlicht durchflutet. Die Fahrstuhlanlage war modern und zweckmäßig. Der Zugang zu den Stationen war großzügig und durch die hohen Fenster sehr hell. Jede Station verfügte über einen nahezu hallenartigen Aufenthaltsraum, der geschmackvoll eingerichtet war. Von hier aus konnte man auf einen Balkon treten. Patienten und Besucher konnten auf diesem Wege die frische Luft genießen. Es wunderte mich, dass man in diesem Aufenthaltsraum sogar rauchen durfte. Bei meinen Besuchen im Universitätskrankenhaus Eppendorf hatte ich festgestellt, dass das Personal und auch Patienten das Gebäude verließen, um im Freien ihrer Nikotinsucht zu frönen. Die Krankenzimmer waren ebenfalls im Gegensatz zu denen des UKE von beträchtlicher Größe. Diese Räume sind durch ihre breite Fensterfront gleichfalls von Licht durchflutet. Vergleichbar heutigen Hotelzimmern, ist in jedem Zimmer ein Fernsehgerät installiert. Auf den Fernsehempfang wollen heute offensichtlich nicht einmal die meisten Kranken verzichten. Diese Klinik steht im Eigentum privater Betreiber. Sie hat den Charakter eines Belegarzt-Krankenhauses. Fachärzte, die in erster Linie Patienten in Praxen ambulant versorgen, führen hier Operationen durch. Dieses Modell hat den Vorteil, dass die ambulante und stationäre Behandlung verzahnt sind. Die Fachärzte kennen in der Regel bereits die Patienten und führen auch die sich an die Operation anschließende ambulante Behandlung durch. Das Krankenhaus ist auf Effizienz ausgerichtet. An manchen Tagen sah ich dort kaum Personal. Der mit mehreren Computern ausgestattete Arbeitsraum des Pflegepersonals machte auf mich den Eindruck einer Kommandozentrale. Er ist vom Flur her einsehbar. Nach meiner Wahrnehmung sind in den Krankenzimmern keine Klingeln mehr. Betreuungswünsche müssen die Patienten über eine Gegensprechanlage äußern. Besonders privat betriebene Krankenhäuser sind genau durchorganisiert. Auch hier haben betriebswirtschaftliche Aspekte einen hohen Stellenwert. 

31.05.2010

Besucher in Krankenhäusern (3)

Bei Besuchen von Personen, die in kleinere Krankenhäuser eingewiesen worden waren, machten diese Einrichtungen auf mich durchaus keinen schlechten Eindruck. Diese Häuser standen nicht unter staatlicher Regie. Nach meinen Mutmaßungen waren die betreffenden Personen dort stets gut versorgt. Auch Mitmenschen, die in Krankenhäusern der Freien und Hansestadt Hamburg untergebracht waren, waren nach meiner Einschätzung gut aufgehoben. Besonders beeindruckend fand ich, dass es es in diesen Häusern eine Fürsorgestelle gab, die sich engagiert um die sozialen Belange der dort weilenden Kranken kümmerte. Überrascht war ich auch über das Klima in Psychiatrischen Kliniken. Hier machten vor allem die dort wirkenden Ärztinnen auf mich einen einfühlsamen Eindruck. Die zu diesen Institutionen gehörenden gepflegten Parkanlagen fanden mein Wohlgefallen. Auch die auf dem Krankenhausgelände von Pächtern betriebenen Restaurationsbetriebe fand ich bemerkenswert. Hier konnten sich die Erkrankten ein wenig ablenken und mit ihren Besuchern die Zeit abseits der Atmosphäre des Krankenhauses verbringen. Auch entsinne ich mich, dass in einem dieser Häuser gut erhaltene gebrauchte Kleidung zum Verkauf angeboten wurde. Auch dieses neben ihrer praktischen Bedeutung für die Patienten eine Maßnahme der Zerstreuung. Ferner erfuhr ich von ergotherapeutischen Maßnahmen und sportlichen Aktivitäten.

Meine Besuche in einem in Bad Bramstedt gelegenen zur Rehabilitation eingerichteten Krankenhaus sind mir unvergesslich geblieben. Bereits die Fahrten mit der AKN durch eine mir bisher unbekannte Region hatte einen gewissen Erlebniswert. Auf diese Weise lernte ich neue Bahnstrecken und neue Bahnhöfe kennen. Ich konnte über Eidelstedt oder über Norderstedt fahren. Wenn der Anschluss nicht klappte, konnte ich durch das mir unbekannte Kaltenkirchen schlendern. In unmittelbarer Nähe der ausgedehnten Krankenhausanlage befand sich eine Haltestelle der AKN in idyllischer Lage. Gern machte ich auch einen kleinen Umweg und ging von der Haltestelle über eine Allee mit altem Baumbestand zum Krankenhaus. Die gesamte Anlage mit ihren zahlreichen Gebäuden war schon imposant. Diese Anlage hatte ebenfalls einen ansehnlichen Restauraurationsbetrieb.

17.05.2010
Sport und Kampfsport


In meiner Kindheit und Jugend war ich ein begeisterter Konsument von Sportveranstaltungen. Dieses betraf vor allem Fußballspiele und Leichtathletikwettkämpfe. Ich besuchte schon früh gern Sportstätten. Seit April 1955 verfolgte ich regelmäßig Übertragungen von Sportveranstaltungen im Fernsehen. Mit Eintritt in die Mannesjahre ließ mein Enthusiasmus bald nach. Stadien suchte ich gar nicht mehr auf. Da ich in meinem Wohnbereich erst seit April 1974 über ein Fernsehgerät verfüge, sah ich elf Jahre Sportveranstaltungen im Fernsehen nur anlässlich von Besuchen oder höchst selten in Gaststätten. Das änderte sich ein wenig, als ich selbst Fernsehen hatte. Nun kam es schon einmal vor, dass ich Übertragungen von Olympischen Spielen, Fussballweltmeisterschaften, Fussballeuropameisterschaften, Meisterschaften und Meetings der Leichtathletik, Meisterschaften in den Sportarten Schwimmen,Turnen, Eiskunstlaufen und vielen anderen Sportarten ansah. Auch Handball, Basketball, Volleyball, Hockey, Reiten, Tennis, Badminton, Tischtennis, Sportgymnastik, Skispringen, Skilaufen, Biathlon und anderes mehr fanden im Fernsehen mein Interesse. Obwohl ich mit Goethes Figur Wagner im Faust sagen kann, dass ich ein Feind von allem Rohen bin, sah ich mir auch hin und wieder Boxkämpfe im Fernsehen an. Auch, als das Profiboxen für Frauen aufkam, scheute ich nicht davor zurück, mir auch Übertragungen von Kämpfen dieser Art anzusehen.
Vor einiger Zeit sah ich im Deutschen Sportfernsehen Kämpfe aus dem Bereich UFC. Dieses Kürzel bedeutet Ultimate Fighting Championship. Übertragen wurden Kämpfe aus den USA. Die Kämpfe fanden in einem Käfig statt. UFC beruht auf den so genannten Mixed Martial Arts. Beim UFC können die Kämpfer Elemente der Sportarten Jiu Jitsu, Karate, Boxen, Kickboxen und Ringen ins Kampfgeschehen einbringen. Ursprünglich sollen diese Kämpfe in den USA, wo dieses Treiben seinen Ausgang hatte, relativ regellos durchgeführt worden sein. Dann regte sich nach Medienberichten Widerstand gegen diese Art von Kämpfen. Sie wurden in mehreren US-Staaten verboten. Nachdem strenge Regeln und auch Gewichtsklassen eingeführt wurden, wurden diese Verbote wieder aufgehoben. Inzwischen soll UFC in den USA dem Boxen als Kampfsport den Rang abgelaufen haben.
Mir erschienen die im Fernsehen gezeigten Kämpfe als reichlich brutal. Im Gegensatz zum Wrestling, das früher in Deutschland unter dem Begriff Catchen lief, waren die Szenen nach meiner Wahrnehmung nicht gestellt. Ich konnte mich ganz und gar nicht für diese Kämpfe erwärmen und vermied es, diese Sendungen weiter zu nutzen. Plötzlich stellte ich fest, dass Kämpfe dieser Extremsportart nicht mehr im Deutschen Sportfernsehen gezeigt werden. Spätere Recherchen im Internet ergaben, dass die Bayerische Landesmedienanstalt die Übertragung der besagten Kämpfe im Fernsehen untersagt hat. Ich erfuhr jedoch auch, dass bereits in Deutschland Veranstaltungen mit Kämpfen im UFC stattgefunden haben. Dieses soll zunächst in Köln geschehen sein.   

03.05.2010

Besucher in Krankenhäusern (2)

Auch in den Folgejahren begab es sich hin und wieder, dass ich mich als Besucher in Krankenhäusern einstellte. Hierbei lagen die besuchten Personen nicht in großen Sälen. Soweit ich mich entsinnen kann, machten die jeweiligen Krankenzimmer auf mich keinen schlechten Eindruck.

Ich habe bisher erst einmal ein Krankenhaus besichtigt. Dieses geschah im Rahmen eines Lehrgangs für Mitarbeiter von Berufsgenossenschaften. Hierbei handelte es sich um das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg. Dieses mit Geld der Berufsgenossenschaften vor allem für schwerverletzte Opfer von Arbeitsunfällen errichtete Krankenhaus erfreute sich wegen seiner Ausstattung und der Qualifikation seiner Ärzte eines guten Rufs. Bekannt war es vor allem als Einrichtung, in der Querschnittsgelähmte optimal versorgt wurden. Mir imponierte, dass es auf dem Krankenhausgelände ein sehr schönes Hallenschwimmbad gab, in dem die Verletzten sich mit Hilfe des Wassers Therapien unterziehen konnten. Auch erinnere ich mich daran, dass verschiedene Einrichtungen für Maßnahmen der Rehabilitation vorhanden waren. Besonders die Gehschule hatte sich in mein Gedächtnis eingegraben. Auch die Räumlichkeiten für Ergotherapie mit dem weiblichen Personal fand ich bemerkenswert. An die Krankenzimmer kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Sie machten jedenfalls auf mich einen freundlichen Eindruck. Dieser Besuch fand meines Wissens im Jahr 1966 statt. Einige Zeit später, noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, suchte ich dieses Unfallkrankenhaus wiederum im Zusammenhang mit beruflichen Fortbildungsmaßnahmen auf. Die Mitarbeiter von Unfallabteilungen der Berufsgenossenschaften konnten dort ihr medizinisches Wissen in den Fachgebieten Chirurgie, Orthopädie, Neurologie und Neurochirurgie erweitern. Im Hörsaal des Unfallkrankenhauses hielten Fachärzte dieser Institution Vorträge in den genannten Disziplinen. Diese Vorträge erlebte ich durchaus als Bereicherung, waren doch meine medizinischen Kenntnisse ausbaubedürftig. In den folgenden Jahrzehnten kam ich nicht mehr ins Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg. Ich bekam nur noch medizinische Gutachten, Arztberichte und Rechnungen dieses Hauses zu Gesicht. Mein Eindruck von dieser Institution ist jedoch nach wie vor positiv.

26.04.2010

Hafencity (1)

Ich muss bekennen, dass ich mich mit Hamburgs Hafencity bisher nur sehr oberflächlich beschäftigt habe. Ich las in den Printmedien den einen oder anderen Artikel. Im Fernsehen sah ich mir hin und wieder einen Beitrag über dieses Großprojekt Hamburgs an. Auch lauschte ich zuweilen Radiosendungen, die sich mit diesem Thema befassten. Das Internet habe ich erstmalig am 25.04.2010 zum Komplex Hafencity bemüht. Wie nicht anders zu erwarten war, stieß ich mit Hilfe des Suchprogramms Google auf eine beträchtliche Anzahl von Websites. Ich überflog den Inhalt einiger Websites und war sofort beeindruckt. Hier öffnete sich mir ein weites Feld für meine heimatkundlichen und zeitgeschichtlichen Ambitionen. Ich habe die im Bau befindliche Hafencity bisher erst zweimal besucht. Der erste Besuch fand im Januar 2008 anlässlich einer Informationsveranstaltung zum Projekt Elbphilharmonie statt. Die betreffende Veranstaltung wurde in den Räumlichkeiten der Realisierungsgesellschaft für dieses ehrgeizige Vorhaben durchgeführt. Zu dieser Veranstaltung gehörte ein Ortstermin im Baustellenbereich. Bei diesem Besuch bekam ich nicht viel von den sonstigen Aktivitäten für das Großprojekt Hafencity mit. Ein zweiter Besuch führte mich im Frühherbst des Jahres 2009 in die Hafencity. Ich näherte mich als Fußgänger aus Richtung Landungsbrücken kommend diesem neuen Stadtteil. Zunächst hatte ich vor, die Straße “Am Sandtorkai” in ihrer ganzen Länge zu durchschreiten. Ich hoffte, mir auf diesem Weg einen guten Überblick zu verschaffen. Dann fasste ich jedoch plötzlich den Entschluss, mich näher in Richtung Elbstrom zu bewegen. Ich wählte eine Straße, die auch von den Metrobussen befahren wurde, und landete in der Nähe des im Bau befindlichen Marco-Polo-Kais. Auf der großzügig angelegten Straße mit mehreren Freiflächen konnte ich die bereits bebauten Quartiere Sandtorkai und Dalmannkai gut einsehen. Ich staunte darüber, dass hier bereits viele Bauten hochgezogen waren. Nach meiner laienhaften Einschätzung waren bereits etliche Milliarden Euro investiert worden. Der Eindruck war bereits sehr imposant. Im Zusammenhang mit dem Flussbett der Elbe und den zahlreichen ehemaligen Hafenbecken war das Ensemble der meist doch recht hohen Bauwerke für mich schon irgendwie fremdartig. Auf der noch unfertigen Straße mit der anschließenden großräumigen Freifläche herrschte bereits ein reges Leben. Ein Fotograf, der mit weiblichen Models angerückt war, nutzte diese Kulisse für seine berufliche Tätigkeit. Touristen rasteten dort und stärkten sich mit Nahrungsmitteln und Getränken. Auch Flaneure waren zu beobachten. Ein Cafe, das Tische und Stühle ins Freie gestellt hatte, war gut besucht. Ich ging noch eine Weile auf und ab, begab mich wiederholt in Richtung Wasser und blickte in die Ferne. Mit einem Mal überkam mich jedoch eine unabweisbare Müdigkeit. Ich beendete daher meine Besichtigung und suchte die Haltestelle der Metrobusse auf. Ich bestieg einen Metrobus der Linie 3, der eine Haltestelle anfährt, die nicht gar so weit von meiner Wohnung entfernt liegt. Die Fahrt durch die Hafencity, vorbei an den alten Speichern, gefiel mir. In mir reifte der Entschluss, die Hafencity öfter aufzusuchen. Zu seiner Ausführung kam es jedoch bisher nicht. Den Bus verließ ich bereits am Rathausmarkt und legte den weiteren Heimweg mit der S-Bahn zurück, weil ich der Auffassung war, dass dieses schneller gehen würde.

Dieser kleine Ausflug blieb mir als ein erfreuliches Erlebnis in Erinnerung.

19.04.2010
Besuche in Krankenhäusern


Bisher hatte ich das Glück, noch nie als Patient in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden. Ich kenne diese Einrichtungen des Gesundheitswesens daher nur als Besucher. Erinnerungen an meine Funktion als Besucher gehen ins Jahr 1957 zurück. Meine Mutter musste sich in diesem Jahr einem Eingriff unterziehen. Dieser wurde in Bochum in einem Evangelischen Krankenhaus vorgenommen. Meines Wissens gab es damals im Ruhrgebiet viele von kirchlichen Einrichtungen betriebene Krankenhäuser. Das Zimmer, in dem meine Mutter lag, machte auf mich einen freundlichen Eindruck. Soweit ich mich entsinnen kann, lag sie nur mit einer anderen Dame in diesem Zimmer.
Im Jahr 1959 machte ich dann in dann in familiärer Begleitung einen Besuch in dem in der Max- Brauer-Allee gelegenen Allgemeinen Krankenhaus Altona. Die dort eingewiesene weibliche Person wurde in der allgemeinen Pflegeklasse versorgt. Sie lag in einem nach meiner Erinnerung riesigen Krankenhaussaal mit vielen Betten. Dieses war anscheinend zur damaligen Zeit in vielen Krankenhäusern der Freien und Hansestadt Hamburg für Patienten der allgemeinen Pflegeklasse die normale Ausstattung. Im Jahr 1963 machte ich wiederum in familiärer Begleitung einen Krankenbesuch bei einem Patienten, der in das Allgemeine Krankenhaus St. Georg eingeliefert worden war und dort zu Lasten seiner Krankenkasse behandelt wurde. Dieser männliche Patient lag ebenfalls in einem riesigen Krankenhaussaal mit vielen Betten. Diese Art der Unterbringung kranker Mitmenschen empfand ich schon damals eines sozialen Rechtsstaats unwürdig. Im Jahr 1959 hatte das so genannte Wirtschaftswunder längst die Bundesrepublik Deutschland erreicht. Im Jahr 1963 herrschte in der Bonner Republik Hochkonjunktur. Die Steuereinnahmen flossen reichlich. Hamburg zählte schon damals zu den reichsten Regionen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Nach einem kurzen Intermezzo des Parteienbündnisses Hamburger Block unter dem von der CDU gestellten Bürgermeister Sieveking regierte hier wiederum die Sozialdemokratie. Für mich als politisch interessierten Bürger war es nicht nachvollziehbar, dass Senat und Bürgerschaft nicht mehr Mittel in die Ausstattung der Krankenhäuser steckten, um den wirtschaftlich schwächeren Mitbürgern den Aufenthalt durch die Schaffung kleinerer Krankenzimmer ein wenig zu erleichtern. Im Jahr 1963 besuchte ich einen Kollegen in einem in Rissen Krankenhaus. Dieser Kollege lag dort in einem kleinen Zimmer unter nach meiner Einschätzung erfreulichen Umständen. Ich weiß jedoch heute nicht mehr, wie viele Betten in seinem Zimmer standen. Auch kann ich nicht sagen, ob dieser Kollege für seinen Krankenaufenthalt Zuzahlungen aus eigener tasche geleistet hatte. Auf jeden Fall war mir der Unterschied seiner Unterbringung und der der anderen Persone in großen Krankenhaussälen wohltuend aufgefallen.

25.01.2010

Freiheit und Glück

In Talkshows des Fernsehens mit politischem Anspruch betonen immer wieder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die zu den arrivierten Personen unseres Gesellschaftssystems gehören, wie glücklich sich die Bürger der alten Bundesländer Deutschlands doch schätzen können, dass die Menschen dieses Gemeinwesens seit sechzig Jahren in Freiheit leben. Welche Möglichkeiten böten sich doch dem aufstiegswilligen Mitbürger. Ein bekannter Unternehmensberater weist auf seinen Aufstieg in dem von ihm in den höchsten Tönen gepriesene freiheitlichen System hin. Immer wieder wird von ihm die Marktwirtschaft als Garantin für das Glück der Bürger der Republik hervorgehoben. Den Unternehmensberater unterstützt der Generalsekretär einer bürgerlichen Partei. Auch er führt das Wort Freiheit beredt im Munde. Beide erfolgreiche Herren sagen, dass zur Freiheit auch gehöre, dass der Staat dem Bürger mehr Geld lasse. Steuernachlässe seien daher dringend notwendig. Hätten die Bürger mehr Geld zum Ausgeben, würde auch die Wirtschaft wieder wachsen. In dieser Runde gibt es noch einen Herren, der einem anderen Lager entstammt. Er ist von Beruf Anwalt und hat früher in der DDR gelebt. Bekannt geworden ist er als Politiker einer Partei, deren Vorgängerin sich in den alten Bundesländern keiner großen Beliebtheit erfreute. Seit sich diese Partei jedoch mit einer westdeutschen Splittergruppe zusammenschloss, konnte die Neuschöpfung auch im Westen reüssieren. Dieser charismatische Politiker hatte von jeher ob seiner Rednergabe in Verbindung mit Witz und Schlagfertigkeit viele Bewunderer. Er wies auf den wohl gar nicht mehr so selten anzutreffenden Arbeitslosen hin, der bei Unternehmen schon mehr als zweihundert Bewerbungen eingereicht hat und noch immer keine Stelle erhalten hat. Es leuchtet mir ein, dass dieser Arbeitslose nicht ganz so frei ist, wie die besagten erfolgreichen Herren. Er dürfte auch nicht so glücklich sein. Es ging bei dieser Sendung ja vor allem um das Glück. Die Moderatorin hatte auch einen Herren eingeladen, der neben anderen Aktivitäten in der “Glücksforschung” tätig ist. Dieser trug vor, dass der durchschnittliche Deutsche so gar nicht glücklich ist. Im Gegensatz zu den Dänen. Das seien die glücklichsten Menschen. Die “Glücksforschung” hätte sich im Gegensatz zu anderen Ländern in Deutschland nicht durchgesetzt.

Man hatte noch eine Dame eingeladen. Die war glücklich. Sie hatte als Mutter von zwei Kindern früher einen anspruchsvollen Beruf ausgeübt. Ihre Lebensumstände waren jedoch mit erheblichem Stress verbunden. Sie hatte daher diesen Beruf aufgegeben und war seither als Herbergsmutter tätig. Nun hätte sie viel mehr Zeit für ihre Kinder und für sich.

Ich jedenfalls war keineswegs glücklich, dass ich mir die Freiheit genommen hatte, diese Sendung anzusehen.

04.01.2010

Böller rund um Silvester

Der 31.Dezember sowie die Tage vor und nach diesem Datum zählen nicht zu den Zeiten, an denen ich mich besonders wohl fühle. Rund um Silvester werden in meinem Stadtteil Böller besonders gern gezündet. Dieses ist zwar offiziell nur an wenigen Stunden am Silvestertag erlaubt. Diese Vorschrift wurde nach meiner Erinnerung stets von vielen Mitmenschen nicht eingehalten. Auch ich wurde schon durch die Taten von Personen, denen Verantwortungsgefühl offensichtlich fremd ist, in erheblichem Maße belästigt. Vor etlichen Jahren hatten sich Jugendliche darauf kapriziert, Böller, deren Zündmechanismus bereits in Gang gesetzt war, vom Bahnsteig aus in den Fahrgastraum haltender Züge des öffentlichen Personennahverkehrs zu werfen. Diese Böller explodierten jeweils in meiner unmittelbaren Nähe. Ich konnte dann nur noch den Mund öffnen, um die schädigende Wirkung auf mein Hörorgan ein wenig einzudämmen. Auch wurde vor mehreren Jahren von einem Jugendlichen wiederum in meiner unmittelbaren Nähe ein Böller in dem zu den S-Bahnzügen führenden Geschoss des Bahnhofs Altona gezündet. Dort ist die Decke niedrig. Mithin ist auch hier die Lautstärke bei der Explosion eines Böllers extrem hoch. Ich las auf der Website eines Ärzteblatts, dass Feuerwerkskörper einen für das Hörvermögen besonders gefährlichen Impulslärm erzeugen. Die Spitzenpegel würden dabei mehr als 170 Dezibel erreichen. Dieses sei mehr als ein Düsenjet erzeugt. Bei Mitbürgern, die solchen Gefährdungen ausgesetzt sind, könnten Hörschäden in Form eines Tinnitus auftreten. Auch Knall- und Explosionstraumata wären möglich. Ich hatte Glück, dass ich von diesen Übeln verschont blieb. Übrigens kann ich die Male schon gar nicht mehr zählen, an denen im öffentlichen Verkehrsraum dicht neben mir Böller losgingen. Besonders befremdete mich ein Ereignis, dass sich vor einigen Jahren in einer Straße in Ottensen zutrug, die ich oft durchschreite. Ein Mann in den dreißiger Jahren hielt sich mit einem Jungen auf einem Balkon auf. Beide warfen am helllichten Tage scharf gemachte Böller in kurzen Abständen auf die Straße. Hierdurch wurden Passanten, unter ihnen befanden sich auch alte Frauen, in helle Aufregung versetzt.

Bei meinen Recherchen über Silvesterböller stieß ich auf eine Anzahl von Meldungen aus den Neuen Bundesländern, dass dort noch vor Silvester Briefkästen der Deutschen Post durch den missbräuchlichen Einsatz von Feuerwerkskörpern beschädigt bzw. völlig zerstört worden sind. In dem in der Lausitz gelegenen Ort Gosda sprengten unbekannte Täter gar einen Briefkasten samt Betondeckel weg. In Oranienburg brannte ein Kleidercontainer aus. Auch hier waren vermutlich Feuerwerkskörper im Spiel. Auf dem Bahnhof Fangschleuse seien die Scheiben eines Wartehäuschens durch “Pyrotechnik” zerstört worden. Ferner seien in diesem Ort die Frontscheiben von zwei geparkten Autos durch “Silvesterknaller” beschädigt worden.

Auch in Ottensen ging die Knallerei schon weit vor Silvester los, obwohl doch Böller und Raketen nur am 29., 30. und 31. Dezember verkauft werden durften. Auf Websites der Presseorgane las ich, dass Silvesterböller in Polen und Tschechien auf grenznahen Märkten bereits Anfang Dezember verkauft werden. Diese Produkte entsprechen meist nicht den deutschen Sicherheitsvorschriften. Sie gelten als sehr gefährlich und sollen selbst bei richtiger Handhabung extreme Verletzungen hervorrufen können. Entdeckt der Zoll bei seinen Kontrollen in Deutschland nicht zugelassene Böller, werden diese eingezogen. Zugleich wird gegen den “Importeur” ein Strafverfahren eingeleitet. In der Nacht und am frühen Morgen wurden in Ottensen rund um Silvester extrem laute Böller gezündet. Hierbei könnte es sich durchaus um verbotene Importware gehandelt haben.

Zahlreich sind die Berichte über Verletzungen durch Feuerwerkskörper.

Ein weiterer Aspekt ist die mit der Zündung von Feuerwerkskörpern verbundene Feinstaubbelastung der Außenluft. Diese liegt in einer rheinischen Großstadt bei 22 Mikrogramm. In der Silvesternacht wurden in dieser Stadt jedoch Werte von 140 000 Mikrogramm gemessen. Feinstaubpartikel können Entzündungen, Asthma und sogar Krebs auslösen. In Deutschland sollen 65.000 Menschen an den Folgen von Feinstaub gestorben sein.

Im Jahre 2005 entstand in Quedlinburg vermutlich durch den Gebrauch von Feuerwerkskörpern ein Großbrand. Dort stehen bekanntlich viele Fachwerkhäuser. Inzwischen ist das Zünden von Feuerwerkskörpern in der Nähe von Fachwerkhäusern verboten.

21.12.2009
Schnee und Eis in Hamburg


Einen Kälteeinbruch dieses Ausmaßes hat es nach meiner Erinnerung seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. In früheren Jahren und Jahrzehnten waren Temperaturen von -10 bis -20 Grad in Hamburg keine Besonderheit. Ich kann mich noch in verschiedenen Jahrzehnten an eine Reihe von Wintern entsinnen, in denen die Alster zugefroren und für Fußgänger frei gegeben war. Während eines langen Zeitraums wurde das Eis der Alster noch nicht kommerziell genutzt. Auf der Eisfläche tummelten sich nur Spaziergänger, Schlittschuhläufer und Kinder mit ihren Schlitten. Als die so genannte Spaßgesellschaft von Medienvertretern ausgemacht worden war, war das Verweilen auf dem Alstereis zu einem Event geworden. Die zuständige Behörde hatte die Erlaubnis erteilt, dass Buden auf dem Eis aufgestellt werden durften. Die Bürger konnten nunmehr Glühwein und andere Getränke zu sich nehmen. Auch ein Imbiss konnte verzehrt werden. Diese gewerbliche Nutzung brachte nach meiner Einschätzung besonders viele Gäste auf das Eis. Dieses hatte zur Folge, dass sich viel Abfall auf der Eisfläche anhäufte. Diese Erscheinung bot nun wirklich keinen schönen Anblick, und ich mied das Eis. Da ich in unmittelbarer Alsternähe arbeitete, hatte ich vor allem in der Mittagspause gern das Eis betreten. Auch hatte ich gern die Außenalster überquert, um in die Innenstadt zu gelangen.
In manchen Jahren bot das Elbufer einen bizarren Anblick. Dort hatten sich bei anhaltender Frostperiode Eisschollen aufgetürmt. Ich fühlte mich bei meinen Spaziergängen daher nahezu in die Arktis versetzt.
Besonders in meinem Gedächtnis haften geblieben sind die winterlichen Verhältnisse im ersten Quartal des Jahres 1979. Damals war in Norddeutschland von einer Schneekatastrophe die Rede. Die Autobahnen waren infolge des heftigen Schneefalls unpassierbar geworden. Viele Leute saßen dort mit ihren Autos fest. Bergepanzer der Bundeswehr räumten die Autobahnen. In jenem Jahr wohnte ich in Lokstedt. Den Weg zu meiner in der Nähe der Moorweide und der Außenalster gelegenen Arbeitsstätte legte ich in beiden Richtungen zum Ausgleich für meine sitzende Lebensweise zu Fuß zurück. Dieser Weg war zur Zeit der Schneekatastrophe beschwerlicher als sonst, weil besonders am Morgen vielerorts nicht geräumt war. Als eines Tages der Schneefall gar nicht mehr aufhören wollte, drohte der ein wenig tiefer gelegene Eingang zu dem Haus, in dem ich wohnte, zuzuschneien. Obwohl ein Unternehmen vertraglich verpflichtet war, in unserer Wohnanlage den Winterdienst zu versehen, war bei diesen extremen Witterungsverhältnissen nicht damit zu rechnen, dass Abhilfe von dieser Seite kommen würde. Im Eingangsbereich war ein Schneeschieber abgestellt worden. Nachdem ich mich entsprechend bekleidet hatte, begab ich mich nach draußen, ergriff den Schneeschieber und übernahm die Räumarbeit. Ich weiß noch, dass ich mehrere Stunden ohne Pause arbeitete und gegen die Schneemassen ankämpfte. Als der starke Schneefall nachließ und ich den Eingang frei gehalten hatte, hatte ich auf dem Rasen der Wohnanlage einen ziemlich hohen Schneehaufen deponiert. Mir hatte diese körperliche Arbeit durchaus gefallen, zumal sie notwendig, zielgerichtet und sinnvoll war.
In früheren Jahren konnte die S-Bahn bei starkem Schneefall wiederholt nicht fahren. Meines Wissens gab es Schwierigkeiten mit der Stromschiene. Die U-Bahn hingegen fuhr auch bei widrigen Witterungsverhältnissen stets pünktlich. Auch im Dezember 2009 traten durch die winterlichen Witterungsverhältnisse mit Schneefall wiederum bei der S-Bahn Schwierigkeiten auf. Die von Aumühle zur Elbgaustraße fahrende S 21 fuhr sehr unregelmäßig. Dieses wurde von Seiten der S-Bahn auf die Witterungsverhältnisse zurückgeführt. Aber selbst die an Sonntagen nur zwischen Berliner Tor und Altona verkehrende S 31 verkehrte nicht fahrplanmäßig. Als ich von der U-Bahn kommend auf dem Bahnhof Sternschanze stand, wurden auf der Anzeigetafel die Abfahrtszeiten nach einer Weile auf einen späteren Zeitpunkt verlegt. Wenn man auf dem ungeschützten Bahnsteig steht und wartet, spürt man doch die Kälte empfindlich. Ich beschloss daher, dieses Spiel nicht mitzumachen. Da bei Kälte Bewegung gut tut, verließ ich den Bahnhof und legte den Weg nach Altona zu Fuß zurück.   

21.12.2009
Fremdkörper in Supermärkten


Bei demselben Angebot des besagten Discounters habe ich noch “Die Kameliendame” von Alexandre Dumas erworben. Dieser Roman des dreiundzwanzigjährigen Schriftstellers war vor geraumer Zeit Gegenstand einer Lesung bei NDR-Kultur. Ich fand dieses Werk als Sittenbild seiner Zeit ganz interessant. Auch hat es einen gewissen Unterhaltungswert. Ungefähr drei Jahre später verkaufte der erwähnte Discounter wiederum eine Anzahl von Büchern von literarischem Rang. Der Preis war extrem günstig. Ich wählte zwei Bände mit Erzählungen. Der eine Band war von E.T.A. Hoffmann. Autor des anderen Werkes war Robert Louis Stevenson. Der Band mit Produktionen von E.T.A. Hoffmann enthält unter anderem die Erzählungen “Der Sandmann” und “Das steinerne Herz”. Diese Erzählungen habe ich auch als Hörbuch. Dieses gilt auch für “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde” von Stevenson. Der Text ist ebenfalls Bestandteil des Bandes mit Erzählungen dieses Autors. Alle drei Hörbücher bot der bekannte Discounter feil. Für mich ergibt sich wieder die Gelegenheit, mir Texte auf zweierlei Weise zu erschließen. Mir prägt sich übrigens ein gehörter Text oft besser als ein gelesener ein. Von diesen Texten gefiel mir “Das steinerne Herz” am besten. 
Bemerkenswert fand ich auch die Ausgabe von Reiseführern, die der Discounter für nur 1,99 Euro anbot. Ich wählte einen Reiseführer, der Aufschluss über Dresden gibt. Ich war bisher erst einmal in Dresden und habe bei dieser Tagesfahrt mit einem kurzen Aufenthalt nur die Gemäldegalerie Alte Meister aufgesucht. Ich habe mir jedoch weitere Tagesfahrten nach Dresden vorgenommen und kann daher diese Broschüre, die 96 Seiten umfasst, gut gebrauchen. Besonders gefällt mir das Format und das geringe Gewicht dieses Reiseführers. Er ist gut zu transportieren. Für Bahnfahrten geeignet ist auch ein so genannter Pocketatlas mit einem umfangreichen Ortsregister, der bei dem Einzelhandelsunternehmen als spezielles Angebot zu haben war. Mit diesem handlichen Kartenwerk kann ich unterwegs die Reiseroute verfolgen und mir die durchfahrenen Regionen mitsamt den Bezeichnungen für Landschaften, Bodenerhebungen, Wälder, Flüssen, Seen und Ortschaften besser einprägen. Ganz und gar unhandlich ist eine Deutschlandkarte im Maßstab 1: 750 000, die eine Breite von 1,04 Meter aufweist. Für dieses geographische Werk benötigte ich einen Kartentisch mit beträchtlichen Ausmaßen. Das Studium dieser Karte auf dem Fußboden ist doch recht unbequem und anstrengend. Ich habe sie mir daher nur selten angeschaut.
Sprachkurse fand ich bisher bei zwei Discountern im Angebot. Zu diesen Kursen gehören immer CD’S und zuweilen sogar DVD’S. Grundlage der Kurse ist jeweils ein Begleitbuch. Ich finde diese Lernmittel zur Verfolgung meiner Ambitionen immer wieder hilfreich. Mögen die Texte noch so banal sein, so kommt man doch in Kontakt mit dem gesprochenen Wort der jeweiligen Fremdsprache. Ebenfalls stellen verschiedene Sprecherinnen und Sprecher für mich eine Bereicherung dar. Durch einen Blick in das Begleitbuch kann ich das Lernerlebnis noch abrunden. Als gar Literatur auf dem Tonträger CD mit einem Buch des betreffenden Werks angeboten wurde, konnte ich erst recht nicht widerstehen. Ich griff mir Werke in den Sprachen Französisch, Spanisch, Italienisch und Englisch. Die Autoren zu diesen literarischen Hervorbringungen sind: George Simenon, Manuel Rivas, Antonio Tabucchi, Agatha Christie und Edgar Allan Poe. Besonders gefreut hat mich, dass ich von Edgar Allan Poe die Erzählungen “The black Cat und “The Fall of the House of Usher” erwerben konnte. Wenn ich mich auch am liebsten mit dem Italienischen beschäftige, so habe ich dennoch beschlossen, meine Bemühungen in den Weltsprachen Englisch und Spanisch zu intensivieren.
Vor einigen Jahren hätte ich es noch als skurriles Unterfangen empfunden, kulturelle Anliegen mit Hilfe von Discountern zu befördern. 

14.12.2009

Fremdkörper in Supermärkten (1)

In den Supermärkten der Kategorie Discounter erblickte ich Waren, die nicht zum ständigen Angebot dieser Einzelhändler gehören, und dort nur selten verkauft werden. Diese Waren fallen unter die Rubriken Bildung und Kultur. Da sie für mich in den besagten Supermärkten Fremdkörper waren, erregten sie mein Interesse. Hierbei handelte es sich um Bücher, Hörbücher, Schallplatten mit Aufnahmen des Repertoires der Klassik und Romantik, Sprachkurse, Reiseführer, Landkarten und Atlanten. Besonders interessierten mich Hörbücher und Sprachkurse. Hörbücher haben für mich als angenehme Ergänzung zur Lektüre einen hohen Stellenwert. Ich habe daher bei Discountern eine Anzahl von Hörbüchern zu sehr günstigen Preisen gekauft. In erster Linie ist hier der Roman “Fundbüro” von Siegfried Lenz zu nennen, der vom Autor vorgelesen wird. Zu diesem Hörbuch gehören mehrere CD`S. Aber auch andere Hörbücher, die von bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern vorgelesen werden, haben mich zum Kauf angeregt. Von Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann konnte ich jeweils gleich zwei Hörbücher erwerben. Von Edgar Allan Poe sind dieses “Sturz in den Maelström” und der “Goldkäfer”. E.T.A. Hoffmann ist mit den Erzählungen “Der Sandmann” und “Das steinerne Herz” vertreten. Andere Schriftsteller, deren Werke in der Bearbeitung als Hörbuch angeboten wurden, sind Joseph Conrad, Franz Kafka, Ephraim Kishon, Kurt Tucholsky, Eduard von Keyserling, Rainer Maria Rilke, Paul Heyse, Nikolaj W. Gogol und Robert Louis Stevenson. Hierbei schätze ich besonders das Hörbuch nach der Erzählung von Franz Kafka “Die Verwandlung”, das von Katja Riemann vorgelesen wird. Vor vielen Jahren habe ich mir gern Filme angesehen, in denen diese Aktrice mitwirkte. Aber auch die gereifte Katja Riemann ist für mich eine bemerkenswerte Person.

Obwohl ich beim Kauf von Büchern, die ein bestimmter Discounter feilhielt, noch über viele ungelesene Bücher verfügte, habe ich dennoch vier Bücher in dessen Supermärkten erworben. Vor allem “Der scharlachrote Buchstabe” von Nathaniel Hawthorne hatte es mir angetan. Leider bin ich bisher nicht dazu gekommen, dieses Buch auch zu lesen.

07.12.2009
Schienenfreuden


Seit dreißig Jahren nutze ich mehr oder minder intensiv die Angebote der Deutschen Bundesbahn bzw. der Deutschen Bahn AG. Besonders gut gefiel mir das Angebot des nationalen Schienenunternehmens in den letzten Jahrzehnten der Deutschen Bundesbahn. Damals gab es noch Teilnetzkarten, die einen ganzen Monat galten. Wiederholt hatte ich die Teilnetzkarte Nordseehäfen-Ruhrgebiet erworben. Diese Karte galt für einen ganzen Monat. Ich durfte mit ihr die Intercity-Züge der zweiten Klasse benutzen. Das weiteste mit dieser Netzkarte erreichbare Ziel war Bonn. Soweit ich mich entsinne, kostete die besagte Netzkarte etwa 340 DM. Mit dieser Fahrtberechtigung hatte ich auch einmal Bonn angesteuert. Bonn war zu diesem Zeitpunkt noch Bundeshauptstadt. Ich hatte mich jedoch nicht in die Hauptstadt begeben, um mir die Stätten anzusehen, in denen Politik gemacht und die Republik regiert wurde. Aus heutiger Sicht bedauere ich dieses. Mein Ziel war das Städtische Kunstmuseum Bonn. In diesem Haus wurden die Werke neuerer Kunst ausgestellt. Ich konnte Werke von August Macke, Heinrich Campendonk und Max Ernst betrachten. Schwerpunkt war jedoch eine Sammlung mit Kunst seit 1950. Auch wurden zu diesem Zeitpunkt Exponate der Kunstsammlung des Bundes präsentiert. Wiederholt konnte ich in die Kunstmetropole Köln fahren. Hier fanden stets interessante Ausstellungen statt. Vor allem fand ich mich jedoch in Köln ein, um mir die Schausammlungen des Wallraf-Richartz-Museums und des Museums Ludwig anzusehen. Zu meinen beliebten Reisezielen zählte auch die Landeshauptstadt Düsseldorf. Hier gab es das Kunstmuseum, das mir als eines der größten und reichhaltigsten Museen des Rheinlandes bezeichnet wurde. Aber auch die nicht minder gepriesene Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen war mir einen Besuch wert. Die Städtische Kunsthalle bot bemerkenswerte Ausstellungen. So konnte im ersten Tertial des Jahres 1983 eine Matisse-Ausstellung des Kunsthauses Zürich übernommen werden. Um mir einen intensiven Eindruck von dieser Ausstellung zu verschaffen, unternahm ich gleich zwei Tagesreisen nach Düsseldorf. Andere Städte Nordrhein-Westfalens, die ich wiederholt aufsuchte, waren Essen, Wuppertal und Bielefeld. Essen beherbergt bekanntlich das Museum Folkwang, das Kunst von 1800 bis zur Gegenwart zeigt. In Wuppertal ist das Von der Heydt-Museum ansässig, das über eine Schausammlung mit Werken von hochrangigen Malern aus dem sechzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart verfügt. Bis heute werden hier aber auch interessante Ausstellungen geboten.
Mit einem solchen Angebot kann die Kunsthalle Bielefeld nicht aufwarten. Diese Kunsthalle veranstaltete jedoch Ausstellungen kleineren Umfangs, die mein Interesse fanden. In diesen Jahren fuhr ich mit Hilfe des günstigen Bahnangebots auch nach Dortmund und Hagen. Auch in diesen Städten gibt es Museen mit sehenswerten Kunstwerken. In diese Häuser wäre ich jedoch ohne die erwähnte Netzkarte nicht vorgedrungen. Mit dieser Fahrtberechtigung trat ich jedoch nicht jeden Tag lange Reisen an. Bahnfahrten von insgesamt 800 bis 1000 km und mehr an einem Tag waren für mich mit Anstrengungen verbunden und führten zu Ermüdungserscheinungen. Zwischendurch konnte ich dann Ausflüge nach Bremen und Hannover oder nur nach Lüneburg einschieben.
In jenen Jahren, als noch die Deutsche Bundesbahn gewaltige Schuldenberge anhäufte, gab es außerdem Bezirkswochenkarten. An den genauen Preis kann ich mich nicht mehr erinnern. Er könnte bei 65 DM gelegen haben. Mir erschienen diese Karten jedoch als sehr günstig, so dass ich mir diese öfter besorgte. Mein beliebter Bezirk war innerhalb Niedersachsens angesiedelt, der auch Bremen einschloss. So konnte ich außer Bremen die von mir bevorzugten Kulturstädte Hannover und Braunschweig öfter zu einem Spottpreis aufsuchen. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, durfte man mit diesem Wochenangebot sogar die schnellen Züge des Typs Intercity nehmen. Ein anderer Bezirk umfasste fast ganz Schleswig-Holstein. Auch dieser Bezirk war für mich wegen der Stadt Kiel wichtig.
In meinem ganzen Leben bin ich nicht so häufig Bahn gefahren und habe nicht so viel Kunst gesehen, als noch die Deutsche Bundesbahn in jenen gesegneten Jahren ihre Benutzer mit solch unschlagbaren Angeboten, die jederzeit wahrgenommen werden konnten, verwöhnte. 
Die Deutsche Bahn AG reicht hieran mit ihren “Produkten” nicht entfernt heran. Die Bahncard 50 bietet gegenüber den exorbitanten Preisen zwar eine gewisse Erleichterung. Für Vielfahrer, die schnelle Verbindungen nutzen wollen, reicht dieses jedoch nicht aus. Mir ist es bisher nur einmal gelungen eine Karte des Angebots “Dauer plus” für 29 Euro zu ergattern. Dieses war von Sondershausen in Thüringen nach Hamburg, wobei ich die Strecke von Sondershausen nach Northeim in Regionalzügen zurücklegen musste. Erst ab Northeim konnte ich einen Intercity benutzen. Ich habe viele Male im Internet für unterschiedliche Strecken einen Test gemacht. Ich bekam jedes Mal den Bescheid “nicht verfügbar“. Im Bereich der Regionalzüge gibt es die Angebote “Schönes-Wochenende-Ticket, Länder-Tickets und neuerdings das bis zum 31.01.2010 befristete Quer-durchs-Land-Ticket. Die letzten beiden Angebote gelten jedoch von Montag bis Freitag nur ab 9 Uhr. Für längere Tagesfahrten mit Museumsbesuchen sind daher diese Fahrkarten wenig geeignet. Für Einzelfahrer stellen diese bei häufigen Tagesreisen immer noch einen Kostenfaktor dar. So genannte Single Karten kann ich nur für die Länder Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern nutzen. Nach meiner Erfahrung sind Regionalzüge am Wochenende außer morgens überfüllt. Folglich sind Fahrten an diesen Tagen nicht unbedingt ein Vergnügen.  

23.11.2009
Zeitzeuge

Öffentlich rechtliche Fernsehsender haben meiner Ansicht nach in ihrem Programm eine beachtliche Zahl von historischen Sendungen. Haben sie die jüngere Vergangenheit zum Inhalt, fühle ich mich seit vielen Jahren als Zeitzeuge. Vor einigen Tagen wurde auf einem der besagten Sender die Kanzlerschaft Konrad Adenauers ins Blickfeld gerückt. An viele der gezeigten Begebenheiten kann ich mich noch gut erinnern. Besonders die Bundestagswahlen der Jahre 1957 und 1961 haben sich mir eingeprägt. Ich war nie ein Bewunderer Adenauers gewesen. Schon früh betrachtete ich seine Person und sein politisches Handeln mit kritischer Distanz. Mein familiäres Umfeld war durchaus nicht unpolitisch. Ein Großonkel war Mitglied der CDU. Der Schwager des Familienvaters war aktiver Sozialdemokrat. Meiner Erinnerung nach wurden in der Schule politische Fragen vom Lehrpersonal nicht oft thematisiert. Ein aus Schlesien stammender Kunstlehrer, der gern über Themen sprach, die den Rahmen seines Fachs sprengten, verbreitete sich in seinem Unterricht auch über politische Fragen. Bei mir kam er schon bald in den Ruf eines hartnäckigen Konservativen. Nach der Bundestagswahl des Jahres 1957, die offensichtlich ganz in seinem Sinne ausgefallen war, sorgte er dafür, dass auf den Fluren der Schule in Kaligraphie gehaltene Tableaus mit den Namen und den Ressorts der Kabinettsmitglieder der aus CDU und CSU gebildeten Regierung ausgehängt wurden. Ein aus dem Sudetenland vertriebener Lehrer betonte, dass der Rechtsanspruch, in der verlorenen Heimat zu leben, nicht aufgegeben werden dürfe. Ein Schulleiter, der auf mich den Eindruck eines in höheren Sphären schwebenden Philosophen machte, äußerte sich einmal in der Weise, dass es die schlechteste Politik sei, gar nicht in der Schule über Politik zu reden. Ein Geschichtslehrer, der auch katholische Religion unterrichtete, und sich mithin im Besitze der “venia legendi” befand, war CDU-Mitglied und  in der Kommunalpolitik tätig. Bei bestimmten Anlässen, denen historische Bedeutung beigemessen werden konnte, sprach er anlässlich von Schülerversammlungen in der Aula, ich kann mich jedoch nicht daran erinnern, dass er im Unterricht seine politischen Ansichten offen einbrachte.
Für mich stellte das Ergebnis der Bundestagswahl 1957 eine Zäsur in der damals noch jungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dar. War es in den vorangegangenen Legislaturperioden jeweils zu Koalitionsregierungen gekommen, konnten nunmehr die konservativen Schwesterparteien CDU/CSU ihre Politik ohne ein Korrektiv durch eine andere politische Konstellation durchsetzen. Mir war klar, dass mit dieser Regierung endgültig die Zeit der Restauration angebrochen war und konservativer Geist sich in der Republik festsetzen würde. Bei der Bundestagswahl 1961 war der Patriarch Adenauer bereits 85 Jahre alt. Dennoch wollte er als Kanzler die Richtlinien der Politik der Bundesrepublik Deutschland bestimmen. In der Bevölkerung war nach der zwölf Jahre andauernden Kanzlerschaft Adenauers die Stimmung für einen Wechsel in diesem Amt vorhanden. Im Wahlkampf erklärte die FDP, sie würde keine Koalitionsregierung mit der CDU/CSU bilden, wenn Adenauer Kanzler bleibe. Bei dieser Wahl bekam die FDP 12,8 Prozent der Stimmen. Nach der Wahl wurde eine Regierung aus CDU/CSU und FDP gebildet. Adenauer sollte weiterhin Kanzler bleiben. Im Laufe des Jahres 1963 sollte er als Kanzler zurücktreten und den Weg für eine andere Persönlichkeit freimachen. Wegen dieses Kompromisses geriet die FDP bei manchen Medien in den Ruf der “Umfaller-Partei”. Bei der Bundestagswahl 1961 trat erstmalig Willy Brandt, der als Oberbürgermeister von West-Berlin bekannt und bei vielen Bürgern beliebt war, für die SPD als Kanzlerkandidat an. Er wurde von seinen Anhängern als deutscher Kennedy bezeichnet. Für die SPD war es die erste Bundestagswahl nach Verabschiedung des Godesberger Programms von 1959, mit dem sich die SPD zur “Mitte” geöffnet hatte. Mit 36,2 Prozent der abgegebenen Stimmen schnitt die SPD respektabel ab, lag jedoch noch weit hinter der CDU/CSU zurück, die 45.3 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. In das Jahr 1961 fiel der Bau der Berliner Mauer. Dieses Ereignis erregte weltweit Aufsehen und führte bei der deutschen Bevölkerung zu einer starken Erschütterung. Auch mich beschäftigte diese Veränderung.
Die erwähnte Fernsehsendung über die Kanzlerschaft Adenauers behandelte auch eine Begebenheit, an die ich mich noch gut erinnern konnte. Hierbei handelt es sich um die Freilassung der letzten mehr als 9000 von der Sowjetunion noch zurückgehaltenen Kriegsgefangenen deutscher Nationalität im Jahre 1955. Adenauer hatte am 08.09.1955 mit einer großen Delegation einen Staatsbesuch der Sowjetunion angetreten. Bei diesem Staatsbesuch hatte die Sowjetunion die Freilassung der restlichen deutschen Kriegsgefangenen zugesagt. Bei dem besagten Treffen war außerdem die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland vereinbart worden. Eine erste Gruppe dieser Kriegsgefangenen traf am 09.10.1955 im Durchgangslager Friedland ein. Dieses Vorkommnis wurde direkt im Fernsehen übertragen. Auch ich saß damals vor dem Bildschirm und verfolgte die Übertragung der Heimkehr. Öfter wurden Heimkehrer und Angehörige bei ihrer Begegnung, die naturgemäß sehr emotional ablief, in Großaufnahme gezeigt. Dieses empfand ich als Eindringen in die Privatsphäre der betreffenden Personen und irgendwie taktlos. Ich meine, dass einer meiner Englischlehrer zum Kreis dieser sehr späten Heimkehrer gehörte. Von einem Arbeitskollegen, mit dem ich zeitweilig im selben Büro saß, weiß ich definitiv, dass er diesem Kreis angehörte. Dieser Kollege äußerte sich dahingehend, dass er Adenauer unendlich dankbar dafür war, dass dieser Politiker seine späte Entlassung aus sowjetischer Gefangenschaft erreicht hätte. Er erwähnte, dass er während der Gefangenschaft Opfer körperlicher Gewalt durch Personen geworden ist, die von sowjetischen Stellen mit Machtbefugnis ausgestatteten geworden waren.

16.11.2009
Frühe Begeisterung für fremde Länder


Ich habe mich immer schon für fremde Länder interessiert. Erdkunde war in der Schule ein Fach, dem lange Zeit meine besondere Aufmerksamkeit galt. Gern verfolgte ich im Schulfunk die Sendungen über bestimmte Weltregionen. Entsprechende Beiträge in den Schulfunkheften las ich intensiv. Ich freute mich darauf, in der Schule Filmvorführungen über andere Länder beiwohnen zu können. Diese Filme waren in technischer Hinsicht nach heutigen Maßstäben primitiv. Man war jedoch damals bezüglich der Medien nicht verwöhnt. Auch mit bescheidenen Mitteln erstellte Beiträge waren schon etwas Besonderes. Ich kann mich noch entsinnen, dass mir der in Schulen gezeigte Film “Der Ritt zum großen Geysir” gefiel. Diesen Film sah ich mehrfach. Ich wusste wenig über Island und zeigte mich beeindruckt. Die rege vulkanische Tätigkeit auf dieser Insel war für mich ein erstaunliches Phänomen. Die Geysire waren für mich ein wenig unheimlich. Die großen Mengen heißen Wassers, die mit gewaltiger Kraft aus dem Boden geschleudert wurden, wirkten auf mich bedrohlich. Im Film wurde gezeigt, dass die Isländer das heiße Wasser nutzten, um darin Brot zu backen. Diese Nutzung der Naturkräfte fand ich gut, erinnerte ich mich doch noch an Brennstoffmangel und Stromsperren in der Nachkriegszeit. Die karge, fast baumlose Landschaft Islands sagte mir hingegen nicht zu. Ein abenteuerliches Moment war für mich, dass die handelnden Personen den Weg zum großen Geysir mit Pferden und nicht mit einem Kraftfahrzeug zurücklegten. Obwohl in der Nachkriegszeit das Pferd auch in Hamburg von bestimmten Gewerbetreibenden als Zugtier genutzt wurde, war dieses Tier für mich irgendwie ein exotisches Wesen, das ich mit vergangenen Zeiten in Verbindung brachte.
In jenen Jahren ging ich im Verhältnis zu späteren Jahren selten ins Kino. Besonders die Wochenschau fand mein Interesse. Hier wurde häufig über fremde Länder berichtet. Aber auch die Vorfilme, die nach meiner Erinnerung oft als Kulturfilme bezeichnet wurden, handelten zuweilen von anderen Ländern.
Wichtig war für mich in jenen Jahren die Radiosendung “Zwischen Hamburg und Haiti”. Hier wurde dem Hörer in abwechslungsreichen Beiträgen, die nach meiner Einschätzung gut gemacht waren, die weite Welt nahe gebracht.
Das Buch war damals neben Zeitschriften und Zeitungen für interessierte Menschen das hauptsächliche Medium der Information. Ich lieh mir auch in der Schulbibliothek Werke aus, in denen ich etwas über die weite Welt erfuhr. Ich nutzte auch die in der elterlichen Wohnung befindlichen Bücher, um meine erdkundlichen Neigungen zu pflegen. Nach der langen Zeit kann ich mich mit einer Ausnahme nicht mehr an Titel und Inhalt der Bücher erinnern, die ich damals las. Hierbei handelt es sich um ein aus zwei Bänden bestehendes Kompendium, das von Fridtjof Nansen verfasst wurde. Der Titel lautet: “In Nacht und Eis”. Es handelt von der norwegischen Polarexpedition der Jahre 1893 bis 1896. Einzelheiten sind mir weitgehend entfallen. Haften geblieben ist in meinem Gedächtnis, dass das Schiff, mit dem die besagte Expedition bestritten wurde, Fram hieß.
In meiner Kindheit waren die meisten Leute bei weitem noch nicht so viel gereist wie heute. Dennoch konnte ich Kunde aus “erster Hand” erhalten. Der Familienvater war als Ingenieursassistent und Schiffsingenieur zur See gefahren und war in dieser Zeit in manche Länder gekommen. So hatte ihn eine Reise nach Indien, China und Japan geführt. Aber er war auch beruflich in Nordamerika und der Karibik gewesen. Ich weiß noch, dass er auch das Mittelmeer ausgiebig befahren hat. In Südamerika war er meines Wissens auch gewesen. Weitere Details seiner beruflichen Seereisen sind mir entfallen.
Auch mein im Jahr 1946 verstorbener Großvater hatte als Studienrat während der Schulferien Auslandsreisen gemacht. Seine zweite Ehefrau, die als Stiefmutter meiner Mutter in unserer Familie als Oma fungierte, erzählte gern von den gemeinsamen Reisen. Mir haben sich vor allem ihre Erzählungen über Spanien eingeprägt.

09.11.2009
Gewalt, die Lust der Hooligans


Besonders im Umfeld von Fußballspielen hat der Ausbruch von Gewalt ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Nicht nur prügeln sich die Angehörigen verschiedener Fangruppen. Es werden auch Ordnungshüter immer wieder Opfer roher Gewalt so genannter Hooligans. Diese setzen sich aus Angehörigen unterschiedlicher Schichten der Bevölkerung zusammen. Unter den Hooligans sollen sich auch Akademiker befinden. Forscher wollen herausgefunden haben, dass die Ausübung von Gewalt bei bestimmten Männern mit der Empfindung starker Lustgefühle verbunden ist. Diese Lustgefühle sollen bei diesen Kreaturen jene, die sie bei sexueller Betätigung verspüren, sogar noch übertreffen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit zählt bekanntlich zu den wichtigsten Menschenrechten. Der Eingriff in diese Sphäre anderer Menschen wird daher auch als besonders verwerflich angesehen. Hooligans, die zur Befriedigung von Lustgefühlen, ihre Mitmenschen mit erheblicher körperlicher Gewalt überziehen, müssen daher als gemeingefährliche Individuen eingestuft werden. Die Gesellschaft muss daher entsprechende Anstrengungen unternehmen, um ihre Mitglieder vor diesen Individuen zu schützen. Da bei den meisten Hooligans Zurechnungsunfähigkeit im Rechtssinne nicht vorliegen dürfte, ist hier zunächst das Strafrecht gefragt. Sodann sind zivilrechtliche Maßnahmen mit Entschiedenheit durchzusetzen. Es ist davon auszugehen, dass bei Hooligans zur Tatzeit kein die freie Willensbestimmung ausschließender Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit vorgelegen hat. Mithin haben sie auch für den von ihnen angerichteten Schaden voll und ganz einzustehen. Die mit der Durchführung von Schadenersatzansprüchen befassten Stellen sollten daher unverzüglich einen Schuldtitel erwirken und Maßnahmen der Zwangsvollstreckung durchführen. Hier sind Pfändungs- und Überweisungsbeschlüsse bei Personen, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, besonders wirksam. Maßnahmen dieser Art haben häufig eine gewisse erzieherische Wirkung. Diese stoßen nämlich in der Regel auf das Missfallen des Arbeitgebers. Aber auch die Durchführung eines Verfahrens zur Abgabe der eidesstattlichen Versicherung kann auf den zur Delinquenz Neigenden eine Wirkung erzieherischer Natur ausüben. Hat jemand erst die eidesstattliche Versicherung abgegeben, ist dessen Kreditfähigkeit gänzlich dahin.
Gewaltausübung zur Befriedigung von Lustgefühlen stellt ferner ein abweichendes Verhalten im soziologischen und psychologischen Sinne dar. In jedem Einzelfall sollte geprüft werden, ob diesem Verhalten ein Krankheitswert beizumessen ist. Gegebenenfalls sind therapeutische Maßnahmen durchzuführen. Bei Personen, die sich beharrlich therapeutischen Maßnahmen widersetzen, sollte außerdem untersucht werden, welche Mittel der Rechtsstaat hat, um positiv auf diesen Personenkreis im Sinne eines präventiven Opferschutzes einzuwirken. 

26.10-2009

Einrichtungen zur Erlangung von Schönheit und Fitness (5)

Relativ neu im Schönheitsgewerbe dürften die Enthaarungsstudios sein. Mir ist erst vor einigen Jahren die Existenz von Gewerbebetrieben dieser Art aufgefallen. Anlässlich eines Fußmarsches durch Teile von Barmbek und Winterhude wurde ich in der Barmbeker Straße auf ein solches Studio aufmerksam. Ich fand dieses Studio in dem kostenfrei abgegebenen Buch Hamburger Branchen 2009/2010 nicht wieder. In diesem Buch sind jedoch eine stattliche Anzahl von Unternehmen und Selbständigen aufgeführt, die die Dienstleistung Haarentfernung anbieten. Beim Warten an der Haltestelle Volksparkstraße entdeckte ich ein Enthaarungsstudio, das, wie heute allgemein üblich, seine Internetadresse veröffentlichte. Ich bediente mich des Portals dieses Unternehmens. Dort erfuhr ich, dass die Enthaarung mit karamellisiertem Zucker im Orient zur Körperhygiene gehört. Diese Methode werde dort Halawa genannt. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen sind bei dem besagten Studio weitgehende Enthaarungen im Angebot. Ihnen wurde die Bezeichnung “Beach” gegeben. Hiermit soll wohl Interessenten für diese Dienstleistung vermittelt werden, dass man erst enthaarten Leibes am Strand eine gute Figur macht. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass Personen, die ihre Körperhaare in der Öffentlichkeit präsentieren, in den Ruf gebracht werden sollen, ungepflegt zu sein. Ich meine, mich entsinnen zu können, dass noch vor fünfzig Jahren Körperbehaarung beim männlichen Geschlecht als Zeichen von Virilität gewertet wurde. Bei der Leistung “Beach” für Frauen wird die Enthaarung im Bereich von Beinen, “Bikini”, Armen und Achseln durchgeführt. Hierfür werden 59 Euro verlangt. Bei “Beach” für Männer werden Beine, Arme, Achseln, Brust, Bauch und Rücken enthaart. Der größere Aufwand erfordert auch einen höheren Preis. Es sind 119 Euro zu entrichten. Am besten kommen Männer beim Enthaaren der Ohren davon. Hierfür sind ganze 10 Euro zu bezahlen. Bei Frauen werden die Achseln schon für 15 Euro enthaart. Für eine Behandlung an gleicher Stelle zahlen Männer 19 Euro.

Ein anderes Institut wirbt mit der IPL 2-Technologie. Diese wird wie folgt erläutert: “Vor der Behandlung wird ein Gel auf die zu behandelnde Körperregion aufgetragen. Die IPL 2-Technologie erzeugt kurze Lichtimpulse mit einem auf den jeweiligen Haut- und Haartyp abgestimmten Wellenbereich, die vom zuvor abrasierten Haaransatz aufgenommen werden. Diese Energie wird über den Haaransatz zu den Haarwurzeln transportiert, wo es aufgrund einer thermischen Reaktion zu einer Denaturierung und Verödung der Nährstoffzellen der Haarwurzel kommt. Die vorher rasierten Haare befinden sich immer noch in der Haut. Diese werden je nach behandelter Körperregion allerdings nach 5 - 21 Tagen abgestoßen und fallen von allein aus. Eine behandelte Haarwurzel ist nicht mehr in der Lage, neue Haare zu produzieren. Um eine dauerhafte Haarentfernung zu gewährleisten, sollte man mit ca. 6 -8 Sitzungen im Abstand von etwa 4 - 8 Wochen rechnen“.

Bei Damen wird eine “Gesamtkörperbehandlung” mit 669 Euro berechnet. Eine Behandlung beider Unterschenkel schlägt mit 139 Euro zu Buche. Für die Enthaarung der Achseln werden 59 Euro genommen. Für die “Bikinizone” fällt ein Betrag von 60 Euro an.

Auf der Homepage des zuletzt erwähnten Instituts ist ferner folgender Satz zu lesen: “Ob im Gesicht oder an sonstigen Körperstellen, an denen keine Haare erwünscht sind, stellen Haare nicht nur ein kosmetisches, sondern auch ein psychisches Problem dar“. Diese Feststellung kann ich in erster Linie nur für Frauen gelten lassen. Denn hier wird mit einem immensen Werbeaufwand von der Schönheitsindustrie durch geschickte “Meinungsmache” ein starker Druck ausgeübt. Nach meiner Wahrnehmung bringen nur wenige Frauen die Kraft und Souveränität auf, sich diesem Druck zu entziehen, denn man sieht selten Frauen der “Mehrheitsgesellschaft”, die sich gänzlich ungeschminkt im öffentlichen Raum bewegen.

Bei Frauen der jungen und mittleren Generation ist die haarfreie Achselhöhle mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Ein aus dem Bergischen Land stammendes deutsches Topmodel berichtete, dass es zu Beginn seiner Karriere mit 19 Jahren- nach meinen Berechnungen war dieses im Jahre 1992- mit behaarten Achseln zu einem Fototermin erschienen war. Die junge Frau musste damals heftige Vorwürfe über sich ergehen lassen. Aus ihrer heutigen Sicht habe sie sich damals “unmöglich” verhalten. Ungefähr zur gleichen Zeit versah eine andere junge deutsche Frau in den USA bei einer gutsituierten Familie Dienst im Au-pair- Bereich. Auch sie hatte nicht daran gedacht, in diesem Kreise mit enthaarten Achselhöhlen aufzutreten. Dieses Versäumnis wurde von der Hausherrin gerügt. Ich nehme an, dass der Brauch, die weiblichen Achselhöhlen haarfrei zu halten, in den USA schon seit mehreren Jahrzehnten allgemein gepflegt wird. Als Freund der Leichtathletik sehe ich mir seit meinem elften Lebensjahr Veranstaltungen dieser Sportart gern an. Seit mehreren Jahrzehnten beschränkt sich diese Beschäftigung jedoch vor allem auf Fernsehübertragungen. Ich kann mich nicht entsinnen, in den letzten Jahren bei diesen Veranstaltungen je bei einer Sportlerin Achselhaare gesehen zu haben.

Nicht ganz so verbreitet dürfte bei Frauen die Angewohnheit sein, die Haare auf den Unterschenkeln zu entfernen. Aber ich stellte fest, dass diese Form der Körperpflege bereits Eingang in die Literatur gefunden hat. Bei einer Talkshow berichtete vor einiger Zeit ein Vater, dass seine fünfzehnjährige Tochter seine Rasierklingen zu eben dieser Übung missbraucht habe.

19.10.2009
Einrichtungen zur Erlangung von Schönheit und Fitness (4)

Auf einer meiner Fahrten mit dem Bus nach Klein-Flottbek sah ich auf Werbeträgern Hinweise auf eine Klinik, die sich der Plastischen Chirurgie verschrieben hat. Dieses Institut fand ich jedoch nicht in dem Buch “Hamburger Branchen”. Unter den Stichwörtern Kosmetische Chirurgie und Plastische Chirurgie sind jedoch in diesem Branchenbuch so einige Eintragungen enthalten. Hieraus schließe ich, dass in Hamburg eine beachtliche Nachfrage nach Operationen auf dem Gebiet der Plastischen Chirurgie besteht. Zunächst besteht ein Bedarf an Einrichtungen dieser Art, weil auf Unfälle zurückzuführende Verletzungen bei vielen Betroffenen den Wunsch nach medizinischer Rehabilitation in kosmetischer Hinsicht zur Folge haben.
Manche Mitmenschen, die von solcher Unbill verschont sind, sind jedoch mit ihrem Erscheinungsbild unzufrieden und sehnen sich nach Veränderungen. Diese Wünsche nach Veränderungen sollen nicht selten das Gesicht betreffen. Hier wiederum soll Veränderungen der Nase eine besondere Bedeutung zukommen. Eine rührige Geschäftsfrau, die in jungen Jahren mehrere Schönheitswettbewerbe gewann, hat im Fernsehen eingeräumt, dass sie ihre Nase ein wenig hat operativ verändern lassen. Größen des Showgeschäfts dürften sich in großer Zahl Eingriffen zu Gunsten des Gesichtserkers unterzogen haben. Aber auch Personen, die nicht im Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit stehen, verschmähen nicht die Dienste der Schönheitschirurgen, wenn sie mit der Beschaffenheit ihrer Nase nicht zufrieden sind.

Auch vernahm ich, dass sich das Absaugen von Fett in bestimmten Kreisen einer großen Beliebtheit erfreut. Hier ist in erster Linie die Bauchpartie betroffen. Aber auch das Gesäß soll in solche Maßnahmen einbezogen werden. Es wird berichtet, dass sich nicht nur Frauen zur Entfernung von Fettpolstern unter das Messer begeben. Medien gaben Kunde davon, dass auch Männer die Dienste der Meister des Messers in Anspruch nehmen, um sich ungeliebter Fettmassen zu entledigen.
Vor einiger Zeit haben private Fernsehsender ihr Publikum mit Sendungen unterhalten, in denen die Entfernung von Fett durch chirurgische Eingriffe am menschlichen Körper thematisiert wurde. Ich kann mich noch an eine Sendung erinnern, in der eine junge Frau auftrat, die einen Makel an ihrem Körper empfand, dessen Behebung ihr am Herzen lag. Nach meiner Einschätzung war diese Person durchaus wohlproportioniert und hatte keinen Grund, sich nicht ihres Leibes zu erfreuen. Der betreffende Privatsender berichtete, dass diese junge Frau den Berufswunsch hege, “Wäschemodel” zu werden. Hierfür wollte sie in ihren Augen überflüssiges Fett im Bauchbereich absaugen lassen. Bei diesem Vorhaben wurde sie durch den Fernsehsender begleitet. Für den kritischen Zuschauer geriet der Beitrag in die Nähe des absurden Theaters.
                                                                                                                             Eine sehr große Rolle dürfte die Veränderung der weiblichen Brust für die plastische Chirurgie spielen. Dieses gilt offensichtlich nicht nur für junge Frauen, die sich als Fotomodell fühlen, und für Nacktaufnahmen außerhalb der künstlerischen Aktfotografie posieren, sowie für Frauen, die ihren unbekleideten Körper gewerbsmäßig zur Schau stellen, und auch nicht nur für Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, die von maßgeblichen gesellschaftlichen Kreisen einst für sündig erklärte Dienstleistungen zum Wohle des “Fleisches” anbieten. Auch Damen mit Ambitionen für eine Fernsehkarriere hoffen offensichtlich mit einem größeren Busen eine bessere Figur zu machen. Ein Sender des Privatfernsehens, der das “Format Big Brother” ausstrahlte, berichtete, dass eine Mittdreißigerin, die für ihre Mitwirkung in diesem Format ein Preisgeld bekommen hatte, dieses für eine Brustvergrößerung verwendet hatte. Die besagte Dame wäre gern Moderatorin beim Fernsehen geworden. Eine andere bei dieser Veranstaltung mitwirkende weibliche Person, die zum damaligen Zeitpunkt vierundzwanzigjährig war, erzählte, dass sie sich einer Brustverkleinerung unterzogen hätte. Diese Maßnahme wäre von ihrer Krankenkasse bezahlt worden.
Kürzlich wurde ein auf diesem Sektor liegender Fall Gegenstand medialer Aufmerksamkeit. Eine Frau hatte ebenfalls ihre Brüste verkleinern lassen. Sie begehrte nun Kostenerstattung durch ihre Krankenkasse. Die Kasse lehnte dieses Ansinnen ab, worauf die betreffende Frau Klage vor dem Sozialgericht erhob. Das Sozialgericht wies die Klage jedoch ab. Soweit ich mich entsinne, wurde die Ablehnung damit begründet, dass die Brüste dieser Frau bei ihrer kräftigen Statur keine Anomalie darstellten, und auf die Größe der Brüste zurückzuführende krankhafte Erscheinungen bisher weder aufgetreten noch künftig zu erwarten wären.

05.10.2009

Einrichtungen zur Erlangung von Schönheit und Fitness (3)

Ein weiteres Phänomen ist das seit mindestens zehn Jahren bei jungen Menschen massenhaft anzutreffende Piercing. Nach meiner Einschätzung sind hiervon junge Frauen und junge Männer gleichermaßen betroffen. Viele junge Frauen scheinen es besonders zu lieben, ihren Bauchnabel durchbohren und mit Metall versehen zu lassen. Hier gibt es recht unterschiedliche Ausführungen. Wenn auch aus meiner Sicht die Mode, sich der Öffentlichkeit bauchfrei zu präsentieren, ein wenig zurückgegangen ist, sind diese den Bauch zierenden Schmuckstücke dank der immer noch beliebten Hüfthose nach wie vor für den Flaneur häufig zu besichtigen. Weniger zahlreich dürften Piercings bei weiblichen Wesen im Gesicht sein. Das Antlitz ist doch wohl für die Durchschnittsfrau eine besondere Zone, die in der Regel metallfrei belassen wird. Einige Außenseiterinnen schrecken jedoch nicht davor zurück, den Bereich, wo die Augenbrauen wachsen, durchbohren und mit Metallteilen schmücken zu lassen. Auch das Fleisch um die Mundpartie wird zuweilen einer solchen Prozedur unterzogen. Selbst die empfindliche Zunge wird von gewissen weiblichen Proselyten dieses Kults nicht verschont. Extremistinnen auf diesem Gebiet schrecken nicht einmal davor zurück, die Brustwarzen und den Intimbereich mit Piercings versehen zu lassen.

Wohl nicht unmittelbar zur Technik des Piercing gehört die aus Indien stammende Mode, ein Loch in das Nasenbein zu treiben und den Gesichtserker mit einem Metallplättchen zu schmücken. Wenn auch meist Frauen diese Behandlung ihrer Nase zumuten, kann man zuweilen auch bei Männern ein Metallplättchen auf der Nase erblicken. Manche männliche Liebhaber des Piercing gehen mit ihrem Gesicht wenig schonend um. Bei diesen Kerlen hängt an mehreren Perforationen eine Menge Metall.

Nach meiner Wahrnehmung bieten Tätowiersalons auch Piercing an. Mithin verfügen viele Tätowierer noch über eine weitere Einnahmequelle. Ich sah aber auch schon in Schaufenstern gewisser Friseurläden Schilder mit Hinweisen, dass dort Piercings durchgeführt werden. Auch Arzthelferinnen sollen berechtigt sein, diese Tätigkeit zu verrichten.

Die Modeerscheinung des Piercings dürfte in neuerer Zeit manchem Mitmenschen eine nicht unbeträchtliche zusätzliche Einnahmequelle eröffnet haben.

28.09.2009
Einrichtungen zur Erlangung von Schönheit und Fitness 2

Schon seit einer Anzahl von Jahren staune ich immer wieder darüber, wie viele Menschen in der heutigen Zeit tätowiert sind. Besonders in der warmen Jahreszeit, wenn viele Menschen sich nur in knappe Textilien hüllen, bilden diese als Körperschmuck gedachten Hautveränderungen einen besonderen Blickfang. Nach meiner Wahrnehmung müssen junge Frauen eine besondere Vorliebe für diese Manipulationen am menschlichen Körper haben. Manche weibliche Wesen, die offensichtlich dem Dezentem den Vorzug geben, haben sich auf der Schulter oder dem Oberarm ein kleinformatiges Bild stechen lassen. Andere lieben es aufdringlicher. Sie haben sich großflächige Tattoos machen lassen. Diese bedecken oft große Teile des Rückens oder der Vorderseite des Oberkörpers. Beliebt sind auch Tätowierungen auf den Armen. Zuweilen erstrecken sie sich nahezu auf die gesamte Hautfläche eines Armes. Ich sah sogar Frauen deren Brüste mit entsprechenden Bildern bedacht waren. Seit zehn Jahren erblicke ich bei vielen jungen Frauen oberhalb des Steißbeins ein recht großes längliches Ornament, das die Hüfthose und das kleine T-Shirt freilassen. Dieses Ornament wird im Volksmund "Arschgeweih" genannt. Sehr originell finde ich dieses Gebilde nicht. Dieses gilt auch für Buchstabenfolgen aus asiatischen Kulturkreisen, die doch häufig von Freundinnen und Freunden des Körperschmucks präsentiert werden. Einfallsreichtum und eine gestalterische Kraft vermag ich bei den von mir gesichteten Produkten des Tätowiergewerbes nicht festzustellen. Gelegentlich komme ich noch an Tattoo- Studios vorbei und schaue mir dann die ausgestellten Muster für Tätowierungen an. Diese Muster sind mir bisher immer als völlig ideenlos und plump erschienen. Für die Normalbürgerin ohne geschultes Auge und entwickelten Geschmack mögen diese Erzeugnisse flachen Biedersinns ja noch entschuldbar sein. Aber es gibt ja auch weibliche Wesen mit Stil, ästhetischem Empfinden und Bildung, die sich Tätowierern zur Verfügung stellen. Bei diesem Personenkreis vermute ich eigentlich einen Hang für Individualität und künstlerischer Originalität. Vor einigen Jahren vernahm ich, dass ein Tätowierer zum damaligen Zeitpunkt ein monatliches Einkommen von 10.000 Euro erzielen konnte. Dieser Umstand müsste doch auch begabte junge Künstler, denen der Durchbruch auf dem Kunstmarkt bisher versagt blieb, auf den Plan rufen, um mit Entwürfen origineller Motive ein Zubrot zu verdienen oder sich gar selbst im Nebenberuf in diesem Gewerbe zu versuchen. Neben den Fitnessstudios und Sonnenstudios hat sich mit den Tätowierungssalons ein weiterer offensichtlich ertragreicher Gewerbezweig etabliert. Ein Salon, der an einer von mir frequentierten Straße lag, wurde allerdings nach einer nicht allzu langen Zeitspanne wieder aufgegeben. Seine Lage im Herzen Ottensens war meines Erachtens dem Geschäftserfolg eher zuträglich. Das Ladenlokal war nach meiner Einschätzung nicht allzu groß. Es mag sein, dass die Räumlichkeiten für einen größeren Geschäftsumfang nicht mehr ausreichten. Als ich auf der Suche nach neuen Vorlagen für Tätowierungen im Vorübergehen meinen Blick auf das Schaufenster richtete, erblickte ich dort eine auf dem Rücken liegende splitternackte sehr junge Frau, die auf einem Tisch ruhte und ihr angehobenes Hinterteil vermutlich einer Person entgegenstreckte. Diese Person nahm ich jedoch nicht wahr. Als diskreter Mensch wandte ich meinen Blick sofort von diesem Bild ab und ging weiter.
Nicht weit von meiner Wohnung hat sich an anderer Stelle seit geraumer Zeit ein Tätowierbetrieb etabliert. Dieser Betrieb stellt Schaubilder mit tätowierten Körperteilen aus. Ich musste feststellen, dass Abbildungen mit kleinformatigen Tätowierungen gänzlich fehlten. Größere Arbeiten dürften beträchtlich mehr einbringen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass auf die Ausstellung kleinformatiger Werke verzichtet wurde. Eine Abbildung zeigte einen massigen männlichen Oberarm mit einem Konterfei Che Guevaras. Einen männlichen Rücken zierte ein Emblem des Fußballclubs St. Pauli mit einem davor knienden Fan. Auf einem anderen männlichen Oberarm prangten ein jugendlicher stilisierter Männerkopf sowie die Aufschrift "Turbo Jugend". Naturgemäß durfte die Darstellung eines nackten weiblichen Körpers auf männlicher Haut nicht fehlen. Bei dieser Darstellung war man jedoch um Stil bemüht. Das abgebildete Wesen wirkte zart und nymphenhaft und war von Vignetten umgeben. Einen weiblichen Oberarm schmückten ein recht groß geratener Schmetterling und eine ebenfalls nicht gerade kleine Blume. Für mein Empfinden zu aufdringlich. Andere weibliche Oberarme waren mit Ornamenten versehen.
Viele bekannte Sportlerinnen und Sportler sind heute tätowiert. Auch bei Filmschauspielerinnen, deren Kollegen und anderen Größen des Showgeschäfts sind Tätowierungen anzutreffen. Diese Leute haben bekanntlich für viele Menschen Idolcharakter. Idolen wird hinsichtlich äußerer Merkmale gern nachgestrebt. Vielleicht liegt auch in diesem Phänomen eine Erklärung für die vielen tätowierten jungen Menschen.

21.09.2009
Einrichtungen zur Erlangung von Schönheit und Fitness 1

Bei meinen Wanderungen durch Hamburg stoße ich immer wieder auf Gewerbebetriebe, die es in dieser Form in meiner Jugend selten oder gar nicht gab. Diese Einrichtungen sind sicher mit dem Fitnesswahn und dem Schönheitswahn, dem bestimmte Gruppen der Gesellschaft recht zahlreich huldigen, in Verbindung zu bringen. Hier möchte ich zunächst die zahlreichen Sportstudios beziehungsweise Fitnesscenter nennen. Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Hingabe sich die meist jungen Besucher den dort aufgestellten Folterinstrumenten ausliefern. Ein Sportstudio in der Nähe meiner Wohnung gewährt mir nämlich durch seine Lage und bauliche Beschaffenheit besondere Einblicke. Zu bestimmten Zeiten sind nahezu alle Geräte, die in dem großen Übungsraum dicht beieinander stehen, besetzt. Ich habe mir sagen lassen, dass diese Einrichtungen zur Stärkung der Physis gegenüber der körperlichen Ertüchtigung in einem Sportverein große Vorteile haben. Da diese Sportstudios in der Regel lange Öffnungszeiten haben, kann der Proband diese zu einer ihm genehmen Zeit nutzen. Bestimmte zwingend vorgeschriebene Zeiten, die ein Mitglied eines Sportvereins für die Realisierung seiner leiblichen Ambitionen einhalten muss, spielen hier keine Rolle. Der Nutzer dieser Gesundheitseinrichtungen kann diese nach Gusto im Rahmen der Öffnungszeiten aufsuchen. Er trifft dort unverbindlich auf Gleichgesinnte und kommt trotzdem in den Genuss eines Gemeinschaftsgefühls. In gewissem Sinne wird hier das Streben nach Individualität gefördert. Da das zu entrichtende Entgelt höher ist als vergleichbare Mitgliedsbeiträge von Sportvereinen, erwarten die Konsumenten auch besondere Dienstleistungen. Diese Leistungen werden durch die dort tätigen Trainer und anderen Betreuer geboten. Diese sind naturgemäß darauf bedacht, die Kunden an das betreffende Studio zu binden und daher eine persönliche Beziehung zu den Besuchern herzustellen. Hierdurch fühlen sich die Kunden gut aufgehoben und wähnen eine Stätte aufzusuchen, die “Wellness” verbreitet.
Auf meinen Stadtgängen komme ich häufig an Sonnenstudios vorbei. Auch diese Einrichtungen gab es in meiner Jugend noch nicht. Manche Mitmenschen hatten jedoch bestimmte elektrische Geräte in ihrem Haushalt, die im populärem Sprachgebrauch “Höhensonne” genannt wurden. Mit diesen Geräten, die vor allem medizinischen Aspekten und nicht der Förderung der Schönheit dienen sollten, wurde das Haupt bestrahlt. Es konnte hiermit auch Gesichtsbräune erzielt werden.
Auch ich wurde einst bei einer Reise ins Ruhrgebiet von einem ehemaligen Mitschüler bezichtigt, mich der “Höhensonne” zur Hebung meines Erscheinungsbildes bedient zu haben. Ich hatte meine intensive Gesichtsbräune jedoch bei einem längeren Aufenthalt auf der Insel Föhr erworben. Durch diese Bezichtigung fühlte ich mich ein wenig in meiner Mannesehre gekränkt und brachte meine Gegendarstellung vor. Es lag mir damals fern, mich derartiger Hilfsmittel zu bedienen. Ich habe bis heute meine Einstellung hierzu nicht geändert. Folglich bin ich noch nie in die Versuchung gekommen, ein Sonnenstudio aufzusuchen.
Seit geraumer Zeit warnen Hausärzte davor, die Angebote der Sonnenstudios wahrzunehmen. Besucher dieser Einrichtungen liefen Gefahr, sich Hautkrebs zuzuziehen.
In unmittelbarer Nähe meiner Wohnung befand sich in einem Neubau lange Zeit ein Sonnenstudio. Die Fassade des entsprechenden Gebäudes ist mit viel Glas ausgestattet. Mir wurde daher auch hier Einblick in diese Einrichtung gewährt. Dieser beschränkte sich jedoch vor allem auf den Vorraum. Von den Bestrahlungsräumen konnte ich nur die Türen sehen. Dennoch fand ich es interessant, beim Vorübergehen das Treiben in diesem Hause flüchtig zu beobachten. Nach meiner Wahrnehmung handelte es sich bei der Klientel meist um junge Frauen. Aber auch junge Männer suchten dieses Institut auf. Dann wurde dieses Studio auf einmal geschlossen. Nicht weit von diesem Studio befindet sich nämlich eine weitere Einrichtung dieser Art. Diese erfreut sich nach meiner Wahrnehmung weiterhin regen Zuspruchs. 

17.09.2009
Information per Internet statt über Printmedien


Ich bemühe mich, modern zu sein. Seit geraumer Zeit informiere ich mich weitgehend über das Weltgeschehen per Internet. Nahezu alle Verlage, die Zeitungen und Zeitschriften als Printmedien herausgeben, sind auch im Internet mit Online- Ausgaben vertreten. Dieses gilt auch für die öffentlich- rechtlichen Rundfunkanstalten und Fernsehsender. Ich habe daher schon eine beträchtliche Anzahl dieser Online-Ausgaben auf meinem Rechner unter “Favoriten” aufgenommen. Nun kann ich zu aktuellen Themen in kurzer Zeit unterschiedliche Versionen lesen. Gern lese ich Kommentare zu Fragen der Zeit in verschiedenen Publikationen. Dieses wird mir durch das Internet erheblich erleichtert. Die Einrichtung der Favoritenliste ermöglicht einen schnellen Zugriff auf die entsprechenden Veröffentlichungen. Die Beiträge in diesen Online-Ausgaben sind in der Regel kurz gehalten. Dieses geht zuweilen auf Kosten der Ausführlichkeit und des Tiefgangs. Ich musste jedoch feststellen, dass sich die Online-Ausgaben der meisten Verlage grundlegend von deren Produkten aus dem Bereich der Printmedien unterscheiden. Mithin stellt ein weitgehender Verzicht auf die gedruckten Publikationen doch eine gewisse Verarmung dar.
Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, mich während meines Ruhestandes mich morgens in die Leseräume der Öffentlichen Bücherhallen zu setzen und die dort ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften zu studieren. Auch wollte ich mir eine Lesekarte besorgen, um Publikationen aus den Bereichen Politik und Wirtschaft auch zu Hause lesen zu können. Ich muss bekennen, dass es hierzu nicht gekommen ist. Ich habe in dem besagten Zeitraum noch keine Öffentliche Bücherhalle aufgesucht.

20.07.2009
Meine Verbundenheit mit Eckernförde


Ich wurde in Schleswig-Holstein geboren und habe dort auch in meiner Kindheit einige Zeit gelebt. Meinen Geburtsort Eckernförde habe ich seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr aufgesucht. Vor langer Zeit hatte ich mit dem Gedanken gespielt, in dieser Stadt regelmäßig Urlaubstage zu verbringen. Es war mir sogar schon in den Sinn gekommen, in Eckernförde eine kleine Ferienwohnung zu erwerben. Später dachte ich nicht mehr hieran. Mich führten Bahnfahrten wiederholt in die Städte Kiel, Lübeck und Schleswig. In diese Städte begab ich mich jedoch nur, um in den dortigen Museen und sonstigen Ausstellungsräumen Kunstwerke zu betrachten. Eckernförde war jedoch offensichtlich keine Stätte der Kunstpflege. Mein gesteigertes Interesse an der Bildenden Kunst hatte im März 1979 eingesetzt. Dieses nahm für viele Jahre meine Kraft, meine Zeit und auch für mich nicht unbedeutende finanzielle Mittel in Anspruch. In diesen Jahren gesteigerten Kunstinteresses kaufte ich mir gern Bezirkswochenkarten der Bahn für den Raum Schleswig-Holstein. Nach einem Museumsbesuch in Kiel hätte ich daher ohne großen Aufwand einen kurzen Abstecher nach Eckernförde machen können. Ich kann mir heute nicht mehr erklären, warum ich die günstigen Gelegenheiten nicht wahrnahm. Ich muss bekennen, dass meine Vorstellungen von der Stadt Eckernförde und ihrer Umgebung sehr verschwommen sind. Ich sehe noch die Eckernförder Bucht mit dem kleinen Hafen der Stadt Eckernförde vor mir. In meiner Kindheit müssen mich besonders die zahlreichen Quallen in diesem Gewässer beeindruckt haben. Es haben sich mir entsprechende Bilder eingeprägt. Die Warnung vor den Feuerquallen habe ich bis heute nicht vergessen. Bilder vom Strand sind mir auch noch geläufig. Auch an eine auf einer Anhöhe gelegene Kirche kann ich mich schwach erinnern. Irgendein markantes Gebäude im Zentrum dieser Kleinstadt hat sich in meinem Gedächtnis nicht festgesetzt. Die Straße, in der meine Verwandten wohnten, habe ich in ihrer früheren Ausgestaltung in groben Zügen in meiner Erinnerung bewahrt. Hier wurden jedoch bereits vor dreißig Jahren entscheidende Veränderungen vollzogen. Das Reihenhaus, in dem meine Verwandten lebten, war zusammen mit den anderen Häusern dieses Typs abgerissen und durch nicht gar so hohe Mehrfamilienhäuser, die auf mich einen durchaus passablen Eindruck gemacht hatten, ersetzt worden. An dieser Stelle konnte ich mithin meine Erinnerung nicht auffrischen. Aber gerade diese Reihenhausanlage mit ihren Vorgärten, einem gemeinsamen Hof und den sich daran anschließenden Gärten war einen wichtigen Zeitraum “Mittelpunkt meiner Lebensverhältnisse” gewesen. Mit dieser Örtlichkeit sind manche Erinnerungen an meine Kindheit verbunden.

13.07.2009

Dreimal Norddeutschland

Durch familiäre Bande kam ich mit drei norddeutschen Regionen näher in Berührung. In erster Linie ist dieses die Nordheide. Hier halte ich mich immer wieder besonders gern auf. In der Nordheide sind es zwei Gebiete, die ich wegen ihres typischen Heidecharakters häufiger aufsuche. Es sind dieses das Naturschutzgebiet um den Brunsberg und das Büsenbachtal. Bei Einheimischen und Ausflüglern erfreuen sich diese Zonen besonders zur Heideblüte besonderer Beliebtheit. Zu dieser Zeit bieten diese Landschaften zweifellos einen erfreulichen Anblick. Für mich haben die Zeiten außerhalb der Heideblüte keinen minderen Reiz. Die Brunsberg genannte Erhebung überragt das Niveau ihrer Umgebung um einiges. Hat man diese Erhebung bestiegen, bietet sich dem nicht allzu anspruchsvollen Naturfreund ein doch recht weiter Blick ins Land. Mitunter sind auf dem Brunsberg heftige Winde zu erleben. Einige Mitmenschen lassen hier auch Drachen steigen. Ich musste aber auch schon mit ansehen, dass Radfahrer mit ihren Mountainbikes diese Anhöhe erklimmen. Hierfür habe ich wenig Verständnis. Naturschutzgebiete sollten dem Fußwanderer vorbehalten bleiben. Mountainbikes beschädigen die Wege und tragen zur Bodenerosion bei. Auch in der Nordheide versahen einst Herden von Heidschnucken ihr segensreiches Werk. Ich habe hier schon seit langem keine Heidschnucken mehr gesehen. Für die Unterhaltung der Herden soll es keine Mittel geben. Private Initiativen von Naturfreunden zeigten sich durch diese Aufgabe überfordert. Heidschnuckenherden erblickte ich in letzter Zeit nur noch im südlichen Teil der “Lüneburger Heide”.

Das Büsenbachtal wird von einem Gewässer durchzogen. Dieses führt mal mehr mal weniger Wasser. Ist der Wasserstand hoch bilden, sich an seinen Ufern Feuchtauen. Neben Birken stehen hier die in Heidelandschaften üblichen Kiefern und Zypressenarten wie Wacholder. Im Naturschutzgebiet Büsenbachtal ist ebenfalls eine Erhebung zu verzeichnen, die ich als beachtliche Bereicherung dieser Landschaft empfinde.

Zuweilen suche ich auch das Unterelbegebiet um Wischhafen auf. Hier stufe ich die Anfahrt mit der Elbfähre von Glückstadt nach Wischhafen als besonders reizvoll ein. Ich habe stets gern den Fußweg am niedersächsischen Ufer von der Elbfähre über Wischhafen nach Neulandermoor zurückgelegt. Der Weg führt zunächst an Wiesen und Weideflächen vorbei. Sodann erblickt man jedoch schon die ersten Obstplantagen. Es werden vor allem Apfelbäume gepflanzt. Nach Verlassen der Ortschaft Wischhafen dominieren schließlich die Obstplantagen die Landschaft. Hier war einst eine Moorlandschaft. Zahlreiche Gräben durchfurchen das Land. Dieses ist weitgehend flach. Aber auch hier sind für mich Spaziergänge und Wanderungen durchaus nicht reizlos.

Jedes Jahr bin ich auch einige Male in Dithmarschen in der Umgebung von Meldorf. Ans Meer komme ich nur äußerst selten. Dieses ist auch einige Kilometer von Meldorf entfernt. Am Meer weht häufig ein starker Wind, den meine Augen gar nicht mögen. Herrscht an der Küste eine relative Windstille, fühle ich mich hier durchaus wohl. In der küstennahen Marschlandschaft beeindruckt mich die Weite. Es gibt um Meldorf jedoch auch sanfte Erhebungen und Straßen sowie Wege mit vielfältigem Baumbestand. Mitunter sind auch kleine Waldungen anzutreffen. Ein Geestrücken stößt an die Marschlandschaft. Für mich ist die Landschaft hier in Dithmarschen abwechslungsreich. Sie hat Erlebniswert.

06.07.09
Eintritt in die Arbeitswelt 5

Ich arbeitete mich schnell in das Arbeitsgebiet ein, so dass ich schon bald selbständig arbeiten konnte. Das ursprüngliche Ziel, mich längere Zeit als Angestelltenanwärter zu beschäftigen, wurde bald aufgegeben und ich hatte früh ohne Berufspraxis den Status eines regulären Verwaltungsangestellten. In den ersten zweieinhalb Jahren meines Eintritts in die besagte Verwaltung wurde ich dreimal höhergruppiert und befand mich in der Vergütungsgruppe, in der nicht einmal Verwaltungsangehörige nach Ablauf ihrer dreijährigen Lehrzeit eingereiht werden. Schon nach nicht einmal zweieinhalb Jahren hätte ich an einem einjährigen Lehrgang teilnehmen können, der mit einer Prüfung abschloss. Bei Bestehen dieser Prüfung konnten Verwaltungsangestellte zu einem weiteren Lehrgang zugelassen werden, der ebenfalls mit einer Prüfung abschloss. Ein Bestehen der Prüfung dieses Aufbaulehrgangs wurde als Befähigungsnachweis für die Laufbahn des gehobenen berufsgenossenschaftlichen Dienstes gewertet. Es bestand jedoch kein Rechtsanspruch auf Übernahme in den gehobenen Dienst. Eine entsprechende Übernahme lag im Belieben der Verwaltung. Bei den Berufsgenossenschaften gibt es bis heute neben den Tarifangestellten die Dienstordnungsangestellten. Sie werden auch von einigen Gruppierungen Sozialversicherungsbeamte genannt. Es sind aber keine Beamte im Rechtssinne. Beamte werden durch einen Verwaltungsakt ernannt. Dienstordnungsangestellte werden durch einen Privatvertrag mit dem Vorstand der Berufsgenossenschaft auf Lebenszeit angestellt. Die Dienstordnung regelt die Rechte und Pflichten des Lebenszeitangestellten und verweist bei einer bundesunmittelbaren Körperschaft des öffentlichen Rechts weitgehend auf das Beamtenrecht des Bundes. Eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist bundesunmittelbar, wenn sich ihre Zuständigkeit auf mehr als ein Bundesland erstreckt. Die Organe einer Berufsgenossenschaft sind Vertreterversammlung und Vorstand. Die Zusammensetzung dieser Organe wird durch Sozialwahlen ermittelt.
Ich konnte mich damals noch nicht dazu entschließen, bereits an dem im April 1963 beginnenden Grundlehrgang teilzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt schwebte mir noch vor, mich anderweitig zu orientieren. Außerdem wollte ich noch mein Verständnis für rechtliche Zusammenhänge schärfen und mehr Erfahrung in der praktischen Rechtsanwendung gewinnen. Für den Fall, dass ich im berufsgenossenschaftlichen Dienst verbleiben wollte, konnten die in den Prüfungen erzielten Noten einen nicht unbedeutenden Einfluss auf den weiteren Werdegang haben. Der Lehrgang fand zweimal wöchentlich in den Morgenstunden im Sitzungssaal einer anderen Berufsgenossenschaft statt. Nach den Unterweisungen mussten die Lehrgangsteilnehmer ihre Verwaltungen aufsuchen und die Arbeit unverzüglich aufnehmen. Es waren Hausarbeiten anzufertigen und Klausuren zu bestreiten. Der Lehrstoff musste nachbereitet werden. Dieses hatte in der Freizeit zu geschehen. Ein Lehrgangsteilnehmer, der die Veranstaltung ernst nahm, musste die arbeitsfreie Zeit hauptsächlich mit Lernen verbringen. Dieses galt besonders für die Teilnehmer, die keine Verwaltungslehre absolviert und mithin nicht alle Abteilungen des Hauses durchlaufen hatten. Besonders das Leistungsrecht war umfangreich und kompliziert. Hier waren praktische Erfahrungen von hohem Wert. Schon damals war die Rechtsprechung der Sozialgerichte sehr ausgeprägt und umfassend.
Ich entschied mich dafür, nicht im Jahr 1963 am Grundlehrgang teilzunehmen. Dieses tat ich erst 1965 und konnte wegen besonderer Umstände bereits im Jahr 1966 am Aufbaulehrgang teilnehmen und die Prüfung für den gehobenen Dienst noch in jenem Jahr ablegen. 

 

 

29.06.2009
Rückzug aus der Arbeitswelt
4

Die Hamburger Kunsthalle zeigte in der ersten Zeit meiner neuen Freiheit noch eine weitere Themenausstellung mit dem eigenartigen Titel “Hypermental”. Diese Ausstellung hatte den Untertitel “Wahrhafte Wirklichkeit 1950 - 2000 - Von Salvador Dali bis Jeff Koons. Veranschaulicht werden sollte, was jedes der präsentierten Werke zur großen Geschichte der physischen und psychischen Befindlichkeit der Menschen auf der Schwelle zum postindustriellen Zeitalter beizutragen hat. Die Veranstalter der Ausstellung ließen verkünden, die in “Hypermental” von ihren kunsthistorischen Konventionen befreiten Werke balancierten auf dem Grat zwischen Realität und Phantasie, zwischen Dokumentation und Fiktion, zwischen Wirklichkeit und Wahn.
Mir gefallen eigentlich mehr Ausstellungen, die in erster Linie die Sinne ansprechen. Kunstschauen, die die Verstandeskräfte allzu sehr in Anspruch nehmen, erlebte ich stets als anstrengend. Trotz der geschilderten anderweitigen Präferenzen suchte ich auch diese Ausstellung wiederholt auf. Dem Betrachter steht es ja immer frei, vermeintlich anspruchsvolle Intentionen der Ausstellungsmacher zu ignorieren und die Exponate in einer naiven Haltung auf sich wirken zu lassen.
In jenen Tagen wurde der Eröffnungstermin des Bucerius Kunstforums vorverlegt. Die Oberelbe hatte wieder einmal beträchtliches Hochwasser geführt. Von diesem Ungemach war auch Dresden in besonderem Maße betroffen. Hiervon war auch die Gemäldegalerie nicht verschont. Das Bucerius Kunstforum konnte daher eine Ausstellung mit Werken aus der Gemäldegalerie Dresden ins Leben rufen. Von den seinerzeit gezeigten Werken haben sich mir die großformatigen Bilder Canalettos eingeprägt. An die übrigen Werke kann ich mich nicht erinnern. Auch als ich sieben Jahre später der Gemäldegalerie Dresden einen Besuch abstattete, zeigten sich bei mir keine Anzeichen des Wiedererkennens. Die Angebote des Bucerius Kunstforums nahm ich in den folgenden Jahren dankbar wahr. Sie erwiesen sich für mich als eine wertvolle Bereicherung der Kunstszene Hamburgs. Besonders begeistert war ich von einer Ausstellung mit Werken von Lucas Cranach d. Ä. Hier war es den Verantwortlichen dieses Kunstinstituts gelungen, bemerkenswerte Gemälde dieses Renaissancemalers aus vielen Museen Europas nach Hamburg zu holen. Zu dieser Ausstellung gab es einen ausführlichen, aber leider auch recht teuren Katalog. Ich verzichtete damals darauf, diesen Katalog zu erwerben, was ich später bedauerte. Das Ausstellungsprogramm war sehr unterschiedlich. Hierbei wurde die moderne Kunst keineswegs vernachlässigt. Ich erinnere mich noch an Ausstellungen mit Werken von Otto Dix, Frida Kahlo, Max Beckmann, Pablo Picasso, Willi Baumeister, Oskar Kokoschka und Henri Matisse. Die Barockmalerei kam in der Ausstellung “Sturz in die Welt- Die Kunst des Manierismus in Europa” zu Ehren. Eine Themenausstellung mit dem Titel “Schrecken und Lust” widmete sich Werken, die die Versuchung des heiligen Antonius zum Inhalt hatten. Es wurden Bilder von Hieronymus Bosch bis Max Ernst gezeigt. Mir gefiel am Besten Max Ernsts Schöpfung in surrealistischer Manier.

 

15.06.09
Rückzug aus der Arbeitswelt 3

Die von mir seit dreißig Jahren intensivierte Beschäftigung mit der bildenden Kunst sollte nach meinen Vorstellungen vor der Freistellung von der Dienstleistung noch eine Steigerung erfahren. Noch während meines restlichen Urlaubs für die Jahre 2000 und 2001 konnte ich in Hamburg interessante Ausstellungen besuchen. In der Hamburger Kunsthalle war dieses “Monets Vermächtnis- Serie- Ordnung und Obsession”. Mit diesem Projekt stellten die verantwortlichen Kunsthistoriker die Behauptung auf, Monets impressionistische Lichtmalerei habe ihre Vollendung erst in den großen Serien mit den immergleichen Motiven gefunden. Sie vertraten die Auffassung, dass diese Bildpraxis als Monets Vermächtnis die Kunst bis heute- ob gegenständlich oder abstrakt, Malerei, Objektkunst oder Photographie - wesentlich mitgeprägt hat. Die Serie sei eine der Kunst des 20. Jahrhunderts spezifische Werkform geworden.
Mich interessierten in dieser Ausstellung, die ich wiederholt besuchte, in erster Linie die Gemälde Monets. Vor diesen verharrte ich besonders lange. Beeindruckend fand ich die im Jahr 1891 entstandene Serie “Les Meules/ Die Getreideschober. Dieses wenig spektakuläre Motiv wird zu unterschiedlichen Tageszeiten und verschiedenen Jahreszeiten behandelt. Fasziniert hat mich, wie Monet auf den Gemälden mit der Wirkung des Lichts umgeht. Auch die von Monet auf die Leinwand gebrachten Stimmungen fand ich bemerkenswert. Nicht weniger gefielen mir die beiden Gemälde vom Seinearm bei Giverny aus dem Jahr 1897. Eines dieser Bilder stammt aus dem Musee d¢ Orsay in Paris. Obwohl ich dieses Museum im Jahr 1989 ausführlich besichtigt habe, kann ich mich bei der Fülle der dortigen Exponate nicht mehr daran erinnern, dieses Bild dort gesehen zu haben. Auch diese beiden Gemälde vermitteln völlig unterschiedliche Stimmungen. Auf dem einen Werk sind die speziellen Lichtverhältnisse mit den Spiegelungen auf dem Wasser markant dargestellt. Der reichliche Baumbestand und das üppige Buschwerk an beiden Ufern des Seinearms geben Zeugnis von einer einzigartigen Idylle. Imposant sind zweifelsohne die Bilder von den Waterloo Brücken in London aus den Jahren 1902 - 1904. Auf allen Bildern diese Serie hatte es mir die differenzierte Darstellung des Wassers angetan. Nicht minder gelungen fand ich die Gestaltung des Hintergrundes mit dem Panorama einer Industrielandschaft. Auch die Darstellungen der Kathedrale von Rouen mit der Reduzierung auf wesentliche Elemente fand mein Interesse. Hier fand wiederum die Umsetzung der Lichtverhältnisse mein Wohlgefallen. Aber auch die Schaffung von Plastizität bestaunte ich.
Die besagte Kathedrale hat auch Roy Lichtenstein in Anlehnung an Monets Schöpfungen zu einer eigenen Serie inspiriert. Diese Serie wollte er als industrielle Herstellung von Impressionismus mit maschinellen Mitteln verstanden wissen.
Nicht fehlen durfte bei der Thematik dieser Ausstellung das Werk Andy Warhols. Gezeigt wurden unter anderem die Serien Mao, Campbell¢s Soup und Marilyn Monroe.
Vertreten war auch der von Kunsthistorikern hoch geschätzte Piet Mondrian mit folgenden Produktionen: Komposition mit Gitter 4: Rautenkomposition, Komposition mit Gitter 5: Rautenkomposition mit Farben, Komposition mit Gitter 6: Rautenkomposition mit Farben und Komposition C.
In dieser Ausstellung wurden auch Werke berücksichtigt von Alexej von Jawlensky, Gerhard Richter, Josef Albers, Jasper Johns, Robert Ryman, Cindy Sherman und Vanessa Beecroft.

08.06.2009
Rückzug aus der Arbeitswelt 2

Als weiteres Feld intensiver Bemühungen habe ich die Weimarer Republik ausgewählt. Auch hier hatte ich mir zunächst einen Überblick über diese interessante Epoche der deutschen Geschichte verschafft. Ich las von Hans Mommsen “Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar”, von Horst Möller “Die Weimarer Republik”, von Kurt Sontheimer “Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik” sowie von Hagen Schulze “Weimar Deutschland 1917 - 1933”. Von Golo Manns Werk “Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts” nahm ich mir das zehnte Kapitel vor, das die Weimarer Republik zum Inhalt hat. Bereits seit Jahrzehnten habe ich den Band “Deutsche Geschichte” des Historikers Prof. Dr. Dr. Rößler in meinem Besitz. Ich beschäftigte mich mit dem Abschnitt: “Weimar: Die Tragödie der deutschen Republik”. Auch in meinem Geschichtsbuch aus frühen Jugendtagen “Weltgeschichte” von Kurt M. Jung sah ich mir entsprechende Passagen an. Inzwischen habe ich mir noch das Werk “Weimar- Die überforderte Republik” von Ursula Büttner, einer an der Universität Hamburg lehrender Historikerin, beschafft. Hier kam ich jedoch bisher über einen Teil der einleitenden Anmerkungen nicht hinaus. Es liegt noch viel Arbeit vor mir.
In den bisher von mir eingesehenen Werken ist von antidemokratischem Denken, von einer Tragödie und von einer überforderten Republik die Rede. Aus diesen kurzen Titulierungen ist bereits zu ersehen, dass die Voraussetzungen für ein erfolgreiches demokratisches Staatswesen denkbar schlecht waren. Ich schloss aus meiner bisherigen Lektüre, dass die Auflagen des Vertrages von Versailles von den Historikern allgemein als schwere Hypothek für die junge Demokratie angesehen werden. Diese äußerst drückenden Reparationen haben die Wirtschaft des Deutschen Reiches über viele Jahre stranguliert. Die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen führte bekanntlich zum so genannten Ruhrkampf. Die Maßnahmen der Verweigerung der Bevölkerung des Ruhrgebiets hinsichtlich der Forderungen der Besatzungsmächte brachten es mit sich, dass das Ruhrgebiet praktisch vom restlichen Deutschen Reich alimentiert werden musste. Hierzu reichten jedoch die vorhandenen Mittel bei weitem nicht aus. Es musste die Notenpresse über Gebühr in Gang gesetzt werden. Hierdurch wurde die Geldmenge maßlos aufgebläht. Eine entsprechende Wirtschaftsleistung wurde jedoch nicht erbracht. Es kam zu einer Hyperinflation, bei der die Geldvermögen vieler Bürger, die dem Mittelstand zuzurechnen, waren vernichtet wurden. Mit der Einführung der Rentenmark kehrte eine gewisse wirtschaftliche Stabilität ein. Dieser Zustand währte jedoch nicht lange. Bereits im Jahr 1929 setzte die Weltwirtschaftskrise ein. Ausländisches Kapital wurde im großen Stil aus Deutschland abgezogen. Die Kapitalausstattung vieler Unternehmen war prekär. Die Wirtschaftsleistung ging stark zurück. Die Arbeitslosigkeit stieg rapide an. Es kam zu einer aus heutiger Sicht unvorstellbaren Massenverelendung. Die ständig wechselnden Regierungen fanden kein Rezept, dem Niedergang entgegenzusteuern. Da die Mehrheit der Staatsbürger autoritären Vorstellungen anhing, und es an selbstbewussten Anhängern einer parlamentarischen Demokratie mangelte, war es nicht verwunderlich, dass sich die Weimarer Republik angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Situation als nicht überlebensfähig erwies.

25.05.2009
Rückzug aus der Arbeitswelt -Teil -1

Seit acht Jahren gehe ich keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. Als mir vom Gesetzgeber im Jahr 1998 die Möglichkeit eröffnet wurde, die Altersteilzeit mit dem Blockzeitmodell wahrzunehmen, habe ich sofort zugegriffen. Hier faszinierte mich vor allem die Aussicht, Lebenszeit weitgehend nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ich wollte gesund leben, viel ruhen und mich oft im Freien bewegen. Organisierten Sport wollte ich ganz und gar nicht betreiben. Nach vier Jahrzehnten beruflicher Tätigkeit in Sozialverwaltungen stand mir der Sinn nach Freiheit von Zwängen. Ich wollte meinen Neigungen nachgehen. Ich dachte daran, viel Zeit mit literarischen Studien zu verbringen. In dieser Zeit habe ich in der Tat eine stattliche Anzahl literarischer Werke gelesen. Zumal im Jahr 2009 habe ich bisher eine wahre Lesewut entwickelt. Auch umfangreiche Romane habe ich in relativ kurzer Zeit bewältigt. Ich hoffe, dass mein Eifer in den folgenden Monaten dieses Jahres nicht nachlässt und ich meine literarische Neugier auch weiterhin befriedigen kann. Dennoch werde ich wohl nicht umhin kommen, noch selektiver vorzugehen und gewisse mich auch reizende Produktionen nicht in Angriff zu nehmen. Stark vernachlässigt habe ich literaturwissenschaftliche Hervorbringungen. Auf diesem Sektor wollte ich besonders tätig werden. Ich habe in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Werken der Sekundärliteratur erworben, aber hiervon noch kein Buch vollständig durchgearbeitet.
Zu meinen weiteren Prioritäten zählte die Beschäftigung mit der Weltgeschichte, wobei ich die deutsche Geschichte vorrangig behandeln wollte. Hier habe ich keine Kosten gescheut und auch teure Bände angeschafft. Nach anfänglich guten Fortschritten, habe ich dieses Fach in den letzten Jahren stark vernachlässigt. Mein erstes Thema war die Zeit des Nationalsozialismus. Hier habe ich mir zuerst einen Überblick über die umfangreiche Literatur verschaffen wollen und Werke, die in mein Blickfeld geraten sind, gelesen. Methodisch bin ich hierbei nicht vorgegangen. Ich habe Buchhandlungen durchstöbert und bin hierbei naturgemäß auf etliche Werke gestoßen, die mein Interesse erregt haben. Auch Buchbesprechungen in den elektronischen Medien und den Printmedien haben mir als Orientierung gedient. Zwei britische Historiker haben mich besonders beeindruckt. Es sind dies Ian Kershaw und Michael Burleigh. Von Ian Kershaw las ich die zweibändige geschichtswissenschaftliche Arbeit “Hitler” und von Michael Burleigh “Die Zeit des Nationalsozialismus”. Bereits zu Beginn der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte ich mir den Band “Hitler” des deutschen Publizisten Joachim Fest beschafft. Dieses Buch las ich jedoch erst nach dem Jahr 2000. Auch besorgte ich mir das Werk des amerikanischen Journalisten William L. Shirer “Aufstieg und Fall des Dritten Reiches”. Dieses Buch hatte ich mir schon zu Beginn der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts vornehmen wollen, aber es nicht geschafft, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Gut gefallen hat mir die kurz und prägnant gefasste “Geschichte des Dritten Reiches” des deutschen Historikers Wolfgang Benz. Zur Abrundung meines Einstiegs in das Thema Nationalsozialismus las ich noch “Hitler und seine Deutschen” von Christian Graf von Krockow, “Adolf Hitler” von John Toland und “Hitler” von Ralf Georg Reuth. Insgesamt habe ich als Einstieg in die Geschichte des Nationalsozialismus ungefähr 8000 Seiten gelesen. Weitere von mir gekaufte Schriften harren noch der Durcharbeitung. Vor allem eine Vertiefung mit diesem Kapitel deutscher Geschichte steht noch aus.

11.05.2009
Eintritt in die Arbeitswelt 4

Die wirtschaftlichen Aktivitäten mancher Personen waren umfangreich. Manch einer war in verschiedenen Wirtschaftszweigen tätig. Der Gesetzgeber hatte daher in der Reichsversicherungsordnung den Begriff des Gesamtunternehmens festgehalten. Ein Gesamtunternehmen bestand in erster Linie aus einem Hauptbetrieb und einem Nebenbetrieb. Es konnte aber auch noch ein Hilfsbetrieb hinzukommen. Hauptbetrieb und Nebenbetrieb verfolgten eigene wirtschaftliche Ziele. Ein Hilfsbetrieb diente entweder den Zielen des Hauptbetriebs oder denen des Nebenbetriebs. Lag ein Gesamtunternehmen vor, gehörte dieses mit all seinen Bestandteilen der Berufsgenossenschaft an, die für den Hauptbetrieb zuständig war. Voraussetzung für das Vorliegen eines Gesamtunternehmens war zunächst einmal Unternehmergleichheit. Sodann musste eine Einheitlichkeit in der Buchführung und Rechnungslegung gegeben sein. Ferner musste eine wechselweise Beschäftigung der Arbeitnehmer vorliegen. Auch waren die benachbarte Lage der Betriebe und die Verwendung gemeinsamer Einrichtungen wichtig. Bei der Feststellung des Hauptbetriebs war der wirtschaftliche Schwerpunkt maßgebend. Dieser wiederum war vor allem dort auszumachen, wo die meisten Arbeitskräfte beschäftigt waren. Es spielten aber auch der wirtschaftliche Nutzen und der Wert der Betriebsanlagen eine Rolle. Mit Fragen dieser Art beschäftigte ich mich mithin in meiner beruflichen Frühzeit.
Für den Erfolg des besagten Arbeitsbereichs war die Zahl der so genannten Aufnahmen von Bedeutung. Hiermit waren die Unternehmer gemeint, die mit ihren Unternehmen in das Unternehmerverzeichnis der Berufsgenossenschaft eingetragen werden konnten. Hierzu zählten auch Selbständige und freiberuflich Tätige, die selbst keine Personen beschäftigten, aber für sich eine freiwillige Versicherung gegen die Folgen von Arbeitsunfall abgeschlossen hatten.
Zum damaligen Zeitpunkt war noch das Kindergeldgesetz vom 13.11.1954 in Kraft. Nach diesem Gesetz wurde Kindergeld vom dritten Kind an gezahlt. Zur Durchführung dieses Gesetzes waren Familienausgleichskassen bei den Berufsgenossenschaften errichtet worden. Die Mittel zu diesen Einrichtungen wurden durch Beiträge aufgebracht. Es bestand Beitragspflicht für bestimmte Personenkreise. Danach bestand Beitragspflicht für denjenigen, welcher nach dem Dritten Buch der Reichsversicherungsordnung Beiträge zur Berufsgenossenschaft zu entrichten hat oder zu entrichten hätte, wenn er versichert wäre. Folglich war jeder Unternehmer, Selbständige oder Freiberuflich Tätige für seine Person und für die von ihm beschäftigten Arbeitnehmer beitragspflichtig zur Familienausgleichskasse. Für seine Person war jedoch nur beitragspflichtig, dessen Jahreseinkommen 6000 DM überstieg. Maßgeblich für diesen Betrag waren zunächst sämtliche Einkünfte. Später waren Richtschnur für die Beitragspflicht nur die Einkünfte aus selbständiger Tätigkeit.
Mithin waren auch sämtliche Personen zu erfassen und zur Familienausgleichskasse zu veranlagen, die ohne Personal arbeiteten, und deren Tätigkeit in den Zuständigkeitsbereich der betreffenden Berufsgenossenschaft fiel. Hiermit war ein immenser Verwaltungsaufwand verbunden, fielen doch extrem viele Selbständige und Freiberufler in den Zuständigkeitsbereich meiner damaligen Arbeitgeberin.
Zunächst konnten für einen gewissen Zeitraum Überstunden und Heimarbeit auf freiwilliger Basis gemacht werden. Später wurden auch Überstunden angeordnet. 

 

04.05.2009
Eintritt in die Arbeitswelt 3

Wie in jeder Verwaltung gab es auch hier für verschiedene häufig auftretende Sachverhalte zahlreiche Vordrucke. Bearbeiter und Schreibkräfte hatten sich eine Vordrucksammlung zugelegt. Auch ich stellte mir die entsprechenden Vordrucke zusammen und legte mir in einem Schnellhefter eine Sammlung dieses Arbeitsmaterials an. Ich studierte die Vordrucke eifrig und prägte mir deren Inhalt ein. Außerhalb der Vordrucke hatten die Verwaltungskräfte noch für Schreiben besonderer Art Mustermappen. Jener Gruppenführer hatte eine besonders umfangreiche Mustermappe. In diese konnte ich nicht nur während der Arbeitszeit Einsicht nehmen. An einem Freitagabend nahm ich dieses Kompendium von Schriftstücken sogar mit nach Hause und las darin. Der betreffende Vorgesetzte, der auch in Barmbek wohnte, hatte mich in seinem Volkswagen mitgenommen. Ich konnte mir auf diese Weise einen Überblick über die Aufgaben verschaffen, die in dem besagten Arbeitsbereich anfielen. Neben dem Gruppenführer kümmerte sich in der Anfangsphase auch die erwähnte ältere Dame um mich. Bald schon bearbeitete ich mit Unterstützung die ersten Vorgänge und lernte auf diese Weise die praktische Verwaltungsarbeit kennen. Zu prüfen war in erster Linie die Zugehörigkeit eines Unternehmens zu einem Träger der gesetzlichen Unfallversicherung. Unter einem Unternehmen verstand man jede planmäßige, für eine gewisse Dauer bestimmte Vielzahl von Tätigkeiten, die auf einen einheitlichen Zweck gerichtet sind und mit einer gewissen Regelmäßigkeit ausgeführt werden. Unternehmer war derjenige, dem das wirtschaftliche Ergebnis der in einem Unternehmen verrichteten Tätigkeiten unmittelbar zum Vorteil oder Nachteil gereicht. Die Abgrenzung eines Selbständigen von einem Unselbständigen war nicht immer einfach, so dass auch zur Klärung dieser Frage das Bundessozialgericht eingeschaltet wurde. Für den Bereich von  Architekten stellte dieses Gericht bestimmte Kriterien auf. Es sei die Rechtsnatur der vertraglichen Beziehungen zu untersuchen. Wenn Grundlage der vertraglichen Beziehungen die Leistung von Diensten sei, verrichte der betreffende Architekt eine unselbständige Tätigkeit. Dieses sei vor allem dann der Fall, wenn er bestimmte Arbeitszeiten einzuhalten habe und für die geleistete Arbeitszeit bezahlt würde. Sei hingegen die Tätigkeit eines Architekten auf einen durch Dienstleistung herbeizuführenden Erfolg abgestellt, übe dieser eine freiberufliche Tätigkeit aus. Dieses sei besonders dann der Fall, wenn er für ein bestimmtes Projekt bezahlt würde.
Es gab ein von einer offiziellen Institution herausgegebenes Verzeichnis der Gewerbezweige, in dem die jeweils zuständige Berufsgenossenschaft aufgeführt war. Dieses Verzeichnis war jedoch nur eine grobe Übersicht. Es gab für viele Varianten der wirtschaftlichen Betätigung spezielle Zuständigkeitsregelungen, die ich erst im Laufe der Jahre kennenlernte. Ich weiß noch, dass es damals 36 gewerbliche Berufsgenossenschaften gab. Hinzu kamen 19 landwirtschaftliche Berufsgenossenschaften und die See-Berufsgenossenschaft. Der Bund unterhielt für seine Beschäftigten sowie weitere Personenkreise, wie z.B. die Arbeitnehmer ausländischer in Deutschland stationierter Streitkräfte die Bundesausführungsbehörde für Unfallversicherung. Auch die Bundesländer hatten eigene Ausführungsbehörden für Unfallversicherung errichtet. Die Gemeinden hatten für ihre Belange Gemeindeunfallversicherungsverbände gegründet. Große Städte unterhielten eine Eigenunfallversicherung. Diese Einrichtungen waren neben den Beschäftigten der Gemeinden unter anderem auch für Hausangestellte zuständig. Auch Bundesbahn und Bundespost hatten eigene Träger der gesetzlichen Unfallversicherung. Noch weitere Träger beackerten dieses Feld der deutschen Sozialversicherung. Aus diesen Ausführungen ist zu ersehen, dass die gesetzliche Unfallversicherung zum damaligen Zeitpunkt extrem zersplittert war.

23.03.2009
Langeweile kenne ich nicht

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Menschen mit der ihnen zur freien Verfügung stehenden Zeit nichts anzufangen wissen. Früher hörte man oft den Ausruf “ich habe Langeweile.” Heute lautet die entsprechende Formel “mir ist langweilig.” Mir ist ein solcher Zustand völlig fremd. Ich bin der Auffassung, dass ich meine Tage stets auf für mich sinnvolle Weise zu gestalten verstehe. Die Beschäftigung mit literarischen Texten regt mich stets an. Ich bin immer noch neugierig auf neue Texte. Zuweilen beschäftige ich mich viele Stunden des Tages mit Literatur. Gern würde ich ebenfalls viele Stunden mit dem Studium historischer oder kunstgeschichtlicher Texte verbringen. Hierzu reicht jedoch meine Zeit nicht aus. Auch sind die mir verliehenen Kräfte nicht unerschöpflich, so dass mich nach längerem Lesen zuweilen Müdigkeit überkommt. Das Zeitgeschehen und die Tagespolitik verfolge ich mit Eifer. Für dieses Gebiet würde ich gern viele Zeitungen und Zeitschriften lesen und weit mehr Sendungen im Radio und Beiträge im Fernsehen verfolgen. Gleichfalls bedauere ich es, meinen Interessen für die Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch nur unzureichend nachzukommen. Ich kaufe gern Bücher und Tonträger mit Texten dieser Sprachen. Diese bleiben jedoch meist ungenutzt liegen. Ich lese nämlich mir bereits bekannte Texte immer wieder. Hierdurch bleiben mir jedoch die gewünschten Fortschritte versagt. Gern suche ich Kunstmuseen und Kunstausstellungen auf. Der Besuch entsprechender Häuser erfüllt mich mit einem hohen Grad von Befriedigung. Aber auch hier schaffe ich das mir auferlegte Pensum nicht. Früher kaufte ich mir von fast jeder Ausstellung, die ich besuchte, einen Katalog. Dieses Unterfangen habe ich inzwischen aufgegeben. Denn ich kam meist nur dazu, mir die Abbildungen anzusehen und höchstens einen Begleittext zu lesen.
Schon seit mehr als fünfzig Jahren gehe ich gern schnellen Schritts im Freien umher. Diese Vorliebe kultiviere ich auch noch heute ausgiebig, zumal ich gelesen habe, dass Bewegung in nahezu jeder Lebenslage gesund sein soll. Seit einigen Jahren habe ich es mir angewöhnt, gelegentlich den Botanischen Garten zu durchschreiten, weil in dieser Einrichtung außer den Mitarbeitern zu Rade keine Radfahrer anzutreffen sind. Auch muss man hier nicht ständig nach den Verdauungsprodukten von Hunden Ausschau halten. Meine Spaziergänge und Wanderungen führen mich oft durch Altona, Bahrenfeld, Groß-Flottbek und Othmarschen. Aber ich benutze auch die öffentlichen Verkehrsmittel, um meinen geherischen Aktivitäten in entfernten Stadtteilen nachzugehen. Zehn Kilometer lege ich leicht am Tag zurück. Es werden aber auch ohne eine geplante Wanderung zwölf bis fünfzehn Kilometer.
Öfter als mir lieb ist verfalle ich jedoch in alte Jugendsünden und sehe mir Sportsendungen im Fernsehen an. Hinterher ärgere ich mich ein wenig, dass ich die kostbare Lebenszeit sinnlos vertan habe.

23.03.2009
Eintritt in die Arbeitswelt 2

Im Jahre 1960 und in der Folgezeit betrug bei Berufsgenossenschaften als mittelbare Bundesverwaltungen die festgesetzte wöchentliche Arbeitszeit fünfundvierzig Stunden. Nach meiner Erinnerung wurde die wöchentliche Arbeitszeit erst im Verlaufe des Jahres 1964 auf vierundvierzig Stunden herabgesetzt. Im Verlauf der späteren Jahre wurde die Arbeitszeit durch die Bemühungen der Gewerkschaften in gewissen Zeitabständen stets verkürzt. Bei meiner Freistellung von der Dienstleistung im Rahmen der Altersteilzeit mit Blockzeit im Jahre 2001 betrug die wöchentliche Arbeitszeit bei Berufsgenossenschaften 38,5 Stunden. Bereits im Jahr 1960 gab es in meinem Arbeitsbereich die Fünf-Tage- Woche. Diese Regelung empfand ich als angenehm. Hierdurch hatte ich zwei freie Tage in der Woche, an denen ich meinen Neigungen nachgehen konnte. Ich kümmerte mich schon damals intensiv um die Literatur. Folglich verbrachte ich viele Stunden bei der Lektüre literarischer Werke. Meine besondere Liebe galt in jenen Jahren dem Theater. Ich suchte oft die Theater Hamburgs auf. Meine besondere Liebe galt dem Deutschen Schauspielhaus. Aber auch die Filmkunst hatte es mir angetan. Ich besuchte häufig Filmkunsttheater. Zu jener Zeit begann die Arbeit um 7.30 Uhr und endete um 17.00 Uhr. So verblieb mir noch eine gewisse Zeit für kulturelle Ambitionen.
Der Personalleiter offenbarte mir, dass man mich in die Obhut eines erfahrenen Angestellten geben wollte, der mich anleiten sollte. Dieser hatte zu Beginn die Funktion des Gruppenführers. Später wurde er als Abschnittsleiter eingesetzt. Ich wurde in einem Zimmer einquartiert, in dem dieser besagte Mitarbeiter seinen Aufgaben nachging. In diesem Zimmer befanden sich noch ein weiterer Mitarbeiter und eine ältere Dame. Beide waren mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt. Außerdem arbeiteten hier noch zwei sehr junge Stenotypistinnen. Die Atmosphäre war recht locker. Der Vorgesetzte, der auch Mitglied des Personalrats war, bemühte sich um ein entspanntes Arbeitsklima. Obwohl es reichlich Arbeit gab, nahm man sich auch Zeit für private Gespräche und gelegentliche Diskussionen. Der besagte Vorgesetzte war lebhaft und heiteren Gemüts und liebte es zu plaudern. Besonders gern erzählte er Witze.
In der Verwaltung war es noch üblich, sich zu siezen. Dieses galt auch für die jungen Leute. Ich redete die beiden jungen Stenotypistinnen mit Fräulein und ihrem Nachnamen an, wobei ich diese siezte. Die jungen Mädchen redeten mich ebenfalls förmlich mit Herr Lorentzen an siezten mich. Auch mit einem gleichaltrigen jungen Mann, der ebenfalls zu der besagten Arbeitsgruppe gehörte, siezte ich mich über einen recht langen Zeitraum. Dieses galt erst recht für einen relativ kleinwüchsigen jungen Mann, der im Rahmen der Arbeitsgruppe eine etwas gehobene Position innehatte. Er war mit Unterschriftsvollmachten und Entscheidungsbefugnis für bedeutendere Einzelfälle ausgestattet. Außerdem unterstützte er den Gruppenführer bei dessen Leitungsfunktionen. Mit diesen beiden jungen Männern befand ich mich nach einer gewissen Zeit auf vertrautem Fuß, so dass der Übergang zum “Du” zustande kam. Diese beiden jungen Männer waren dem Fußballsport verbunden. Der gleichaltrige junge Mann spielte in einer unteren Herrenmannschaft des Hamburger SV, ich glaube, es waren die
10. Herren, während sich der Ältere als Schiedsrichter betätigte. Da ich mich auch für Fußball interessierte, gab es hier Berührungspunkte.

09.03.2009
Eintritt in die Arbeitswelt 1

Noch im Jahr 1960 bestand bei mir der Wunsch in das Arbeitsleben einzutreten, um möglichst bald finanziell unabhängig zu sein. Zu dieser Zeit sollten die Sozialverwaltungen ausgebaut werden. Es herrschte ein großer Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Die Bezahlung war damals in vielen Bereichen im Verhältnis zu den Gehältern, die in  Betrieben der privaten Wirtschaft gezahlt wurden, nicht gerade üppig.  Junge Menschen, die einen gewissen Lebensstandard für unverzichtbar hielten, zog es nicht in den Dienst der Sozialverwaltungen. Für mein Anliegen nahm ich die Hilfe des Arbeitsamtes in Anspruch. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich damals einen speziellen Berufswunsch hatte. Ich wollte mir erst einmal die Vorschläge des Arbeitsamtes anhören. Der Berufsberater eröffnete mir, dass er eine Sache hätte, die für mich in Betracht kommen könnte. Er stellte den Kontakt mit einem in Hamburg ansässigen Träger der gesetzlichen Unfallversicherung her. Dieser Träger suchte Nachwuchskräfte. Mir wurde ein Vorstellungsgespräch gewährt. Anschließend erhielt ich einen Arbeitsvertrag. Ich wurde als Angestelltenanwärter geführt und in die niedrigste Vergütungsgruppe der Tarifordnung für Angestellte “eingereiht”. Auf diese Weise erhielt ich gleich ein Gehalt als Angestellter. Ich wurde in einem “Abschnitt” der Mitgliederabteilung eingesetzt. Hier lernte ich, dass jeder Unternehmer kraft Gesetzes Mitglied der für seinen Gewerbezweig zuständigen Berufsgenossenschaft ist. Außerdem erfuhr ich, dass die aufgrund eines Arbeits-, Dienst oder Lehrverhältnisses Beschäftigten kraft Gesetzes gegen die Folgen von Arbeitsunfall versichert sind. Diese Vorschriften waren damals im Dritten Buch der Reichsversicherungsordnung festgehalten. Dieses Gesetzbuch stammte bereits aus dem Jahr 1911. Es war naturgemäß im Laufe der Jahrzehnte öfter überarbeitet worden. Ich nahm zur Kenntnis, dass eine Berufsgenossenschaft eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sei. Jahre später stieß ich in einem Urteil des Bundessozialgerichts auf eine Definition dieser Rechtsform. Danach sind Körperschaften des öffentlichen Rechts mitgliedlichschaftlich organisierte, rechtsfähige Verbände öffentlichen Rechts, die staatliche Aufgaben mit Hoheitsmitteln unter staatlicher Aufsicht wahrnehmen. Ich erachtete diese Definition für wichtig und lernte sie sogleich auswendig.

02.03.2009
Unfall hautnah

Von allen Zweigen der Sozialversicherung weiß der Normalbürger auch heute noch von der gesetzlichen Unfallversicherung am wenigsten. Auch ich wusste bis zu meinem Eintritt ins Berufsleben fast nichts hierüber, obwohl ich bereits im Jahr 1957 bei einem Ferienjob, dem ich in Begleitung meines Kumpels Herbert K. in einem in Bochum ansässigen Bauunternehmen nachging, einen Arbeitsunfall erlitt. Dieser Unfall war nicht meldepflichtig. Ich war nicht einmal arbeitsunfähig. Einen Arzt habe ich wegen dieses Unfalls nicht aufgesucht. Lediglich ein Ersthelfer dieses Unternehmens besah sich meine verletzte linke Hand und legte mir einen recht großen Verband an. Mithin hatte die zuständige Berufsgenossenschaft von meinem Unfall keine Kenntnis erhalten. Der Unfall hätte ins Verbandsbuch des besagten Betriebes eingetragen werden müssen. Ob dieses geschehen ist, weiß ich nicht. Das Arbeits- und Sozialrecht war für mich zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend ein Buch mit sieben Siegeln. Bei diesem Unfall trug ich wohl besonders im Bereich des Knöchels des linken Zeigefingers eine Quetschung in Verbindung mit nicht unbeträchtlichen Hautabschürfungen und einer “Fleischwunde” davon. Noch heute ist eine Narbe sichtbar. Der Unfall ereignete sich bei Abbrucharbeiten. Es sollte aus den Trümmern des abgerissenen Gebäudes ein schwerer Eisenträger geborgen werden. Hierzu packten alle auf der Baustelle tätigen Leute mit an. Durch eine Unachtsamkeit meinerseits geriet meine linke Hand unter diesen mit Menschenkraft bewegten Eisenträger.
Drei Jahre später nahm ich bei einem Unternehmen der Metallbranche für kurze Zeit einen Job als Hilfsarbeiter an. In dem in Wandsbek nicht unweit des U- Bahnhofs Wandsbek- Gartenstadt gelegenen Betriebsteil wurden mit Kunststoff beschichtete Fensterrahmen hergestellt, die meines Erachtens wegen ihrer Größe für Gewerbebauten bestimmt waren. Hier bekam ich mit, dass ein junger Hilfsarbeiter einen Unfall erlitt. Ihm war ein schwerer Fensterrahmen auf die Finger gefallen. Der Jungarbeiter stellte sofort die Arbeit ein, um sich zum Arzt zu begeben. Während meiner Beschäftigungszeit tauchte er nicht wieder in der Werkshalle auf. Aus den Reihen der Facharbeiter wurde die Behauptung geäußert, der betreffende Jungarbeiter habe den Unfall absichtlich herbeigeführt, um sich der Arbeit zu entziehen und Lohnersatzleistungen zu erzielen.
In der Werkshalle erblickte ich den Betriebsaushang der Nordwestlichen
Eisen- und Stahl- Berufsgenossenschaft. Ich las diesen Aushang durch, machte mir jedoch keine weiteren Gedanken über die Institution Berufsgenossenschaft.

02.09.2009

Frühe Begegnungen mit der Arbeitswelt

Ich habe mich schon früh für sozialpolitische Themen interessiert. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich bereits mit elf Jahren regelmäßig die vom damaligen Sender NWDR ausgestrahlte Radiosendung “Aus der Welt der Arbeit” gehört habe. Auch las ich in dieser Zeit das Hamburger Abendblatt und ein wenig unregelmäßig das Hamburger Echo. Bei Angehörigen des Familienverbandes hatte ich ferner die Gelegenheit, zuweilen den Stern, die Welt und das Organ der KPD, dessen Bezeichnung mir entfallen ist, zu lesen. Dieses Blatt kaufte sich hin und wieder ein engagierter Sozialdemokrat, der sich auch über die Verlautbarungen seines politischen Gegners informieren wollte. Ich kaufte mir in größeren Abständen die Hamburger Morgenpost. Gern hörte ich zu, wenn Erwachsene aus ihrer Arbeitswelt berichteten. Das Familienoberhaupt sprach mit meiner Mutter oft über seine Arbeitssituation. Ich bekam daher einiges aus unterschiedlichen Betrieben mit. Auch erörterten Männer des Familienverbandes in meiner Gegenwart Probleme und Erfahrungen aus dem beruflichen Leben. In den ersten Nachkriegsjahren war die Situation auf dem norddeutschen Arbeitsmarkt nicht allzu rosig. Das Familienoberhaupt hatte trotz seiner Qualifikation als Ingenieur und seiner Berufserfahrung auf vielen Feldern der metallverarbeitenden Industrie, des Ingenieurswesens und der Seefahrt wiederholt Pech mit seinen Beschäftigungsverhältnissen. Mehrere Unternehmen gerieten in die Insolvenz, der ambitionierte Plan eines Bekannten, mit einem Ingenieurbüro zu reüssieren, schlug fehl. Es waren daher mehrfach Bewerbungen bei höchst unterschiedlichen Unternehmen zu tätigen. Hierbei half meine Mutter tatkräftig mit. Es wurden daher Entwürfe für Bewerbungsschreiben und Lebensläufe verlesen und erörtert. Da diese Bemühungen in der Familienwohnung relativ öffentlich durchgeführt wurden, gingen diese Aktivitäten nicht an mir vorbei. In diesem Zusammenhang vernahm ich auch, dass Bewerber, die älter als vierzig Jahre waren, bei vielen Unternehmen gar nicht erst in die engere Wahl kamen. Ich erinnere mich, dass mich der Familienvater bei Besuchen des Arbeitsamtes und anderer Stellen mitnahm. Bei diesen Besuchen sah man stets viele Menschen. Ich fand dieses ganz interessant.

09.02.2009

Ein Held in der Buttermelk

Am Abend des 07.02.2009 führte mich mein Weg bei regnerischem Wetter von der Tierparkallee in Stellingen kommend auf der Volksparkstraße zum S-Bahnhof Stellingen. Auf dem Fahrdamm hatten sich in Bordsteinnähe zum Teil beträchtliche Pfützen gebildet. Die Volksparkstraße wird von vielen Kraftfahrzeugführern als Rennstrecke genutzt. Die mit hoher Geschwindigkeit hart am Bordstein fahrenden Autofahrer erzeugen beim Durchmessen der Pfützen regelmäßig wahre Fontänen, die dem arglosen Fußgänger ein unerwünschtes Duschbad bescheren. Hierbei ist es besonders ärgerlich, dass die Kleidung zumeist nicht unbeträchtlich in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich bewege mich daher bei derartigen Straßenverhältnissen gern am äußersten linken Rand des Bürgersteigs, um mich den Danaergeschenken der Stützen der Volkswirtschaften zu entziehen. So war es mir am besagten Tag gelungen, den seitlich von mir geschaffenen Fontänen auszuweichen. Ich hatte mich meinem Ziel schon bis auf ein geringes Teilstück genähert, als mir ein Paar in jugendlichem Alter entgegenkam. Ich nahm weiterhin den äußersten linken Teil des Bürgersteigs ein, so dass für das Paar beim Passieren noch hinreichend Platz blieb. Kurz vor der Begegnung löste sich der junge Mann von seiner Partnerin, setzte ein breites Grinsen auf, breitete die Arme aus und versperrte mir den Weg, indem er in dieser Pose meinen Ausweichbewegungen folgte. Dann bedeutete er mir, ich hätte gefälligst rechts zu gehen. Er versetzte mir einen kräftigen Hieb in die Nierengegend. Ich fragte ihn daraufhin im festen Ton: “Was soll das?

Dem Gehege seiner Zähne entflohen nunmehr die Worte: “Du Wichser”. Diese als Schimpf gedachte Klassifizierung ist bei Personen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe offensichtlich der Gipfel der Ehrabschneidung. Dabei ist diesen Mitmenschen nicht klar, dass ihre Ehrbegriffe nicht von jedermann geteilt werden, und Personen mit abweichendem Verhalten andere gar nicht beleidigen können. Sie können diese höchstens belästigen, indem sie sich psychopathologisch mit Distanzschwäche und Kritikminderung in ihr Leben drängen. Anders verhält es sich schon bei Anwendung körperlicher Gewalt. Hier wird das grundlegende Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt. Ich blieb stehen, um zu bekunden, dass mich sein Verhalten wenig beeindruckte. Nachdem er sich bereits entfernt hatte, kam er erneut in Drohhaltung auf mich zu und schleuderte mir entgegen: “Geh weg, Alter”. Da es sich bei dem Täter offensichtlich um eine Person handelte, die in Polizeiberichten als sozial geschädigt bezeichnet werden, setzte ich meinen Weg fort, weil mir die Fortsetzung des Kontaktes mit diesem Menschen als völlig sinnlos erschien. Die Begleiterin dieses Mannes war zu Beginn dieser Aktion weitergegangen. Aus von mir vernommenen Wortfetzen schloss ich, dass sie sein Verhalten nicht billigte. Bei dieser Begleiterin handelte es sich um ein kleines und zierliches Persönchen. Ich schloss aus dem Aussehen und der Aussprache, dieses Mädchens, dass es zur eingesessenen Bevölkerung gehört. Das Aussehen des Täters mit schwarzen Haaren und orientalischem Gesichtsschnitt deutete auf einen “Migrationshintergrund.“ Diese Vermutung wurde noch durch seine Sprache verstärkt. Lautbildung und Sprachmelodie fielen unter den von wenig feinsinnigen Leuten geprägten Begriff Kanaksprak. Begegnungen dieser Art machen es selbst wohlmeinenden Bürgern schwer, sich Vorurteilen gegenüber bestimmten in Deutschland lebenden Personengruppen mit emotionaler Übereinstimmung entgegen zu stemmen.

02.02.2009

Straßenbahnen in Hamburg

Mit Freuden nahm ich zur Kenntnis, dass wieder Straßenbahnen in Hamburg fahren sollen. Besonders erfreulich finde ich es, dass eine in Bramfeld startende Linie Altona zum Ziel hat. Ich beabsichtige, dieses Verkehrsmittel häufig zu benutzen. Leider wird ein langjähriges Planungsverfahren dem Bau vorhergehen. Die Bauarbeiten sollen sich ebenfalls über einen langen Zeitraum erstrecken. Es dürften wohl noch viele Jahre vergehen, bevor die erste Straßenbahn in Altona ankommt. Mithin stellt sich für mich die Frage, ob mir im Zeitpunkt der Inbetriebnahme der besagten Strecke noch der Sinn nach Fahrten mit der Straßenbahn von Altona nach Bramfeld steht. Nach meinen Informationen kann sich nämlich die Inbetriebnahme der gesamten Strecke von Bramfeld nach Altona noch bis zum Jahr 2019 hinziehen. Ich werde daher in der mir voraussichtlich noch verbleibenden Zeit aktiver Lebensgestaltung meine Fahrten weitgehend mit Schnellbahnen und Bussen zurücklegen müssen. In meiner Kindheit und frühen Jugend habe ich ausgehend von Bahrenfeld Trabrennbahn häufig Fahrten mit der Straßenbahn nach Altona unternommen. In den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkehrten die Straßenbahnlinien 12 und 31 an meiner Haltestelle Bahrenfeld Trabrennbahn und fuhren beide nach Altona. Nach meiner Erinnerung trennten sich die beiden die Bahrenfelder Chaussee befahrenden Linien in Höhe der Straße Bornkampsweg. Die Linie 31 bog meines Wissens hier ab in den Bahrenfelder Steindamm und fuhr über dessen Verlängerung, die Bahrenfelder Straße, in die Ottenser Hauptstraße zum Bahnhof Altona. Der weitere genaue Streckenverlauf dieser Linie ist mir nicht mehr erinnerlich. Ich meine aber, dass die Linie 31 über St. Pauli in die Innenstadt vorbei am Hauptbahnhof und später nach Billstedt fuhr. Die Linie 12 hingegen nahm die Stresemannstraße, hielt am Bahnhof Holstenstraße, bog später über den Neuen Pferdemarkt in die Feldstraße ein und gelangte über den Stephansplatz und die Lombardsbrücke ebenfalls zum Hauptbahnhof. Die weitere Streckenführung ist mir entfallen. Die Entfernung der Haltestelle Bahrenfeld Trabrennbahn von der Familienwohnung war relativ gering, während der Weg zum nächsten S-Bahnhof, nämlich Othmarschen, ein Stück weiter war. Mithin hatte damals die Straßenbahn für Fahrten nach Altona und in die Innenstadt den absoluten Vorrang.
Zunächst setzte die Hamburger Hochbahn AG auf ihrem umfangreichen Schienennetz noch altertümliche Fahrzeuge ein. Die Waggons waren ziemlich kurz und hatten an beiden Enden einen offenen Perron. Hier befanden sich in frischer Luft Stehplätze. Der mit Sitzplätzen ausgestattete Fahrgastraum war recht klein. Dieser war vom jeweiligen Perron durch eine Schiebetür zu erreichen. Zuweilen fuhren Bahnen dieses Fahrzeugtyps mit drei Wagen. Wenn mein Gedächtnis nicht trügt, befand sich zunächst in jedem Wagen ein Schaffner, der zumindest bei nicht drangvoller Enge eine gute Übersicht über die seinen Wagen benutzenden “Beförderungsfälle” hatte. Schwarzfahren war damals nicht so leicht wie heute. In jedem dieser Wagen befand sich eine Messlatte für Kinder. Lag deren Körpergröße unter einem Meter, wurden diese unentgeltlich befördert. Sehr beeindruckt hatte mich als Kind ein in jedem Wagen angebrachtes Schild mit der folgenden Aufschrift: “Beim Niesen, Husten, Spucken bediene Dich des Taschentuches”.

Zu Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts führte die HHA einen neuen Fahrzeugtyp ein. Die Waggons dieses Typs waren viel länger als die bisherigen Wagen und hatten auch keine Perrons mehr. Nach meinem Empfinden waren sie auch schmaler. Im hinteren Teil eines jeden Waggons war zunächst ein Schaffnersitz mit einer pultartigen Vorrichtung installiert. Später wurde dann dieser Schaffnersitz entfernt. In den ersten Jahren ihrer Bereitstellung bestand jeder Zug aus zwei Waggons. In späteren Jahren wurde nur noch jeweils ein Wagen eingesetzt. Diese Züge wurden im Volksmund “Sambawagen” genannt.

In den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte ich eine besondere Beziehung zu den Straßenbahnlinien 2 und 9. Diese Verkehrsmittel benutzte ich mit einer Unterbrechung von drei Jahren für Fahrten von meinen verschiedenen Unterkünften zum Verwaltungsgebäude meines Arbeitgebers in Hamburg-Rotherbaum, sofern ich nicht zu Fuß ging. Dieser Arbeitgeber ist ein Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, der für Unternehmen des Öffentlichen Personennahverkehrs zuständig ist. Im Foyer des Verwaltungsgebäudes dieser Körperschaft des öffentlichen Rechts befindet sich ein Modell des besagten Straßenbahntyps der HHA. Die Haltestelle der Linie 9, die vom Flughafen zum ZOB fuhr, war in unmittelbarer Nähe des besagten Verwaltungsgebäudes eingerichtet. Die Linie 2 bediente die Strecke von Niendorf zum ZOB und hielt vor dem Bahnhof Dammtor. In diese Bahn stieg ich häufig an der Haltestelle Brunsberg zu.

Die HHA stellte nach und nach alle Straßenbahnlinien ein. Die letzte noch eingesetzte Straßenbahn war die Linie 2, mit der ich noch kurz vor ihrer Einstellung im Herbst 1978 fuhr. Der NDR hatte einen Fernsehfilm mit dem Titel “Die letzte Fahrt der Linie 2” produziert. Diesen Film sah ich mir an, wobei mich ein leichtes Gefühl von Wehmut überkam.

12.01.2009

Mein Fernsehkonsum

Wiederholt vernahm ich Klagen darüber, wie schlecht doch die Fernsehprogramme seien. Man wisse gar nicht, welches Programm man einschalten solle. In diese Klagen kann ich nicht einstimmen. Ich bin mit den bestehenden Möglichkeiten nicht unzufrieden. Mit unserer Bundeskanzlerin habe ich gemeinsam, dass ich mich gern bei Phoenix über das politische Geschehen informiere. Besonders die Sendung “Der Tag”, die von 23 Uhr bis 24 Uhr läuft, ist sehr interessant. Hier werden auch längere Passagen aus Reden von Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen Lebens gebracht. Aber auch Wiederholungen von Sendungen der ARD und des ZDF mit historischem und kulturellem Hintergrund werden angeboten. So wurde die Serie über die Familie Mann als Wiederholung gezeigt. Die historische Serie über die Deutschen war ebenfalls als Wiederholung zu sehen. Informativ war auch die Sendung über den israelischen Politiker Scharon. Hier wurde der Zuschauer umfassend mit den Besonderheiten der israelischen Verhältnisse vertraut gemacht. Aber selbst der zur RTL-Gruppe gehörende Privatsender Vox strahlte eine historisch fundierte Sendung über Bauten der Römer aus, bei der sehr dezidiert auf mehre römische Herrscher eingegangen wurde. Diese Sendung hatte später auch der Nachrichtensender N 24 in seinem Programm. Wenn auch die Beiträge der Kultursender Arte und 3SAT nicht immer meinen Vorstellungen entsprechen, so kann ich dennoch öfter auf die Produktionen dieser Sender zurückgreifen. In der Vergangenheit waren für mich vor allem die zahlreichen Sendungen von 3SAT aus dem Bereich der Literatur wichtig. Die beiden Kultursender hatten aber auch Konzerte, Opern und Theateraufführungen zu bieten. Historische Betrachtungen und Berichte über ferne Länder kamen ebenfalls nicht zu kurz.

Zuweilen war es mir auch möglich, auf regionale Sender auszuweichen. Aus diesem Segment bevorzugte ich den MDR. In erster Linie interessieren mich hier die unter der Bezeichnung “Aktuell” gesendeten Nachrichten. Ich kann mich außerdem noch an Dokumentationen über das Leben Händels und Goethes erinnern.

Als stete Quelle der Information über das Tagesgeschehen dienen mir die “Tagesthemen” der ARD und das “heute-journal” des ZDF. Leider überschneiden sich diese Produktionen mit der Radiosendung “Am Abend vorgelesen” von NDR-Kultur. An vielen Tagen kann ich daher nur einen Teil dieser Nachrichtensendungen sehen. Als Ergänzung dienen mir die zahlreichen so genannten Magazine der verschiedenen Anstalten. Mit diesen Magazinen beschäftige ich mich allerdings nur sporadisch.

Mithin spielt das Fernsehen schon eine nicht unwichtige Rolle in meinem Leben. Nur ungern würde ich mich der Minderheit von Bundesbürgern zugesellen, die auf jeden Fernsehkonsum verzichten.


12.01.2009

Kaufrausch

Häufig vernahm ich Berichte darüber, dass für viele Menschen das so genannte Shopping einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens darstellt. Diese Betätigung soll mitunter den Charakter einer Sucht annehmen. Eine besondere Anfälligkeit hierfür wird Frauen nachgesagt. Objekte dieser Begierde sind in erster Linie Textilien und Schuhe. Diese Beschäftigung des Shoppens wurde auch schon in der Literatur thematisiert. Wenn ich auch frei davon bin, ständig nach Dingen des täglichen Bedarfs begierig Ausschau zu halten, so ist mir doch der Hang eigen, mich emsig nach Büchern und Schallplatten umzusehen und mehr Bücher zu kaufen als ich zum Zeitpunkt ihres Erwerbs lesen kann. In den Medien werden ständig neue literarische Erzeugnisse angepriesen, so dass die Versuchung für mich groß ist, diese auch zu erwerben. Mitunter mache ich spezielle Spaziergänge, die mich von Buchhandlung zu Buchhandlung führen, oder ich unternehme kleine Ausflüge in andere Stadtteile, um dort Buchhandlungen aufzusuchen. Mitunter blicke ich nur intensiv in die Schaufenster, aber zuweilen wird der Drang übermächtig, das Ladenlokal auch zu betreten und dort zu stöbern. Beim Stöbern entdecke ich stets viele mich interessierende Bücher, die mich zum Kauf reizen. Es bedarf daher einer außerordentlichen Willensanstrengung, dass ich das Ladenlokal verlasse, ohne einen Kauf getätigt zu haben. Manchmal gerate ich jedoch in einen wahren Rausch und der Erwerb weiterer Bücher wird zu einem unabweisbaren Bedürfnis. Es kam schon vor, dass ich mit Bücherpaketen die jeweilige Verkaufsstelle verlassen habe. Inzwischen ist die Anzahl meiner ungelesenen Bücher beträchtlich. Auch muss ich mir immer neue Regale zulegen, um meine Erwerbungen unterbringen zu können. Hier komme ich in absehbarer Zeit an meine Grenzen. Die Aufnahmefähigkeit meiner Behausung ist nämlich nicht unbegrenzt. Von einem Wohnungswechsel möchte ich dann doch Abstand nehmen.


13.10.08

Meine Annäherung an die Kultur Spaniens

Teil 6 

Als Höhepunkt meines Aufenthalts in Marbella im Januar 1989 möchte ich den organisierten Ausflug nach Granada bezeichnen. Den Schwerpunkt dieses Ausflugs bildeten die Besichtigung der Kathedrale Santa Maria de la Encarnación und der Besuch der Alhambra. Diese Kathedrale gilt als Siegesdenkmal des christlichen Spaniens. Sie genießt den Ruf des schönsten Renaissancebaus des Landes. Mit ihrem Bau wurde im Jahr 1523 begonnen. In jenem Jahr kam noch der gotische Stil zur Anwendung. Später wurde der Bau im plateresken Stil fortgeführt. Die Kirche wurde 1561 im unvollendeten Zustand geweiht. Als Baumeister hat auch hier auch Alonso Cano gewirkt. Dieser spanische Künstler trat auch als Maler und Bildhauer in Erscheinung. Er starb im Alter von sechsundsechzig Jahren 1667 in Granada. Mir war Alonso Cano nur als Barockmaler ein Begriff. Die hoch gelobte Westfassade der Kathedrale ist in erster Linie sein Werk. Der Führer wies auf das große über dem Hauptportal befindliche Relief der Inkarnation hin. Dieses Relief wurde 1717 von José Risueño geschaffen. Über den mittleren der drei Bögen der zum Hauptportal gehörenden Fassade gestalteten auch Cornejo und Verdiguer Werke der Bildhauerkunst. An der Nordwestseite betrachteten wir Bildwerke von Diego de Siloe, Juan de Maeda und anderen Künstlern. Hier wurden wir auf die Puerta de San Jerónimo und auf die 1537 vollendete Puerta del Perdón aufmerksam gemacht. Der Ausbau des Innenraums der Kathedrale wurde erst 1703 abgeschlossen. Der Innenraum besteht aus fünf Längsschiffen und einem Querschiff. Er ist reich ausgestattet mit Bildschmuck. Es sind Gemälde und Holzplastiken von Alonso Cano zu bewundern. Hier installierte Gemälde des Meisters haben Themen aus dem Marienleben zum Inhalt. In der Kirche aufgestellte Holzplastiken von Cano stellen Adam und Eva dar. Zum Schmuck der Kirche gehören auch Werke von Juan de Sevilla.

In diesem klar gegliederten Bau sticht die Capilla Mayor hervor. Sie ist siebenundvierzig Meter hoch und wird von einer Kuppel überwölbt. Diese Kapelle ist mit Glasgemälden aus dem 16. Jahrhundert und mit aus dem Jahr 1614 stammenden Bronzestatuen der Apostel ausgestattet. Im Chor sind zwei große Barockorgeln angebracht. Hier wurde auch das Grabmal des Alonso Cano errichtet. Bemerkenswert ist außerdem das für spanische Kirchen überaus helle Tageslicht. Es kommt dem Besucher bei seiner Besichtigung sehr zustatten. Den ältesten Teil der Kathedrale bildet die Capilla Real, die Grabkapelle der Katholischen Könige. Sie wurde von 1506 bis 1517 im spätgotischen Stil erbaut. Diese Königskapelle liegt an der Südseite der Kathedrale und ist durch einen Gang mit ihr verbunden. Ein kunstvoll geschmiedetes Gitter fällt ins Auge. Die Grabmale sind reich verziert. Die Grabmale für den 1516 verstorbenen Ferdinand von Aragon und die 1504 verschiedene Isabella von Kastilien wurden 1522 von dem Florentiner Domenico Francelli geschaffen. Für Philipp den Schönen ( † 1506 ) und Johanna die Wahnsinnige ( † 1555 ) wurden die Grabmale künstlerisch von Bartolomeo Ordóñez betreut. Diese Toten aus dem Königsgeschlecht ruhen in der einige Stufen abwärts eingerichteten Krypta in schlichten Bleisärgen. Hinter den besagten Grabmalen steht ein geschnitzter Flügelaltar von beachtlicher Größe. Er wurde von Felipe Vigarni geschaffen. Außerdem befinden sich in diesem Bereich noch beidseitig reich verzierte, geschnitzte Reliquienaltäre, die Alonso di Mena gestaltete.

Zu dem Kirchenschatz zählt auch eine Sammlung altniederländischer Gemälde. Diese Bilder werden in einem gesonderten Raum gezeigt. Zur Sammlung gehören auch Werke von Dierick Bouts, Rogier van der Weyden und Hans Memling. Ich habe diese Gemälde mit Interesse betrachtet. Gern hätte ich meine Kunstbetrachtung noch ausgedehnt. Aber das reichhaltige Programm des Ausflugs machte eine zeitliche Begrenzung erforderlich.  

06.10.08

Meine Annäherung an die Kultur Spaniens

- Fünfter Teil -

Nach mehr als zwölf Jahren seit meiner ersten Reise auf das spanische Festland entschloss ich mich, Spanien erneut aufzusuchen. Im Jahre 1985 hatte ich damit begonnen, auf autodidaktische Weise mit Büchern und Tonträgern spanisch zu lernen. Im Jahre 1989 wollte ich meine Kenntnisse der spanischen Sprache durch mehrere Reisen in dieses Land erweitern. Zunächst führte mich im Jahr 1989 eine Reise nach Marbella. Ich hatte mir vorgenommen, mit Hilfe organisierter Ausflüge Eindrücke von der Region, die den Namen Costa del Sol trägt, zu gewinnen. Marbella hatte den Ruf eines international beliebten Seebades. Die Reise fand im Januar statt. Ich hatte daher Badefreuden gar nicht erst in Erwägung gezogen. Ich stellte jedoch fest, dass es in dieser Küstenregion selbst in diesem Wintermonat noch warme Sonnentage gab. An diesen Tagen wurde an den Stränden Marbellas in der Tat gebadet. Ich prüfte mit der Hand die Wassertemperatur und war vom Ergebnis überrascht. Das Meerwasser erschien mir recht warm.

In Marbella gefiel mir vor allem der alte Ortskern mit seinen weißen Häusern. Ich schlenderte oft durch die Gassen dieser alten Siedlung und erfreute mich an ihrem mediterranen Flair. Ich gelangte zu den Überresten der mittelalterlichen Wehrmauer und entdeckte auch zwei mit Zinnen bewehrte Türme. Oberhalb des Ortes stieß ich auf die Reste eines maurischen Kastells. Die Mauern waren noch gut erhalten. Auch ein Patio war zu erkennen. Ferner stand in dieser Burganlage noch ein Turm, der im Reiseführer als Bergfried bezeichnet wurde. Dieser Bergfried diente den Bewohnern des Kastells im Verteidigungsfall als letzte Zufluchtsstätte. Im alten Marbella verweilte ich gern auf der rechteckigen Plaza und schaute auf die im altspanischen Stil erbauten Häuser. Auch nahm ich zu dieser Jahreszeit noch Blumenschmuck wahr. Im Frühjahr und Sommer soll dieser Blumenschmuck besonders zahlreich sein. Dieser dürfte daher als Kontrast zu den weißen Häusern sehr belebend wirken. Auf der besagten Plaza befanden sich mehrere Straßencafės. Diesen Cafės stattete ich jedoch keinen Besuch ab. Am oft erwähnten Jachthafen hielt ich mich selten auf, obwohl ich mich für Segelschiffe durchaus interessiere. Dieser Ort soll ein Treffpunkt von Millionären gewesen sein. Ich suche jedoch nicht unbedingt die Nähe dieser Spezies Mensch.

Zunächst war ich erstaunt in Marbella eine recht stattliche Moschee zu erblicken. Ich hatte wohl die Vorstellung von Spanien als Hort eines kämpferischen Katholizismus allzu sehr verinnerlicht. Hierbei hatte sich in mein Gedächtnis die Tatsache eingegraben, dass nach 1492 die in Spanien lebenden Mauren und Juden vor die Alternative gestellt worden waren, entweder den christlichen Glauben anzunehmen oder das Land zu verlassen. Auch dachte ich an die Inquisition und deren Hüter, die unerbittlichen Dominikaner. Ebenso konnte ich mir nicht vorstellen, dass unter dem rigiden Regime Francos die Genehmigung zum Bau einer Moschee erteilt worden wäre. Ich sagte mir, dass Spanien nun ja zur Demokratie gefunden hätte und mit ihr auch die Toleranz eingezogen wäre. In einem Reiseführer las ich, dass in Marbella ein neues arabisches Viertel entstanden wäre. Reiche Moslems hätten sich hier schicke Villen gebaut und auch die besagte weiße Moschee errichtet. Diese Leute brächten viel Geld ins Land.

Das neue Marbella mit seinen zahlreichen Hotelbauten, seinen Ladenzeilen und Restaurants in sehr unterschiedlicher Bauweise erregte nicht gerade mein Wohlgefallen, es stach jedoch noch positiv von manchen in dieser Region aus Beton bestehenden Siedlungen ab.  

15.09.2008 

Meine Annäherung an die Kultur Spaniens

Teil 4

Bei der erwähnten Stadtrundfahrt durch Sevilla kamen wir auch an der Stierkampfarena vorbei. Diese Stätte des exotischen Brauchtums übte auf mich eine eigenartige Faszination aus. Ich stellte mir vor, welche Eindrücke ich gewinnen und welche Empfindungen ich haben würde, wenn ich als Zuschauer eine solche Veranstaltung beobachten würde. Ich erinnere mich noch an die sich an die Stierkampfarena anschließende Plaza de Jurado, die mir durch ihre ausgedehnten gärtnerischen Anlagen auffiel. Hier wies die Führerin auf das im siebzehnten Jahrhundert erbaute Hospital de la Caridad hin. Hierbei handelt es sich um eine Stiftung des Miguel de Mañara, der als Urbild des Don Juan der Legende gilt. Nicht weit von dieser Einrichtung ragte der Torre del Oro empor. Dieses Gebäude war ursprünglich ein mit Goldazulejos geschmückter maurischer Befestigungsturm. Azulejos sind mehrfach gemusterte Fliesen aus Fayence. Diese Fliesen wurden im vierzehnten Jahrhundert von den Arabern in Spanien eingeführt und werden seither dort hergestellt. Peter der Grausame benutzte den Torre del Oro als Schatzhaus und Gefängnis. Im zwanzigsten Jahrhundert beherbergte er ein Marinemuseum einschließlich eines Aquariums sowie eine Aussichtseinrichtung. Auch wies uns die Reiseführerin auf den Palacio de San Telmo mit seinem hohen Barockportal hin. Dieser Prachtbau wurde einst als Seemannsschule errichtet und diente später als Priesterseminar. Außerdem hörte ich von den reichen Kunstschätzen, die auf dem Stadtgebiet Sevillas verwahrt und vom interessierten Zeitgenossen betrachtet werden können. Ich erfuhr von dem im westlichen Teil der Altstadt gelegenen Museo de Bellas Artes, das über eine hervorragende Sammlung spanischer Maler, vor allem des siebzehnten Jahrhunderts verfügen soll. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Velasquez und Murillo in Sevilla geboren sind. Mir gegenüber wurden hinsichtlich dieses Kunstmuseums Gemälde von El Greco, de Roelas, Zurbarán, Murillo und Valdés Leal hervorgehoben. Velasquez, dessen Gemälde auf viele Museen weltweit zerstreut sind, ist dort mit einem Bildnis des Paters Suárez de Ribera vertreten. Weitere Gemälde des Diego Velasquez sollen sich innerhalb Sevillas im Erzbischöflichen Palast befinden. Hochrangige Gemälde spanischer Maler schmücken ferner die Kirchen Sevillas. Während meines Aufenthalts in diesem Teil Andalusiens versäumte ich es, das besagte Museum beziehungsweise andere Stätten aufzusuchen, in denen Gemälde zu sehen waren. Dieses Versäumnis bedauere ich heute sehr.

Ich habe in einer anderen Verlautbarung bereits darauf hingewiesen, dass ein weiterer organisierter Ausflug nach Huelva, Moguer und La Rábida führte. Huelva ist eine am Rio Odiel gelegene Hafenstadt. Sie hat 110 000 Einwohner. Sie wurde im Jahr 1755 von einem Erdbeben heimgesucht. Es sind wie- oft in Spanien- bemerkenswerte Sakralbauten zu besichtigen. Besonders zu nennen ist die im sechzehnten Jahrhundert auf den Ruinen einer Moschee erbaute Kirche San Pedro. Dieses Gotteshaus wurde nach dem Erdbeben restauriert. Die ebenfalls im sechzehnten Jahrhundert erbaute Kirche La Concepción beherbergt zwei kleine Gemälde von Zurbarán. Diesen Barockmaler, dessen Gemälde eine gewisse Strenge ausdrücken, schätze ich ebenso wie Velasquez. Die Stadt Huelva unterhält das Museo Provincial mit einer kleinen Gemäldesammlung. Leider habe ich weder diese Gemäldesammlung noch die beiden Bilder von Zurbarán in Augenschein genommen. Mir fiel auf, dass viele Treppenhäuser in Huelva und in anderen Orten Andalusiens mit geschmackvollen Kacheln gefliest waren. Folglich wurde die Übung, öffentliche Bauten mit Azulejos zu schmücken, für das Innere von Wohngebäuden in einem bescheidenen Umfang übernommen.

In dem auf einem Hügel gelegenen Ort Moguer liegt das im Jahre 1348 gegründete Kloster Santa Clara. Bei dieser Touristenattraktion wurde Halt gemacht. In diesem Kloster befindet sich auch ein Museum für den 1881 in Moguer geborenen Dichter Juan Ramón Jiménez, der 1956 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Er trat vor allem als Lyriker in Erscheinung. Ich versuchte mich viele Jahre später mit Hilfe einer Übersetzung an zwei „Kürzestgeschichten“ dieses Autors im Original. Beeindruckt hat mich die knappe Erzählung „Domingo de dos“, für die der Übersetzer den deutschen Titel „Zweierlei Sonntag“ wählte. Diese Erzählung hat eine kurze Begegnung von zwei sehr ärmlich gekleideten und ungepflegten Männern zum Inhalt, die durch ihr Verweilen auf der Straße Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhalts zu erlangen suchen. Einer dieser Männer singt Flamenco-Lieder. Es handelt sich hierbei um einen jungen Mann. Der andere Mann, alt, dürftig und hinfällig, hofft auf Almosen seiner Mitmenschen. Während des Gesangsvortrags des jungen Mannes kommt der Alte hinzu und entschließt sich, von den Passanten Geld einzusammeln. Dem Alten wird in seinen Hut eine beträchtliche Anzahl von Kupfermünzen geworfen. Nach dem Ende des Vortrags schüttet er dem jungen Mann die Münzen in die Hand. Der Sänger vollführt an die Geber gerichtete überschwängliche Gesten des Dankes. Er verlässt die Stätte seines Gesangs, ohne dem Alten etwas von dem Geld abzugeben. Der Alte geht traurig, aber lächelnd die Straße hinauf. Er getraut sich kaum, dann und wann die Hand auszustrecken, wohl wissend, dass für ihn nichts mehr abfällt.    

La Rábida liegt ebenfalls auf einem Hügel an der Mündung des Rio Tinto in den Atlantik. Diese Stätte ist in eine angenehme Umgebung von südeuropäischem Flair eingebettet. Dort wurde im Jahr 1892 ein Kreuz errichtet, das an den Aufenthalt des Christopher Kolumbus erinnern soll. Es wurde die aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende Klosterkirche besichtigt. Sie hat einen Kreuzgang im Mudéjarstil. Es befindet sich dort ebenfalls ein kleines Museum, das an die Konquistadoren erinnern soll. Auch Hernán Cortez landete hier im Jahre 1528 anlässlich seiner Rückkehr aus Mexiko.

25.08.08

Meine Annäherung an die Kultur Spaniens

Teil 3 

Nach der Reise nach Mallorca gelangte ich fünfeinhalb Jahre später wieder auf spanisches Territorium. Meine Frau hatte für uns eine Pauschalreise an die Costa de la Luz gebucht. Unsere Bleibe, die den Charakter einer Ferienwohnung hatte, befand sich in einer für Touristen geschaffenen Siedlung mit dem Namen Matalascañas. Nach meiner Erinnerung lagen die Siedlungen der Einheimischen in nicht unbeträchtlicher Entfernung von diesem Touristikzentrum. Da uns der Gedanke, ein Auto zu mieten, fern lag, mussten wir, um die Urlaubsregion kennen zulernen, auf  für Touristen veranstaltete Ausflüge zurückgreifen. Ich erinnere mich an Busfahrten nach Sevilla und Huelva einschließlich Moguer und La Rábida sowie nach Sanlúcar de Barrameda mit einem Geländewagen.

Bemerkenswert ist, dass viele dieser Ortschaften mit dem Leben des Christoph Kolumbus in Zusammenhang stehen. In Sevilla wurde Kolumbus nach der Rückkehr von der ersten Entdeckungsreise, die ihn in die Karibik führte, am 31. März 1493 festlich empfangen. Im Kloster La Rábida fand Kolumbus freundliche Aufnahme, nachdem er im Jahre 1485 vergeblich versucht hatte König Johann II. von Portugal für seine Pläne zu gewinnen. Von Sanlúcar de Barrameda unternahm er 1498 seine dritte Fahrt in die Neue Welt.  

Ich entsinne mich, dass hinsichtlich vieler historischer Bauten Sevillas der Ausdruck Mudéjarstil gefallen ist. Dieser Stil vereinigt Formen der Gotik und der Renaissance mit maurischen Elementen. Hier sind besonders zu nennen die Casa de Pilatos und der Glockenturm der Kirche San Pedro. Mir hat sich vor allem die Plaza de España mit dem Palacio Central eingeprägt. Dort hielten wir uns längere Zeit auf. Der Palacio Central ist ein gewaltiger Gebäudekomplex, dessen Hauptteil von zwei Türmen begrenzt wird. Dem Hauptteil ist ein lang gestrecktes, niedrigeres Gebäude mit seitlichen Säulengängen vorgelagert. Dieses Gebäude bildete offensichtlich den Eingangsbereich dieser wuchtigen Palastanlage. Entlang der gesamten Vorderseite des Palacio Central sind Säulengänge errichtet worden. Diese Arkaden bieten einen guten Schutz vor sengenden Sonnenstrahlen. Das Klima Sevillas soll ja zu den heißesten des europäischen Festlandes zählen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass auch an jenem Septembertag eine Gluthitze in Sevilla zu ertragen war. Bei dem besagten Ausflug versäumte die Reiseführerin nicht, auf die berühmte Kathedrale hinzuweisen. Ich vernahm, dass diese Kirche dort errichtet wurde, wo einst die maurische Hauptmoschee stand. Diese Kathedrale verfügt über fünf Kirchenschiffe. Außerdem umschließen ihre Mauern einen riesigen Hof, der die Bezeichnung Patio de los Naranjos trägt. Dieser Orangenhof ist von außen durch das Portal der Gnade zu erreichen. An der Nordseite der Kathedrale erhebt sich ein imposanter Turm, die Giralda. Dieser dreiundneunzig Meter hohe Turm gilt als Wahrzeichen Sevillas. Er wurde einst als Minarett der maurischen Hauptmoschee errichtet. Später wurde eine Glockenstube aufgesetzt, an deren Spitze eine vier Meter hohe Windfahne, die Giraldillo genannt wird, angebracht wurde. 

Bei dem besagten Ausflug wurde der Alcázar besichtigt. Dieses Gebäude diente zunächst den maurischen Königen als Schloss. Später residierten hier die christlichen Könige. In der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts erfolgte durch Peter dem Grausamen ein Umbau, bei dem maurische Architekten zum Einsatz kamen. Diese Anlage, die noch mittelalterlichen Burgencharakter hat, hat mehrere Höfe und Gärten. Eine architektonische Besonderheit bildet der Mädchenhof mit prachtvollen Zackenbogen und durchbrochenen Oberwänden, die von zweiundfünfzig Marmorsäulen getragen werden. Ich habe seinerzeit eine Serie von sechzehn Dias des Alcázars erworben, die es mir nunmehr ermöglicht, meine Erinnerungen an die Pracht des Mädchenhofes aufzufrischen. Auch der Gesandtensaal mit seinen geschmackvollen drei Eingängen und seiner prachtvollen Kuppel hatte mich beeindruckt. Es folgten noch der äußerst geräumige Speisesaal und viele Gemächer. Aus irgendeinem Grund fand ich das Schlafzimmer der maurischen Könige als besonders beachtenswert. Dieses fiel mir immer zuerst ein, wenn irgendwo der Alcázar erwähnt wurde.

Auf der Busfahrt durch Sevilla wurde von der Reiseführerin auch auf einen großen Platz, die Plaza San Francisco hingewiesen. Hier sollen früher Turniere und Stierkämpfe stattgefunden haben. An der Westseite dieses Platzes liegt ein stattlicher Renaissancebau. Es ist das Ayuntamiento. Hierbei handelt es sich um das Rathaus. Besonders der östliche Teil dieses Gebäudes wird gern gezeigt. Er ist im Platereskstil gehalten. Dieses ist ein ornamentaler Bau- und Dekorationsstil zur Zeit der Spätgotik und Frührenaissance. Hervorgegangen ist diese Richtung aus dem Mudéjarstil. 

 

18.08.2008

Meine Annäherung an die Kultur Spaniens

Teil 2

In der Zeit von 1952 bis 1974 verband ich mit Spanien auch das politische System des Caudillo Franco und den Begriff der Falange. Dieses Wort bedeutet zunächst Schar. Es handelte sich bei der Falange um eine nationalistische, autoritär geführte Organisation, die im Schrifttum auch als faschistisch bezeichnet wird. Ich bin allerdings der Auffassung, dass der Begriff Faschismus auf das von Mussolini in Italien installierte antidemokratische, antiparlamentarische und autoritäre Staatswesen begrenzt bleiben sollte. Dieses System unterschied sich doch in vielen Belangen vom Nationalsozialismus und von anderen extrem nationalistisch und undemokratisch ausgerichteten politischen Gruppierungen. Mit Marcel Reich – Ranicki stimme ich darin überein, dass die Diktatur Hitlers wegen der Einmaligkeit der von diesem Regime verübten Verbrechen nur mit dem Begriff Nationalsozialismus bedacht werden sollte. Die Anwendung des vagen Begriffs Faschismus auf das „Dritte Reich“ bedeutet in der Tat eine Verharmlosung dieses in seiner zerstörerischen Wirkung einmaligen Schreckensregimes.

Für mich war Spanien neben Portugal in jener Zeit im nichtkommunistischen Europa ein Hort politischer Unfreiheit. Ich sah in Spanien einen Staat, in dem politisch Andersdenkende gnadenlos verfolgt wurden und rechtsstaatliche Grundsätze verhöhnt wurden. Im Jahr 1962 war mein politisches Bewusstsein jedoch noch nicht so ausgeprägt, dass ich einen Besuch dieses Landes kategorisch ablehnte. Die Neugier auf dieses merkwürdige Land war sehr groß. Ich sollte gemeinsam mit einem unternehmungslustigen jungen Mann in einem kleinen Kraftfahrzeug eine Rundreise durch Spanien machen. Wegen unglücklicher Umstände wurde dieses Vorhaben jedoch nicht in die Tat umgesetzt.

Im Februar des Jahres 1971 unternahm ich dann mit zwei langjährigen Gefährten mit dem Flugzeug eine Pauschalreise nach Mallorca. Zu diesem Zeitpunkt war diese Insel bereits für den Massentourismus erschlossen. Wenn auch in Küstennähe in manchen Regionen hässliche Betonbauten zur Beherbergung, Beköstigung und Unterhaltung der anreisenden Massen errichtet worden waren, so war doch der idyllische Charakter der Insel noch weitgehend erhalten. Besonders die Mandelbaumblüte mitten im Winter war für mich schon eine erfreuliche Erscheinung. Auch offensichtlich reife Apfelsinen an den Bäumen zu dieser Jahreszeit verblüfften mich. Die wechselnden Landschaften beeindruckten mich. Im Winter bedeuten leere Sandstrände für den Naturfreund einen Quell der Freude. Abgeschieden erscheinende Buchten mit einer geringen Bebauung in ihrer Umgebung hatte ich nicht erwartet. Unsere kleine Reisegruppe erkundete mit einem Mietauto die Insel. So konnten wir für unseren relativ kurzen Aufenthalt die Insel gut kennen lernen. Nach meiner Einschätzung war die Landwirtschaft zum damaligen Zeitpunkt für die Wirtschaft Mallorcas durchaus noch von Bedeutung. Besonders fielen mir Produktionsstätten der Lederindustrie im Inneren der Insel auf. Diese waren mit einem Verkauf ab Fabrik verbunden. Die Preise erschienen mir im Verhältnis zum Preisgefüge in Deutschland als äußerst günstig. Als bleibende Erinnerung hat sich der Besuch einer Tropfsteinhöhle erwiesen. Diese Naturerscheinung stellte für mich damals noch eine Neuigkeit dar. Die gebirgigen Regionen, vor allem im Westen der Insel empfand ich als bemerkenswert. Der Puig Mayor weist als höchste Erhebung der Insel immerhin eine Höhe von 1445 m auf. Von den Städten Mallorcas kann ich mich außer an Palma de Mallorca noch an Andraitx, Inca, Pollensa und Soller erinnern. Wir nahmen damals in Puerto de Soller in einem Restaurant mit Blick auf dem Hafen eine Mahlzeit ein. Das Städtchen Inca im Landesinnern wurde von uns öfter bei unseren Ausflügen passiert. Hingegen ist meine Erinnerung an die zahlreichen Sehenswürdigkeiten Palma de Mallorcas weitgehend verblasst. Ich kann mich noch an gotische Kathedralen und Paläste erinnern. Wir hielten uns wohl bei schönem Wetter längere Zeit in der Nähe der hochgelegenen Kathedrale La Seo auf. Auch kann ich mich entsinnen, dass wir ein in der Nähe der Kathedrale befindliches palastartiges Gebäude in Augenschein genommen haben. Es dürfte sich hierbei um den Palacio de la Almudaina gehandelt haben. Hier sollen einst maurische und christliche Herrscher residiert haben. In Palma sollen sich auch Museen mit reichen Kunstschätzen befinden. Diese Häuser wurden jedoch nicht von uns aufgesucht.

Die besagte Reise fand noch zu Zeiten der Diktatur Francos statt. Mir als Touristen fiel nicht besonders auf, dass ich von einem Land mit demokratischen Strukturen in eine Diktatur gereist war. Die Präsenz der martialisch wirkenden Angehörigen der Guardia Civil mit ihrer eigenartigen Kopfbedeckung war nicht zu übersehen. Ein größeres Areal war zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Eine umfangreiche Kasernenanlage war mit der Inschrift „Todo por la patria“ geschmückt. Von polizeistaatlichen Übergriffen oder Verletzung von Menschenrechten bekam ich nichts mit. Naturgemäß entgingen mir auch Zensurmaßnahmen. Die Diktatur verbarg mir gekonnt ihr hässliches Gesicht. Millionen Touristen dürfte es ähnlich gegangen sein, denn Spanien war auch schon zur damaligen Zeit ein beliebtes Reiseland mit Massentourismus.

04.08.2008

Meine Annäherung an die spanische Kultur

Erster Teil

Spanien fand ich schon früh interessant. Ich erfuhr, dass mein Großvater bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Spanien bereist hat. Er beherrschte die spanische Sprache und unterrichtete sie auch an Gymnasien. Wann ihn Reisen in dieses Land geführt haben, vermag ich nicht zu sagen. Zu bedenken ist ja, dass der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 in diesem Land wütete. Er wird daher Spanien vor 1936 bereist haben. Da mein Großvater bereits im Jahre 1946 verstarb, war es ihm nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht vergönnt, Spanien erneut aufzusuchen.  

Im Jahre 1955 hörte ich von einem weiteren Gymnasiallehrer, dass er Spanien einen Beruf abgestattet hatte. Bei diesem polyglotten Altphilologen, der auch spanisch sprach, handelte es sich um meinen Klassenlehrer am Staatlichen Gymnasium Bochum während der Mittelstufe. Ich erinnere mich noch, dass dieser Lehrer berichtete, Männer hätten sich zu jener Zeit nicht nur mit einer Badehose bekleidet an spanischen Stränden aufhalten dürfen. Sie hätten vielmehr auch den Oberkörper mit Textilien verhüllen müssen. Dieses erschien selbst im prüden Bochum Lehrer und Schülern als verstiegen. Mir kam bei dieser Erzählung eine Begebenheit auf einer Klassenreise des Christianeums zu Hamburg in den Sinn. Diese Reise endete in der Stadt Cuxhaven. In Cuxhaven-Duhnen wurde eine Wattwanderung veranstaltet. Diese Wanderung führte uns weit ins Watt hinaus. In beträchtlicher Entfernung sahen wir nackte Menschen. Darunter waren auch junge Frauen. Wir Schüler wandten uns nicht schamhaft ab, sondern lenkten unsere Blicke ausgiebig in die Ferne auf die Nackten. Auf einem Elternabend soll der Klassenlehrer gesagt haben, einigen von uns seien beim Anblick der Nackten die Augen förmlich aus den Höhlen getreten. In damaligen Zeiten der weitgehenden Tabuisierung des Sexuellen war dieses schon ein besonderes Erlebnis.

Wenn ich von Spanien hörte, dachte ich an Don Quijote. Diese literarische Figur erfreute sich in den Fünfziger Jahren bei um Bildung bemühten Personen offensichtlich einer großen Beliebtheit. Ich hörte sie oft erwähnen und von ihren Taten künden. Allerdings wurde bei der Benennung die französische Version, nämlich Don Quichotte, gewählt.

Aber auch durch den Fußball wurde ich in den Fünfziger und frühen Sechziger Jahren ständig an die Existenz Spaniens erinnert. Schon damals kam Real Madrid und dem FC Barcelona eine herausragende Rolle im europäischen Fußball zu. Diese Vereine wurden in den Medien ständig erwähnt. Vor allem Real Madrid sah ich wiederholt im Fernsehen. Damals gab es schon im Rahmen der UEFA den Pokal der Landesmeister des europäischen Fußballs. Dieser Pokal wurde nach meiner Erinnerung in jenen Jahren mehrere Male von Real Madrid gewonnen.

Auch las ich schon früh die Werke des Ernest Hemingway. Dieser Schriftsteller hatte bekanntlich eine besondere Beziehung zu Spanien. Ihn führten viele Reisen nach Spanien. Während des Spanischen Bürgerkriegs war Hemingway als Korrespondent für die amerikanische Presse in Spanien tätig. Ich las den Roman „Wem die Stunde schlägt“. Von diesem Werk, das den Kampf einer republikanischen Partisanengruppe unter Mitwirkung eines amerikanischen Sprengstoffspezialisten gegen die vorrückenden Truppen Francos schildert, war ich beeindruckt. Sodann wandte ich mich Hemingways frühem Roman „Fiesta“ zu. Hier wurde ich unter anderem mit dem Milieu der Stierkämpfer konfrontiert. Dieses war naturgemäß eine für mich exotische Welt. In den in den Kinos gezeigten Wochenschauen, in den Printmedien und im Fernsehen wurde zuweilen über den Stierkampf berichtet. Ich erinnere mich, dass ein Stierkämpfer namens Luis Dominguin in den Vordergrund gerückt wurde. Diesem Stierkämpfer hat Hemingway in seinem Text „Gefährlicher Sommer“ ein Denkmal gesetzt. Der Stierkampf wurde in der öffentlichen Meinung Deutschlands in der Regel nicht positiv bewertet. So war auch mein Verhältnis zu diesem „Bestandteil der spanischen Kultur“ ambivalent.

Im Bücherschrank meiner Eltern stand auch eine Ausgabe von Lion Feuchtwangers Roman „Goya“. So wurde ich bereits in jungen Jahren auf den Maler Goya aufmerksam. Den besagten Roman las ich jedoch erst Jahrzehnte später.

Auch hörte ich in diesen Jugendjahren von der Heimsuchung der spanischen Stadt Guernica durch den Angriff deutscher Kampfflugzeuge. Ebenfall drang der Einsatz der deutschen Legion Kondor auf Seiten der Truppen Francos in mein Bewusstsein.

26.05.08

Der Nachfolger des Brotpreises

Ich komme nicht umhin, mich immer wieder darüber zu äußern, in welchem Maße die Ansprüche meiner Mitmenschen gestiegen sind, und wie populistische Politiker diese Anspruchshaltung durch ihr unheilvolles Wirken noch verstärken. In früheren Zeiten, als bei breiten Schichten der Bevölkerung Völlerei noch kein selbstverständliches Privileg war, war der Brotpreis Maßstab für das Wohlergehen des Volkes. An seine Stelle trat im Zeitalter des Massenkonsums bereits vor Jahrzehnten der Benzinpreis. Im Konsumzeitalter wird nach meiner Wahrnehmung das Halten eines Kraftfahrzeugs nahezu in den Rang eines Menschenrechts erhoben. Uneingeschränkte Mobilität wird heute in unserer Gesellschaft allerorten für unverzichtbar erklärt. Steigt der Benzinpreis auf Grund von Marktmechanismen auf eine bisher noch nicht bekannte Höhe, werden zunächst einmal von einem bestimmten Presseorgan sofortige Maßnahmen der Politik zur Linderung dieses Übels gefordert. Sofort schließen sich zahlreiche Personen dieser Forderung an. Hierzu gehören nicht zuletzt Politiker verschiedener Couleur. Mal wird die Abschaffung der Ökosteuer, mal die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe gefordert. Andere fordern die Wiedereinführung der Pendlerpauschale vom ersten Kilometer. Die meisten Forderungen laufen darauf hinaus, dass die Entlastung allen Bürgern gleichermaßen zugute kommen soll. Für diesen bestimmten Sektor sollen die Gesetze der Marktwirtschaft auf einmal für alle aufgehoben werden, obwohl die meisten Bürger die erhöhten Preise für Kraftstoffe durchaus verkraften können. Die Formel, dass unser Gesellschaftssystem durch privaten Reichtum und öffentliche Armut gekennzeichnet ist, wird in diesem Augenblick auch von Journalisten und Politikern negiert. Auch werden ökologische Aspekte außer Acht gelassen. Es wird vergessen, dass Deutschland auf der Rangliste der weltweiten Luftverschmutzer Platz fünf belegt. Dieses ist nicht zuletzt auf die immens große deutsche Kraftfahrzeugflotte mit ihrem gewaltigen Ausstoß von CO2 zurückzuführen. Ein bisschen weniger Verkehr mit privaten Kraftfahrzeugen würde der Umwelt nur gut tun. Steuerliche Mehreinnahmen sollten in den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und in die Forschung zur Entwicklung schadstoffarmer Energien und effizienter Antriebssysteme mit geringem Verbrauch, die die Umwelt weniger belasten, fließen.

Hilfen von Seiten des Staates sollten nur einkommensschwachen Bürgern zuteil werden, die weite Wege zur Erreichung ihrer Arbeitsstelle zurückzulegen haben. Aber auch hier sollte geprüft werden, ob dieser Personenkreis nicht zumindest für Teilstrecken das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs nutzen kann. Hier könnten in erster Linie Zuschüsse zu Zeitkarten gewährt werden. Aber es kämen für Bedürftige auch Beihilfen zu den Benzinkosten für die Wege nach und von der Arbeitsstelle in Betracht. 

 

26.05.08

Begegnungen mit Fußballfans

Auf meinen Fahrten durch Hamburg begegne ich oft Fußballfans. Diese treten besonders gern in größeren Gruppen auf. Zumeist verhalten sie sich nicht unauffällig. Schon in ihrer Kleidung unterscheidet sich diese Spezies von ihren Mitmenschen. Die meisten Fans haben sich gewaltige Schals mit den Farben ihres Vereins und dessen Emblem zugelegt. Viele hüllen sich auch in Trikots, auf denen die Spielernummer und der Name ihres Lieblingstreters prangen. Man hat in der Regel das allgemeine Beinkleid, die Jeans, angelegt. Auch Fahnen oder Fähnchen gehören häufig zur Ausstattung des wahren Fußballfans. Nicht selten ist zu beobachten, dass sich der Fan bereits vor dem Spiel ausgiebig am Biere labt. Bewegt er sich in Gruppen, fördert der frühe Biergenuss die Sangesfreude ungemein. Man verfügt über ein enges Repertoire eines bestimmten Liedgutes. Dieses verbirgt man nicht vor seinen Mitmenschen. Raue Kehlen beschallen mit ihren Schlachtgesängen Züge, Bahnhöfe, Plätze und Straßen. Fußball war früher reine Männersache. Da haben sich die Zeiten aber geändert. Heute ist der weibliche Fan mittendrin. Stolz präsentiert manche Fußballfrau ihr Tattoo und ihren gepiercten Bauchnabel. Andere Vertreterinnen dieser Gattung tragen mit Würde das Trikot ihres Vereins mit Namenszug und Nummer ihres Idols zur Schau. Auch dem Bier sind diese Angehörigen des schönen Geschlechts nicht abhold. Manch eine sah ich schon in einem wenig damenhaften Zustand. Zuweilen erhebt der weibliche Fan gar im Chor mit anderen Mitstreiterinnen die Stimme zu wenig sirenenhaftem Gesang.

Besonders nach dem Spiel meide ich gern die Gegenwart dieser lieben goldigen Menschen. Denn ich bin durchaus kein Freund männlicher Distanzschwäche. Dieses will mir aber nicht immer gelingen. Ich musste schon erleben, dass noch drei Stunden nach Spielschluss der Bahnhof Stellingen schwarz von Menschen war. Diese Menschen nahm ich dann als Fußballfans war. Ich begab mich daraufhin ganz nach vorn auf den Bahnsteig und hoffte, dass der erste Wagen des Zuges weniger voll werden würde. Aber auch in diesen Wagen strömten noch zahlreiche Fahrgäste. Ich setzte mich sodann zu Personen, die einen halbwegs gesitteten Eindruck machten. Auch hier hatten die Männer geöffnete Bierflaschen in der Hand und waren nicht mehr nüchtern, während die zu ihnen gehörende Frau ohne Getränkeflasche dasaß und weniger angeheitert zu sein schien. Andere Fußballfans flegelten sich jeweils auf eine für zwei Fahrgäste vorgesehene Sitzbank und machten keine Anstalten, stehenden Fahrgästen Platz zu machen. Nahezu alle Fahrgäste waren in diesem Wagen mehr oder minder angetrunken. Es herrschte ein enormer Lärmpegel, der in einem Betrieb zu Lärmschutzmaß-nahmen geführt hätte. Dieser Zustand ging mir gewaltig auf die Nerven. Ich zog es daher vor, bereits bei der Station Diebsteich den Zug zu verlassen und den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen.   

25.02.08

Der blaue Himmel über der Ruhr

Menschen im Revier - Gast in Weitmar

 

Einen besonderen Einblick in das Leben breiterer Schichten des Ruhrgebiets erhielt ich durch meinen Umgang mit Herbert K. Wir waren Mitschüler in der Obertertia des Staatlichen Gymnasiums zu Bochum. Das Kollegium dieser Lehranstalt hatte Herbert K. die Versetzung in die Untersekunda versagt, so dass er die Obertertia wiederholen musste. Nach Abschluss des im selben Klassenverband verbrachten Schuljahres wurde Herbert K. erneut nicht versetzt. Er musste die besagte Lehranstalt daher verlassen. Ich weiß heute nicht mehr, wann ich Herbert K. das erste Mal einen Besuch in seinem Wohnquartier, dem mir vorstädtisch, wenn nicht gar ländlich erscheinenden Bochum-Weitmar abgestattet hatte. Ich erinnere mich noch an eine sehr aufgelockerte Bauweise dieses Stadtteils. Weite Flächen waren unbebaut. Es gab noch großflächige Wiesen. In der Nähe des Anwesens der Familie K. lag ein Park waldähnlichen Charakters. Das Anwesen der Familie K. war in meiner Erinnerung von der Fläche her recht umfangreich. Es bestand aus mehreren Gebäuden. Außer dem Wohnhaus der Familie K. war auf dem Grundstück noch ein weiteres Haus errichtet. Dieses bewohnte ein Verwandter mit seiner Familie, der Studienrat an einem anderen Gymnasium war. Ferner befand sich auf dem Grundstück noch ein ansehnliches Wirtschaftsgebäude. Der Vater von Herber K. unterhielt einen Dachdeckerbetrieb. In diesem Betrieb arbeitete auch der Bruder von Herbert K. Dieser Bruder war offensichtlich Dachdecker. Den Vater habe ich seltener gesehen. Er hat bei mir keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ein Kontakt fand mit seiner Mutter statt. Wie im Ruhrgebiet nicht unüblich, hielt ich mich in der Wohnküche auf, wenn ich in die elterliche Wohnung gebeten wurde. Frau K. war eine Matrone, der Herzlichkeit und Wärme nicht abzusprechen waren. Da ich Herbert K. in einem bestimmten Zeitraum oft besuchte, entwickelte sich zwischen seiner Mutter und mir durchaus eine zwischenmenschliche Beziehung. Als noch an eine weitere schulische Ausbildung für Herbert gedacht wurde, widmeten wir uns auch zuweilen in der Wohnküche den von mir mitgebrachten Schulbüchern. Den größten Teil der Zeit verbrachten wir jedoch außerhalb der Wohnung der Familie K. statt. Zu dem erwähnten Grundstück zählte auch eine Wiese mit recht kurzem Gras. Diese Wiese wurde oft zu sportlichen Aktivitäten genutzt. In besonderem Maße wurden auf dieser Wiese Fußballspiele ausgetragen. Hieran nahmen häufig Personen teil, die diesen Sport mit Erfolg betrieben. Ein Jüngling hatte schon in der Jugendauswahlmannschaft des Kreises Arnsberg gespielt. Hannes M. spielte mit neunzehn Jahren in einer Ersten Herrenmannschaft. Aber auch Herbert K. hatte schon in der Ersten Herrenmannschaft von Weitmar 09 gespielt. Be einem Spiel, an dem er mitwirkte, war ich zugegen. Herbert hatte mir sogar eine Eintrittskarte besorgt. Soweit ich mich entsinnen kann, spielte er nicht gerade überragend, war aber auch kein Ausfall. Im lokalen Sportteil der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung wurde sein Auftritt gewürdigt. Die Kritik fiel nicht negativ aus. Bei mir ist haften geblieben, dass ihm angeraten wurde, seine Schnelligkeit zu steigern. An weitere Spiele von Herbert in der Ersten Herrenmannschaft von Weitmar 09 kann ich mich nicht erinnern. Es wurden jedoch weiterhin mit wechselnder Beteiligung auf der besagten Wiese Fußballspiele von teils beachtlichem Niveau ausgetragen. An diesen Spielen nahm zuweilen auch Herberts Bruder teil. Da Herbert meines Wissens sein gesamtes Leben in Bochum-Weitmar verbracht hatte, bestanden zahlreiche Kontakte zu jungen Leuten aus dieser Gegend. So hatte auch ich Gelegenheit, diese kennen zu lernen. Sehr gut gefiel mir der oben erwähnte Hannes M., der als Verkaufsfahrer arbeitete. Hannes M. war ein hoch gewachsener junger Mann von freundlicher Wesensart, der einen intelligenten Eindruck machte. Häufiger schloss sich uns ein nicht schlank zu nennender Jüngling an, der mir durch eine gewisse Beredsamkeit in Verbindung mit einem nicht unbeträchtlichen Mitteilungsdrang aufgefallen war. Er befand sich auch nicht mehr in Schulausbildung. Sein Name und sein Beruf sind mir entfallen. Ich nenne ihn hier BJ für Bochumer Junge. Auch BJ wirkte auf mich nicht unsympathisch, wenn auch sein Geltungsdrang mir nicht unbedingt zusagte. Ein anderer junger Mann, dem wir auf Gängen durch Weitmar öfter trafen, war bei einem sexuellen Abenteuer mit einem Mädchen im Freien belauscht worden. BJ erzählte ausführlich in zotenhafter Manier von dieser Begebenheit und wiederholte auch die Worte, die der besagte Aktivist bei seinen Bemühungen gesprochen haben soll. Die Behandlung dieser Begebenheit durch BJ sagte mir als Verletzung der Intimsphäre des Aktivisten nicht zu. Aber ich sagte aus taktischen Gründen nichts hierzu.

In jenen Jahren waren Fernsehapparate in deutschen Haushalten noch nicht allzu zahlreich vertreten. Diese Geräte waren jedoch in Gastwirtschaften aufgestellt. Bei Übertragungen von Fußballspielen schalteten die Gastwirte ihre Fernsehgeräte gern an. Bei Spielen von einiger Bedeutung fanden sich stets viele Gäste ein. Es herrschte dann eine besondere Atmosphäre in dem betreffenden Lokal. Damals missfielen mir solche gemeinsamen Fernseherlebnisse keineswegs. Hin und wieder suchten wir jedoch auch Kneipen in Weitmar auf, ohne dass eine Fernsehübertragung eines Sportereignisses stattfand. Ich trank dann auch Bier. Dieses war nicht ganz unproblematisch, weil ich ja noch mit dem Fahrrad nach Hause musste.

07.01.08 

Der blaue Himmel über der Ruhr 

Menschen im Revier – Teil 2
 

Mein Kontakt mit jungen Menschen fand fast ausschließlich in der Schule und in der Wohnsphäre statt. Einen geringen Anteil hatten Freizeitaktivitäten, bei denen Menschen aus diesen Bereichen keine Rolle spielten. Besonders meine Teilnahme am unorganisierten Fußballsport brachte mich mit Menschen aus anderen Milieus in Berührung.

Zunächst nahm sich ein Mitschüler namens Wilfried meiner an. Wir betätigten uns unter anderem mit einem Fußball auf einem Sportplatz. Er nahm mich jedoch auch mit in die Wohnung seiner Eltern und stellte mich seiner Mutter vor. Wir gingen dann noch gemeinsam zum Klassenkameraden Klaus. Dieser hatte mit Fußball nichts im Sinn. Klaus interessierte sich vielmehr für Mathematik und die Naturwissenschaften. Ich wurde ebenfalls der Mutter von Klaus vorgestellt. Beide Mütter machten einen herzlichen und kontaktfreudigen Eindruck. Mit Wilfried trat ich noch weiterhin außerhalb der Schule in Kontakt. Ich entsinne mich, dass wir einmal gemeinsam zu einem Auswärtsspiel des VFL Bochum gefahren sind. Eine Freundschaft entwickelte sich zwischen uns jedoch nicht. Es bestand weiterhin ein kameradschaftliches Verhältnis. Wilfried hatte übrigens zu einem recht frühen Zeitpunkt unsere Klasse verlassen. Die Gründe hierfür sind mir entfallen. Ich verlor ihn dann aus dem Auge. Ein weiterer Mitschüler interessierte sich für mich. Dieser hörte auf den Kosenamen Teddy. Seinen Vornamen habe ich vergessen. Da seinerzeit Lehrer auf Gymnasien Schüler grundsätzlich nur mit dem Nachnamen ansprachen, hatten sich die Vornamen der Mitschüler nicht so intensiv eingeprägt, wie dieses heute der Fall ist. Teddy, der meines Wissens unsportlich war, lud mich zu sich nach Hause ein. Er wohnte in Herne. Ich fuhr mit der Straßenbahn dorthin. Wir unterhielten uns über schulische Dinge. Im Laufe des Gesprächs merkte ich, dass sich mein Mitschüler die Noten der Klassenarbeiten unserer Kameraden notiert hatte. Dieses empfand ich als befremdlich. Er lobte mich gegenüber seinen Angehörigen als guten Schüler. Dieses war mir ausgesprochen peinlich. Ich stellte diese Einschätzung in Abrede. Zutreffend ist, dass ich in der Obertertia in meiner schulischen Entwicklung eine ausgesprochen günstige Phase erreicht hatte. Vor allem in den Sprachen Griechisch und Englisch war mir ein besonderer Erfolg beschieden. Keine meiner Klassenarbeiten war mit einer geringeren Note als gut bewertet worden. In den Fächern Geschichte und Erdkunde wurden meine Kenntnisse als profund angesehen. Sogar in der von mir wenig geschätzten Disziplin Mathematik hatte ich zu meiner großen Überraschung in einer Klassenarbeit über imaginäre Zahlen, die allgemein sehr schlecht ausgefallen war, mit gut abgeschnitten. In anderen Fächern tat ich mich auch zu dieser Zeit ausgesprochen schwer. Ich denke da nur an Physik, Chemie und Biologie. In der Familie dieses Teddy lebte auch sein Großvater. Zu diesem hatte mein Mitschüler offensichtlich ein besonders enges Verhältnis. Mit diesem Großvater spielten wir längere Zeit Karten. Dann war das Abendessen für die Familie angerichtet. Ich wurde zu Tisch gebeten. Hier lernte ich auch den Vater und den Bruder des Teddy kennen. Der Vater machte einen gebildeten und distinguierten Eindruck. An der Tafel erschien er im Jackett und mit Krawatte. Der Familienvater sprach das Tischgebet. Man schlug das Kreuz und begann anschließend mit dem Essen. Es wurden angeregte Tischgespräche geführt. Hierbei erfuhr ich auch, dass der Bruder, der älter als Teddy war, Zögling eines Internats in Warburg. Ich versäumte es, Teddy meinerseits einzuladen. So wurde dieser Kontakt auf privater Ebene nicht weiter gepflegt. Später trieb Teddy in der Schule einen Kleinhandel mit dunklen kanadischen Zigaretten. Ich kaufte ihm einige Zigaretten ab. Auch dieser Mitschüler verließ die besagte Klasse früh. Sein weiterer schulischer Weg ist mir nicht gegenwärtig. In meinen ersten beiden Jahren in Bochum lud mich noch der Klassenkamerad Walter zu sich ein. Mit anderen Mitschülern hatten wir denselben Heimweg. Im Kunstunterricht sollte mittels eines Kartoffeldrucks ein bestimmter farbiger Zierfisch dargestellt werden. Da ich mich in meinen frühen Jahren weitgehend der Bastelarbeiten enthalten hatte, war ich in der Handhabung kunstgewerblicher Techniken ungeübt. Walter versprach, mir bei dieser Aufgabe auf die Sprünge zu helfen. Ich brachte dann unter seiner Anleitung einen entsprechenden Kartoffeldruck zustande. Bei unserem Beisammensein war zeitweilig auch Walters Mutter zugegen. Auch Walter verfiel der Unsitte, mich gegenüber seiner Mutter als guten Schüler darzustellen. Auf meinen Widerspruch warf diese ein, ich solle mein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Mit Walter entwickelte sich ebenfalls kein privater freundschaftlicher Umgang. Es blieb bei diesem einen Treffen. 

03.12.07

Der blaue Himmel über der Ruhr

Menschen im Revier - Teil 1 - 

Schon bald nach meiner Ankunft in Bochum wurde ich der eigentümlichen Intonation und des mir fremden Wortschatzes der einheimischen Bevölkerung gewahr. Vokale wurden teils gedehnt teils sehr kurz ausgesprochen. Bezeichnungen für Lebensmittel unterschieden sich von den in Hamburg üblichen Benennungen. Aber auch für zahlreiche andere Lebensbereiche gab es eigene, im Ruhrgebiet entstandene Wörter. Ein Gewerbetreibender, der mit Lumpen, ausgesonderten Metallen, gebrauchten Flaschen, Altpapier und anderen ausrangierten Gegenständen handelte, wurde Klüngelskerl genannt. Eine Kreatur aus dem kriminell- pathologischen Bereich, die sich an Kindern verging, wurde Kinderlocker geheißen. Ein Bodentuch wurde als Aufnehmer bezeichnet. Für die hochdeutsche Formel „nicht wahr“ wurde im Ruhrgebiet „woll“ gesagt. Auch hörte ich hier Vornamen, die in Norddeutschland nicht gebräuchlich waren. Hierzu fallen mir spontan Mechthild und Friedhelm ein. Die Vulgärsprache verfügte über viele, mir unbekannte Wörter. Hiervon war der Bereich des Sexuellen nicht ausgenommen. Dieser Bereich wurde in Zeiten der Tabuisierung des Sexuellen von Jugendlichen naturgemäß gern angesprochen.

Menschen des Ruhrgebiets behaupten von sich und den Leuten ihrer Heimat häufig, dass sie offen und direkt sind. Diese Einschätzung kann ich durchaus bestätigen. Diese Eigenschaften ließen mich diesen Menschenschlag als nicht unsympathisch erscheinen. Während ich bei Gymnasiallehrern in Hamburg ein gewisses dünkelhaftes und auf Würde bedachtes Gehabe feststellen musste, fiel mir bei ihren Kollegen in Bochum eine Nähe zur Sphäre des Volkstümlichen auf. Dieses äußerte sich in einer schlichten, teils sogar derben Ausdrucksweise, die sich gern des Idioms „des Mannes auf der Straße“ bediente. So vernahm ich zum Beispiel aus dem Mund eines Studienrats den Fluch „Himmel, Arsch und Zwirn“. Ein Englischlehrer äußerte sich über die Obertertia des Schuljahres 1956/ 1957 des Staatlichen Gymnasiums Bochum, dass er es mit einer Ansammlung von Hohlköpfen und Nichtskönnern zu tun habe. Ein anderes Mitglied des Lehrkörpers, das Deutsch und Geschichte aber auch Sport unterrichtete, interessierte sich wie viele Bewohner des Ruhrgebiets für Fußball. Dieser Lehrer bedauerte es, den Trainer des örtlichen Fußballvereins mit einem Wort belegen zu müssen, das mit dem Buchstaben A beginnt. Mehr der Mentalität des Ruhrgebietsmenschen entsprach die Aufforderung einer weiteren Lehrperson, dass man bei der Bewältigung des Unterrichtsstoffes noch eine Schippe zulegen müsse. Mein letzter Klassenlehrer berichtete, dass er gern am Tresen einer Kneipe den dort geführten Gesprächen über Politik zuhöre. Diese Form der Freizeitgestaltung betrachtete er als interessant und für ihn lehrreich. Dieser Philologe nahm auch Anhänger des Fußballvereins Schalke 04 in Schutz, die auf den Rängen der „Glückauf-Kampfbahn“ im Jahr 1958, als diese Mannschaft Deutscher Fußballmeister wurde, grölten „Schalke, Schalke über alles“. Soweit ich mich entsinnen kann, begründete er sein Eintreten für diese Mitbürger damit, dass ihnen ja so wenig geblieben wäre, auf das sie noch stolz sein könnten. Der Vorgänger dieses Philologen in der Funktion als Klassenlehrer, ein Altphilologe, berichtete mit unverhohlenem Stolz, dass der Inhaber eines Hotels ihm auch wegen seiner vielseitigen und umfassenden Sprachkenntnisse einen Posten an der Rezeption angeboten habe. Über ein solches Ansinnen hätten in Hamburg tätige Altphilologen, die sich als Männer der Wissenschaft verstanden, meines Erachtens nur die Nase gerümpft. Ein junger Griechischlehrer schlug in der Obersekunda vor, eine Vertretungsstunde mit einem Fußballspiel auf dem Schulhof auszufüllen. Dieser Lehrer entledigte sich seines Jacketts und nahm als Aktiver an diesem Fußballspiel teil. Hierbei darf man nicht vergessen, dass es sich bei Fußball um eine Kampfsportart handelt, bei der es nicht immer gesittet zugeht.  

26.11.07

Der blaue Himmel über der Ruhr 

Berührung mit der bürgerlichen Kultur in Bochum
 
In Zeiten des Wirtschaftswunders floss relativ viel Geld in die Kassen de Gemeinden des Ruhrgebiets. Es konnte daher auch ein Neubau für das Stadttheater Bochum errichtet werden. Das Stadttheater Bochum hatte einen guten Ruf in der deutschen Theaterlandschaft. In kulturell interessierten Kreisen wurde während meines Aufenthalts in Bochum das verdienstvolle Wirken des früheren Intendanten Saladin Schmidt gepriesen. Zum damaligen Zeitpunkt war die Intendanz dieses Theaters einem Herrn Schaller übertragen. Auch dieser Intendant erfreute sich eines guten Rufs. Am Stadttheater Bochum wurde besonders das Werk Shakespeares gepflegt. Es wurden aber auch die Dramen zeitgenössischer Autoren inszeniert. Ich erinnere mich noch, dass eine Inszenierung von Sartres Stück „Die Fliegen“ erwähnt wurde und auch Dürrenmatts Schauspiel „Besuch der alten Dame“ in jenen Tagen auf dieser Bühne aufgeführt wurde. Meine Eltern suchten dieses Theater mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf. Es kann sogar sein, dass sie Abonnenten waren. Ich kann mich nur entsinnen, dass ich für Schulen bestimmte Aufführungen des Stadttheaters Bochum beiwohnte. Besonders beeindruckt hat mich offensichtlich eine Aufführung von Shakespeares „Macbeth“. Ich kann mich heute noch an dieses Ereignis erinnern. Andere Aufführungen hingegen entziehen sich meinem Erinnerungsvermögen. Leider wurde eine Leidenschaft fürs Theater während meines Aufenthalts in Bochum noch nicht in mir entfacht. Diese zeigte sich erst später nach meiner Rückkehr in Hamburg. Es wurde jedoch mein Interesse für das Werk Shakespeares geweckt. Ich kaufte mir Texte von Shakespeares Dramen, hierzu zählten auch zweisprachige Ausgaben, und las diese mit großem Eifer. Die Freude am Lesen von Dramen hält übrigens bei mir bis heute an.

Sofern meine Erinnerung mich nicht trügt, gab es seinerzeit auch ein Orchester der Stadt Bochum. Ich meine, mich daran erinnern zu können, dass ich bei Konzerten, die dieses Orchester für Schüler gab, zugegen war.

Auch das Ausstellungswesen wurde in Bochum gepflegt. Im Rahmen schulischer Veranstaltungen wurden auch Kunstausstellungen besucht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es damals bedeutende öffentliche Kunstsammlungen in Bochum gab. Diese befanden sich vielmehr in den Nachbarstädten Essen und Wuppertal. Mein Interesse für die bildende Kunst wurde jedoch schon in den späten Fünfziger Jahren geweckt. Meine älteste Schwester studierte in diesen Jahren an der Folgwangschule zu Essen Grafikdesign. Bei dieser Orientierung war sie naturgemäß an moderner Kunst interessiert. Gemeinsam mit ihrem Freund besuchte sie im Ruhrgebiet Kunstausstellungen. Ich schloss mich diesen Unternehmungen zuweilen an. Auch besaß sie Kunstbildbände und andere Kunstbücher. Diese Bücher arbeitete ich intensiv durch. In meinem Besitz waren auch einige Kunstbücher. In dieser Zeit begann ich Kunstpostkarten zu sammeln. Bald hatte ich eine stattliche Sammlung zusammen.

Ende der Fünfziger Jahre interessierte ich mich plötzlich stark für Literatur. Ich bediente mich gern der elterlichen Büchersammlung. Ferner lieh ich mir Bücher aus der Bibliothek des Staatlichen Gymnasiums Bochum aus. Außerdem stöberte ich zielstrebig in Buchhandlungen. Ich kaufte vor allem Taschenbücher. Ich las Werke Dostojewskis, Tolstois, Gogols, Tschechows, Thomas Manns, Hesses, Hemingways, Thomas Wolfes, Gerhart Hauptmanns, Bölls, Ipsens, Hamsuns, Shaws und vieler anderer Autoren.    

19.11.07

Der blaue Himmel über der Ruhr

Positive Aspekte in Bochum

Bei meinem Aufenthalt im Ruhrgebiet merkte ich bald, dass nicht die gesamte Region in Hässlichkeit erstarrt war. Zunächst erkundete ich die nähere Umgebung der elterlichen Wohnung. Auf der anderen Seite der Hauptstraße, an der wir wohnten, entdecke ich in einiger Entfernung umfangreiche Grünanlagen. Innerhalb dieses Grüngürtels befand sich auch ein Freibad. Auch eine Radrennbahn war in diesem Gebiet errichtet worden. Ein familiärer Spaziergang führte mich bald in den Stadtpark der Stadt Bochum. Dieser liebevoll angelegte und gepflegte Park versöhnte mich mit meinem ersten Eindruck von der Stadt Bochum als einer Ansammlung von schmutzig grauen, abstoßenden Gebäuden. Auch ein Gewässer gehörte zu dieser Parkanlage. Das Gewässer wurde in der Bevölkerung Stadtparksee genannt. Später ruderte ich unbeholfen in Mietbooten auf dem Stadtparksee. An den Stadtpark schloss sich ein kleiner Zoo an. Dieser war in keiner Weise mit dem von mir geschätzten Hagenbecks Tierpark in Hamburg- Stellingen zu vergleichen. Mich stellten jedoch auch schon kleinere Dimensionen zufrieden.

In meiner Kindheit und frühen Jugend hatte ich ein besonderes Verhältnis zur Natur entwickelt. Vor allem gärtnerische Anlagen hatten es mir angetan. Zur Gartenarbeit fühlte ich mich hingezogen. Ich habe daher in besonderem Maße im Frühjahr, Sommer und Herbst des Jahres 1954 den zur angemieteten Doppelhaushälfte gehörenden Garten des Domizils unserer Familie gepflegt. Hierbei habe ich den Vorgarten mit Blumen bepflanzt, deren Erwerb ich zum Teil von meinem kargen Taschengeld bestritten habe. Zu den Blumen, die ich gepflanzt habe, gehörten Tagetes, Petunien, Salvien und Begonien. Zumal der Vorgarten machte einen guten Eindruck. Für meinen gärtnerischen Einsatz wurde ich allgemein gelobt. Zu den Personen, die mir Lob zuteil werden ließen, zählte auch ein im Fach Gartenbau kundiger Nachbar. Diese Zustimmung war mir nicht unangenehm.

Da mir in Bochum kein Garten für mein gärtnerisches Hobby zur Verfügung stand, blieb mir insoweit ein Erfolgserlebnis versagt. Meine Verbundenheit mit der Natur fand andere Wege. Zunächst lernte ich das Ruhrtal auf Ausflügen mit der Familie kennen. Ich war angenehm überrascht, in unmittelbarer Nähe der dicht besiedelten Industrielandschaft ein reizvolles Stück Natur zu erleben. Später wurde meine Begegnung mit dieser weitgehend naturbelassenen Region noch durch einen ausgiebigen Schulausflug vertieft. Diese hügelige Landschaft mit ihrer Vielfalt an Laubbäumen und Buschwerk war für mich eine erfreuliche Entdeckung.  

12.11.07

 

Der blaue Himmel über der Ruhr

 

Missvergnügen bei der Ankunft in Bochum

 

Die Forderung nach dem blauen Himmel über der Ruhr stand im Programm des Wahlkampfes der SPD für die Bundestagswahl 1961.

Ich kam im April des Jahres 1955 ins Ruhrgebiet. Mittelpunkt meiner Lebensverhältnisse sollte die Stadt Bochum werden. Zu dieser Zeit war von einem blauen Himmel nicht viel zu sehen. Die Durchsetzung ökologischer Ziele lag auch noch in weiter Ferne. Die Regierungspartei CDU propagierte Wohlstand für alle. Grundlage für die Schaffung von Wohlstand für breite Schichten der Bevölkerung bildeten damals Kohle und Stahl. Kohle wurde vor allem im Ruhrgebiet gefördert. Stahl wurde hauptsächlich in eben dieser Region produziert. So gab es 1955 mehrere Zechen in Bochum. Auch war diese Stadt Standort der Stahlproduktion. Unter den Stahlwerken kam dem Bochumer Verein eine besondere Bedeutung zu. Hier wurde Gussstahl hergestellt, dessen Qualität allerorten gerühmt wurde. Die Bevölkerung des Ruhrgebiets war in hohem Maße gesundheitlichen Gefährdungen ausgesetzt. Ich kann mich entsinnen, häufig gehört zu haben, dass wieder einmal irgendwelchen im Ruhrgebiet lebenden Personen die Rachenmandeln entfernt worden wären. Auch wurde in meiner Gegenwart über entsprechende Erhebungen hinsichtlich der besonderen Exposition der Bevölkerung des Ruhrgebietes für Erkrankungen des Rachenraumes gesprochen. Diese besondere Exposition dürfte auch für andere Erkrankungen der Atemwege bestanden haben.

Nicht fern von der ersten elterlichen Wohnung hatte man einen vortrefflichen Ausblick auf ausgedehnte Industrieanlagen. Aus den mir als äußerst hoch erscheinenden Schloten drangen immense Rußwolken. Auf den Fensterbänken der besagten Wohnung bildete sich bei geöffnetem Fenster in kurzer Zeit eine Schicht feiner schwarzer Körnchen. Während längerer Trockenperioden nahm ich besonders auf den Blättern von Sträuchern eine extreme Schmutzschicht wahr. Beim Aussteigen aus dem D-Zug im damaligen Hauptbahnhof Bochum am Umzugstag erschien mir dieser wohl wegen der dominierenden Grautöne als dreckig. Ein erster Rundgang durch die Stadt Bochum hinterließ bei mir einen verheerenden Eindruck. Nach meiner Erinnerung lag die Stadt an diesem Tag unter einer dichten Wolkendecke. Wohin ich auch blickte, stießen meine Augen auf schmutziges Grau. Ich erlebte Bochum als graue Stadt im Landesinneren. Später schien mir die Stadt auch an wolkenlosen Sonnentagen noch unter einer Dunstglocke zu stecken. In der ersten Zeit deprimierte mich der Aufenthalt in der Stadt Bochum.

05.11.2007

Die Elbe als Erlebnisraum

Meine Beziehung zur Elbe in Kindheit und früher Jugendlichkeit 

Die Region der Unterelbe bekommt hinter dem Hamburger Hafen einen eigenen Charakter. Das diesseitige Ufer weist weniger verdichtete Bauweise auf. An diesem Abschnitt des Elbufers sind Strände und Rasenflächen auszumachen. Ich habe mich hier in meiner Kindheit oft aufgehalten. Meine Mutter wohnte einst mit meiner Schwester und mir am Elbufer. Die Wohnung befand sich am Falkensteiner Ufer. Ich kann mich an diese Zeit nicht mehr erinnern. Später wurde mir auf Ausflügen dieses Haus vom Elbuferweg aus gezeigt. Meine Mutter gab diese Wohnung jedoch im Zweiten Weltkrieg auf und wir zogen ins Haus ihrer Eltern nach Eilbek. Dort wähnte sie sich und ihre Kinder sicherer. Dieses war jedoch ein Trugschluss. Das Haus in Eilbek wurde von Bomben getroffen. Das diesseitige Elbufer blieb hingegen außerhalb der Hafenanlagen von Bomben verschont. Hier hätte ich wohl eine interessante frühe Kindheit verbringen können. Ein beliebtes Ausflugsziel war in meiner Kindheit für meine Verwandten stets Blankenese. Besonders Ausflüge mit meiner Großmutter nach Blankenese sind mir im Gedächtnis haften geblieben. Diese Ausflüge waren mit Besuchen in den in Blankenese gelegenen Cafes mit Elbblick verbunden. Besonders beeindruckt hat mich ein am Hang der Straße Hoher Weg gelegenes Cafe. Dieses mir als geräumig erschienene Haus bestand zu einem großen Teil aus Holz und bot einen sehr schönen Ausblick auf die Elbe. Neben diesem bemerkenswerten Bau führte ein gewundener Weg durchs Treppenviertel  zum Elbufer. Ein anderes Cafe, in das meine Großmutter mich mitnahm, lag direkt am Elbufer. Wir gingen anschließend hieran noch spazieren. Bei diesen Spaziergängen wurden die Schritte in Richtung Wittenberge gelenkt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir je dort angekommen wären. Als Kind erschien es mir so, als hätten wir nicht unbeträchtliche Strecken zurückgelegt. Lange Zeit später unternahm ich häufig Wanderungen von Altona nach Wittenberge. Hierbei erlebte ich die Strecke von Blankenese nach Wittenberge als sehr kurz. In der Welt des Kindes ist die Wahrnehmung von Dimensionen offensichtlich sehr eigenwillig. In meiner Kindheit war ich auch zuweilen am Strand von Wittenberge. Hier fühlte ich mich wohl. Der Elbstrand bei Wittenberge gefiel mir ebenso gut wie die Strände der Ostsee und Nordsee.

Das Gebiet der Elbmündung lernte ich meines Wissens erst 1952 kennen. Meine Großmutter hatte in Begleitung meiner ältesten Schwester während der schulischen Sommerferien Quartier in Cuxhaven – Duhnen genommen. Meine Mutter und ich besuchten sie in dieser Sommerfrische. Dieser Besuch war auch mit Übernachtungen verbunden. Mit welchen Verkehrsmitteln wir dort hingekommen und wieder zurückgekehrt sind, kann ich heute nicht mehr sagen. Im Jahr 1952 verkehrten Linienschiffe von Hamburg nach Cuxhaven. Eine Passage mit diesen Schiffen war beliebt. Es ist daher nicht auszuschließen, dass auch wir Cuxhaven per Schiff erreicht hatten. Ich meine mich entsinnen zu können, dass ich mich am Hafen dieser Stadt aufgehalten hatte. Auch wurde meines Wissens die bekannte Kugelbake aufgesucht.

Im Jahr 1954 nahm ich als Schüler des Christianeums an einer mehrtägigen Klassenfahrt teil, die von Hamburg nach Cuxhaven führte. Ein beträchtlicher Teil wurde zu Fuß zurückgelegt. Hin und wieder jedoch auch für gewisse Strecken die Bahn genommen. Übernachtet wurde in Jugendherbergen. In Erinnerung geblieben sind mir vor allem die Jugendherbergen in Buxtehude und Cuxhaven. Die Jugendherberge in Buxtehude befand sich in einem Turm. Die Jugendherberge in Cuxhaven lag nach meiner Erinnerung in Wassernähe. In meinem Gedächtnis eingeprägt hat sich eine Wanderung in der Marschlandschaft im Raum Otterndorf bei warmem und sonnigem Wetter. Eine lange Strecke wurde auf einem Deich zurückgelegt. Dort ist man bekanntlich besonders der Sonne ausgesetzt. Dieser Marsch in der Sonne setzte einigen Mitschülern doch recht arg zu. Aber auch ich, der ich schon damals gern und ausdauernd wanderte, war froh als diese Wanderung unter erschwerten Bedingungen beendet war.   


29.10.2007

Die Elbe als Erlebnisraum

 
Erinnerung an den Hafen und die Werftindustrie

 
In den ersten Jahren nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland erfreute sich die Werftindustrie in Hamburg einer bemerkenswerten Blüte. Die Arbeitskosten waren gering, die Arbeitskräfte gut ausgebildet und motiviert. Die Relation der D -Mark zur Leitwährung, dem Dollar, war für die Exportwirtschaft günstig. Der Gegenwert eines Dollars betrug 4,20 DM. Schiffsraum war weltweit begehrt. Besonders Tankschiffe wurden nachgefragt. Ich erinnere mich an die Deutsche Werft, die Stülcken Werft, die Schliecker Werft und die Werftbetriebe Blohm und Voss. Bei Spaziergängen am diesseitigen Elbufer bestaunte ich immer wieder die mir gigantisch erscheinenden Werftanlagen. Die Helgen mit den dort befindlichen Schiffsneubauten waren auch aus der Entfernung gut auszumachen. Auch beeindruckten mich die Trockendocks, die Schiffe zur Reparatur aufgenommen hatten. In diesen Jahren war es sehr beliebt, Stapelläufe aus der Entfernung zu betrachten. Ich empfand es als aufregend, wenn die Schiffskörper in die Elbe glitten. Es waren in der Tat meist Tanker. Der Reeder Onassis hatte mehrere große Tanker für Hamburgs Werftindustrie in Auftrag gegeben. Viel geredet wurde über einen Tanker mit Namen

Tina Onassis, der besonders groß war. Auch ich konnte ihn vom diesseitigen Elbufer bestaunen. Einen Stapellauf konnte ich in meiner Kindheit sogar aus der Nähe betrachten. Ich durfte gemeinsam mit den Mädchen und Jungen meiner Grundschulklasse auf Werftgelände diesem Ereignis, dem eine Schiffstaufe vorausgegangen war, beiwohnen. Dieses war naturgemäß für uns Kinder, die noch nicht einer Reizüberflutung ausgesetzt waren, ein besonderer Tag.

Unser Familienvater hatte Anfang der fünfziger Jahre als Ingenieur auf einem Tanker der Reederei Essberger angeheuert. Ich durfte in Begleitung meiner Mutter an Bord dieses im Hamburger Hafen liegenden Schiffes gehen. Ich weiß noch, dass ich mich in der Kabine des Familienoberhauptes aufhielt. Ich sehe noch die weiß gestrichenen Eisenwände der Kabine und des Ganges, der zu dieser führte, vor mir. Ich wurde angehalten, von oben einen Blick in den mir gewaltig erscheinenden Maschinenraum zu werfen. Obwohl ich technisch nicht sonderlich interessiert war, war ich doch von der Dimension dieser blank geputzten Maschinerie tief beeindruckt. Besonders hat sich in meinem Gedächtnis die Abfahrt dieses Tankers festgesetzt. Die Seemannsfrauen hatten nämlich eine Barkasse gechartert, die in einigem Abstand dem auslaufenden Tanker John Augustus Essberger folgte. Auch meine Mutter und ich hatten sich an Bord dieser Barkasse begeben. Die Stimmung an Bord empfand ich als etwas wehmütig. Etlichen Seemannsfrauen rannen vom Abschiedsschmerz überwältigt die Tränen über das Gesicht. Andere winkten mit einem Lächeln stürmisch in Richtung des auslaufenden Tankers.

Ich meine, mich zu entsinnen, dass ich bereits in den frühen fünfziger Jahren in Begleitung jeweils verschiedener Personen wiederholt an Hafenrundfahrten teilnahm. Nach meiner Erinnerung wies der Hafen zu diesem Zeitpunkt noch Zerstörungen durch den Bombenkrieg auf. Die Hafenanlagen waren nach heutigen Maßstäben recht schlicht. Die einzelnen Hafenbecken hatten spezielle Funktionen. Ich erinnere mich an einen Getreidehafen und einen Kohlehafen.

In der heute als Veranstaltungsraum genutzten restaurierten Fischauktionshalle fanden damals noch Versteigerungen der angelandeten Fische statt. Wir besichtigten 1951 oder 1952 mit der Grundschulklasse die Fischauktionshalle während der Betriebszeit. Ich sehe noch vor mir die Mengen des in der Halle ausgestellten Fisches. In meinen Ohren klingt noch die Stimme des Auktionators, der den angelandeten Fisch versteigerte. Die Gesichter und Stimmen der bietenden Händler haben sich mir nicht eingeprägt. Fisch war in diesen Jahren der begrenzten Mittel ein beliebtes Nahrungsmittel. Es gab besonders in Altona mehrere Fischräuchereien. Vor allem der Bückling wurde in breiten Schichten der Bevölkerung häufig verzehrt.   

 

 

 

22.10.2007

Die Elbe als Erlebnisraum

 

Fahrten auf der Oberelbe in der Kindheit

Aus meiner Schulzeit blieb bei mir der Begriff der potamischen Kulturen hängen. Diesen Begriff verband ich stets mit der Elbregion. Bereits früh wurde ich an diesen Fluss geführt. Er war in meiner Kindheit ein beliebtes Ausflugsziel. Der Elbstrand war in kargen Zeiten für Kinder ein besonderer Aufenthaltsort, der eine willkommene Abwechslung bot. Als Kind löschte ich einst meinen Durst mit Elbwasser, das ich aus einem kleinen mit einem Rand ausgestattetem Deckel trank. Folgen hat diese gewagte Erquickung meines Wissens nicht gezeitigt.

 Später fuhr ich mit anderen Kindern von den Landungsbrücken mit Raddampfern elbaufwärts nach Moorwerder. Dort befand sich für Kinder eine Erholungseinrichtung in Gestalt einer Tagesstätte. In dieser Einrichtung war auf einem geräumigen Areal ein großes Haupthaus errichtet, in dem vor allem Mahlzeiten an eine beträchtliche Anzahl von Kindern verabreicht wurden. Auf einer weiträumigen Rasenfläche konnte man sich lagern. Sie wurde aber auch für zahlreiche Spiele genutzt. An diese Rasenfläche schloss sich ein Sportplatz mit einem Sandbelag an. Hier wurden häufig Fußballspiele ausgetragen, an denen ich zuweilen teilnahm. Als wesentlichen Bestandteil dieser Anlage, die auf einer Landzunge von Wasser umgeben war, empfand ich den Strand mit der von Bojen eingegrenzten Badegelegenheit. Der Strand mit seinem feinen Sand lud ein zu Ballspielen, im Elbwasser wurde ausgiebig gebadet. Das zur Erholungsstätte gehörende Flussbad befand sich in der Süderelbe. Nach meiner Erinnerung hatte die gesamte Umgebung der besagten Anlage einen ländlichen Charakter mit großen Weideflächen. Moorwerder lag in einiger Entfernung von den Hafenanlagen Harburgs. Das Wasser der Süderelbe wurde an dieser Stelle fern von den Ballungsräumen von den Behörden offensichtlich als unbedenklich eingestuft. Ich kann mich jedenfalls an grobe Verschmutzungen nicht erinnern. Nach meinem heutigen Bewusstsein habe ich die täglichen Fahrten nach Moorwerder mit den altertümlichen Raddampfern, von denen einer Hugo Basedow hieß, sehr genossen. Die Raddampfer verfügten über hohe Schornsteine, die bei den Elbbrücken von den Matrosen mittels eines Seils eingezogen wurden. Dieser Vorgang war immer ein besonderes Schauspiel, das stets die Aufmerksamkeit der Passagiere erregte. Mit dem damals sehr beliebten Akkordeon wurde häufig von Erwachsenen gespielt. Auch stimmte man gern Volkslieder an, in die bestimmte Gruppen einfielen. Für Unterhaltung an Bord war somit zumeist gesorgt.

Ein Ehepaar, mit dem meine Eltern Umgang pflegten, besaß ein Motorboot mit einer Kajüte. Mit diesem Vehikel wurde meines Wissens vor allem die Oberelbe befahren. Ich nahm an mehreren Fahrten teil. Mit dem Vater und dem älteren Sohn der Familie verband mich das gemeinsame Interesse am Fußballsport. Dem Vater Helmuth begegnete ich zuweilen auf meinem Weg zu der in der Griegstraße in Bahrenfeld gelegenen „Adolf Jäger Kampfbahn“, um dort Fußballspiele von Altona 93 anzuschauen. Mit dem Sohn Hans-Jürgen spielte ich manchmal Fußball. Die Fahrten mit dem Motorboot erschienen mir als sehr langwierig. Ich kann mich noch daran erinnern, dass Hans-Jürgen einmal auf der Rückfahrt eingeschlafen war.

Die Oberelbe wurde zu dieser Zeit, kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland kaum von Motorbooten befahren. Auch die Binnenschifffahrt fand nur in begrenztem Umfang statt. Diese Ausfahrten hatten einen ruhigen und beschaulichen Charakter, zumal auch die Ufer der Oberelbe nicht allzu sehr besiedelt schienen. In diesem Zusammenhang war zu beachten, dass sich die Demarkationslinie zu den Staaten des Ostblocks nicht in allzu weiter Ferne befand. Es kam jedoch auf einer Fahrt bei einer Rast auch einmal zu einem Kontakt mit einheimischen Jungen. Mit diesen wurde ein Fußballspiel veranstaltet.

22.10.2007

Ein Mythos um die Menschen Galliens

 

Isabelle Adjani spielte früher in vielen gern gesehenen französischen Filmen mit. Es liegt der Verdacht nahe, dass sie diese Rollen vor allem ihrer erotischen jugendlichen Ausstrahlung verdankte. Es darf jedoch nicht unerwähnt gelassen werden, dass sie sich der besonderen Gunst des Regisseurs Francois Truffaut erfreute. Dieser war offensichtlich selbst “Der Mann, der die Frauen liebte”. Ihm werden zahlreiche Affären mit Filmschauspielerinnen nachgesagt. Isabelle Adjani soll sich ihm jedoch entzogen haben.

In Frankreich standen attraktive junge Frauen stets im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Die Franzosen betrachteten Frankreich stets als das Land der Liebe schlechthin. Dieser Mythos wurde von anderen Völkern gern übernommen. Es hatte sich die Meinung gebildet, dass die Franzosen in Sachen Erotik einfach weiter waren als andere Völker. Sie galten als galanter, phantasievoller und raffinierter. Französinnen wurden als etwas besonderes angesehen. Besonders bestimmten Filmschauspielerinnen wurde ein hoher Rang zuerkannt. Hier sind in erster Linie Jeanne Moreau und Brigitte Bardot zu nennen. Bei den Sängerinnen hatten Edith Piaf und Mireille Mathieu viele Bewunderer. Das Chanson wurde als besondere Kunstform in Ehren gehalten. Mit dieser Liedform, bei der Erotik nicht ausgespart wurde, verband man Niveau, Gehalt und Stil. Früh fand die Erotik Eingang in französische Filme. In erotischen Szenen wurde bereits in prüden Zeiten intensiv der nackte weibliche Körper gezeigt. Dieses geschah schon in den fünfziger Jahren mit einer Selbstverständlichkeit und Sachlichkeit, die vielen Regisseuren anderer Länder noch fremd waren. Diese Filme wurden in Deutschland stets gut besucht. Sie wurden von vielen bestaunt und erfreuten sich auch unter Kennern einer großen Beliebtheit. Hierdurch wurde der Mythos weiter ausgebaut. Mich hat von den französischen Filmschauspielerinnen in späterer Zeit Irene Jacob fasziniert. In Zeitungen wurde die erotische Ausstrahlung und die starke Persönlichkeit der nunmehr dreiundvierzigjährigen Emmanuelle Beart gepriesen. Da ich mir jedoch seit geraumer Zeit, obwohl ich mich in jungen Jahren als Cineast verstand, nur wenige Filme angesehen habe, kann ich mir hierüber kein Urteil erlauben.

Mir fällt noch ein, dass schon Goethe Mephisto in einem Dialog mit Faust, bei dem es um dessen Begierde nach Gretchen ging, sagen lässt: “Du sprichst ja fast wie ein Franzos”.

30.07.2007

Protest und Jugendkultur 

Die "Alte Linke" wird heute gern von jungen Leuten verspottet. Vor allem in den Köpfen der jüngeren Generation mit akademischem Hintergrund hat sich ein Bild vom Typus des “Achtundsechzigers” festgesetzt. Dieses Bild stammt zum Teil aus Filmmaterial, das Studierenden als Lehrmaterial gezeigt wurde. Die Exponenten des damaligen Jugendprotestes wurden von der nachgeborenen Generation zum Teil als lächerliche Figuren erlebt. Dieses Phänomen beruhte auch auf dem Erscheinungsbild der Protestler. Sie waren ja so furchtbar ungestylt und wirkten mit ihren langen, teils fettigen Haaren sowie den ungestuzten Rauschebärten ungepflegt. Auch die nicht sorgfältig zusammengestellte Kleidung vieler Protestler findet nicht den Beifall der Nachgeborenen. Die aufmüpfigen jungen Leute der späten sechziger Jahre wollten nichts weniger als dem “Establishment” angehören. Sie legten Wert auf “antiautoritäre” Strukturen. Später wurde von Soziologen die Auffassung vertreten, die eigenständige Jugendkultur sei auf das Wirken der “Achtundsechziger” zurückzuführen. Die Beweggründe der sich links gerierenden Leute sind der heutigen Jugend weitgehend fremd. Die jungen Leute wissen meist nicht, wie damals die Welt aussah. Die von der damaligen Avantgarde erkämpften Rechte werden als selbstverständlich angesehen. Zumal junge Frauen können sich offensichtlich nicht vorstellen, dass die Generationen vor ihnen viel weniger Möglichkeiten hatten, die vielgepriesene Selbtverwirklichung auszuleben. Die mit Nachdruck verteidigten Konventionen ließen wenig Raum für abweichendes Verhalten. Jeder Schritt vom Wege wurde wurde mit gesellschaftlichen Sanktionen bedacht. In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass es nur wenigen gegeben ist, die Außenseiterrolle gegen eine feindliche Umwelt eine längere  Zeit ohne Substanzverlust durchzuhalten. Individualität, die zugleich als exzentrisch erkannt wurde, war nur die Sache bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Hierbei wurde vor allem an Künstler und Gaukler gedacht. Aufgabe dieser Personengruppe war es, die Gesellschaft zu unterhalten. Folglich wurde ihr Narrenfreiheit zugestanden. Anderen wurde nicht einmal eine von der Norm abweichende Haartracht  zugebilligt. Auch war die Kleiderordnung einzuhalten. Heute kann sich jede junge Frau und jeder junge Mann nahezu alles herausnehmen. Ahndungen geschehen nur noch in der Arbeitswelt innerhalb bestimmter Berufsgruppen. Es wird jedoch eingeräumt,dass Jugend stets ihre eigenen Ausdrucksformen hatte. Dieses war auch in Zeiten gesellschaftlicher Stagnation und Restauration der Fall.Vor allem ist hier die Kleidung zu nennen. Auch in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts setzten sich junge Leute durch die Art sich zu kleiden gern von den anderen Generationen ab. In der heutigen Zeit wird mehr denn je die Identität eines jungen Menschen von der Kleidung, die er trägt, entscheidend geprägt. Eine besondere Rolle spielt hierbei die Markenkleidung. Diese wird in nahezu allen Jugenggruppierungen als unabweisbares Erfordernis angesehen. Wer hier nicht mithalten kann, wird nicht selten ausgegrenzt, wenn nicht gar gemobbt. Um dieser Fehlentwicklung zumindest im schulischen Raum entgegenzuwirken, wurde in manchen deutschen Lehranstalten wieder eine gemeinsame Kleidung eingeführt. 

25.06.2007 

Literatur und Bevölkerung 

Die Literatur findet heute trotz zahlreicher Leute mit der Berechtigung zum Hochschulbesuch verhältnismäßig wenig Freunde. Auch sind die guten jungen Schriftsteller nicht allzu zahlreich. Erstaunlich ist, dass viele Theater nach wie vor relativ gut besucht werden. Dieses dürfte jedoch vor allem damit zusammenhängen, dass Erlebnisse gesucht werden. Nur wenige werden das entsprechende Theaterstück zuvor gelesen haben. Fraglich ist, ob eine Nachbereitung stattfindet. Noch vor wenigen Jahren wurden Texte der jeweiligen Dramen an Verkaufsständen bereitgehalten. Nachdem die Oberschulen nicht mehr eine Domäne des Bildungsbürgertums sind, hat das Niveau hinsichtlich literarischer Fragen sehr abgenommen. Schriftsteller sind nur noch selten die Idole von Leuten mit Bildungsabschlüssen. Drehbuchautoren sind jedoch umworbene Zeitgenossen. Dieses gilt vor allem für Filme, die von Fernsehsendern in Auftrag gegeben werden. Aber auch Serien jeder Art benötigen Autoren. Hier finden Personen, die sich zum Schreiben berufen fühlen, ein reiches Betätigungsfeld. Bei den meisten dieser Auftragsarbeiten ist nicht gerade Tiefgang gefragt. Das gesendete Produkt soll Quote machen. Dieses gilt nicht nur für die privaten Sender. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender stehen im Wettbewerb. Sie mussten sich folglich anpassen. Man will den vermeintlichen Publikumsgeschmack bedienen. Das Niveau früherer Jahrzehnte wird daher nicht mehr erreicht. Nur wenige Sender bemühen sich noch, ein anspruchsvolles Programm zu bieten. Es wurden spezielle Kultursender ins Leben gerufen. Hieran beteiligen sich jeweils die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten verschiedener Staaten. Diese Anstalten strahlen Sendungen wie “Literatur im Foyer” und “Literaturclub” aus. Hier kommt der Literaturfreund noch zu seinem Recht.                               

 

 

25.06.2007 

Der Briefstil im Wandel der Zeiten 

Die Kunst des Schreibens ist heute seltener geworden. Vor allem ist guter Stil nicht mehr so häufig anzutreffen. Dem gesprochenen Wort wird schon seit geraumer Zeit viel Wert beigemessen. Auch das Telefon hat dazu beigetragen, dass im Privatleben Nachrichten nur noch selten durch einen Brief übermittelt werden. Noch vor einigen Jahrzehnten hingegen hatte das Verfassen eines Briefes für den privaten Bereich vor allem beim Bildungsbürgertum fast den Rang einer speziellen Kulturtechnik. Es bildete sich sogar der Briefroman als besondere Literaturgattung heraus. Zu bemerken ist ferner, dass im heutigen Leben das einst gern eingesetzte Telegramm sehr an Bedeutung verloren hat. Noch vor einigen Jahren wurden Nachrichten gern per Telefax übermittelt. Diese Methode des Kommunizierens wird jetzt sehr viel weniger gepflegt. Da heute Computer zu nahezu jedem Haushalt gehören, ist die Übermittlung von Nachrichten per E-Mail sowohl im privaten Sektor als auch im Geschäftsleben sehr bedeutugsvoll geworden. Auch das Internet bietet vielen Zeitgenossen die Möglichkeit, ihnen nahestehende Personen mit Nachrichten zu versorgen. Verfügt ein Nutzer des Internets erst über eine Homepage, kann er dort Mitteilungen veröffentlichen. Dieses ist vor allem für Mitmenschen mit einem großen Bekanntenkreis ein Weg, mit relativ wenig Aufwand viele Menschen anzusprechen. War das Handy zunächst nur unter Geschäftsleuten gebräuchlich, so wurde es schon wenige Jahre nach seiner Einführung in den entwickelten Gesellschaften zum Allgemeingut. Besonders junge Menschen fanden Gefallen an diesem Gerät und spielten bald virtuos auf diesem neuen Instrument. Die Anbieter des mobilen Telefonierens entwickelten mit dem Short-Message-System, das unter dem Kürzel SMS Eingang in die Umgangssprache fand, für den Geschäftsverkehr ein effizientes Mittel, anderen Leuten Informationen zukommen zu lassen. Die jungen Leute griffen diese Neuerung begierig auf und machten aus dem Kommunizieren mit SMS einen regelrechten Kult. Da man sich bei der Mitteilung per SMS kurz fassen muss, kristallisierte sich bei Könnern dieses Fachs eine prägnante und lakonische Sprache heraus. Diese Sprache hat in der jungen Generation den gepflegten Briefstil des Bildungsbürgertums ersetzt. 

 

 

18.06.2007

Privatfernsehen


Nach dem ersten gelungenen konstruktiven Misstrauensvotum propagierte Helmuth Kohl die geistig-moralische Wende. Grundlegende Änderungen in vielen Lebensbereichen wurden jedoch nicht eingeleitet. In einem Bereich kam es jedoch nach mehr als drei Jahrzehnten seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland zu einer entschiedenen Neuerung. Es wurden private Rundfunkanstalten und Fernsehsender zugelassen. Der damalige Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende war der Auffassung, dass seine Partei und das Wirken seiner Regierung bei manchen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht ins rechte Licht gerückt wurde. Er wähnte dort linke Systemveränderer am Werk. Deren Treiben erforderte nach Einschätzung des “fröhlichen Riesen” dringend ein Gegengewicht. Die Zulassung privater Fernsehsender hat in der Tat besonders das kulturelle Leben in Deutschland beeinflusst. Es kam indes nicht zu der vollmundig versprochenen neuen Vielfalt. Zunächst fehlte es den neuen Sendern an Programmen. Sie griffen daher auf das Repertoire des Filmhändlers Leo Kirch zurück. Gleichzeitig sollten jedoch auch hohe Einschaltquoten erzielt werden. Diese wurden für die werbende Wirtschaft benötigt. In den ersten Jahren wurden vermehrt Filme schlüpfrigen Inhalts mit vielen Nacktaufnahmen junger Frauen gezeigt. Bei diesen Filmen standen sexuelle Handlungen im Vordergrund. Dieses Phänomen war auch Gegenstand karnevalistischer Darbietungen. Es wurde in derber Weise kommentiert. Die neue Entwicklung konnte jedoch nicht im Sinne der katholischen Kirche sein. In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass Kohl niemals müde wurde, seine Nähe zur katholischen Kirche hervorzuheben. In dieser Hinsicht gelang es diesem Politiker jedoch nicht, sich als treuer Sohn seiner Kirche zu erweisen. Vor allem die in den ersten Jahren gezeigten Streifen verdienten nicht das Prädikat “Christlicher Film”. Mit diesem Prädikat wurden nach Auskunft eines katholischen Politikers mit der “venia legendi” Filme versehen, die Probleme behandelten. Kohl hatte zunächst gehofft, die ihm nahe stehenden Sender würden ihn zu häufigen Auftritten bitten. Dieses war jedoch ein Trugschluss. Mit diesen Sendern sollte ja in erster Linie Geld verdient werden. Alte Politiker sind jedoch nicht immer interessant. Wie bereits erwähnt, gibt die “süße Haut” bei der Quotenjagd mehr her. Folglich wurde das eigentliche Ziel verfehlt. Die Hauptarbeit für die christdemokratische Sache müssen weiterhin die Print-Medien leisten. Das private Fernsehen wurde Domäne der jüngeren Generation. Diese hat die Quoten für diese Sender erheblich gesteigert. Da es sich hierbei für die werbende Wirtschaft um eine begehrte Zielgruppe handelt, konnten die privaten Sender ihre Werbeeinnahmen zumal bei guter Konjunktur beträchtlich mehren. Hierdurch konnten wiederum beachtliche Mittel für neue Produktionen bereit gestellt werden.

Wenn auch im Laufe der Jahre die Programmstruktur mancher Privatsender geändert wurde, und auch Nachrichten- und Politiksendungen Eingang ins Programm fanden, stellen jedoch Unterhaltungssendungen, die häufig das Sensationsbedürfnis breiter Schichten der Bevölkerung bedienen, den Schwerpunkt dar. So kam es, dass böse Zungen hinsichtlich verschiedener privater Fernsehsender vom Unterschichtenfernsehen sprechen.      

 

18.06.2007
 
Politiker heute 

Die Abgeordneten sollen eigentlich nur ihrem Gewissen verantwortlich sein. In Wirklichkeit besteht jedoch bei allen Entscheidungen von politischem Gewicht Fraktionszwang. Wer öfter gegen die Vorgaben der Fraktionsführung verstößt, muss mit Sanktionen rechnen. Die meisten Abgeordneten sind jedoch auf die Diäten angewiesen. Folglich beugen sie sich dem Willen der Machthaber. Dieses Verhalten steht jedoch nicht im Einklang mit demokratischen Grundsätzen. Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Politiker den Gruppendruck nicht ungern haben. Das Wir-Gefühl zu erleben, scheint den meisten Politikern viel zu bedeuten. Ich erinnere mich hierbei an Ionesco, der vor mehreren Jahrzehnten das Drama “Die Nashörner” schrieb. Dieses Drama handelt davon, dass immer mehr Menschen dem Herdendrang nachgeben und mit der entpersönlichten Masse durch die Straßen  ziehen. Nur wenige Individualisten widersetzen sich diesem Streben. Ionescos “Absurdes Theater” war in der Tat eminent politisch. Der Entschluss, in die Politik zu gehen, ist auch heute mit besonderen Fährnissen verbunden. Dieses gilt vor allem für Hinterbänkler, die keine Aussicht darauf haben, bei der nächsten Wahl durch die Landesliste abgesichert zu sein. Sie müssen ständig im Wahlkreis präsent sein. Nicht jedem liegt es jedoch, ständig um die Gunst des Wählers zu buhlen. Auf Wahlveranstaltungen ist ein Kandidat nicht selten rüden Attacken politischer Gegner ausgesetzt. Neben Angriffen mit beleidigenden Äußerungen werden Politiker aber auch als Zielscheibe aggressiver Mitmenschen missbraucht. Aus einer Menge heraus wird zuweilen mit rohen Eiern oder Tomaten auf Politiker geworfen. Es werden aber auch Farbbeutel mit Buttersäure eingesetzt. Hier wird schon die Menschenwürde der Politiker angetastet. Spitzenpolitiker müssen auch damit rechnen, dass man ihnen nach dem Leben trachtet. Sie beugen sich daher extremen Sicherheitsvorkehrungen. Die Bodyguards sind daher stets dabei. Dieses gilt nicht nur für Wahlveranstaltungen, sondern auch für kulturelle Ereignisse und sportliche Aktivitäten. Sensationsjournalisten spähen das Privatleben führender Politiker aus und sind vor allem auf pikante Details versessen. Seitensprünge werden in der Boulevardpresse genüsslich ausgebreitet. Die meisten Politiker nehmen lange Arbeitszeiten auf sich. Hierbei kommt das Eheleben meist zu kurz. Es wird daher oft gefragt, warum Menschen freiwillig so viel Ungemach auf sich nehmen. Ein bekanntes Magazin meinte, eine Antwort gefunden zu haben. Politiker genießen es, wichtig zu sein. 


11.12.2007

Kriegseindrücke in einer Kleinstadt 

In meiner frühen Kindheit war der Krieg allgegenwärtig. In meinem Gedächtnis ist  vor allem der Fliegeralarm mit dem vorherigen Sirenengeheul haften geblieben. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich besonders an die Zeit in Eckernförde. Diese Kleinstadt wurde nicht bombardiert. Dennoch erschallten auch hier nachts die Sirenen. Ich wurde dann von meiner Mutter geweckt und in den Keller des von uns mitbewohnten Reihenhauses verbracht. Besonders sicher dürfte dieser Keller nicht gewesen sein. Einer größeren ”Sprengbombe”dürfte er nicht standgehalten haben. In diesem Kellerraum verbrachten die Bewohner des besagten Reihenhauses die Zeit bis zur Entwarnung. Mir ist nicht erinnerlich, dass im Keller eine besonders gedrückte Stimmung geherrscht hätte. Der Aufenthalt im Keller war offensichtlich zur Routine geworden. Eines Tages hieß es, dass Kiel brennen würde. Ich meine, mich zu entsinnen, dass der Himmel rötlich verfärbt war. Bei mir festgesetzt hat sich ferner der Eindruck, aus beträchtlicher Entfernung Zeuge eines Fallschirmsprungs eines gegnerischen Soldaten gewesen zu sein. An Einzelheiten dieses Ereignisses kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern. Wir Kinder fanden auf freiem Feld mitunter größere Staniolstreifen. Hierbei handelte es sich nach den Bekundungen Erwachsener um Gegenstände aus Flugzeugen des Feindes. Sie sollen dazu gedient haben, die deutsche Flugabwehr zu irritieren. Sehr beeindruckt hatte mich der Umstand, dass die auf der Kleinbahnstrecke Eckernförde-Kappeln verkehrenden Züge stets auf dem letzten Wagen eine Flak mitführten. Flak war übrigens in der Kleinstadt Eckernförde zahlreich vertreten. In ihren Mauern befanden sich nämlich für die Marine wichtige Einrichtungen.

An den Litfasssäulen waren häufig Plakate angebracht, auf denen ein schwarzer Mann abgebildet war. Diese Plakate enthielten die Aufschrift: ”Pst Feind hört mit”. Diese Plakate hatten mich tief beeindruckt.

Auch wurde mir eine Gruppe von Männern als russische Kriegsgefangene bezeichnet. Diese arbeiteten vor allem in der Landwirtschaft. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, sollte der einst im Polizeidienst tätige Schwiegervater meiner Tante diese Männer zu einem Arbeitseinsatz führen. Nach den sich mir eingeprägten Eindrücken haben diese Russen auch in dem zum Reihenhaus gehörigen  Garten gearbeitet. Diese Russen kamen mir irgendwie unheimlich vor. Dieses dürfte vor allem auf die Aussagen Erwachsener zurückzuführen sein. Nicht verkannt werden darf, dass die Funktionäre des Regimes es trefflich verstanden, die Bevölkerung zu indoktrinieren.

Während des Krieges war die Bevölkerung mit Gasmasken versorgt worden. Meine Mutter hatte auch für meine Schwester und mich dieses Schutzgerät besorgt. Hin und wieder setzten wir diese Gasmasken auf und rannten fröhlich mit ihnen herum. Für uns stellten sie ein interessantes Spielzeug dar.

Gegen Ende des Krieges war die deutsche Luftabwehr weitgehend ausgeschaltet. Die Alliierten hatten die Lufthoheit. Es waren allerorten sogenannte Tiefflieger zu beobachten. Die Besatzungen der betreffenden Flugzeuge griffen die Zivilbevölkerung an. Hierbei wurde diese vor allem mit Maschinengewehren beschossen. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiss ich, dass sie zusammen mit ihrer Stiefmutter einst Opfer eines Angriffs durch einen Tiefflieger geworden ist. Den beiden Frauen sei es gelungen, sich durch den Sprung in einen Straßengraben eine gewisse Deckung zu verschaffen. Der Tiefflieger sei dann abgedreht. Ich meine, mich erinnern zu können, dass sich bei einem Weg, den ich in Begleitung Erwachsener zurücklegte, ebenfalls ein Tiefflieger genähert habe. Wir hätten dann gleichfalls Schutz in einem Straßengraben gesucht. Nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann jedoch, dass meine Phantasie durch Erzählungen beflügelt wurde, und mir nie ein Tiefflieger in Angriffsabsicht begegnet ist. Das Kriegsende habe ich in Eckernförde erlebt. Es war ein schöner Frühlingstag im Mai 1945. Meine Mutter, meine Schwester und ich machten einen Spaziergang und befanden uns an der Einmündung einer mir heute nicht mehr geläufigen Straße in den Saxtorfer Weg. Hier sah ich einrückende britische Truppen. Ich sehe noch heute eine Kolonne von Fahrzeugen, die nie enden wollte vor meinem geistigen Auge. Ich sah in die Gesichter der fremden Soldaten. Sie erschienen mir ernst und beherrscht. Viel verband ich nicht mit dem Truppeneinmarsch. Dennoch war mir klar, dass Deutschland besiegt und der Krieg zu Ende war.   

 


02.04.2007

Lauter freie Menschen

Der durchschnittliche Deutsche galt in früherer Zeit als der jeweiligen Obrigkeit ergeben und darauf bedacht, geltende Vorschriften einzuhalten. Hierüber machte man sich im Ausland lustig. Es kursierte der Witz, dass ein Deutscher zunächst eine Bahnsteigkarte lösen würde, wenn er revolutionäre Umtriebe im Bahnhofsbereich durchführen wolle. Die Zeiten haben sich jedoch grundlegend geändert. Mittlerweile ist die Regelverletzung in diesem Land durchaus nicht mehr die Ausnahme. Falsches Parken findet heute so häufig statt, dass die Polizei die Verkehrssicherheit gefährdet sieht und besondere Maßnahmen zur Eindämmung dieses Übels ergreift. Obwohl das Telefonieren mit dem Handy während der Fahrt strikt untersagt wurde, kann man diese Unsitte häufig bei Kraftfahrzeugführern beobachten. Das Führen eines Kraftfahrzeugs unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder das Reaktionsvermögen beeinträchtigender Medikamente wurde wegen der Vielzahl der Fälle zu einer besorgniserregenden Erscheinung. Die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer durch Raser und Drängler wird als häufig vorkommende Missetat eingeschätzt. Wer das Treiben der Radfahrer aufmerksam beobachtet, kann zum Schluss kommen, dass ein großer Teil dieser Zeitgenossen sich in einem rechtsfreien Raum wähnt. Viele Radfahrer orientieren sich nämlich an Tassos Motto in Goethes gleichnamigem Drama, welches lautet: „Erlaubt ist, was gefällt.“ Kreuzungen werden bei Rotlicht zeigender Ampel überquert, Einbahnstraßen werden mit hoher Geschwindigkeit in entgegen gesetzter Richtung befahren, trotz ausdrücklichen Verbots wird im Bahnhofsbereich gefahren, auf Gehwegen und in Fußgängerzonen wird bei Dunkelheit ohne Licht gerast und Fahrräder werden auch zur Hauptverkehrszeit in Schnellbahnen mitgeführt, obwohl dieses gegen die Beförderungsbedingungen verstößt.

In Tunnelbahnhöfen ist das Rauchen wegen der damit verbundenen Brandgefahr grundsätzlich nicht zulässig. Auch auf einigen ebenerdigen und nicht umbauten Bahnhöfen ist das Rauchen untersagt. Dennoch kann man immer wieder Mitbürger beobachten, die an diesen Orten ihrer Nikotinsucht anheim fallen.

Schon seit langem ist in Hamburg eine intensive Hundehaltung zu verzeichnen. In der hiesigen Presse wurden nicht nur die vielen Tonnen Kot erwähnt, deren sich diese Haustiere besonders auf Gehwegen entledigen. Oft war auch zu berichten, dass Menschen der unberechenbaren tierischen Natur zum Opfer gefallen waren und sich in ihrem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit beeinträchtigt sahen. Es blieb aber nicht nur bei Bisswunden. Ein Junge wurde von zwei Kampfhunden regelrecht geköpft. Nun stellte die Politik Handlungsbedarf fest und erließ ein Hundegesetz. Dieses Gesetz machte den Leinenzwang bei Hunden einer bestimmten Größe zum Regelfall. Ausnahmen hiervon bedurften bei festgestellter Gutartigkeit behördlicher Genehmigung.

Als passionierter Fußgänger staunt man immer wieder darüber, wie viele große Hunde ohne Leine ausgeführt werden. Wurden etwa alle diese Geschöpfe Nutznießer einer besonderen behördlichen Großzügigkeit? Auch sind die Folgen tierischer Notdurft allerorten auf Gehwegen zu erblicken. Selten sieht man einen Hundeführer eine Rumpfbeuge vollziehen und den Kot seines Lieblings einsammeln.

Trotz des viel erwähnten Klimawechsels kommt es auch in unseren Breiten zuweilen noch zu Schneefall und Eisglätte. Bei diesen Witterungsverhältnissen besteht auf Gehwegen eine Räum-und Streupflicht, die den Grundstückseigentümer trifft. Leider muss der Fußgänger an diesen Tagen um seine Gesundheit bangen. Gar zu viele der zum Winterdienst Verpflichteten haben offensichtlich Schnee und Eis ignoriert und nichts für die Verkehrssicherheit getan. 

  

 

26.03.2007

Wo bleibt der Fußgängerschutz ? 
 
In den Köpfen der meisten Radfahrer hat sich die Vorstellung festgesetzt, dass Gehwege Radwege sind. Häufig muss man sogar feststellen, dass Gehwege von Radfahrern zu Rennbahnen umgewidmet wurden. An manchen Orten ist das Betreten eines Gehweges gar zu einer „gefahrgeneigten Tätigkeit“ geworden. In gewissen Straßen muss sich ein Fußgänger beim Verlassen eines Torweges oder Durchschreiten der Außenhaustür nahezu auf den Gehweg hinaustasten, wenn er nicht riskieren will, von einem Radfahrer angefahren zu werden. Jede Änderung der Gehrichtung kann einem Fußgänger bereits zum Verhängnis werden, sofern er sich nicht vorher umgeblickt hat. Viele Radfahrer nähern sich nämlich mit hoher Geschwindigkeit Fußgängern ohne jeden Sicherheitsabstand. Besonders empfiehlt sich ein Blick nach hinten für einen vorschriftsmäßig am rechten Rand gehenden Fußgänger, wenn er nach links in einen Torweg einbiegen will. Bei diesen Situationen ist besonders bei verstärkter Benutzung von Gehwegen durch Radfahrer die Gefahr am größten. Nicht selten ist zu beobachten, dass zwei Radfahrer nebeneinander fahren und sich unterhalten. Auf den Verkehr achten sie dabei nicht. Sehr beliebt ist es auch beim Radfahren auf Gehwegen ein Telefongespräch mit dem Handy zu führen. Manch einer fährt hierbei sogar freihändig. Auch werden gern Hunde von den einen Gehweg benutzenden Radfahrern an der Leine mitgeführt. Bei diesem Vorgang wird einhändig gefahren. Jeder, der ein wenig von Hunden versteht ,weiß, dass Rüden besonders dann unberechenbar werden, wenn sie einer läufigen Hündin begegnen. Ein unberechenbares Verhalten dieser Kreatur kann jedoch bereits dann eintreten, wenn zwei Rüden aufeinander treffen. So kann es beim Ausführen von Hunden durch Radfahrer auf Gehwegen schnell zu Unfällen kommen, in die auch Fußgänger verwickelt werden, wenn die Kontrolle über Tier und Fahrzeug verloren wird. Lebensgefährlich wird es für den brav auf den Gehweg schreitenden Fußgänger, wenn sich der Tag neigt und Dunkelheit herrscht. Bei der Mehrheit der Radfahrer hat sich nämlich bereits seit langem die Unsitte eingeschlichen, mit ihrem Fortbewegungsmittel ohne Licht zu fahren. Die Dunkelheit veranlasst viele Radfahrer keineswegs dazu, die Geschwindigkeit herabzusetzen. Auch bei Dunkelheit wird der Gehweg vielfach äußerst zügig befahren. Hinzu kommt, dass ohnehin schon seit Jahrzehnten an der Straßenbeleuchtung gespart wird. Da muss man als Fußgängern schon sehr viel Glück haben, um nicht Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden.

Die Max Brauer Allee hat in Höhe der zum Platz der Republik gehörenden parkartigen Grünanlage einen wunderschönen Radweg. An diesen grenzt eine breite Promenade. Dieser Radweg wird jedoch selten benutzt. Die Radfahrer fahren viel lieber auf der breiten Promenade.

In Poppenbüttel befinden sich in der Straße Hinsbleek zwei Wohnanlagen für Senioren mit Pflegeabteilungen. Die Straße Hinsbleek ist eine Sackgasse mit sehr wenig Autoverkehr. Der hier errichtete Gehweg wird häufig von hochbetagten stark gehbehinderten Senioren betreten. Dieser Umstand hält die Radfahrer nicht davon ab, auf dem besagten Gehweg Scharen von gehbehinderten Senioren im Slalomstil zu umkurven. Nahezu grotesk wird es, wenn sich in Altona auf sehr schmalen Gehwegen, die von Fußgängern frequentiert werden, zu denen auch Personen mit Kinderwagen gehören, Radfahrer hindurchschlängeln. Von diesen Zeitgenossen kommt selten einer auf die Idee, vom Fahrrad abzusteigen.

Schon seit langem vermisst der von diesen Umtrieben belästigte und gefährdete Fußgänger, zielgerichtete Maßnahmen der Obrigkeit zur Eindämmung des zuvor geschilderten Übels.


12.03.07

Politisches Ringen 

Der politisch interessierte Bürger staunt immer wieder darüber, dass viele Politiker, die im Fernsehen gezeigt und im Hörfunk und den Printmedien erwähnt werden, einem breiten Publikum nicht bekannt sind. Den Politikern ist nicht verborgen geblieben, dass in erster Linie die Medien für ihren Bekanntheitsgrad sorgen. Sie suchen daher im Anfang ihres Wirkens die Nähe von Journalisten. Besonders begehrt ist bei Neulingen ein Fernsehauftritt. Hier genügt zunächst die Aufmerksamkeit eines Lokalsenders oder eines Regionalprogramms. Später ist die Mitwirkung bei einer Talkshow wichtig.

Früher war es nicht unüblich, dass sich Lokalpolitiker im „Klinkenputzen“ übten und Wähler in ihrer Wohnung aufsuchten. Auch die Anwesenheit an einem Informationsstand seiner Partei ist noch immer ein probates Mittel, sich beim Wahlvolk bekannt zu machen. Die Teilnahme an Volksfesten ist ebenfalls wichtig. Lokalpolitiker sind auch häufig Mitglied in vielen Vereinen. So können sie durch so genannte Multiplikatoren auf dem Wege der Mundpropaganda in ihrer Heimatgemeinde oder bei Großstädten in ihrem Stadtteil bekannt werden. Dieser Bekanntheitsgrad ist naturgemäß nur auf einen relativ kleinen Personenkreis begrenzt. Bereits für den Politiker, der auf Landesebene agiert ist eine Wahl zum Landtag, bei der er für einen Sitz in diesem Parlament kandidiert, ein Ereignis, das seinen Wunsch, von der Bevölkerung wahrgenommen zu werden, befördern kann. Bei Wahlen werden die Kandidaten in der Regel von der Presse vorgestellt. Aber auch Anzeigenblätter beschäftigen sich in ihrem redaktionellen Teil mit den örtlichen Kandidaten. Die Parteien stellen Mittel für Flugblätter und anderes Werbematerial zur Verfügung. Auf freien Plätzen und in geschlossenen Räumen werden Wahlkampfveranstaltungen durchgeführt. Der Kandidat kann als Redner und Gesprächspartner die Wähler mit seinen politischen Zielen vertraut machen, zumal in Wahlzeiten bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung das Interesse für Politik zunimmt.

Politiker, die auf Bundesebene tätig sind, nutzen gern während der parlamentarischen Ferien im so genannten Sommerloch die Gelegenheit, Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie durch abweichende Meinungsäußerungen provozieren. Diese werden bei dürftiger Nachrichtenlage gern von den Medien publiziert und Kommentiert.

05.03.07

Kunstfreunde und Erlebnishungrige

Leider werden in Hamburg nicht oft Kunstausstellungen von internationalem Rang gezeigt. Für bedeutende Gemälde reichen offensichtlich selten die vorhandenen Mittel aus. Für Ausstellungen dieser Art sind hohe Versicherungssummen vonnöten. Entsprechend hoch sind die Prämien. Nicht immer stehen Sponsoren zur Verfügung. Man begnügt sich daher häufig mit Graphik oder Aquarellen. Auch diese Ausstellungen sind gefällig. Sie locken jedoch nicht das auf Sensationen bedachte Publikum an. Dieses Publikum misst Veranstaltungen dieser Art an ihrem Erlebniswert. Bei Ausstellungen von Gemälden beliebter Künstler drängen sich die Menschen in Scharen vor den Bildern. Dem wahren Kunstfreund bleibt dann wenig Raum für seine Liebhaberei. Er wird von den auf Sensationen erpichten Mitmenschen verdrängt. Dafür sind an vielen Tagen die Schausammlungen wenig besucht. Diese sind für den Kunstfreund stets eine Quelle der Erbauung. Neue Hängungen bringen neue Aspekte. Manch zuvor gezeigtes Bild verschwindet im Magazin. Es werden aber auch Bilder aus dem Magazin hervorgeholt. So kann der Kunstfreund auch bei ihm bekannten Sammlungen immer wieder Entdeckungen machen.  

 

 
05.03.07
Wortschatz

Bereits am 18.03.1999 habe ich folgenden Text verfasst:

„Fremdsprachen erweitern auch den Wortschatz in der Muttersprache. In der Jugend gelernte Sprachen prägen sich gut ein. Vor allem der Wortschatz bleibt erhalten. Bei meinen eigenen Bemühungen kam leider bisher nicht viel heraus. Während der passive Wortschatz zuweilen meinen Anforderungen entspricht, erlebe ich beim aktiven Wortschatz oft herbe Enttäuschungen. Es fällt mir zuweilen schwer, die Wörter ähnlicher Sprachen auseinander zu halten. Es ist schon bitter, wenn sich der Fortschritt nicht so recht einstellen will. Meine langjährigen Bemühungen dürften inzwischen schon viele tausend Stunden umfassen. Was mir einst in der Jugend zufiel, bereitet mir doch jetzt erhebliche Schwierigkeiten. Mein Ziel ist es, simultan zu übersetzen. Davon bin ich jedoch meilenweit entfernt. Trotzdem gebe ich nicht auf. Vielmehr werde ich mit Elan weitermachen. Außer den Vokabeln vergesse ich neuerdings auch grammatikalische Regeln. Dieses ist eine neue Erfahrung für mich. Hatte ich doch früher viel Sinn für Grammatik. In meiner Jugend habe ich mir bei meiner Lektüre oft ganze Passagen eingeprägt. Heute entfällt mir das Gelesene recht bald. Es ist jedoch gerade mein Ziel , mich intensiv  fremdsprachlichen Texten zuzuwenden. Hierbei habe ich besonders die Texte bekannter Autoren im Auge“

Auch nach weiteren acht Jahren hat sich die seinerzeit beschriebene Situation nicht geändert. Trotzdem lerne ich weiter. Ich hoffe, dass es mir noch gelingen wird, in den von mir autodidakt in Angriff genommenen Sprachen Französisch, Italienischen und Spanisch mich befriedigende Ergebnisse zu erzielen. Auch meine Kenntnisse im Englischen hoffe ich durch eifriges Lernen zu erweitern.

26.02.2006

Demokratieverständnis

In meiner Jugend habe ich mich für Geschichte und Staatsbürgerkunde interessiert. Früh habe ich mich mit dem Demokratiebegriff beschäftigt. Hierzu hatte ich mir Sätze, auf die ich bei meinen Bemühungen gestoßen war, eingeprägt. Am 24.08.1959 bot sich mir die Gelegenheit, mich schriftlich zu der mich bewegenden Thematik einzulassen. Meine Gedanken fasste ich unter der Überschrift „Der Staatsbürger in der Demokratie“ zusammen. Mein früher Aufsatz hat folgenden Wortlaut:

„Gerade heute, wo überall die Rede von Demokratie ist, und die so genannte freie Welt ihre Ideologie gegen die des Ostens abgrenzen muss, erscheint es mir wichtig, eine Analyse über die Demokratie und die Möglichkeiten des Staatsbürgers in ihr zu geben.

Zunächst möchte ich einmal eine kurze Übersicht über diese Staatsform geben. Wenn man die Demokratie, wir unterscheiden hier zwischen den Formen der parlamentarischen Demokratie englischer Prägung, der Präsidialdemokratie, wie wir sie in den Vereinigten Staaten von Amerika kennen, und schließlich noch der Direktorialdemokratie in der Schweiz, mit der Abstraktion einer reinen Volksherrschaft vergleicht, gerät man natürlich auf Abwege. Vielmehr sollte man ihr die konstitutionelle Monarchie oder sogar die totalitäre Diktatur entgegenhalten. Moderne Soziologen sagen daher, die Demokratie sei keineswegs gleichzusetzen mit der Regierung des Volkes oder einer dem Volk genehmen Regierung, sondern vielmehr die Verantwortung der Staatsgewalt dem Volke gegenüber und ihre Kontrolle durch die Mehrheit des Volkes. Heutzutage in unseren Massendemokratien haben wir natürlich nicht mehr die direkte oder unmittelbare Demokratie wie im perikleischen Athen, sondern in unseren mittelbaren Demokratien nehmen Repräsentanten, die vom Volk durch das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht gewählt werden, die politischen Rechte für den Einzelnen wahr. Grundbedingungen für eine Demokratie sind die Anerkennung der Grund- und Menschenrechte, wie sie zum ersten Mal in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und später in der Verfassung der ersten französischen Republik fixiert wurden, die Rechtsstaatlichkeit muss gewährleistet sein- Gegensatz hierzu ist der Polizeistaat- und die Möglichkeit für die Betätigung aller auf dem Boden der Demokratie stehenden Organisationen, wie die Kirchen, die Gewerkschaften und anderer pressure groups. Die so genannten Volksdemokratien, die zwar auch durch die Beseitigung einer aristokratischen und feudalen Gesellschaftsordnung entstanden sind und sich die Herrschaft auch der unteren Schichten zum Ziel setzten, sind also Pseudodemokratien, weil der Staat alle politischen und wirtschaftlichen Zwangsmittel in der Hand hält und die Bürger nicht als Subjekt, sondern als Objekt ansieht, frei über ihn verfügt wie über eine Ware. Durch die Verneinung einer geistigen Welt, wird hier alle Verantwortung vor einer höheren Instanz abgelehnt, die materialistische Ideologie ist der zentrale Punkt, um den sich alles dreht.

Weiter ist entscheidend für die Demokratie, dass sich alle Gruppen, die mit einander konkurrieren und sich gegenseitig bekämpfen, doch im Grunde anerkennen und bereit sind, mit dem Antipoden Kompromisse abzuschließen und auch die Meinung einer Minderheit berücksichtigen, ja sie sogar mit aufnehmen in ihr Programm.

Die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit ist ein schwieriges Problem für die Demokratie, denken wir nur daran, dass die individuelle Freiheit des Einzelnen in vielen Fällen vor dem Allgemeinwohl zurücktreten muss. Dennoch braucht sich keiner zurückgesetzt zu fühlen, da jeder in seiner Gruppe, der er sich anschließen kann, ein Mittel hat, seine Interessen einer anderen Institution gegenüber zu vertreten.

Mit seiner Stimme hat nun jeder Bürger, sofern er einundzwanzig ist, die Möglichkeit, die Vertreter zu wählen, die seine Interessen am besten wahrnehmen. Daher wäre es widersinnig, aus irgendeinem Grund seine Stimme nicht abzugeben oder zu sagen :“Politik interessiert mich nicht“, denn die Gesetze, die im Parlament verabschiedet werden, treffen ja jeden unmittelbar. „Keine Politik zu treiben, ist die schlechteste Politik“, heißt ein Schlagwort, das sich auf den politischen Unterricht in der Schule bezieht. Der Lehrer soll ruhig seine politische Meinung äußern. So hat der Schüler die Möglichkeit, diese mit anderen Eindrücken zu vergleichen. Wer keine Meinung hat oder bloß eine oberflächliche, fällt leicht demagogischen Bestrebungen zum Opfer.

Grundlage der Demokratien sind die Staatstheorien, wie sie von Hobbes, Locke, Montesqieu und Rousseau ausgearbeitet wurden. Sie gehen alle von einem staatenlosen Naturzustand aus, wo ein Kampf aller gegen alle herrschte, aus dem sich dann die Menschen freiwillig lösten und in eine Gemeinschaft traten, ihre so genannte Freiheit aufgaben und sich unter einen Gesamtwillen stellten. Dies ist also ein bedeutender Schritt in der menschlichen Entwicklung, entstanden aus dem aus Freiheit geborenen Entschluss, im Gegensatz zu den so genannten Tierstaaten, die ein rein instinktives Handeln darstellen. Der Mensch, „das zur Freiheit gezwungene Wesen“, wie es auch heißt, ist also seiner ganzen Veranlagung nach dazu bestimmt, seine Regierungsform selbst zu wählen. Die Vorstellung von der Volkssouverenität, die zum ersten Mal bei Bodin auftaucht, von Hobbes und Locke weitergeführt wird und bei Rousseau ihren Höhepunkt erreicht, der sogar von einem Gesamtwillen, dem Nationalinstinkt eines Volkes spricht, neben dem der Wille aller steht und der sogar von einer Minderheit vertreten werden kann, gibt dem Bürger sogar das Recht und die Pflicht in die Hand, eine unbotmäßige Regierung zu stürzen.

So hat der Bürger doch die Möglichkeit, sich durch alle Informationsmittel, die durch die Pressefreiheit gewährleistet werden, ein sachliches Urteil zu bilden und seine politischen Rechte wahrzunehmen, wenn auch nicht wie im alten Athen jeder Bürger die Möglichkeit hat, direkt am politischen Geschehen teilzunehmen. Seine Aufgabe ist es nun also, die Gesetze zu achten und auf die Wahrung seiner Rechte zu sehen, die Demokratie, die nach Freud gewissen Fährnissen ausgesetzt ist, wenn sie sich auf die persönliche Unmündigkeit des Bürgers, die psychologische Unreife der Führer und die irrationalen Regungen der Massen stützt, aufrechtzuerhalten. Ferner hat er eine politikfeindliche Gruppe von Lobbyisten, die nur auf ihre wirtschaftlichen Interessen sieht fernzuhalten, und die Unabhängigkeit der Politik von der Wirtschaft zu wahren.“

        Nachzutragen ist, dass die Niederschrift seinerzeit ohne Hilfsmittel und eine spezifische Vorbereitung spontan in einem Zug erfolgte und mithin zahlreiche Schwächen aufweist.


19.02.07

Hellas zwanzig Jahre später 

Griechenland wurde noch um 1960 nur von wenigen Touristen bereist. Es war damals für den Massentourismus noch zu weit entfernt. Es wurde vor allem über das damalige Jugoslawien mit dem Auto oder per Bahn bereist. Für die Durchreise benötigte man noch ein Visum. Die Anreise dauerte mithin eine Weile. Flugreisen waren damals nur wenigen vorbehalten. Es gab nach Griechenland vor allem Linienflüge. Charterflüge wurden nur in geringem Umfang veranstaltet. Es zog daher in erster Linie Bildungsreisende nach Griechenland. Das Land war nach heutigen Maßstäben touristisch nur wenig erschlossen. Der Zustand der Straßen entsprach nicht hiesigen Anforderungen. Oft fuhr man über Schotterwege. Selbst die Hauptstraßen waren nicht besonders hergerichtet. Die Restaurants boten in der Regel einheimische Kost. Man zeigte sich in diesen Häusern gastfreundlich. Der Fremde wurde in die Küche gebeten, um sich vor Ort ein Bild von den angebotenen Speisen zu machen. In ländlichen Gasthäusern trank man Retsina. Nach dem Essen wurde der landesübliche Anisschnaps Ouzo angeboten. Das Angebot an Herbergen war eher bescheiden. Für den Besucher war es zu dieser Zeit erfreulich, dass die antiken Stätten und anderen Sehenswürdigkeiten noch nicht überlaufen waren. Dennoch war die Akropolis in Athen zu bestimmten Zeiten durchaus gut besucht. Auch die Stätten in Delphi wurden von einer beträchtlichen Zahl von Bildungsreisenden aufgesucht. Es herrschte jedoch zu keiner Zeit eine qualvolle Enge. Die Straßen des Peleponnes konnten als recht leer bezeichnet werden. Auch die Umgebung von Olympia hatte noch ihren besonderen Reiz. Man konnte sich noch in die Antike zurückversetzt fühlen. Die Phantasie musste noch nicht allzu sehr bemüht werden, um sich vorzustellen, dass Griechen der Antike plötzlich aus irgendeinem Hain heraustreten könnten. Heute hingegen wurde die Gegend von Olympia den Bedürfnissen des Massentourismus angepasst. Die in der Nähe der antiken Stätten gelegene Hauptstraße weist eine große Zahl von Läden, Gaststätten und Imbissbuden auf. Hier herrscht eine rege Geschäftigkeit. Eine große Zahl von Bussen steuert aus allen Richtungen Olympia an. Touristen vieler Nationen strömen aus diesen Bussen. Sodann sammelt man sich nach einer Pause, um an einer Führung teilzunehmen. Dieses erfordert bereits eine Absprache unter den Fremdenführern, damit man sich nicht ins Gehege kommt. Das kleine Museum kann nicht zur selben Zeit alle Fremden aufnehmen. Auch hier muss der Besuch der Touristen organisiert werden. Es lohnt sich jedoch jede Mühe, dieses Museum zu besuchen. Hier werden weltberühmte Skulpturen des klassischen Altertums gezeigt. In diesem Zusammenhang muss vor allem Myrons Diskuswerfer genannt werden.


12.02.07

Die Skandalbewältigung in der Politik 

Dem aufmerksamen Betrachter der politischen Landschaft drängt sich der Verdacht auf, dass Skandale zur Politik gehören. Diese werden stets begierig von den Medien aufgegriffen. Die Angst vor der Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten schreckt manchen Politiker offensichtlich nicht ab. Geraten diese Taten ins Licht der Öffentlichkeit, erschallt schnell der Ruf nach einem Rücktritt. Auf diesem Gebiet tun sich besonders Vertreter des politischen Gegners hervor. Aber auch die Medien sind schnell mit Rücktrittsforderungen bei der Hand. Manch einer tritt jedoch erst nach energischen Appellen aus seiner näheren politischen Umgebung zurück. Es gibt aber auch Politiker, die sich gegen Ansinnen dieser Art als weitgehend immun erweisen. Andere hingegen übernehmen die politische Verantwortung für Unkorrektheiten aus ihrem Bereich und treten ohne Druck von außen zurück.

 Gern werden bei beanstandetem Verhalten parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingesetzt. Hier können Politiker von Rang vorgeladen und befragt werden. Der Wert der hierbei ermittelten Tatsachen wird jedoch durchaus verschieden beurteilt. Oft stehen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Hinsichtlich des Inhalts des zu veröffentlichenden Berichts gilt das Mehrheitsprinzip. Die überstimmte Partei beeilt sich daher meist, das veröffentlichte Ergebnis als nicht objektiv zu bezeichnen. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss gibt Volksvertretern die Möglichkeit, sich zu profilieren. Dieses gilt besonders für Ausschussvorsitzende und deren Stellvertreter. Ihnen wird die Gelegenheit geboten, vor laufenden Fernsehkameras Stellungnahmen abzugeben und auch Vertretern der Printmedien Interwiews zu geben. Aber auch den vor den Untersuchungsausschuss Geladenen wird bei interessanten Themen viel Aufmerksamkeit zuteil. 

 

 



29.01.2007

Das Zusammenleben der Südslawen
 
Freunde des alten Jugoslawiens betrauern naturgemäß dessen Untergang. Man muß sich stets vor Augen halten, dass die südslawischen Völker nach der Staatsgründung, die Ende des Ersten Weltkrieges stattfand, siebzig Jahre zusammengelebt haben. Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch, dass dieses Zusammenleben durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen worden war. Das nationalsozialistische Deutschland hatte Jugoslawien mit einem Krieg überzogen. Die Kroaten bekamen ihren eigenen Staat. In diesem Land war die Macht in die Hände von Angehörigen der Ustascha gelangt. Hierbei handelte es sich um eine extrem nationalistische Organisation, deren Grundlage das Führerprinzip war. Eine demokratische Willensbildung gab es folglich in dieser Organisation nicht. An der Spitze der Ustascha stand mit Ante Pavelik ein ehemaliger Advokat, der Poglawnik genannt wurde. Diese Bezeichnung bedeutet Führer. Dieses Regime erregte Aufsehen durch die abscheuliche Grausamkeit seiner Schergen. Diese Grausamkeit erregte sogar den Abscheu von Stützen des deutschen Nationalsozialismus. Bei der Grundhaltung der Angehörigen dieses Regimes, die Menschenrechte verachteten, versteht es sich von selbst, dass Regimegegner systematisch durch physische Vernichtung ausgeschaltet wurden. Aber es wurde auch die ethnische Komponente ins Spiel gebracht. Im Herrschaftsbereich der Ustascha lebende Personen, die nicht kroatischer Abstammung waren, waren wahllos einer grausamen Verfolgung ausgesetzt. Es kam zu Massenmorden an Serben und muslimischen Bosniern.Hierdurch machte sich dieses Regime bei vielen Südslawen verhasst. Zu dieser Zeit wirkte ein anderer Kroate in entgegengesetzter Weise. Dieser lebte mit anderen Südslawen in den Bergen Jugoslawiens als Partisan. Die Gegner dieser Partisanen waren die deutschen Besatzer. Die Partisanen  fühlten sich sozialistischem Gedankengut verpflichtet. Bei ihnen spielte die ethnische Komponente  keine Rolle. Sie huldigten wie alle Sozialisten dem Internationalismus. Nachdem die Besatzer vertrieben waren, wurde ein sozialistischer Bundesstaat gegründet. Die für die Menschenrechtsverletzungen Verantwortlichen wurden vom neuen Regime zur Rechenschaft herangezogen und streng bestraft. Es schien so als hätte das neue Regime die ethnischen Gegensätze gut im Griff. Die Staatsräson stellte in Abrede, dass die nationale Komponente im sozialistischen Jugoslawien eine Rolle spiele. Der arglose Freund Jugoslawiens war bereit, diese Einschätzung für zutreffend zu halten. Nachdem zwei Generationen sozialistisch erzogen worden waren, hätte man annehmen sollen, dass die vom System vermittelten Werte der Solidarität, Toleranz gegenüber anderen Ethnien, Streben nach internationaler Ausprägung politischen Handelns und strikter Rationalität Bestandteil des Bewusstseins der meisten Bürger geworden wäre. Letztendlich war der Aspekt der Gleichheit offensichtlich für die Mehrheit der Bevölkerung kein besonders anzustrebender Wert. Das Modell der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung war für viele westliche Gewerkschafter und linke Intellektuelle ein interessantes System. Delegationen von Angehörigen dieser Kreise reisten regelmäßig nach Jugoslawien und führten dort unter Mitwirkung Einheimischer Symposien durch.

Aber das Modell Jugoslawien erwies sich als nicht überlebensfähig, Die Serben versuchten bald, die anderen Völker zu dominieren. Die wirtschaftlich erfolgreichen Kroaten und Slowenen wollten die Früchte ihrer Arbeit nicht mehr im bisherigen Umfang mit den weniger erfolgreichen Völkern teilen. Sie erklärten ihre Unabhängigkeit. Hiermit waren wiederum die Serben nicht einverstanden. Es kam zum Bürgerkrieg mit Massakern und Vertreibungen. Die NATO fühlte sich schließlich wegen der Behandlung der im Kosovo lebenden Albaner durch  Serben veranlasst, gegen Serbien militärisch vorzugehen.

Heute bestehen auf dem Boden der Sozialistischen Republik Jugoslawien sechs unabhängige Staaten.




Während der Fußball-Weltmeisterschaft sah man überall schwarz-rot-goldene Fahnen.

Die Medien wähnten Deutschland in der Normalität angekommen. Man lobte den Patriotismus der Deutschen.

In diesem Zusammenhang sei die Frage erlaubt, ob das Schwenken der Fahne vielleicht nur eine leere Geste oder eine Ersatzhandlung darstellt.

Ein Patriot sollte sich mit seinem Gemeinwesen identifizieren. Hierzu gehört, dass er bestimmte Pflichten erfüllt. Zu diesen Pflichten gehört, stets sein Wahlrecht wahrzunehmen, das Gemeinwohl zu schätzen und nicht in Regelungslücken zu stoßen. Ein Patriot sollte sich gesetzestreu verhalten. Steuerhinterziehung und das Erschleichen von Sozialleistungen sollten ihm ein Gräuel sein. Er sollte sich von Schwarzarbeit distanzieren. Diesen Vorgaben nachzukommen, dürfte schwer fallen. Sind die Deutschen daher in doch nur ein Volk von vaterlandslosen Gesellen?

 

Die Deutschen und ihr Patriotismus

 Nach langer Kleinstaaterei bekamen die Deutschen erst sehr spät einen zentral gelenkten Nationalstaat. Schon bald wurde jedoch in vielen Kreisen der Gesellschaft ein extremer Nationalismus, der auch als Patriotismus verstanden wurde, gepflegt. Dieses Nationalgefühl gab sich besonders dem Deutschen Kaiserhaus emotional verbunden. In der Zeit nach der Reichsgründung von 1871 entstand das Motto „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen.“

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges war ein Höhepunkt patriotischer Gefühle zu verzeichnen. Ganze gymnasiale Schulklassen meldeten sich begeistert freiwillig zum Kriegsdienst. Da wollten selbst Künstler nicht abseits stehen und stürmten die Rekrutierungsstellen. Wer dieses Hochgefühl nicht zu teilen vermochte, galt als vaterlandsloser Geselle. Angesichts des elenden Sterbens in „Stahlgewittern“ trat jedoch bald in vielen Bevölkerungskreisen eine Ernüchterung ein. Diese hielt jedoch nicht lange an. Deutschnationale Kreise und nationalsozialistische Parteifunktionäre konnten die Massen des Kleinbürgertums und Teile des Proletariats, aber auch Besitzbürger und sich als geistige Elite fühlende Akademiker für ihre Parolen gewinnen. Die Verführten starben schon bald für Führer, Volk und Vaterland.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wollten weite Kreise der Bevölkerung nichts mehr vom Patriotismus wissen. Lange lebten jedoch noch die Unbelehrbaren unter den Befreiten. Andere, die sich als Demokraten tarnten, wollten von ihrem deutschnationalem Gedankengut nicht ablassen. Sie lebten kommod und unangefochten im restaurativem Westdeutschland. Auch entstanden zahlreiche rückwärtsgewandte politische Gebilde. Hier sei nur an die Deutsche Reichspartei erinnert. Von demokratisch konservativer Seite wurde im Laufe der Jahre immer wieder der Patriotismus ins Gespräch gebracht. Vor noch nicht allzu langer Zeit wollte Angela Merkel eine Patriotismusdebatte ins Leben rufen.

Dann durfte in den Monaten Juni und Juli 2006 die Bundesrepublik Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten. Plötzlich sah man überall die schwarz-rot-goldenen Fahnen. Die Fahnen wurden von Zuschauern massenhaft in jeder Größe in die Stadien mitgenommen und dort munter geschwenkt. Sie wehten an hohen Masten in Kleingartenkolonien. Die deutsche Fahne wurde auf Balkonen gezeigt und zierte Hausfassaden. Kleinere Exemplare wurden hunderttausendfach an beiden Seiten von Kraftfahrzeugen angebracht und durch deutsche Lande gefahren. Es wurden wahre Exzesse in schwarz-rot-gold zelebriert.

Die Medien waren begeistert und wähnten Deutschland endlich in der Normalität angekommen. Man war des Lobes voll, dass endlich auch einmal die Deutschen Patriotismus zeigten.

In diesem Zusammenhang sei die Frage erlaubt, ob das Schwenken der Fahne vielleicht nur eine leere Geste darstellt. Handelt es sich hierbei gar nur um eine Ersatzhandlung?

Ein Patriot sollte sich eigentlich mit dem Gemeinwesen, in dem er lebt, in vollem Umfang identifizieren. Hierzu gehört jedoch vor allem, dass er nicht nur Rechte wahrnimmt, sondern auch Pflichten erfüllt. Zu diesen Pflichten gehört doch wohl in erster Linie, dass man von seinem Wahlrecht Gebrauch macht. Und dieses nicht nur bei Bundestagswahlen, sondern auch bei Landtags-,Kommunal-und Europawahlen. Bei diesen Wahlen ist jedoch die Wahlbeteiligung häufig äußerst gering. Ferner sollte ein guter Patriot stets das Gemeinwohl vor Augen haben. Er sollte nach dem Grundsatz handeln, Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Folglich sollte er nicht in jede Regelungslücke stoßen. Ein Patriot sollte sich außerdem stets gesetzestreu verhalten. Steuerhinterziehung sollte ihm ein Gräuel sein. Das Erschleichen von Sozialleistungen sollte ihn mit Abscheu erfüllen. Ein Patriot sollte weder Schwarzarbeit leisten, noch Schwarzarbeiter beschäftigen. Diese Form von Patriotismus dürfte jedoch nur von wenigen Bundesbürgern praktiziert werden. Sind die Deutschen daher in ihrer Mehrheit doch nur ein Volk von vaterlandslosen Gesellen?




Erblasten

Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Terrorregimes wurde es nach recht zaghaften Versuchen versäumt, diese Zeit schlimmer Verirrung aufzuarbeiten. Voraus ging, dass die Siegermächte bei der so genannten Entnazifizierung einen recht kurzen Atem zeigten. Nach dem Zweckbündnis mit dem sowjetischen Diktator Dschugaschwili, der zu Unrecht den Kampfnamen Stalin führte, tatsächlich war er ein Neurastheniker, gab es schon bald neue Erzfeinde, die Kommunisten. Es entwickelte sich in den USA ein militanter Antikommunismus, der bei der Bekämpfung vermeintlicher Systemgegner einen exzessiven Verfolgungseifer an den Tag legte. In diesem Zusammenhang sei nur der Name Mc Carthy genannt. Im Kampf gegen den Kommunismus wurden die Deutschen wieder gebraucht. Mit der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus konnte man sich nun nicht mehr aufhalten. Es galt, Deutschland vor allem wirtschaftlich aufzubauen, um zu verhindern, dass die von den Nationalsozialisten Befreiten, irgendwelchen sozialistischen Experimenten anheim fallen könnten. Nachdem es im Krieg Millionen deutscher Opfer gegeben hatte, wurden vor allem die Fachleute für den Wiederaufbau benötigt. Besonders wurde bei Akademikern bewusst weggeschaut. Es kamen daher auch Personen, die im Interesse einer beruflichen Karriere allzu eng die Nähe von Repräsentanten des Nationalsozialismus gesucht hatten, in höchste Ämter des im Jahre 1949 ins Leben geholten demokratischen Staates. Hier sind in erster Linie die für von Adenauer geführte Regierungen tätigen Staatssekretäre Globke und Vialon zu nennen. Pikanterweise hatte sich Globke im Dritten Reich als Kommentator der Nürnberger Rassengesetze hervorgetan. Aber auch der Kanzler der “Großen Koalition” , Kurt Georg Kiesinger, hatte relativ früh das Parteibuch der NSDAP erworben. Er war als Jurist beim Reichsrundfunk in führender Position tätig gewesen. Ein weiteres CDU- Mitglied, Hans Filbinger, kam in den Ruf eines furchtbaren Juristen. Er war als Marinerichter eingesetzt worden. In dieser Funktion hatte er nationalsozialistisches Kriegsrecht anzuwenden. Hans Filbinger war lange Zeit Ministerpräsident des Landes Baden- Württemberg. Die Zahl der Verwaltungsbeamten, Polizeibeamten und Richter mit Nähe zur NSDAP, die im demokratischen Staat Verwendung fanden, ist immens.

Auch das so genannte vorkonstitionelle Recht wurde eifrig angewendet. Hierunter fanden sich nicht wenige Gesetze, die aus der Zeit des Nationalsozialsmus stammen. In diesem Zusammenhang sei das Gesetz über missbräuchliche Rechtsberatung erwähnt. Nachdem es Juden untersagt worden war, den Beruf des Rechtsanwalts auszuüben, wollte man verhindern, dass diese sich durch beratende Tätigkeiten auf dem juristischen Sektor einen Verdienst verschafften.Aber auch das Sozialversicherungsrecht, das in der Zeit des Nationalsozialismus noch erweitert wurde, wurde von der jungen Demokratie weitgehend übernommen.